Miteinander reden, statt übereinander zu schreiben

Katholische Blogger treffen auf hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche. Von Monika Metternich
Foto: Symboldpa | Lieber gemeinsam statt einsam im Netz unterwegs: Bloggen rückt als wertvolles Instrument der Katechese immer mehr in den Blick.
Foto: Symboldpa | Lieber gemeinsam statt einsam im Netz unterwegs: Bloggen rückt als wertvolles Instrument der Katechese immer mehr in den Blick.

Bonn (DT) Mit Argwohn beobachtet, als „Dunkelkatholiken“ bezeichnet, scheinen sie eine merkwürdige Außenseiterposition in der Kirche einzunehmen: Die katholischen Blogger. Ihr leidenschaftliches Engagement für die katholische Kirche ist vielen suspekt. Dass katholische Blogger keine gescheiterten Existenzen im Schlafanzug sind, die anonym ihren Frust in die Computertasten hauen, konnte man am vergangenen Wochenende im Haus Venusberg in Bonn feststellen, wo auf Initiative des Leiters des Referates Medienpastoral der Erzdiözese Freiburg, Dr. Norbert Kebekus, in Kooperation mit dem offiziellen Internetportal „katholisch.de“ die zweite Bloggertagung stattfand.

Die katholischen Blogger sind überzeugte Individualisten, die mitten im Leben stehen: Strafverteidiger, Portfoliomanager, Sozialpädagogin, Journalist, Graphiker, theologische Referentin, Physiker, Referatsleiter im Landtag, Kulturwissenschaftlerin, Musiker mit Theologiediplom, Architekt, Verlegerin und Philosoph – nur einige Beispiele, die erweisen, dass die katholischen „Freibeuter des Internets“ in großer Mehrheit hochgebildete Leute sind, die ihre Gedanken zu „Gott und Welt“ nach Feierabend online setzen, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit und „Establishment“: unkonventionell, spirituell, fromm und frech, selbstbewusst, kritisch und zuweilen aggressiv. Sie schreiben mit Herzblut als Katholiken, als Gläubige, aus Liebe zu ihrer Kirche. Viele von ihnen sind konvertiert, einige hatten Glaubenserlebnisse, die sie vom Saulus zum Paulus wandelten.

Die „offizielle“ Kirche und die katholischen Blogger zusammenzubringen, Vorurteile abzubauen und vielleicht die Erkenntnis zu stärken, dass man gemeinsam mehr für die Kirche bewegen kann als in einer fast antagonistischen Gegnerschaft, ist ein interessanter Versuch. So trafen sich die katholischen Blogger mit dem Geschäftsführer von „katholisch.de“, David Hober, mit dessen Chefredakteur Steffen Zimmermann, dem Redakteur Christoph Meurer, mit dem Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, sowie dem Publizisten und Journalisten Dr. Andreas Püttmann. Nur in der Anfangsphase der Tagung flogen einige spitze Bemerkungen zwischen einzelnen Bloggern und David Hober hin und her.

In einer nachdenklichen Debatte wurden dann unterschiedliche Sichtweisen zum Terminus „Mission“ deutlich: Während die Blogger missionarisches Wirken als ganz wesentlich erachteten, sprach Hober lieber „unausdrücklich“ von „Evangelisation“ und Meurer von „Angebot“. In erster Linie sei katholisch.de kein Missionsportal, so Hober, sondern ein „Nachrichten- und Erklärportal“. Die Frage eines Bloggers, ob es überhaupt eine christliche Stimme in der Öffentlichkeit geben könne, die sich nicht als Mission im Sinne „von Christus zu den Menschen gesandt“ verstehe, näherte die Positionen an. „Katholisch.de“ wende sich, so Zimmermann, an die Mitte der Gesellschaft, welche mit kirchlichen und christlichen Begriffen und Inhalten nur noch wenig anfangen könne. „katholisch.de“ solle neugierig machen, Informationen und Nachrichten bieten, bei Interesse auch Internetseelsorge und kirchliche Hilfswerke vermitteln. Einzelne Kritikpunkte seitens der Blogger wurden freimütig zugestanden: Zimmermann zeigte auf, dass kritisierte theologische Fehler in Texten aus einem Glaubensbuch wörtlich übernommen worden seien, die man wegen des Copyrights nur mit Erlaubnis des Verlages ändern dürfe. Der den Bloggern allzu „objektiv“, „distanziert“ und zuweilen „langweilig“ erscheinenden Berichterstattung stellt „katholisch.de“ inzwischen selbst ein portaleigenes Blog entgegen, in dem sich Katholiken pointiert äußern können – ohne Grenzziehungen von „liberal“ und „konservativ“. Die Möglichkeit der gelegentlichen Zusammenarbeit von Bloggern und „katholisch.de“ wollte Zimmermann mit den Verantwortlichen erwägen, eine Idee, die auf ungeteilte Zustimmung stieß.

„Offizielle kirchliche

Online-Angebote werden statistisch noch

wenig genutzt“

Andreas Püttmann beschrieb anhand aktueller Beispiele unter den Stichwörtern „Marginalisierung, Banalisierung, Moralisierung, Skandalisierung“ die Berichterstattung über die katholische Kirche in den säkularen Medien. Welchen Effekt diese auf die Ansichten der Rezipienten hat, konnte er anhand von Statistiken aufführen: Während das Nahbild aus eigener Erfahrung der katholischen Kirche oft positiv sei, fördere eine mediale „Hermeneutik der Verdächtigung“ die Fernsicht, die Kirche sei „intolerant, autoritär, rigide, altmodisch und heuchlerisch“. Die kirchliche Presse gehe indes teils dramatisch zurück, offizielle kirchliche Online-Angebote werden statistisch noch wenig genutzt. Hingegen seien Katholiken gut vernetzt, Einzelpersonen hätten mehr „Follower“ als kirchliche Institutionen. Gefragt sei nicht mehr eine Konventions- sondern eine Entscheidungskirche. Hier liege die Chance der Blogger – ebenso wie die Gefahr der Selbstreferenzialität.

Matthias Kopp zeigte auf, wie die Deutsche Bischofskonferenz kommuniziert. Oft werde, so Kopp, von „der Kirche“ gesprochen. Diese sei aber komplexer, als Medien oft meinten: „Wir haben 27 eigenständige Bistümer mit ihrer jeweiligen Arbeit und Autonomie und dann die Bischofskonferenz. Zentrale Botschaft meiner Kommunikationsarbeit heißt: Wir müssen vernetzt denken und handeln: zwischen Bistümern und Bischofskonferenz.“ Kopp gab an, die katholische Bloggerszene bisher noch nicht gekannt zu haben. Er habe sich über die Initiative des Seelsorgeamtes des Erzbistums Freiburg und „katholisch.de“ gefreut, die Bloggerszene an einen Tisch zu bringen: „Eine muntere Truppe mit vielen guten und engagierten Ideen.“ In den vergangenen Jahren habe er aber auch eine Verschärfung des Tonfalls von sehr konservativen und sehr liberalen Seiten erlebt. Da falle dann auch schon mal der Begriff, dass der eine dem anderen sein „Katholischsein“ abspreche. Kopp plädierte für eine Abrüstung in den Begriffen und der Hinwendung auch hier zum vernetzten und die jeweils andere Seite respektierenden Denken. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, katholische Blogger für Events der deutschen Bischofskonferenz zu akkreditieren, verwies Kopp auf den Eucharistischen Kongress in Köln, bei dem auch Blogger das Geschehen begleiten werden. Die Bloggerszene wollte Kopp nun besser kennenlernen. Wo eine kooperative Einbindung der Blogger im katholischen Konzert der Meinungen sinnvoll wäre, konnte Kopp noch nicht sagen.

Peter Winnemöller stellte schließlich das Projekt „Blognetz“ von Luca Hammer vor. Dieses erstellt mathematisch aus den Verbindungen einzelner Personen Visualisierungen, die das eigene und das Netzwerk von anderen sichtbar machen. Das Schaubild ergab ein herausforderndes Ergebnis: Die katholischen Blogger sind ausgezeichnet vernetzt – untereinander. Ihr „blauer Planet“ befindet sich jedoch abseits der großen, bunten Vernetzungswolke anderer Blogger. Das Schaubild implizierte daher eine Frage, die jeder selbst beantworten muss: Will ich nur für Gleichgesinnte schreiben? Ob sich katholische Blogger aus der „splendid isolation“ wagen und ob ihnen dafür Chancen seitens offizieller kirchlicher Stellen eröffnet werden, ist eine Frage, auf die es vielleicht schon beim für 2014 geplanten Bloggertreffen Antworten geben wird. Das Fazit der Tagung ist bereits auf einem Blog nachzulesen: „Besser miteinander reden, statt übereinander zu schreiben.“

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