Porträt der Woche: George Pell

Pell ist jetzt verurteilt worden, weil er zwei Chorknaben 1996 sexuell vergewaltigt haben soll. Es bleiben jedoch Zweifel. Von Guido Horst
Kardinal George Pell
Foto: Archiv | Die Frage, ob Kardinal Pell genügend Zeit hatte, den Missbrauch zu begehen, ist einer von mehreren strittigen Punkten in diesem Fall.

Das nun nach einer zweimonatigen Nachrichtensperre öffentlich gemachte Urteil gegen Kardinal George Pell kann diejenigen nicht überzeugen, die immer noch fest an die Unschuld des australischen Kirchenführers und einstigen Finanzchefs des Papstes glauben. Die Sache stinkt, wie man so schön sagt. Pell ist jetzt verurteilt worden, weil er zwei Chorknaben 1996 in der Kathedrale von Melbourne, wo er Erzbischof war, sexuell vergewaltigt haben soll. Eines der Opfer verstarb 2014 an einer Überdosis Drogen, das Geschworenengericht konnte sich jetzt nur auf die Aussage eines Beschuldigers stützen. Ein zweites Verfahren, das Pell wegen sexuellen Missbrauchs in seiner Zeit als Priester in Ballarat in den siebziger Jahren drohte, wurde jetzt eingestellt. Deshalb fiel nun die Nachrichtensperre über den ersten Prozess, der den Ausgang des zweiten Verfahrens medial nicht beeinflussen sollte. Trotzdem wurden Details bekannt, die den amerikanischen Papstbiografen George Weigel Ende Dezember bewogen, sich voll auf die Seite des Kardinals zu stellen.

Der Kardinal am Pranger

So soll der im vergangenen Sommer begonnene Prozess im Oktober mit einem Urteil von zehn zu zwei Geschworenen zugunsten Pells ausgegangen sein. Da die Einstimmigkeit fehlte, wurde der Prozess nochmals aufgenommen, und nun reichten den Geschworenen drei Tage, um den Kardinal einstimmig für schuldig zu befinden. Auch der Tathergang ist unklar. Pell soll seine Opfer nach einer Sonntagsmesse vergewaltigt haben, während der Chor eine Weihnachtsmesse einproben sollte. Nach der Messe war der Erzbischof nie allein, man half ihm beim Ablegen der Messgewänder.

Das zweite, inzwischen verstorbene Opfer soll seiner Mutter zweimal versichert haben, keinen Missbrauch erlebt zu haben, was erst der heute noch lebende Ankläger der Mutter nach dem Tod des anderen sagte.

Pell beteuert nach wie vor seine Unschuld und geht in Berufung. Dennoch wurde er nun am Mittwoch in Haft genommen. Nach dem Missbrauchs-Gipfel in Rom sind die jüngsten Nachrichten aus Australien eine weitere Katastrophe für die Kirche. Noch am Dienstag pochte der Vatikan auf die Unschuldsvermutung, man wolle den Ausgang des Berufungsverfahrens abwarten. Am Mittwoch teilte der Vatikan mit, dass der heute 77 Jahre alte Kardinal nicht mehr Leiter des Wirtschaftssekretariats ist (siehe Seite 12). Auch im Vatikan ist zu spüren, wie das Verfahren gegen Pell die internationale Medienkampagne gegen die Kirche in Sachen Missbrauch befeuert. Die Täter im Priestergewand haben das eingebrockt, aber dass auch Pell schuldig ist, glauben viele nicht.

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