Institution minus Religion

Was ein evangelischer Theologe bei den Protestanten vermisst. Von Barbara Stühlmeyer
Kirchentag Berlin
Foto: dpa | Wer vermutet hinter der bunten Hülle den Glockenturm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche? Für Besucher des Evangelischen Kirchentags im Mai 2017 war er nicht auf Anhieb als Teil eines Gotteshauses erkennbar.

Auf die Frage, was der evangelischen Glaubensgemeinschaft fehlt, pflegt Katholiken, wie man ganz ohne Ironie feststellen kann, eine Menge einzufallen. Beginnend bei den Sakramenten über das Verständnis der Eucharistie bis zur Frage des Amtes erstreckt sich ein breites Spektrum von sinnstiftender Wirklichkeit, die man zu Recht bei unseren protestantischen Brüdern und Schwestern vermissen kann. Aber damit hört es keineswegs auf. Die Liste dessen, was Ralf Frisch, Kirchenrat und Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg an seiner Kirche fehlt, ist von beträchtlicher Länge und erstreckt sich über 280 Seiten voll komprimierter, scharfsinniger und pointiert formulierter Situationsanalyse. Was den Autor zu diesem sachlich präsentierten, in seinen Tiefenschichten aber höchst emotionalen Ausbruch bewegt, ist die Liebe zu Jesus Christus, dessen Gegenwart ihm in manch einer Erscheinungsform der gegenwärtigen evangelischen Glaubensgemeinschaft nur schwer erkennbar erscheint.

Der Grund dafür: Die evangelische Kirche, so Frisch, sei kein Raum mehr, an dem man die Erfahrung der Gegenwart des Heiligen machen kann und viele ihrer Vertreter stehen nicht mehr zu ihren religiösen Inhalten. Das ist starker Tobak, aber es stimmt und deshalb ist es befreiend, dies auch einmal schwarz auf weiß von jemandem zu lesen, der es gut mit seiner Glaubensgemeinschaft meint.

Was die evangelische Glaubensgemeinschaft aus Frisch's Sicht braucht, sind keine weiteren Analysen, die nach Gründen dafür suchen, dass Menschen sich von der sichtbaren Institution Kirche abwenden, sondern deren Umkehr. Die aber betrifft jeden Einzelnen und deshalb geht der Autor dieses überaus lesenswerten Buches, in dem eine Menge steht, das man auch von der katholischen Kirche sagen kann, das Wagnis ein, im Singular zu schreiben. Er berichtet von seiner Sicht, seinen Erfahrungen und dem Echo, das er erhält, wenn er den Finger in die zahlreichen Wunden seiner Glaubensgemeinschaft legt.

Wirklich bemerkenswert ist Frisch's Statement, dass die reformatorischen Glaubensgemeinschaften dadurch, dass sie sich nicht als Mittlerinnen des Heils verstehen, den Keim der Selbstauflösung bereits von Anfang an in sich tragen. Man muss damit leben, so Frisch, „dass das, was die Kirche evangelisch macht, die sichtbare Kirche zum Verschwinden bringt“.

Frisch ist überzeugt, dass die christliche Theologie – und hier dürfen sich auch katholische Theologieprofessoren an die Brust schlagen, die der Überzeugung sind, dass Wissenschaft und Frömmigkeit auf unterschiedlichen Planeten angesiedelt werden müssen – sich die Religionskritik von Karl Marx ein wenig zu unreflektiert zu Eigen gemacht und deshalb die bewusstseinserweiternde Wirkung der Religion in Bausch und Bogen verdammt hat. Das ist bedauerlich, denn im Gegensatz zu dem, was Marx mutmaßte, handelt es sich bei dieser um die nüchterne Trunkenheit, deren Risiken und Nebenwirkungen im Gegensatz zu denen des von Marx zum Vergleich herangezogenen Opiums durchweg positiver Natur sind.

Vom Geheimnis des Glaubens zu weit entfernt

Obwohl die Christen sich ohne Zweifel in Politik einmischen müssen, beispielsweise wenn es darum geht, dagegen zu protestieren, dass Menschen getötet werden, bevor sie eine Chance hatten, das Licht der Welt zu erblicken, geht es zu weit, dass, wie Frisch konstatiert, nur noch politisiert wird und „Religion in der evangelischen Kirche zum Bedauern vieler religionssehnsüchtiger Christen und Nichtchristen kein Thema mehr ist“ – und, man lese hier langsam und bewusst weiter, „keinen selbstständigen Ort neben Politik, Sozialromantik, Ökonomiekritik, politischer Bildung und Ethik mehr hat“. Der Autor plädiert deshalb mit Entschiedenheit dafür, dass seine Kirche die Tatsache, dass Jesu Reich eben nicht von dieser Welt ist, wieder ernst nimmt.

Dafür aber ist es nötig, dass deren Geistliche wieder spirituelle Menschen werden. Hier dürfen sich katholische Priester mit angesprochen fühlen. Denn wer behauptet, wie es inzwischen viele von ihnen tun, dass er nicht mehr dazu käme, täglich Laudes und Vesper zu beten, hat entweder keine Ahnung von Zeitmanagement, seinen Beruf verfehlt oder die Orientierung verloren. Wer so weit vom Weg abgekommen ist, würde es vermutlich auch für verständlich halten, dass Fußballer feststellten, dass sie keine Zeit mehr zum Trainieren haben. Im Gegensatz zu Pfarrern, die nicht mehr beten, würden trainingsfaule Fußballer allerdings schnell vom Platz gestellt, um den Erfolg der Mannschaft nicht zu gefährden.

Die evangelische Kirche ist, wie Frisch mit bemerkenswerter Deutlichkeit konstatiert, vom Geheimnis des Glaubens deshalb so weit entfernt, weil sie sich „einer wesentlichen Dimension beraubt, die sie erst zur Kirche macht“. Deshalb ist sie „trotz aller Aktivitäten, die sie pflegt, leer und in spiritueller, erkenntnistheoretischer, metaphysischer und ästhetischer Hinsicht eine Enttäuschung“. Letzteres hält der Autor zu Recht für einen Geburtsfehler seiner Kirche.

Das einzige, was an ihr zweifelsfrei ästhetisch ansprechend ist und sein darf, ist die Kirchenmusik. Das stimmt und es wäre gut, wenn sich das herumspräche und dann änderte, denn die Schönheit des aufsteigenden Weihrauchs vernebelt nicht den Verstand, sondern öffnet die Sinne, ebenso wie farbenfrohe und die Kirchenjahreszeiten anzeigende Gewänder. Der Mensch ist durch das gefriergetrocknete Wort allein nicht erlösbar, es bedarf eines sinnlich erfahrbaren, sich inkarnierenden Gottes und deshalb ist auch in den Diensten, die ihn feiern und die Erlösung in der Erinnerung gegenwärtigsetzen, die Sinnlichkeit kein Hindernis, sondern ein Weg. Das aber sieht die evangelische Gemeinschaft schwer ein, findet Frisch. Sie betreibe stattdessen gerade im universitären Bereich eine Art vorauseilende Selbstabschaffung, vor allem um nicht der Intoleranz geziehen zu werden, die sie noch mehr fürchtet als sprichwörtlich der Teufel das Weihwasser. Und die Gläubigen, oder, sofern sie dies nicht mehr vermögen, die Suchenden, finden in Akademien für evangelische Erwachsenenbildung ein breites Angebot fernöstlicher Meditationstechniken oder wandern lieber gleich in katholische Klöster ab. Letzteres kann man ebenso empfehlen wie die Lektüre dieses geistreichen Buches, das trotz aller treffsicheren und leider sehr realistischen Analyse eine verzweifelte Liebeserklärung des Autors an seine Kirche ist.

Frisch, Ralf: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische

Denkanstöße. Evangelische Verlagsanstalt, 2017, 280 Seiten,

ISBN 978-3-374-05030-7, EUR 24,–

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