Synodaler Weg

Logisch mangelhaft...

...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
3. Synodalversammlung des Synodalen Weges
Foto: Maximilian von Lachner/Synodaler Weg | Deutsche Kirche, quo vadis? Der Orientierungstext des Synodalen Weges trägt jedenfalls wenig zu echter Orientierung bei

Kritiker wie Befürworter des Synodalen Weges sind sich einig, dass sich die katholische Kirche in Deutschland in einer schweren Krise befindet (Orientierungstext, Abs. 3). Umstritten ist, was die Ursache der Krise und wie sie zu beheben sei. Die Kritiker weisen darauf hin, dass eine Erneuerung der Kirche wesentlich als ein geistlicher Prozess zu verstehen sei und dass genau dieser Aspekt auf dem Synodalen Weg so gut wie keine Rolle spiele. Dem Vorwurf halten die Befürworter entgegen, dass die geistliche Dimension keineswegs zu kurz komme, sondern eine tragende Säule des Projektes sei. Aufschluss über die Kontroverse könnte der Orientierungstext in seiner Fassung vom Februar 2022 bieten, der für das Selbstverständnis des Synodalen Weges existentiell ist. Denn dessen Aufgabe, so der Entwurf, „besteht darin, die theologische Basis zu klären, auf der die Arbeit in den Foren aufbaut und der gesamte Synodale Weg der Evangelisierung dient“ (Abs. 7). Es geht dabei um die „Grundlagen im Offenbarungsverständnis, in der kirchlichen Sendung und in der Qualität theologischer Argumentation“, auf denen man in den einzelnen Foren weiter aufbauen kann (Abs. 7).

Der Synodale Weg wählt in diesem Text ein hermeneutisches Verfahren, das den normativen Texten des christlichen Glaubens, und das sind die Bibel und ihre verbindliche Auslegung in der Tradition, eine Vieldeutigkeit zuspricht, die den Spielraum zu den gewünschten Veränderungen eröffnet. Das ist nur logisch, weil das Anliegen des Synodalen Weges darin besteht, die Lehre der katholischen Kirche angesichts des sexuellen Missbrauchs und der Plausibilitätskrise, der sie sich in der modernen und postmodernen Lebenswelt ausgesetzt sieht, weiterzuentwickeln (Abs. 30; 35; 47) Die Autoren des Textes scheinen zu wissen, dass der Glaube (fides quae) nicht einfach verändert werden kann wie ein von Menschen verfasstes Parteiprogramm. Zwar haben Mitglieder des Synodalen Weges, die offensichtlich mit diesen theologischen Selbstverständlichkeiten nicht vertraut sind, in aller Öffentlichkeit unverblümt von einem Bruch mit der kirchlichen Tradition gesprochen und gefordert, dass zentrale Gehalte der Lehre der katholischen Kirche verändert werden müssten. Doch eine solche hermeneutische Blöße gibt sich der Orientierungstext nicht. Das Anliegen des Synodalen Weges bedarf also einer hermeneutischen Fundierung. Dafür bieten sich die seit einigen Jahren in der Bibelwissenschaft breit rezipierten Begriffe der Vielfalt und der Vieldeutigkeit an. Vielfalt, vielfältig, Vieldeutigkeit, mehrdeutig, nicht eindeutig sind Leitworte des Orientierungstextes. Ein Beispiel: „So wie die Kirche als Ganze immer wieder neu den Text der Heiligen Schrift deuten muss, weil dieser Text nicht eindeutig ist, so muss die Theologie von ihrer Seele, dem Studium der Heiligen Schrift, her (DV 24) die eine Wahrheit, die im Geheimnis Gottes begründet ist, ebenfalls in ihrer Vielfalt und bleibenden Vieldeutigkeit zur Sprache bringen“ (Abs. 60).

Flucht vor der Eindeutigkeit

Mit der Option für eine Hermeneutik der Vielfalt und der Vieldeutigkeit vollzieht der Orientierungstext einen raffinierten exegetischen Schachzug. Denn auch die aktuelle Bibelwissenschaft verwendet diese Begriffe, um in Absetzung von der auf Eindeutigkeit hin ausgerichteten historisch-kritischen Exegese klassischer Provenienz darauf hinzuweisen, dass biblische Texte nicht nur eine, sondern viele Bedeutungen haben. Dieses aus dem Dekonstruktivismus entlehnte Modell wurde vor einigen Jahren von Exegeten in die Bibelwissenschaft eingeführt, um wieder Anschluss zu finden an das vierfache Schriftverständnis der Kirchenväter und auf diese Weise den Bruch zwischen der historisch-kritischen Exegese und der Auslegung der Heiligen Schrift vom Glauben der Kirche her zu heilen.

Doch hier gilt es genauer hinzuschauen. Die Bedeutungsvielfalt biblischer Texte, von der die Kirchenväter ausgehen, ist nicht unbegrenzt. Sie sprechen von einem zweifachen Schriftverständnis, das in ein vierfaches, jedoch nicht in ein vielfaches weiter entfaltet werden kann. Die einzelnen Schriftsinne stehen nicht beziehungslos nebeneinander und können nicht ins Unendliche multipliziert werden, sondern bauen logisch aufeinander auf und entfalten so eine Dynamik, die letztlich auf das Verständnis der einen, im Text verborgenen Wahrheit zielt. Henri de Lubac, einer der besten Kenner dieser Tradition, spricht in diesem Zusammenhang vom sensus mysticus. Das Modell des vierfachen Schriftsinnes, das auch vom Katechismus der Katholischen Kirche vorausgesetzt wird (KKK 115–119), zielt also darauf ab, in den vielen Worten – auch des Alten Testaments – das eine Wort, das verbum incarnatum, Christus zu finden. Darin unterscheidet sich das Konzept des vierfachen Schriftsinnes grundlegend von dem vom französischen Philosophen Jacques Derrida entwickelten Modell der Différance (sic!), bei dem die sprachlichen Differenzen nicht mehr stabil und an relativ fest zuschreibbare Bedeutungen gebunden sind, sondern als ein Spiel der Differenzen ohne Zentrum und festen Grund zu verstehen sind.
Wer den Orientierungstext sorgfältig liest, spürt, dass er dem Konzept einer dezentrierenden Polysemie folgt – durchaus nachvollziehbar, denn wer will sich schon gerne auf eine Wahrheit festnageln lassen? Mit dem Synodalen Weg zieht der Dekonstruktivismus – auch äußerlich sichtbar an der Dekonstruktion hierarchischer Differenzen – feierlich in die katholische Kirche ein. Anhand des Orientierungstextes ist das allerdings schwer zu durchschauen, weil er in einem Nebensatz immer auch das Gegenteil von dem behauptet, was im Hauptsatz ausgesagt wird.

Ein Beispiel: „In den Dogmen der Kirche kommen von Gott geoffenbarte Wahrheiten in geschichtlicher und verbindlich vorgelegter Weise zum Ausdruck; sie wollen unseren Glauben erhellen und stärken. Gleichwohl sind sie vieldeutige Texte und im geschichtlichen Verlauf je neu auf ihren Sinn hin zu befragen“ (Abs. 61). Der aufmerksame Leser fragt sich, wie denn nun die hier genannten Größen aufeinander zu beziehen sind. Und genau darauf gibt der Text keine Antwort. Hier bleibt die Orientierung aus. Das scheint beabsichtigt zu sein, denn jetzt kann der durch Bedeutungspluralisierung eröffnete Spielraum durch ein demokratisch legitimiertes Verfahren der Sinnfestlegung wieder eingeengt werden. Und so hat man den biblischen Text und die Lehre der Kirche gar nicht verändert, sondern nur das herausgeholt, was in bisher noch nicht erkannter Weise in ihnen enthalten war.

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Verzicht auf Kompetenz

Einer der Ausgangspunkte des Synodalen Weges bildet die unbestreitbare Tatsache, dass zentrale Gehalte des christlichen Glaubens bei vielen Menschen, außerhalb wie innerhalb der Kirche, auf Unverständnis stoßen. Die entscheidende Frage ist jedoch, welche Lebensformen diesem Unverständnis zugrunde liegen. Dieser Gesichtspunkt wird im Orientierungstext nicht thematisiert. Verstehen und Nicht-Verstehen vollzieht sich in und ist abhängig von konkreten Lebensformen. Der Orientierungstext geht völlig undifferenziert davon aus, dass alle getauften und gefirmten Gläubigen mit den Gaben des Heiligen Geistes reichlich beschenkt sind und folglich in Sachen des Glaubens gleichberechtigt mit allen anderen Gliedern der Kirche mitreden dürfen.

Die Bischöfe, so heißt es in Absatz 3, „müssen auf das achten, was das Volk Gottes glaubt. Desto wichtiger ist, dass auf dem Synodalen Weg alle zu Wort kommen und mitentscheiden, nicht nur diejenigen, die in der Kirche ein leitendes Amt haben“ (ähnlich in Abs. 67). Aber was ist denn, wenn ein Bischof den begründeten Eindruck gewinnt, dass ein Mitglied des Synodalen Weges sich zwar in den weltlichen Dingen sehr gut auskennt, aber weder theologische Kenntnisse noch Glaubenspraxis noch geistige Reife und Erfahrung mit sich bringt? Als Nicht-Mediziner käme ich nie auf die Idee, auf einem medizinischen Fachkongress das Recht auf Mitsprache und Mitentscheidung einzufordern.

Für das Selbstverständnis und die Erfolgsgeschichte der Moderne ist das Kriterium der Kompetenz und nicht das der Zugehörigkeit entscheidend. Soll das in geistigen und theologischen Dingen anders sein? Hier bleibt der Synodale Weg entgegen seinem Selbstverständnis weit hinter der Moderne zurück. Denn jetzt besteht die Gefahr, dass sich nicht das „bessere Argument“ durchsetzt, wie der Orientierungstext fordert, sondern jenes Argument, dass in einer von den Plausibilitäten einer medialen Öffentlichkeit inspirierten Mehrheit den besseren Eindruck hinterlässt.

In der Kraft des Geistes?

Für unsere Ausgangsfrage ist der dritte Teil des Orientierungstextes „In der Kraft des Geistes beraten und entscheiden“ aufschlussreich. Hier findet sich die wichtige Aussage, dass der „Gedanke der Wandlung … von zentraler Bedeutung“ sei (Abs. 64). Doch auf die anschließende Frage: „Wie geschieht das?“ gibt der Text keine Antwort. Dabei wäre gerade dieser Aspekt für die Thematik des sexuellen und geistigen Missbrauchs von entscheidender Bedeutung. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen sexuellem und geistigem Missbrauch auf der einen und dem weitgehenden Ausfall einer geistig-kontemplativen Praxis in Kirche und Theologie auf der anderen Seite. Sexueller und geistiger Missbrauch sind gewöhnlich traumatische Erfahrungen, die schwere Wunden an Leib und Seele hinterlassen. Die achtsamkeitsbasierte Traumatherapie geht ähnlich vor wie die christliche Kontemplation. Sie richten sich in der Wahrnehmung ganz auf die Gegenwart aus, auf den Atem, auf das Gewahrsein im eigenen Körper. Auf diesem Weg der inneren Einkehr, der Ausrichtung des Bewusstseins auf die verborgene Gegenwart Gottes steigen gewöhnlich Gedanken und Gefühle auf. Mit den Gefühlen kommen unausgeheilte Wunden der eigenen Lebensgeschichte ans Licht bis hin zu tief liegenden „vergessenen“ Traumata. Sie werden nicht verdrängt und bekämpft, sondern wahr- und angenommen. Gleichzeitig bleibt das Bewusstsein ganz auf Gott, auf Christus und seine verborgene und heilende Gegenwart hin ausgerichtet.

Diese Stabilisierung des Bewusstseins schafft die Voraussetzung dafür, dass die chaotischen traumatischen Erschütterungen nach und nach auftauchen und als Teil der eigenen Lebensgeschichte wahr- und angenommen werden können. Das doppelte Gewahrsein, die Stille, der aus- und einströmende (göttlichen) Atem (vgl. Gen 2,  7) verhindert dabei eine Retraumatisierung durch die dabei aus dem Unterbewusstsein auftauchenden Schmerzen der traumatischen Verletzung. Sich in dieser Haltung eines doppelten Gewahrseins in die Gegenwart Gottes zu versetzen, stößt den Prozess einer tief gehenden Heilung an. Thomas Keating spricht von einer „divine therapy“ (Intimacy with God. An Introduction to Centering prayer, New York 2014, 37–63).

Was hier für einzelne Personen skizziert wird, gilt in analoger Weise für traumatisierte Systeme. Viele Heilungsgeschichten des Neuen Testaments spiegeln in einer verdichteten Form die hier skizzierte Struktur wider. In der Begegnung und Berührung mit dem göttlichen Heiland kommt das ganze Elend ans Licht und wird zugleich ein Weg der Heilung eröffnet.

Missbrauch und Spiritualität

Auf der anderen Seite sehe ich aber auch die Gefahr, dass einige der konservativen Kritiker der Synodalen Weges mit ihrer berechtigten Kritik an einer mangelnden geistigen Grundierung des Projekts ein zu oberflächliches Verständnis von christlicher Spiritualität mit sich herumschleppen. Frömmigkeitsformen, die nicht in die Tiefe des menschlichen Unterbewusstseins hinabsteigen, in die dunkle Nacht der Sinne und des Geistes, sondern meinen, sie könnten mit Hilfe einer eifrigen, gut gemeinten, rein diskursiven Gebetspraxis traumatische Wunden einfach wegbeten, täuschen sich. Nur von Jesus zu hören, reicht nicht. Man muss zumindest den Saum seines Gewandes berühren, um die Kraft zu empfangen, die von ihm ausgeht. Nur ein solcher Glaube, der sich gegen den Widerstand der Menge durchkämpft, sich vorbehaltslos dem Sohn Gottes anvertraut und ihm „die ganze Wahrheit sagt“, kann ein Leiden heilen, das schon zwölf Jahre andauert (vgl. Mk 5, 25–34). Diese tieferen Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch und (christlicher) Spiritualität kommen im Orientierungstext nicht in den Blick. Sie scheinen den Verantwortlichen nicht bewusst zu sein. Doch gerade hier wäre anzuknüpfen. Deshalb wäre es wohl besser gewesen, wenn sich das Projekt auf juristisch-strukturelle Maßnahmen beschränkt hätte, die Missbrauch in der Kirche in Zukunft, soweit das menschenmöglich ist, verhindern, anstatt das notwendige Anliegen mit einem theologischen Überbau zu befrachten, der hinsichtlich seiner theologischen und spirituellen Konsistenz inzwischen einiges an Kritik von prominenten und kompetenten Beobachtern hat einstecken müssen.

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