Ökumene

Michael Nazir-Ali : „Ich glaube nicht an eine Küsschen-Küsschen-Ökumene“

Der gebürtige Pakistani Michael Nazir-Ali war seit 1994 anglikanischer Bischof von Rochester in England. Im Oktober 2021 trat er in die katholische Kirche ein.
Unsere Liebe Frau von Walsingham
Foto: wikimedia | Our Lady of Walsingham

Exzellenz, Sie sind als Christ in Pakistan aufgewachsen. Wie hat sich die Umgebung dort nun verändert?

Damals war die Beziehung zwischen Muslimen und Christen ganz anders. Ich komme aus einer muslimischen Familie, viele meiner Freunde waren Muslime – und mehr als 80 Prozent meiner Mitschüler waren das auch, obwohl es eine römisch-katholische Schule war. Was sich verändert hat, und das gilt nicht nur für Pakistan, ist der Vormarsch des radikalen Islamismus, der die Stimme des Maßes in der muslimischen Welt zum Schweigen gebracht hat – nicht für immer, so hoffe ich. Doch es hat die Menschen polarisiert. Christen in Pakistan fürchten sich jetzt davor, zu nahe an die muslimische Gemeinschaft heranzutreten, weil sie nicht wissen, was ihnen deshalb zustoßen könnte. Die Situation hat sich leider verschlechtert.

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Warum sind Sie zur katholischen Kirche konvertiert?

Es gab positive und negative Gründe, die meine Entscheidung beeinflusst haben. Lange war ich Mitglied der internationalen Kommission für die anglikanische und römisch-katholische Kirche, die Paul VI. und Michael Ramsay, der Erzbischof von Canterbury, ins Leben gerufen hatten. Die Kommission sollte die Schwierigkeiten für die Wiederherstellung der Einheit zwischen den beiden Kirchen beseitigen und brachte einige wichtige Dokumente hervor, die die Leitung beider Kirchen akzeptierten. Doch dann begann die anglikanische Gemeinschaft, Dinge im Alleingang zu ändern, besonders in den Bereichen von Sexualität, Ehe, Frauenweihe und schließlich auch im Episkopat.

Wie haben Sie das gedeutet?

Das war das erste negative Zeichen für mich: Der Verwirrung in der anglikanischen Gemeinde zeigte, dass es keine Möglichkeit gab, bleibende und verbindliche Entscheidungen zu treffen. Es gab zudem kaum einen Lehrkörper, auf den man sich hätte berufen können. Auch keine letzte lehrende Autorität, keine Person oder keine Gruppe, die in kritischen Momenten Gläubigen definitive Antworten geben konnten. Von Zeit zu Zeit ist das nötig, besonders heute, in unserer sich stets verändernden Welt.

Welche positiven Gründe hatten Sie für Ihre Konversion?

Im Ordinariat unserer Lieben Frau, dem ich bei der Konversion beigetreten bin, kann die ganze Kirche von vielen Dingen profitieren. So entspricht es der Gründungsabsicht von Papst Benedikt XVI.. Die Schönheit der Liturgie, die Gebete, der traditionelle anglikanische Umgang mit der Bibel, sowie der anglikanische Aufbau der Gemeinde – all diese Elemente hoffe ich in die Kirche einzubringen, sodass sie allen zugutekommen können.

Michael Nazir-Ali
Foto: Wilberforce Acadmey. | Michael Nazir-Ali

Wo sehen Sie Chancen für die Ökumene?

Um es klar zu sagen, ich glaube nicht an eine Küsschen-Küsschen-Ökumene, bei der sich alle gegenseitig auf den Rücken klopfen und wir uns erzählen, wie wundervoll wir sind. Ökumene muss sich mit den harten Fragen auseinandersetzen – wie wir die sakramentale Gemeinschaft wiederherstellen, Autoritätsfragen, die alle Kirchen beschäftigen. Ich hoffe, dass die Ökumene eine Wende vollzieht, und es sieht so aus, als leisteten sowohl das Ordinariat und die Ostkatholiken einen bedeutenden Beitrag dazu.

"Die katholischen Ostkirchen sind natürlich
Bindeglieder zu den orthodoxen Kirchen"

Welche Herausforderungen sehen Sie dabei für die Katholiken des lateinischen Ritus?

Eine Herausforderung für Katholiken des lateinischen Ritus besteht darin, Diversität in der katholischen Kirche zu erkennen. Hier in England haben wir bedeutende Zahlen von Gläubigen der syro-malabarischen und syro-malankarischen östlich katholischen Kirchen, sowie der ukrainisch-katholischen Kirche. Das ist die innere Ökumene. Sie eröffnet aber auch Möglichkeiten für die Ökumene nach außen: Die katholischen Ostkirchen sind natürlich Bindeglieder zu den orthodoxen Kirchen, wie sie es sein sollten. Das Ordinariat selbst, so hoffe und bete ich, kann eine Brücke für Anglikaner sein, von denen viele ebenfalls mit den Problemen hadern, die ich beschrieben habe.

Manche Katholiken, auch hier in Deutschland fürchten eine „Anglikanisierung der Kirche“. Hat dieser Gedanke Ihre Entscheidung beeinflusst?

Ein Beamter des Vatikans sagte einmal zu mir: „Wissen Sie, der Papst kann die Kirchenlehre nicht verändern.“ Wenn das für den Papst gilt, dann umso mehr für die Bischöfe. Die Kirchenlehre besteht aus den Konzilen, den Kirchen, dem sensus fidelium – und gelegentlich haben Bischöfe und Papst die Aufgabe, diese Lehren zu definieren und klarzustellen. Aber ändern können sie sie nicht.

Das sehen aber manche Bischöfe anders...

Ich weiß, dass es in Deutschland diese Debatte mit dem Synodalen Weg gibt. Hier in England ist das auch auf dem Vormarsch. Ich bin kein Feind davon, sich mit Laien und Klerikern zu beraten. Tatsächlich tut der Vatikan genau das die ganze Zeit, in vielen verschiedenen  Bereichen, um herauszufinden, was die beste Denkweise, was die Gefahren sind, was die Menschen bewegt, was sie herausfordert. Doch dann ist es die Pflicht derer, denen diese Aufgabe übertragen wurde, eine Entscheidung zu treffen. Und das ist wichtig: So findet man sich nicht in einem pseudo-demokratischen System wieder, doch gleichzeitig hört man das Kirchenvolk, und überlässt es der kirchlichen Autorität, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Und ich glaube
– und das dürfte Benedikt auch so sehen –,
dass das christliche Weltbild das Vernünftigste ist.

Welche Vorbilder haben Sie bei Ihrer Konversion begleitet?

Ganz unmittelbar war das Papst Benedikt XVI. Ich beschäftige mich mit ihm seit ungefähr 1993. Seine Beschäftigung mit der Bibel, mit Jesus selbst, ist sehr originell, und versucht, hinter Spaltungen zurückzugreifen, die unter Christen üblich waren. Doch die Hauptsache ist für mich, dass Benedikt die Situation im Westen versteht. Denn die kulturelle Situation hier ist eine große Herausforderung für die Kirche. Und ich glaube – und das dürfte Benedikt auch so sehen –, dass das christliche Weltbild das Vernünftigste ist. Es wird aber im Westen nicht fair angehört und durch Aktivisten und ihre Slogans ersetzt. An Benedikt schätze ich vor allem seine Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit und Vernunft des Christentums im Westen.

Wer hat Sie außer Benedikt XVI. geprägt?

Die andere Person, die mich herausgefordert hat, ist John Henry Newman. Er hat der Kirche, so scheint es mir, die Fähigkeit mitgegeben, über neues Wissen prinzipientreu nachzudenken: In Kontinuität mit der Vergangenheit zu sein, das Evangelium zu bewahren, doch der Kirche gleichzeitig zu erlauben mit der Gegenwart umzugehen, und die Zukunft vorherzusehen. Andere Kirchen haben das eher nicht. Manche betonen die Autorität der Bibel, was bewundernswert ist. Andere schätzen die Tradition, was auch gut ist. Doch die Bibel und Tradition müssen in Kontakt mit der zeitgenössischen Welt und Kultur gebracht werden. Manche kapitulieren davor, und das ist nicht gut.

Im November verübte ein vom Islam konvertierter Christ einen Terroranschlag in Liverpool. In diesem Kontext haben Sie sich für eine sorgfältigere Prüfung von muslimischen Katechumenen ausgesprochen. Wie würden Sie selbst mit einem solchen Katechumenen umgehen?

Zuerst würde ich nachschauen, ob sie sich für diesen Pfad entschieden haben, nachdem ihr Asylgesuch abgelehnt wurde. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht ehrlich konvertieren wollen, doch man muss in diesem Fall noch strenger ihre Intentionen prüfen. Man kann sie nicht einfach bitten, einen Kurs zu absolvieren. Mir kam es so vor, dass die Kirche in diesen Fällen Katechumenen einfach gebeten hat, den „Alpha“-Kurs zu besuchen, um sie dann zu taufen. Ich halte das nicht für ausreichend: Katechumenen müssen richtig befragt werden, um ihre Authentizität als Gläubige zu bestätigen. Es muss aktiven pastoralen Kontakt geben. Das gilt übrigens für alle, die der Kirche beitreten wollen, nicht nur für Asylsuchende.

Freuen Sie sich darauf, wieder als Priester zu arbeiten? Oder vermissen Sie das Bischofsamt?

Ja, es gibt Dinge, die ich vermisse. Vor kurzem erreichte mich ein Brief von einem anglikanischen Priester, den ich geweiht habe. Das mache ich nun nicht mehr. Doch es ist so, dass Gott uns eben ruft, und manchmal ruft er uns in neue Richtungen. Ich bin mir sicher, dass ich in diesen Dienst gerufen wurde, auch wenn jetzt noch nicht alles klar ist. Ich warte noch darauf, dass es sich klärt. Vor einer Weile predigte ich am Roten Mittwoch, an dem Tag, an dem wir der verfolgten Christen gedenken. Es war der Gedenktag für die vietnamesischen Märtyrer. Nun, das ist genau mein Fall: Seit Jahren schreibe ich über verfolgte Christen. Das war also eine sehr gute Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Kirche auf sie zu richten. Die Christen sind aktuell die meistverfolgte Gruppe in der ganzen Welt, und wir müssen fragen, wieso. Ich bin mir sicher, dass Gott mir zeigen wird, welche Form mein Dienst als Priester annehmen wird. Und dafür brauche ich auch Ihr Gebet.

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