Katholisch werden oder einander zuhören und beten?

Im Mai hat der Präfekt der römischen Glaubenskongregation Erzbischof Ladaria das Nein zur Frauenweihe bekräftigt Ein ökumenisches Hindernis? – Eine lutherische Replik. Von Bischof Hans–Jörg Voigt, D.D.
Ökumenische Taufe
Foto: KNA | Bischof Hans-Jörg Voigt während eines ökumenischen Gottesdienstes 2007 zur wechselseitigen Anerkennung der Taufe im Magdeburger Dom. Im Vordergrund Karl Kardinal Lehmann.

Es ist zum katholisch werden! – Dieser Stoßseufzer wird der Psychotherapeutin Christa Meves zugeschrieben, die 1973 bis 1984 berufenes Mitglied der EKD-Synode war und dann 1987 genau dies tat, was sie mal seufzte, nämlich aus der Evangelischen Kirche austrat und katholisch wurde. Genauer gesagt: römisch-katholisch.

Es wird so manchen lutherischen Christen in der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) geben, der angesichts der seit 46 Jahren in der SELK geführten Debatte über die Ordination von Frauen zum Hirtenamt diesen Stoßseufzer zumindest nachempfinden kann und vielleicht sogar etwas neidisch auf die römisch-katholische Kirche blickt. Da scheint es doch viel einfacher zu sein: Spätestens seit Papst Johannes Paul II. in „Ordinatio sacerdotalis“ 1994 kraft seines römisch-katholischen unfehlbaren Lehramtes erklärte, „dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“. Der Papst sah sich zu dieser Klarstellung veranlasst, weil man „die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe (…) in unserer Zeit dennoch verschiedenen Orts für diskutierbar“ halte oder „der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zuschreibe.“

Das „Roma locuta“ erweist sich in unserer Zeit jedoch nicht als „causa finita“ und änderte nichts daran, dass die Debatte über die Frauenordination auch in der römisch-katholischen Kirche während der letzten 14 Jahre seit „Ordinatio sacerdotalis“ nahezu unvermindert anhält und nach meiner Prognose auch weiterhin anhalten wird. Der Debatte entkommt man nicht, indem man, wie Christa Meves „katholisch“ wird.

Die Debatte um Frauenordination in der SELK

Seit 46 Jahren hält man auch in der SELK das Thema „Frauenordination“ für eifrig diskutierbar. Die SELK bindet sich nach ihrer Grundordnung an die „Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes als an das unfehlbare Wort Gottes, nach dem alle Lehren und Lehrer der Kirche beurteilt werden sollen“ und an das Konkordienbuch von 1580, die Sammlung altkirchlicher und lutherischer Bekenntnisse, „weil in ihnen die schriftgemäße Lehre bezeugt ist“. Innerhalb dieses Bezugsrahmens kennt die lutherische Kirche gleichwohl ein Lehramt, wenn es nämlich im Augsburger Bekenntnis heißt, dass es zu den genuinen Aufgaben der Bischöfe gehört, „Lehrefragen zu entscheiden (und) Lehre, die gegen das Evangelium ist, zu verwerfen…“ (CA 28).

Das bedeutet: In der lutherischen Kirche kommen die Bischöfe und Pfarrer mit ihren Gemeinden gar nicht umhin, darüber zu diskutieren, wie die Aussagen des unfehlbaren Wortes Gottes auch zu der Frage nach der Zulässigkeit der Ordination von Frauen zu verstehen sind. Dazu muss die Kirche zunächst einen Konsens über die zugrunde gelegte Hermeneutik finden. Wir kommen nicht einen Schritt weiter, wenn wir uns lediglich gegenseitig die einschlägigen Schriftstellen wie beispielsweise 1 Kor 14, 1 Tim 2 oder Gal 3, 28 vorhalten.

Als ich im Rahmen der Bischofswahlsynode der SELK im April dieses Jahres gleich zu Beginn von Synodalen gefragt wurde, ob ich als Bischof für den Fall, dass die Ordination von Frauen in der SELK eingeführt würde, solche Ordinationen auch selbst vornehmen würde, habe ich mich klar positioniert und geantwortet: „Gegen das Gewissen etwas zu tun, ist weder sicher noch heilsam, sagt Martin Luther. Das würde wohl auch niemand von mir erwarten. Gleichwohl weiß ich auch, dass man eine Kirche nicht gegen ihren erklärten Willen leiten kann. Ich würde dann für geordnete Übergänge im Bischofsamt sorgen.“

Erschreckt hat mich jedoch die Vehemenz, mit der die Befragung der Bischofskandidaten gleich mit dieser Frage einsetzte. Ich bin der festen Überzeugung, dass Gott vielleicht der nächsten Generation die richtigen Antworten ganz leicht in den Schoß legen wird, wenn es uns gelingt, weiterhin in Geduld einander zuzuhören und zu beten.

Wir haben es in nun fast 50 Jahren gelernt, dass die theologische Debatte sehr viel differenzierter zu führen ist. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Gegner und Befürworter der Frauenordination dies tun, dass wir in der Kirche beieinanderbleiben und im Gebet um Einmütigkeit, um einen magnus consensus auch in dieser Lehrfrage Rücksicht nehmen „auf den derzeitigen – als je bindend empfundenen – Stand der Einsichten in die unterschiedliche Auslegung der Heiligen Schrift“. So formuliert es der geltende Beschluss sowohl des 11. Allgemeinen Pfarrkonventes der SELK (2009) als auch der 11. Kirchensynode (2011). Nach Jahrzehnten mehr oder weniger geduldigen gegenseitigen Zuhörens haben wir uns in der SELK auf folgende, wie ich meine, sachgerechte Differenzierungen geeinigt:

1. Die Frage, ob Frauen zum Hirtenamt der Kirche ordiniert werden können, ist keine Ordnungsfrage, die die Kirche so oder anders regeln kann, sondern eine Lehrfrage.

2. Für die SELK bleibt die Lehrentscheidung, wonach nach dem Zeugnis der Hl. Schrift die Ordination von Frauen zum Hirtenamt der Kirche nicht möglich ist, auch weiterhin in Geltung.

3. Der Artikel 7(2) der Grundordnung der SELK, der dies so regelt, bleibt geltendes kirchliches Recht.

4. Es wird festgestellt, dass es zu dieser Lehrentscheidung unter Pfarrern und Gemeindegliedern unterschiedliche Lehrmeinungen gibt.

5. Es wird festgestellt, dass das Vorhandensein abweichender Lehr-Meinungen zu der weiterhin geltenden Lehr-Entscheidung derzeit nicht als kirchentrennend erachtet und weiterhin gemeinsam geduldig und in Liebe getragen und ausgehalten werden müsse.

6. Es wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass der Heilige Geist Gottes der Kirche auch in dieser Frage durch das gemeinsame Hören auf Gottes Wort in der Heiligen Schrift irgendwann die geistliche Einmütigkeit schenken wird.

Die Relevanz des „Ökumene-Arguments“

Traditionen der kirchlichen Praxis, aber auch das Argument, die Mehrheit der Christenheit praktiziere keine Ordination von Frauen, sind daher nur Hilfsargumente.

Gleichwohl ist der Blick sowohl auf die innerlutherische sowie die sonstige Ökumene selbstverständlich von Bedeutung.

Würde die SELK die Frauenordination einführen, würde sie sich innerhalb des konkordienlutherischen Weltluthertums, organisiert im Internationalen Lutherischen Rat (ILC) komplett isolieren. Bedauerlicherweise neigen wir in Deutschland, und das gilt konfessionsübergreifend, zu einem kirchlich-theologischen Provinzialismus, der in merkwürdigem Widerspruch zur sich parallel vollziehenden Globalisierung steht. Ich halte es daher für ökumenisch fahrlässig zu ignorieren, dass auch die Christenheit als „global village“ zu verstehen ist, das angesichts einer in vielen Weltgegenden (auch und nicht zuletzt in Deutschland) fortschreitenden Minorisierung auf Einmütigkeit nicht verzichten kann. Das gilt für die Debatte um die Ordination von Frauen, die in Westeuropa oder Nordamerika eine Rolle spielt. Und das gilt auch für die aktuelle Diskussion um die Interkommunion. Den Einspruch der sieben römisch-katholischen Bischöfe gegen die „Handreichung“ und ihre Frage, ob durch die dort getroffenen Festlegungen „grundsätzlich der Glaube der Kirche und die Einheit“ angefragt seien und dies eben nicht provinzialkirchlich zu regeln sei, kann ich gut nachvollziehen. Gleichwohl wendet die SELK in ihrer gemeindlichen Praxis bei der Zulassung anderskonfessioneller Ehepartner und Gäste die orthodoxe Unterscheidung von „akribeia“ und „oikonomia“ an. Die SELK hält damit „akribisch“ am Grundsatz fest, dass Gemeinschaft am Tisch des Herrn volle kirchliche Gemeinschaft voraussetzt und geht damit in christlicher Haushalterschaft (oikonomia) seelsorgerlich um, indem nach einer Lehrunterweisung eine Zulassung durch den Ortspfarrer erfolgen kann. In einem bereits 1976 erschienenen Beitrag warnt der evangelische Theologe Eberhard Jüngel sowohl vor einem, nicht über die eigene Kirchenprovinz hinausblickenden theologischen Provinzialismus als auch vor einer „Form ökumenischer Zerstreutheit und Oberflächlichkeit, in deren Konsequenz dann an die Stelle des landeskirchlichen ein globaler Provinzialismus tritt“. In Anlehnung an Luthers Litanei (1528) fügt er hinzu: „Davor behüte uns, Herre Gott!“

Der Autor ist seit 2006 Bischof der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK).

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