„Katholische Aufklärung“

Eine Tagung widmet sich der Frage der Vereinbarkeit zweier ungleicher Geschwister. Von Markus Christopher Müller

Denken Sie selbst einmal kurz nach und benennen Sie dann zehn bekannte und wichtige Aufklärer. Wie viele Katholiken wären darunter? Der katholische Priester und in Fribourg lehrende Historiker Harm Klueting warf dieses provokante Gedankenspiel in seinem einleitenden Plenarvortrag auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts (DGEJ) in Münster auf. Die Konferenz stand dieses Jahr unter der Thematik „Katholische Aufklärung zwischen Europa und Nordamerika“. Das letzte Mal war die „katholische Aufklärung“ im Jahr 1988 Thema einer Jahresversammlung der DGEJ gewesen. Doch auch dreißig Jahre später stand die Frage im Raum: „Katholische Aufklärung? – Ist das denn nicht eine contradictio in adjecto“, ein Widerspruch in sich?

Doch zunächst zur Tagung selbst: In über 30 Vorträgen versuchten Historiker, Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker, Kirchenhistoriker und Erziehungswissenschaftler, sich dem Phänomen in seiner jeweiligen konkreten historischen Ausformung zu nähern. Die Schwerpunktsetzungen waren vielfältig: So wurde die Historiographie der Mauriner im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts ebenso wie die Rezeption der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung in den Werken süddeutscher Benediktiner thematisiert. Die Schulreformen in den katholischen Kantonen der Schweiz und die Aufklärung im Kloster Einsiedeln fanden ebenso Beachtung wie die Aufklärung im Spanien der Bourbonenkönige, die Unabhängigkeitsbewegung in Irland oder gar die Insel Haiti, wo das politische Denken des abgefallenen Priesters und Revolutionstheoretikers Henri Grégoire rezipiert wurde. Mehrere Vorträge widmeten sich, dem Thema der Jahresversammlung folgend, auch dem Phänomen „katholische Aufklärung“ in Nordamerika und den im ausgehenden 18. Jahrhundert gerade erst konstituierten Vereinigten Staaten von Amerika. Deutlich wurde, wie gerade auch katholische Einwanderer mit ihren Forderungen nach religiöser Toleranz, die im Gegensatz zur offiziellen Haltung des päpstlichen Lehramtes stand, die USA in ihrer Gründungszeit geprägt hatten.

Doch auch Individuen fanden gezielte Beachtung: Der von Barbara Stollberg-Rilinger auf Maria Theresia gerichtete Blick konnte viele Klischees beseitigen, ohne jedoch zu versuchen, Kohärenzen erkennen zu wollen, wo die menschliche Natur eben ohne solche auskommt. Sie zeichnete ein Bild der Regentin, die, so Stollberg-Rilinger, niemals damit einverstanden gewesen wäre, sich als „aufgeklärt“ bezeichnen zu lassen. Trotz persönlicher echter Frömmigkeit scheute die Kaiserin nicht davor zurück, auch Konflikte mit ihrer eigenen Kirche auszutragen. Überzeugt vom göttlichen Auftrag ihrer Dynastie ging sie aber auch rücksichtslos gegen Protestanten und Juden vor und pflegte ein religiöses Leben ganz im Sinne der österreichischen Frömmigkeit des Hauses Habsburg. Gerade die Beschäftigung mit den Einzelpersonen und ihrem Verhältnis zur Aufklärung sei vielversprechend. Denn nachträglich herangetragene Schemata der Historiker würden der Spannung eben nicht gerecht werden, die der Mensch des 18. Jahrhunderts noch aushalten konnte. Akteure unter den Forschungsbegriff „katholische Aufklärung“ einzuordnen, die sich selber gerade nicht als aufgeklärt, sondern sogar als Gegner der aus ihrer Sicht gottlosen Aufklärung betrachtet hätten, sei begrifflich zumindest fragwürdig.

Auch wurde nicht bei allen Vorträgen klar, was der Beitrag nun mit dem der Tagung vorangestellten Oberbegriff zu tun haben sollte. Diese Beobachtung zeigt nur ein viel tiefer liegendes begriffliches Problem auf. Wenn man, wie beispielsweise der in den USA lehrende Kirchenhistoriker Ulrich Lehner, in einem eher theologiegeschichtlichen Zugang einen sehr weiten Aufklärungsbegriff verwendet, dann fallen quasi sämtliche innerkirchliche Reformanliegen des 18. Jahrhunderts unter das Verdikt „katholische Aufklärung“. Aber kann man die „katholische Aufklärung“ als verspätete Umsetzung der Reformanliegen des Konzils von Trient verstehen, welche in den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ihren Durchbruch feierten? So deutet es zumindest Ulrich Lehner in seiner im Jahr 2016 erschienenen Monographie mit dem sprechenden Titel „On the Road to Vatican II: German Catholic Enlightenment and Reform of the Church“ an. Lehner versuchte in seinem Plenarvortrag gerade die theologische und auch geistliche Dimension seines Verständnisses von „katholischer Aufklärung“ herauszuarbeiten. Vielen der anwesenden Wissenschaftler schien dies Perspektive jedoch zu sehr auf den theologischen Binnenraum beschränkt zu bleiben. Es wurden sogar Stimmen laut, die davor warnten, in eine neue Apologetik zurückzufallen, die die Reformanliegen der „katholischen Aufklärung“ zur Legitimierung ihrer eigenen aktuellen Reformforderungen heranzöge. Denn bereits die katholischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts hatten teils die Aufhebung des Zölibats, die Einführung der Landessprache in der Liturgie, die Reduzierung von Prozessionen, Wallfahrten und anderen Formen barocker Frömmigkeit, aber auch eine ökumenische Öffnung, die Einführung der historisch-kritischen Methode und eine praxisnahe Ausbildung der Theologen gefordert. Kann man diese Linien vom 18. Jahrhundert direkt in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ziehen? Der erst jüngst als Ordinarius für Dogmatik an die Westfälischen Wilhelms-Universität Münster berufene Michael Seewald bezweifelte jedenfalls die historische Gültigkeit eines solchen Vorgehens in der Abschlussdiskussion. Wohl eher hätten sich die Konzilsväter selbst wieder mehr mit den Kirchenvätern beschäftigt und seien durch die im Protestantismus weit stärker durchgesetzten aufgeklärten Vorstellungen auf ähnliche Reformanliegen für das 20. Jahrhundert gestoßen. Ein indirekter Zusammenhang ist also sicher nicht zu leugnen, das Ziehen einer einzigen großen Linie aber wohl historisch doch zu simplifizierend.

Auch Barbara Stollberg-Rilinger, mittlerweile eine der angesehensten Frühneuzeithistorikerinnen im deutschsprachigen Raum, sprach sich mit Blick auf diese Aktualisierungsbemühungen der Forschungen zur „katholischen Aufklärung“ für eine Versachlichung der Debatte aus. Noch immer sei es ein Problem, dass sich ausschließlich Katholiken mit dem Phänomen der „katholischen Aufklärung“ auseinandersetzen, meist dann wohl doch mit einem zumindest indirekten theologischen Anliegen. Wünschenswert sei es deshalb, dass sich in Zukunft auch Protestanten oder konfessionell ungebundene Forscher mit der „Aufklärung im katholischen Deutschland“, wie sie das Phänomen lieber bezeichnet wissen wollen, beschäftigten.

Grundkonsens der Teilnehmer war, dass sich der Forschungsbegriff „katholische Aufklärung“ als produktiver „Suchbegriff“ erwiesen hat, wie es Steffen Martus formulierte, der in Berlin Literaturwissenschaft lehrt und im Jahr 2015 mit seinem Buch „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild“ ein Überblickswerk zum Zeitalter der Aufklärung vorgelegt hat. Mit einem solchen etablierten Suchbegriff sei es gelungen, weiße Flecken der bisherigen Forschung, besonders des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, aufzuzeigen. Denn, dies sei heute nicht mehr zu bestreiten, auch in den katholischen Territorien des alten Reiches, ja ganz Europas gab es das Phänomen der Aufklärung. Die bisherige konfessionelle Fokussierung innerhalb der Forschung habe geholfen, dies nachzuweisen. Jedoch sei zu fragen, ob es nach den Zeiten des Suchens nicht zu einer Normalisierung kommen müsse. Zukünftig sei deshalb darauf zu achten, die Vernetzungen der Aufklärung und ihrer Akteure auf Seiten der Katholiken noch mehr und fundierter innerhalb des gesamteuropäischen, vielleicht sogar globalen Phänomens der Aufklärung zu verorten.

Soviel lässt sich festhalten: Es gab Aufklärung unter Katholiken, wie es sie unter Protestanten, Orthodoxen und Juden gab. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Bewegung unter Katholiken gleichermaßen wirkmächtig war. Deshalb kann mit Recht gefragt werden, ob der Ausdruck „katholische Aufklärung“ geeignet ist, um der Vielzahl reformkatholischer Strömungen im 18. Jahrhundert gerecht zu werden. Anstelle von Vereinheitlichungen und großen Linien bis in die Gegenwart ist somit die Arbeit am Detail gefordert: genug Stoff für künftige Tagungen und Publikationen.

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