Ökumenische Höfe

Patres müssen weiter auf Neubau warten

Am Elbufer in Magdeburg entsteht auf dem Gelände der „Ökumenischen Höfe“ der erste Klosterneubau Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) will sich einen Eindruck vom Stand der Arbeiten verschaffen. Die Prämonstratenser müssen sich weiter in Geduld üben – auch aufgrund eines spektakulären archäologischen Funds.
Ökumenische Höfe
Foto: O. Gierens | Noch ist das Kloster im Rohbau. Doch so rasch wie möglich sollen sich Gläubige und Religionsferne hier begegnen.

Am Hochfest Johannes des Täufers – dem 24. Juni –, hätten die vier Patres in ihren weißen Soutanen eigentlich das neue Quartier direkt am Elbufer in Magdeburg beziehen sollen. Doch der Neubau des Klosters der Prämonstratenser am einstigen Wirkungsort ihres Gründers, des heiligen Norbert von Xanten, verzögert sich weiter. Wenn das neue Klostergebäude im ersten Quartal des kommenden Jahres fertig werde, sei das „schon sportlich“, meinte der Prior des Konvents, Pater Clemens Dölken, kürzlich bei einer Baustellenführung im Gespräch mit der „Tagespost“.

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Starke Nerven

Doch wer am Fluss baut, muss bekanntlich mit nassen Füßen rechnen – und bei diesem Bauprojekt, dem ersten katholischen Klosterneubau seit der Wiedervereinigung auf dem Boden der neuen Bundesländer, müssen die Verantwortlichen besonders starke Nerven haben. Schon im Frühjahr 2018 hatten die ersten Bauarbeiten begonnen – und wurden dann ein Jahr später nach einem sensationellen archäologischen Fund wieder unterbrochen. Beim Aushub der Baugrube entdeckten die Arbeiter eine Romanische Stube, die offenbar um 1200 entstanden sein soll. Vermutlich bildete sie einst das Untergeschoss eines Wehrgebäudes und stellt somit ein Stück Magdeburger Stadtgeschichte dar. Die Prämonstratenser machten aus der Not eine Tugend und werden die Romanische Stube kurzerhand in den Neubau einbeziehen. Über einen gläsernen Steg werden künftig Besucher die Attraktion bewundern können.

Bau verzögert sich

Doch den Klosterneubau hat der Fund deutlich verzögert; erst im Herbst 2020 gingen die Bauarbeiten weiter. Jetzt kommen Verzögerungen durch Materialmangel im Zuge des Ukraine-Krieges hinzu, auch Arbeitskräfte sind momentan Mangelware. Und deutlich teurer wird das neue Kloster auch: 1,7 Millionen Euro hatten die Ordensbrüder zu Anfang veranschlagt. Schon der Fund der Romanischen Stube habe den Bau um fast eine Million Euro verteuert, so Pater Clemens. Aktuelle Preissteigerungen schlagen ebenfalls zu Buche, derzeit geht der Prior von gut 3,8 Millionen Euro Gesamtkosten aus. Gut 500 000 Euro gibt das Bistum Magdeburg dazu, etwa die gleiche Summe kommt nochmals von den anderen deutschen Diözesen. Das Bonifatiuswerk fördert den Klosterbau mit 200 000 Euro, knapp 400 000 Euro kommen aus dem Orden. Doch der Rest muss über Spenden finanziert werden. Pater Tobias Breer, bekannt als „Marathon-Pater“, will am 9. August mit dem ersten „Romanik-Magdeburg-Marathon“ 13 000 Euro für das Bauprojekt auftreiben.

Dabei soll das Kloster ein Zeichen des Aufbruchs inmitten einer stark entkirchlichten Gesellschaft und der Versöhnung sein – ist der Neubau doch eingebettet in das Gesamtprojekt der „Ökumenischen Höfe“. Zwischen der katholischen St. Petrikirche und der evangelischen Wallonerkirche entsteht an einer historisch und städtebaulich exponierten Stelle ein neues Stadtquartier nicht nur für die kirchliche Nutzung, sondern auch zum Wohnen, Flanieren und für weitere Aktivitäten und Veranstaltungen. Auf dem Gelände liegen nicht nur die Gemeinderäume von St. Petri, der evangelischen Altstadtgemeinde sowie der reformierten Gemeinde, auch beide Studentengemeinden der benachbarten Universität haben hier ihren Sitz. Das alte Gemeindehaus oberhalb des Klosterneubaus wird neben dem Pfarrbüro insbesondere für Jugendarbeit genutzt werden.

Bezug im kommenden Jahr

Die alten Gebäude der einstigen Landes-Hygieneanstalt beherbergen die Europäische St.-Norbert-Stiftung, die Projektträgerin der Ökumenischen Höfe ist, sowie mehrere Wohnungen. Das Haus II der alten Hygieneanstalt mit seiner langen Front zum Elbufer war eigentlich für selbstbestimmtes und betreutes Wohnen vorgesehen, doch daraus wird laut Pater Clemens wohl nichts. „Am ganzen Gebäude gibt es viel mehr Probleme und Mängel als gedacht“, erzählt er im Gespräch. Nach einer alternativen Nutzung werde derzeit gesucht.

Wenn die Patres im kommenden Jahr ihr recht abgelegenes Übergangsquartier verlassen und das neue Domizil beziehen können, heißt das für sie, dass sie in der Stadt, die einst Wirkungsstätte des heiligen Norbert wie auch Ottos des Großen war, endlich vollständig angekommen sind. Schon 1996 kehrten die Prämonstratenser in die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt zurück, ein Jahr später übernahmen sie die Seelsorge an St. Petri, die zwei Jahre später auch Universitätskirche wurde. Heute betreuen die vier Patres die gesamte Pfarrei St. Augustinus, zu der St. Petri mittlerweile gehört, wie auch die Katholische Studentengemeinde. Im Klosterneubau wird nicht nur Platz für bis zu sechs Patres sein, auch wird es drei Gästeappartements geben, in denen Menschen eine Zeitlang im Kloster mitleben können. Damit wird endlich auch Platz für eigene Novizen sein oder für Interessenten, die mit dem Gedanken spielen, in den Orden einzutreten.

Öffnung in die Gesellschaft

Insofern könnten sich die Verzögerungen bei den Bauarbeiten durchaus als Glücksfall erweisen, grenzt doch die Tiefgarage des Klosters nicht nur an die Romanische Stube, sondern auch an den „Lutherturm“, der zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgebaut  werden soll. Über dem Turm befand sich einst ein Kloster der Augustinereremiten. Da auch Martin Luther dem Augustinerorden angehörte, soll er sich hier einst aufgehalten haben – dadurch ist der Turm zu seinem Namen gekommen. Hier, am ältesten Teil der Magdeburger Stadtmauer, soll laut Pater Clemens ein historischer Durchgang wieder eröffnet werden, der den Zugang zu Lutherturm und Romanischer Stube ermöglicht – direkt am Kloster vorbei.

Je öffentlicher, desto besser“ – so stellt sich Pater Clemens Dölken im Gespräch die Ökumenischen Höfe vor. Denn in einer Region mit kaum mehr vierzehn Prozent Christenanteil – wohlgemerkt aller Konfessionen – ist eine Öffnung in die Gesellschaft hinein unabdingbar. Während es in Westdeutschland normal sei, eine Kirche zu betreten, so erzählt der gebürtige Duisburger, würden im Osten die Menschen oft fragen: „Störe ich hier, darf ich hereinkommen?“ Das gelte sogar am Heiligen Abend, berichtet Pater Clemens. Oft werde Kirche als eine geschlossene Veranstaltung wahrgenommen.

Zusammenwachsen

Auch aufgrund der historischen Bedeutung dieses Ortes als einstige Festung sei „Versöhnung“ die spezielle Mission, die er für das Wirken der Kirchen vor Ort sieht. Paul von Hindenburg war hier einst Generalkommandant, und die russische Armee, die im Zweiten Weltkrieg Hitlers Reichskanzlei in Berlin gestürmt hat, war hier stationiert. In der benachbarten Wallonerkirche befindet sich sowohl eines der Nagelkreuze von Coventry, die an die Zerstörung der britischen Stadt durch die deutsche Luftwaffe erinnern, als auch eine Originalfigur der heiligen Katharina von Alexandrien aus der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Katharinenkirche.

Auch eine Synagoge entsteht derzeit in der Landeshauptstadt, ebenso gibt es nach Angaben von Pater Clemens eine Moscheegemeinde ganz in der Nähe, deren Mitglieder gegenüber den anderen Religionen sehr aufgeschlossen seien. So sagt er nicht nur mit Blick auf die Ökumenischen Höfe: „Da sieht man, dass Dinge zusammenwachsen können.“

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