Liturgie und Glaube

Lex orandi – Lex credendi

Beten wie die Väter, um zu glauben, wie sie geglaubt haben.
Die Einsetzung der Eucharistie
Foto: Martin Lohmann | Mittelpunkt der Kirche: Die Einsetzung der Eucharistie, das Letzte Abendmahl, in einer Emaille-Darstellung des Künstlers Egino Weinert (1920-2012).

Wenn das Verhältnis von Liturgie und Glaube thematisiert wird, so fällt früher oder später das Axiom „lex orandi – lex credendi“, das oft wiedergegeben wird in der Form: „Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens.“ Dabei handelt es sich um eine vereinfachte Paraphrase eines Grundsatzes, dessen ursprüngliche Formulierung zu finden ist in einer kurzen Schrift, die im Zusammenhang mit der Kontroverse um die Gnadenlehre des Augustinus von Hippo – dem sogenannten semipelagianischen Streit – im fünften Jahrhundert entstand und heute Prosper von Aquitanien zugeschrieben wird. Der Autor verweist in seiner Verteidigung der augustinischen Theologie auf „den Ritus der priesterlichen Fürbitten [...], die, von den Aposteln überliefert, in der ganzen Welt und der gesamten katholischen Kirche in gleicher Weise gefeiert werden, damit das Gesetz des Betens das Gesetz des Glaubens bestimme (ut legem credendi lex statuat supplicandi)“.

Fürbitte, Taufe und Liturgie der Kirche

Die Rückbindung auf den apostolischen Ursprung des Fürbittgebetes dürfte sich auf 1 Timotheus 2, 1–4 beziehen. Prosper sieht in der Weisung des Apostels, für alle Menschen zu beten, damit sie zur Erkenntnis der Wahrheit und somit zum ewigen Heil gelangen, einen Beweis für die Notwendigkeit der Gnade. Die bestimmende Kraft der „lex supplicandi“ für die „lex credendi“ zeigt sich für Prosper auch in der Taufliturgie, die er als Beleg für die Erbsünde heranzieht. Auf diese verweist besonders die weithin gebräuchliche Taufe von Kindern.

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Während das „Gesetz des Betens“ bei Prosper noch eng bezogen ist auf das priesterliche Fürbittgebet und die Taufpraxis, so wird bei Thomas von Aquin eine Ausweitung auf das ganze liturgische Tun der Kirche vollzogen. Thomas stellt die Autorität der Liturgie als Brauch der Kirche (consuetudo Ecclesiae) bei Streitfragen immerhin über die Autorität der Väter. Damit ist der Gottesdienst in seiner konkreten rituellen Gestalt nicht einfach Objekt der theologischen Forschung, von der er sich normieren lassen müsste.

Ritus als Vor-Gabe

Joseph Ratzinger hat in seinen Schriften zur Liturgie eine theologische und spirituelle Vertiefung des Verhältnisses von „lex orandi“ und „lex credendi“ vorgenommen. Sein Vorwort zu „Theologie der Liturgie“, dem Band, mit dem die Veröffentlichung seiner Gesammelten Schriften im Jahr 2008 begann, enthält eine kurze Betrachtung über die Bedeutungsfülle des Begriffs „Orthodoxie“, die er versteht als die Verherrlichung Gottes, die den Menschen in das rechte Verhältnis zu Gott stellt und so sein ganzes Leben zu formen beginnt. Auch in seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ schreibt Joseph Ratzinger eindrücklich von der Bedeutung der rechten Weise, Gott zu verehren. In der Liturgie der Kirche drückt sich das Gottes- und Weltverständnis des christlichen Glaubens aus.

In einem Beitrag, den er nur wenige Monate vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri verfasste, legte Joseph Ratzinger folgende Bestimmung des Begriffs „Ritus“ vor: „Der ,Ritus‘, die im Glauben und Leben der Kirche gereifte Gestalt des Betens und Feierns, ist kondensierte Gestalt der lebendigen Überlieferung, in der ein Ritenraum das Ganze seines Glaubens und Betens ausdrückt und so zugleich die Gemeinschaft der Generationen erlebbar wird, die Gemeinschaft mit den Betern vor uns und nach uns. So ist der Ritus eine Vor-Gabe an die Kirche, lebendige Gestalt von Paradosis.“ Für unser Thema sind besonders die hier genannten diachronen Elemente des Ritus wichtig, die Ratzinger andernorts „das Beten mit den Vätern und den Aposteln“ nennt.

Bedeutung der Kirchenväter

Es ist zweifelsohne ein Wesenszug des christlichen Glaubens, sich immer wieder zu beziehen auf die Lehre und die Praxis des Zeitalters der Kirchenväter, die diesen Titel nicht von ungefähr tragen. Ein ausschließlich patristisches Ressourcement ist jedoch nicht hinreichend, wie das Beispiel der anglikanischen Oxfordbewegung zeigt, die auf der Theorie beruhte, dass die Church of England als einer der Zweige der ungeteilten frühen Kirche die Lehre der Väterzeit am besten bewahrt habe und somit die „Via Media“ – den Mittelweg – zwischen den Irrtümern des Protestantismus und den Entstellungen der römischen Kirche darstelle.

Es war die große Einsicht John Henry Newmans, dass bei diesem Rückgriff auf das christliche Altertum, auf dem die Theorie von der „Via Media“ ruhte, das Prinzip von der geschichtlichen Entfaltung der Glaubenslehre ignoriert wurde. Eine solche Entfaltung fand bereits im apostolischen Zeitalter statt und erfuhr im Mittelalter und in der Neuzeit eine authentische Fortsetzung in der Lehre der katholischen Kirche. Wie Newman in seinem „Essay on the Development of Christian Doctrine“ bemerkt, gilt dies nicht nur für die Glaubenslehre, sondern auch für den Gottesdienst. Um ein Bild des großen englischen Theologen aufzunehmen: Für die Geistesgeschichte im Allgemeinen gilt, dass ein Fluss nicht an der Quelle am klarsten ist, sondern erst, wenn er schon ein Stück Wegs zurückgelegt, sein Bett an Breite und Tiefe gewonnen hat und er zu einem kraftvollen Strom geworden ist.

Der breitere Begriff von Kirchenvater

Als problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang die Engführung des Kirchenväterbegriffs im 20. Jahrhundert, worauf Hubertus Drobner hingewiesen hat: „Die Begrenzung des Vaterbegriffs auf die Antike datiert erst aus moderner Zeit. Noch Jean Mabillon (1632–1707) betrachtete Bernhard von Clairvaux († 1153) als letzten der Väter.“ Dem entspricht auch, dass die von Jacques-Paul Migne im 19. Jahrhundert herausgegebene Druckreihe „Patrologia Latina“ mit Papst Innozenz III.  (gest. 1216) endet.

Dieser breitere Begriff von Kirchenvater liegt der Bulle „Quo primum“ zugrunde, mit der Papst Pius V. am 14. Juli 1570 die erste nachtridentinische Ausgabe des „Missale Romanum“ promulgierte. In „Quo primum“ stellt Pius V. fest, dass das Messbuch „nach der ursprünglichen Norm und dem Ritus der heiligen Väter (ad pristinam ... sanctorum Patrum normam ac ritum)“ wiederhergestellt worden sei. Damit wird die alte kirchliche Überlieferung in ihren rituellen Ausdrucksformen zur Norm erklärt, gemäß derer die unmittelbar vorhergehenden Ausgaben des Messbuches einer Reinigung von Überwucherungen im Sinne des Konzils von Trient unterzogen worden ist.

Entwicklung von Glaubenslehre und Gottesdienst

Wie Josef Andreas Jungmann bemerkt, wird dabei allerdings wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass „die gesamte Entwicklung der Zwischenzeit“, welche die Praxis der Gegenwart von der „Norm der Väter“ abhob, nicht beiseitegeschoben werden sollte, „soweit sie den Grundplan nicht störte, sondern maßvoll entfaltete“. Tatsächlich schreibt das „tridentinische Messbuch“ die auf die „Ordines Romani“ des Frühmittelalters zurückgehende römisch-fränkische Tradition fort, die sich seit dem Pontifikat Gregors VII. (r. 1073–1085) in der ganzen lateinischen Kirche zu verbreiten begann.

Im Sinne von Newmans Hermeneutik der Entwicklung von Glaubenslehre und Gottesdienst äußerte sich auch der Konzilstheologe Joseph Ratzinger auf seiner international beachteten Bamberger Katholikentagsrede aus dem Jahre 1966. Ratzinger gehörte zu den wenigen, aber bemerkenswerten Stimmen, die kritische Anfragen an die nachkonziliare Liturgiereform schon in ihren frühen, enthusiastischen Jahren stellten. In seiner Analyse zeigte er die Ambivalenz eines liturgischen Purismus auf, der von der Wiederbelebung einer vermeintlich klassischen Gestalt (in diesem Fall der römische Ritus vor der karolingischen Reform) umgeschlagen ist in eine undifferenzierte Neuerungssucht. Dabei blieb die spirituelle und kulturelle Vertiefung, welche die Liturgie im Mittelalter und in mancher Hinsicht auch in der Barockzeit erfahren hat, auf der Strecke. Ein solcher Zugang wird der organischen, wenn auch gelegentlich mäandernden Entwicklung der Liturgie in der Geschichte nicht gerecht.

Wegbereiter einer Entfaltung der Liturgie

Die Diskussion um Kontinuität und Bruch in der liturgischen Entwicklung hat nichts an Aktualität verloren und wird nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch vor einer breiteren Öffentlichkeit geführt. Joseph Ratzinger wurde zu einem Wegbereiter, der eine neue Generation von Forschenden anregte, das vorherrschende Paradigma infrage zu stellen, wonach die Geschichte vor allem der römischen Messe von einer frühen dynamischen Entfaltung über einen mittelalterlichen Niedergang zu einer frühneuzeitlichen Stagnation geführt habe. Durch seine wichtigen Beiträge förderte Ratzinger auch kritisches Nachdenken über die liturgischen Reformen des 20. Jahrhunderts und einen nüchternen Blick auf den gegenwärtigen Zustand des katholischen Gottesdienstes.

In seinem Pontifikat war sich Benedikt XVI. stark bewusst, dass die manifesten Brüche in der rituellen Praxis der Kirche seit dem II. Vaticanum eine Situation geschaffen haben, in der eine Wiedereinführung traditioneller liturgischer Formen mit päpstlicher Autorität weithin als ein neuer Bruch wahrgenommen würde. Indem er Möglichkeiten eröffnete, ohne sie verpflichtend vorzuschreiben, wollte Benedikt günstige Bedingungen für eine „organische“ Weiterentwicklung des römischen Ritus schaffen.

Eine Neulesung von Sacrosanctum Concilium

Die theologische Grundlage für diese konkreten Schritte seines Pontifikats findet sich in einer Neulesung (relecture) der Liturgiekonstitution des II. Vaticanums, die Joseph Ratzinger in einem Vortrag zum vierzigjährigen Jubiläum von „Sacrosanctum Concilium“ im Jahre 2003 in Trier skizzierte. Demnach sind zwei Ebenen zu unterscheiden, die sich durch den Konzilstext hindurch-ziehen. Erstens entwickelt die Konstitution „Prinzipien, die das Wesen der Liturgie und ihrer Feier ganz grundsätzlich und allgemein betreffen“. Davon ausgehend gibt sie zweitens „normative Anweisungen für die praktische Erneuerung der römischen Liturgie“. Diese gültigen Anweisungen sind für Ratzinger „mehr zeitgebunden als die grundsätzlichen Aussagen“.

Hinzu kommt in der konkreten Umsetzung der Liturgiereform eine dritte Ebene, „nämlich die vom ,Rat für die Ausführung der Liturgiekonstitution‘ erarbeiteten Reformen“. Ratzinger unterstreicht die Verbindlichkeit dieser „von der kirchlichen Autorität gesetzten Formen liturgischer Erneuerung […] für die Kirche von heute“, fügt aber hinzu, dass sie „nicht einfach mit dem Konzil als solchem identisch“ seien. Innerhalb des vom Konzil gesteckten Rahmens seien „unterschiedliche Realisierungen“ zulässig und wer „nicht alles an dieser Reform für geglückt und manches für reformierbar oder gar für überprüfungsbedürftig hält, ist deswegen noch kein Gegner des ,Konzils‘“. Vielmehr soll der Konzilstext „neu ,kontextualisiert‘, das heißt im Licht seiner Wirkungsgeschichte und unserer gegenwärtigen Lage gelesen werden“.

Ehrfürchtiges Achthaben auf das Geheimnis der Liturgie

Im Sinne dieser Hermeneutik kann auch der Aufruf von Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben über die liturgische Bildung des Volkes Gottes verstanden werden, „den Reichtum der allgemeinen Grundsätze, die in den ersten Nummern von ,Sacrosanctum Concilium‘ dargelegt sind, immer wieder neu zu entdecken“. Dabei sollten in der Rückschau auf fast sechzig Jahre Liturgiereform deren Stärken und Schwächen offen diskutiert werden können.

Auch wenn die konkrete Umsetzung der Konzilskonstitution in den Händen heiliger Päpste lag, kann dafür nicht die Unfehlbarkeit der Kirche wie in Sachen der Glaubens- und Sittenlehre beansprucht werden – ebenso wenig wie für die Liturgiereform des hl. Pius V. nach dem Konzil von Trient. Angesichts des engen Zusammenhanges von „lex orandi“ und „lex credendi” muss es auch möglich sein, aus weiterer Perspektive die Frage zu stellen, ob die tatsächliche Neuordnung des Gottesdienstes in jeder Hinsicht „in ehrfürchtigem Achthaben auf das Geheimnis der Liturgie“ erfolgte und damit einem zentralen Kriterium genügte, das Joseph Ratzinger aus dem Katechismus der Katholischen Kirche in Erinnerung ruft.

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