Kirchenlehrer

„Lebensnah bleiben“ mit der Therese von Lisieux

Die heilige Therese von Lisieux (1873–1897) lehrt die Heiligung des Alltags durch die Treue in den kleinen Dingen. 
Therese von Lisieux will auch als Kirchenlehrerin nicht eitel werden
Foto: KNA-Bild (KNA) | Therese von Lisieux will auch als Kirchenlehrerin nicht eitel werden.

Liebe Therese, bist Du die Quotenfrau unter den Kirchenlehrern?

Als Ordensschwester (-sie lacht-) bin ich gewohnt, alles im Gehorsam zu tun. Wenn Papst Johannes Paul II. also auf die Idee kam, mich zur Kirchenlehrerin zu erheben, dann will ich das nicht nutzen, um eitel zu werden. Gott will einfach das bekannt machen, was er durch mich gewirkt hat. Und wenn wir schon mit dem Rechnen anfangen, dann dürfen wir bitte auch die Nullen nicht vergessen.

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Ja, ich habe einmal gesagt, ich bin nur eine Null. Denn ich bin klein, schwach und unvollkommen. Aber wenn man die Null hinter eine Zahl setzt, dann wird sie verzehnfacht. So bin auch ich ganz viel wert, wenn ich mich nicht selbst im Spiegel prüfe, sondern mich nur zusammen mit Jesus sehe. So frage ich jetzt: Wie wäre es, einmal die großen Kirchenlehrer wie Augustinus oder Thomas von Aquin noch einmal im Spiegel meiner einfachen, leicht fasslichen Worte zu lesen? Könnte es vielleicht Liebe zu Gott verzehnfachen?

Aber Du hast doch etwas Eigenes zu sagen? Hast Du nicht eine Revolution in der Spiritualität angezettelt?

Ach, das sind so die Aufreger in Eurer Zeit. Da muss etwas immer ganz anders, ganz neu und außergewöhnlich sein. Ich wollte aber den kleinen Weg gehen, ganz gewöhnlich und unscheinbar. So lest Ihr mich am besten wie ein weit geöffnetes Fenster, durch das Ihr in die weite, wunderbare Landschaft der großen katholischen Lehre schauen könnt.

Also lesen sollen wir Dich schon?

Ehrlich gesagt, ich habe immer gerne geredet und ebenso gerne geschrieben. Das ging mir einfach leicht von der Hand, und Gott hat mir die Gabe verliehen, Menschen ganz direkt anzusprechen. Einem meiner Missionare habe ich einmal gesagt: „Seien Sie einfach mit dem lieben Gott, aber auch mit mir!“ So wollte ich es haben: keine komplizierte Sprache, die nur dreimal Promovierte verstehen; keine Erklärungen des Glaubens, die schwerer verständlich sind als das Glaubensbekenntnis; immer alles anschaulich, fasslich und praktisch. Ja, vielleicht ist das eine besondere Gabe, die Gott uns Frauen gegeben hat, wenn wir nicht nur in der Männerwelt mithalten wollen: lebensnah bleiben; wissen, was dem Anderen wirklich weiterhilft; Mitgefühl mit den Schwachen, Ängstlichen, Verletzten und Kleinen haben und für sie daran glauben, dass sie trotz allem wachsen können.

Das hört sich verlockend an. Welche Deiner Schriften würdest Du jetzt besonders empfehlen?

Oh, kommt jetzt die Werbepause? Aber ich darf doch sagen: Wenn ich zurückschaue, ich würde alles wieder so schreiben wie damals. Deshalb möchte ich erst einmal jedem meine „Geschichte einer Seele“ schenken. Da hinein habe ich alles gelegt, was ich beim Abenteuer meiner Berufung von Kindesbeinen an bis zu meinen letzten Monaten in der Krankheit erlebt habe. Aber vielleicht macht jemand auch Entdeckungsreisen in meinen vielen Gelegenheitsschriften. Da sind meine acht Theaterstücke, meine vielen Gebete (darunter auch die „Weihe an die barmherzige Liebe“) und Hunderte von Briefen. Aber ich bin auch dankbar, dass meine Schwestern sich die Mühe gemacht haben, meine letzten Gespräche bis zu meinem Sterben aufzuzeichnen. Gesundheit und Krankheit, Leben und Sterben, das sind ja Themen, mit denen Ihr Euch viel schwerer tut als wir damals.

Was ist der springende Punkt Deiner Lehre?

Da wird jeder sicher seinen ganz persönlichen Punkt entdecken. Wenn Ihr aber sozusagen etwas fürs Lehrbuch haben wollt, dann ist es sicherlich der kleine Weg. Dafür habe ich gebrannt. Meine Schwestern, meine Novizinnen, meine Briefpartner und Missionare, ja selbst Menschen, die weit in die Irre gegangen sind, sie alle sollten wissen: Egal wie klein, wie schwach, wie mutlos oder wie schuldbeladen Ihr seid, es gibt für Euch alle einen Weg mit Gott und zu Gott. Ihr müsst nur immer vertrauen, dass Gottes Barmherzigkeit noch nicht erschöpft ist. Sie findet immer Wege. Ihr müsst sie nur gehen. Und darum kommt zum Vertrauen auch die Liebe. Begreift, dass Ihr Euch nur dann selbst findet, wenn ihr immer mehr liebt. Erst wer Gott und den Nächsten liebt, wird selbst so, wie Gott ihn gemeint hat.

Aber wo bewähren sich die Instrumente bei der Arbeit?

Ich wollte Allzweckwerkzeuge schaffen, und herausgekommen ist eben der „kleine Weg“. Er bietet für alle etwas, außer für die, die meinen, etwas Außergewöhnliches sein zu müssen. Also etwa für Menschen mit schwachen Kräften, vielleicht auch mit Krankheiten oder einer Überempfindlichkeit. Diese Menschen brauche sich nicht immer wieder daran zu stoßen, was sie alles nicht können, sondern sie können ganz kleine Dinge mit Liebe und Sorgfalt erfüllen und wissen, dass sie Jesus damit eine Freude machen. Oder da leidet einer an der Kirche, regt sich über alles Mögliche auf, ist aber in der Gefahr, darüber bitter und hart zu werden. Der kleine Weg lässt ihn auf sich selbst schauen: Was ist mir selbst möglich, damit die Kirche lebendig ist? Wo kann ich meinen Platz in der Kirche mit Gebet, mit Liebe und mit einer helfenden Hand ausfüllen?

Nochmal zurück zur Revolutionärin. Du hast doch einmal gesagt: Ich entdecke in mir die Berufung zum Priester. Bist Du die Patronin des Priestertums der Frau?

Oh je, die Kette der Missverständnisse meiner Lehre ist beinahe so lang wie die Zahl meiner Wunder. Im Karmel habe ich ganz besonders für die Heiligung der Priester gebetet und geopfert, und leider habe ich auch immer wieder erfahren, dass die Geistlichen ziemlich weltlich waren. Ihr Herz war nicht voll von der Liebe zu Gott, nicht einmal im heiligsten Moment der Wandlung. Da hätte ich gerne selbst all meine Liebe in die Feier der Messe, in die Predigt oder in das missionarische Wirken hineingegeben. Dass ich nicht selbst Priester werden konnte, war mir dabei selbstverständlich klar. Diese Schranke half mir aber gerade, viel tiefer meine Berufung zu erkennen: „Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein... so werde ich alles sein.... so wird mein Traum Wirklichkeit werden!!!“ In der Kirche geht es nicht darum, dass ich selbst besondere Plätze innehabe. Es geht um eine Gemeinschaft der Liebe, durch die ich wirklich in allen anderen sein kann.

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Also keine Kirchenrevolutionärin. Aber dann doch eine, die sich gegen eine repressive, engstirnige, neurotische Familie durchsetzen musste?

Nein, so etwas zu hören tut mir einfach zutiefst weh. Meinen Eltern und Geschwistern verdanke ich nach Gott alles, was ich bin. Wir waren eine frohe, liebevolle Familie, die jedem von uns gerecht werden wollte. Dass meine Eltern heiliggesprochen wurden, war im Himmel für mich ein Freudentag. Denn sie haben uns den Glauben so vorgelebt, dass er ganz rein und stark in uns allen aufkeimen konnte. Und wenn ich eines für eure Zeit herausstreichen darf: Ja, meine Eltern und die älteren Geschwister hatten klare Prinzipien, und da kannten sie kein Pardon. Dafür bin ich ihnen besonders dankbar. Denn ich wäre sonst wirklich eine verwöhnte Göre geworden und hätte es später im Karmel keine zwei Wochen ausgehalten. Jedem Kind gerecht zu werden heißt eben nicht, ihm alles durchgehen zu lassen. Gerade bei seinen Schwächen und Fehlern muss man konsequent bleiben – natürlich immer mit Liebe und Verständnis, wenn es ihm schwerfällt.

Zum Schluss: Was ist dein Rat für heutige Christen?

Wachst im Vertrauen auf Gott und in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und lasst euch dabei durch nichts beirren. Daran werden wir ja einmal gemessen.


Lesetipp:

Therese von Lisieux: Geschichte einer Seele.
Herausgegeben von A. Wollbold. Herder, 2019,
ISBN 978-3-451-31337-0

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