"Sie halten den Teufel für ein Codewort"

Der 1945 in Dublin geborene Vinzentinerpater Pat Collins ist der bekannteste Exorzist der Grünen Insel. In einem Offenen Brief an die irischen Bischöfe warf er im Januar 2018 der Kirche vor, zu wenige Priester für die Austreibung böser Geister auszubilden. Von Katrin Krips-Schmidt
Exorzismus
Foto: KNA | Ein Stiefkind der liberalen Theologie, aber in der Seelsorge gefragt: der Exorzismus.

Der 1945 in Dublin geborene Vinzentinerpater Pat Collins ist der bekannteste Exorzist der Grünen Insel. In einem Offenen Brief an die irischen Bischöfe warf er im Januar 2018 der Kirche vor, zu wenige Priester für die Austreibung böser Geister auszubilden, obwohl Papst Franziskus die „Internationale Vereinigung der Exorzisten“ 2014 offiziell anerkannte und deren Wirken als unverzichtbar bezeichnete Von Katrin Krips-Schmidt

Pater Collins, Sie beobachten seit Jahren einen zunehmenden Glaubensabfall und immer mehr Anzeichen für „Aktivitäten des Bösen“ sind Ihnen aufgefallen. Was haben Sie da bemerkt?

Hier in Irland, wo ich am meisten tätig bin, haben wir in den letzten 25 Jahren einen starken Abfall von der Religion. Die religiöse Praxis ist von etwa 85 Prozent auf 20 Prozent gesunken. Da die Menschen sich vom christlichen Glauben entfernt haben, haben sie diesen durch alle möglichen absonderlichen – etwa abergläubische oder okkulte – Vorstellungen ersetzt. Seitdem bekomme ich immer mehr Nachfragen – täglich etwa zwei – nach Befreiungsgebeten, nach „kleinen“ Exorzismen. Auch andere Priester bestätigen, dass die Nachfrage vor allem in den letzten fünf Jahren exponenziell – in ganz Europa – angestiegen ist. Das ist ein Anzeichen dafür, dass die Menschen heute mehr als in der Vergangenheit von bösen Geistern bedrängt werden.

Um welche Angriffe geht es da?

Manche Menschen sprechen davon, dass ihr Haus gestört ist, dass sie Geräusche hören, dass sich Dinge bewegen. Viele Leute sagen, dass sie zwar nicht an seelischen Störungen leiden, aber dass sie von bösen Geistern geplagt werden. Sie beschreiben, was mit ihnen geschieht: dass sie sich innerlich bedrängt fühlen, dass sie einen plötzlichen Drang verspüren, irrationale Dinge zu tun, wie zum Beispiel Suizid zu begehen, ihnen kommen plötzlich schlechte, etwa blasphemische Gedanken in den Sinn.

Ist es nicht ein Widerspruch, dass es immer mehr Christen gibt, die nicht mehr an den Teufel glauben – doch zugleich gibt es so viele Menschen, die meinen, von einem bösen Geist heimgesucht zu sein?

Das ist tatsächlich ein Paradox. Wenn sich Menschen von der Religion abgewendet haben und nicht mehr an das Übernatürliche glauben, führt sie das gerade dazu, mit übernatürlicher Bedrängnis zu tun zu haben. Wenn sie dann sehr „belästigt“ werden, kommen sie zur Kirche zurück und bitten um Hilfe. Wir müssen dann ermitteln, ob das a) psychisch bedingt ist oder b) wenn es eine spirituelle Ursache hat, wie sich die Person diesem negativen Einfluss des Bösen geöffnet hat.

Hat der dramatische Anstieg der Attacken etwas mit der heutigen Kirchenkrise zu tun?

Offenbar ist die heutige Kirchenkrise eine Autoritätskrise. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen allen Formen der Autorität skeptisch gegenüberstehen. Die Menschen sind heute nicht mehr von der objektiven Wahrheit geprägt, sie leben ihre subjektive Kultur. Viele Menschen, die nicht unbedingt schlecht sind, aber eben doch naiv, verstricken sich in Tätigkeiten, die sie auf die dunkle Seite führen. Sie haben nicht vor, bedrängt zu werden, aber enden schließlich dort.

Kürzlich schrieben Sie einen Offenen Brief an die irischen Bischöfe, in dem Sie um mehr Unterstützung baten. Worum ging es in dem Brief?

Irland hatte ja ein großes Problem mit Kindesmissbrauch. Wir haben in dieser Hinsicht bedeutende Fortschritte gemacht. Doch das Paradox ist: Obwohl immer mehr Menschen davon berichten, dass sie in spiritueller Hinsicht bedrängt werden, unternimmt die Kirche nur sehr wenig, um ihnen zu helfen. Ich setze mich nun schon seit etlichen Jahren dafür ein, dass wir Exorzisten ausbilden und dass sie mit einem Team mit Psychologen oder Psychiatern ausgestattet sein sollten. Ich habe mit den Bischöfen viele Male gesprochen. Und dann habe ich in meiner Verzweiflung diesen offenen Brief an die irischen Bischöfe geschrieben. Gott sei Dank wird das Anliegen jetzt diskutiert, und ich glaube, es wurde bei dem letzten Treffen der Bischofskonferenz zur Sprache gebracht. Wir brauchen in jeder Diözese ein Team, so dass ein Pfarrer eine bedrängte Person dorthin schicken kann. Doch das ist noch ein langer Weg dorthin.

Warum scheinen viele Kirchenführer das Problem der dämonischen Aktivitäten nicht wahrzunehmen?

Ich sage das nur ungern, doch da die Theologie ja so liberal geworden ist, frage ich mich, ob die Bischöfe überhaupt noch glauben, dass es einen Teufel gibt. Sie halten den Teufel für ein Codewort für die dunkle Seite des Unbewussten oder für die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft. Ich frage mich, wie viele von ihnen wirklich noch an die Existenz des Teufels als übernatürliche Form des Bösen glauben, das sich auf einige Menschen negativ auswirkt. Sie scheinen das nicht ernst zu nehmen. Von vielen Bischöfen höre ich: „Sie sagen, dass viele Leute einen Exorzismus brauchen. Doch wir bekommen nur sehr wenige Anfragen nach Exorzismen.“ Natürlich meinen sie damit feierliche Exorzismen für Menschen, die wirklich besessen sind. Doch das kommt ja nur sehr selten vor. Weitaus verbreiteter ist, dass Personen von Dämonen bedrängt und nicht besessen sind. Den Unterschied kennt man offenbar nicht. Daher habe ich in meinem Brief geschrieben: „Sie, unsere Bischöfe, haben große Fortschritte beim Schutz von Kindern und gefährdeten Erwachsenen gemacht. Doch jetzt wäre es an der Zeit, ebenso gewissenhafte Anstrengungen zu unternehmen, die Menschen von der schädlichen und zerstörerischen Aktivität des Feindes unserer Seelen zu befreien und sie davor zu bewahren.“ Und dazu müssen wir Leute ausbilden.

Was gehört denn alles zu dieser Ausbildung?

Es müssen sowohl Priester als auch Laien ausgebildet werden. Nur die Durchführung des feierlichen Exorzismus an besessenen Personen ist Priestern vorbehalten. Doch Laien können einfache Exorzismen – Befreiungen – vornehmen. Wir unterrichten sie über die Beziehung zwischen Psychologie und Spiritualität und darüber, wie sich das Böse Zugang in das Leben des Menschen verschafft, wie man ein Gespräch führt, um eine gute Diagnose zu stellen, und wie man betet. Wir warnen sie auch davor, dass der böse Geist seine Anwesenheit zeigt – wenn die Menschen etwa mit einer seltsamen Stimme sprechen –, und wie man damit umgeht.

Wie kann eine größere Wertschätzung für dieses Thema zur Neuevangelisierung beitragen?

Ich bin froh, dass Sie diese Frage stellen. Das ist eine Schlüsselfrage für die Neuevangelisierung, die ja bedeutet, die Frohe Botschaft unserer Erlösung durch Jesus Christus den Menschen von heute zu bringen, vor allem denen, die „abgeglitten“ sind oder nicht mehr in die Kirche gehen. Ein wichtiger Aspekt scheint mir zu sein, dass man sie nicht nur von der Sünde, sondern auch von der Bedrängung durch böse Geister befreit. Es ist wichtig, dass Jesus bei der Aussendung der Apostel ihnen sagte, dass sie böse Geister austreiben sollen, weil er das selbst getan hatte. Die Kirche hat dieses machtvolle Amt, Geister auszutreiben.

Was ist die beste Verteidigung gegen Dämonen?

Wenn Menschen versuchen, ein gutes Leben zu führen, vermeiden zu sündigen und auf das Wort und die Person Christi vertrauen. Sie können dann auch anderen Menschen helfen, frei von bösen Geistern zu werden. Es gibt nichts Wundervolleres als zu erleben, wenn Menschen gegen böse Geister beten und man dann sieht, wie diese einen Menschen verlassen. Danach kehren sie zu ihrem wahren Ich zurück und fühlen eine innere Freiheit.

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