Im marianischen Tagesrhytmus

Ein Gebets- und Betrachtungsbuch in der Tradition der Kartäuser. Von Jhos Levy
"La Virgen de las Cuevas", (zwischen 1644 und 1655) von  Francisco de Zurbarán
Foto: IN | Unter dem Schutzmantel Mariens sah der spanische Maler Zurbarán die Kartäuser: „La Virgen de la Cuevas“ im Museum der Schönen Künste in Sevilla.

Bücher von Kartäusern und über diesen Orden haben im deutschen Sprachraum, aber auch darüber hinaus, Seltenheitswert. Das hat seine Ursache in der radikalen kartusianischen Gottessuche der anbetenden Stille vor dem Schöpfer allen Seins. Das Schweigen und die Zurückgezogenheit in der Zelle wird nur fünfmal am Tag unterbrochen: zur Mitternachtsmesse, Hochamt, Laudes und Vesper und während einer kurzen Erholung zur Mittagszeit. Einmal wöchentlich unternehmen die Mönche zusammen einen vierstündigen Spaziergang. Ansonsten verbringen die Patres ihr Leben in der Stille ihrer Zelle und widmen sich der Anbetung und der geistlichen Lesung.

„Getrennt von allen, sind wir eins mit allen, damit wir stellvertretend für alle vor Gott stehen“, heißt es in ihren Consuetudines genannten Statuten. Und auf ihrer Website – deren bloßes Vorhandensein schon wie ein Wunder wirkt – wird der User unmissverständlich gewarnt: „Sie werden hier nichts oder nur wenig von dem finden, was die gegenwärtige Welt schätzt.“ Ludolf von Sachsen (1300–1377), einer der ersten Kartäuser, nahm vorweg, was auch heute noch für die Nachfolger des Heiligen Bruno verbindlich bleibt: „Dazu muss man wissen, dass die Armut im Geiste hier als Verzicht auf die Liebe zur Welt aufgefasst wird, also auf die Liebe zu allem, was ein Freund dieser Welt sich aneignet. Sie ist die völlige Absage an alle Lust, alles Schwelgen in Reichtum, Genuss und Ruhm (…), auch der eigenen Person, so dass auch der Gute sich für unnütz hält und geringer als die anderen.“ Und er zitiert Ambrosius: „Die Demut wird dem Ursprung aller Laster, nämlich dem Hochmut entgegengesetzt, der unter allen Lastern den ersten Platz einnimmt.“

Eine einzigartige Mutter und ein Vorbild

Die wenigen Selbstzeugnisse von Kartäusern, diesen spirituellen Tiefseetauchern und vergleichbar den Wüstenvätern, sind deshalb nie mehr als minimalistische Annäherungen an das Unaussprechliche, Fragmente und Frakturen einer bedingungs- und ausnahmslosen Öffnung für Gott. Frei für den Willen Gottes, ein Gefäß, das auf die Fülle Seiner Gnadengeschenke wartet: So hat nur ein Mensch gelebt: die Gottesmutter Maria. Sie ist das große Vorbild der Kartäuser. „Unser unmittelbares Streben nach Gott verbindet uns in besonderer Weise mit der seligen Jungfrau Maria, die wir die einzigartige Mutter der Kartäuser zu nennen pflegen“, resümieren die Statuten.

Die Kartäuser sind der einzige Orden, in dem jeden Tag und jede Nacht das Marienoffizium gebetet wird, und zwar im 24-Stundenrhythmus. Eine jahrhundertealte Tradition in allen monastischen Gemeinschaften, die aber wahrscheinlich aus Zeitgründen aufgegeben wurde. Denn genau besehen ist das Marianum eine Verdoppelung des Stundengebets, das so bis zu vier Stunden in Anspruch nimmt. Und diesen Meeresstern der Marienverehrung hat nun Hans Jakob Bürger einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht mit seinem Buch „Gott allein – das marianische Offizium der Kartäuser“. Dabei wird die vorkonziliare Brevierüberlieferung strikt eingehalten. Der „Tag“ beginnt für den Kartäuser mit der Marienmatutin in der Zelle, wenn die meisten Menschen sich zu Bett begeben. Die Matutin, heute durch die leichte Kost der Lesehore ersetzt, beinhaltet eine lange Reihe von Psalmen mit Antiphonen und den liturgischen Tageslesungen, wird aber getragen durch die Wiederholungen des Ave Maria und endet konsequenterweise mit der lukanischen Verkündigung, die dreigegliedert ist. Auch die Laudes werden akzentuiert durch das wiederkehrende „Du bist gebenedeit unter den Frauen“ und mündet in einem der schönsten und ergreifendsten Mariengebete aus, dem Salve regina. Bei den sogenannten kleinen Stunden, den Horen, hielt man ebenfalls an der durch das Zweite Vatikanische Konzil abgeschafften Prim fest: Der eigentliche Arbeitstag muss notwendigerweise auch für einen Mönch mit einer ersten Arbeitsstunde beginnen. Auch bei Vesper und Komplet ist das „Sei gegrüßt, o Königin der Barmherzigkeit“ Mittel- beziehungsweise Endpunkt der sehr viel längeren Psalmenrezitationen.

Wie ein klassisches Brevier gestaltet

Vesper und Komplet verweisen auf die eschatologische Erlösung als unhintergehbares Versprechen. In der Vesper verweisen die Psalmen 109, 112, 121, 126, 147 auf die angekündigte und vollendete Heilsgewissheit ebenso wie das Gebet: „O Gott, durch die fruchtbare Jungfrauschaft der seligen Maria hast Du dem Menschengeschlecht die Güter des ewigen Heils geschenkt.“

Der heilige Johannes Paul II. sagte am 14. Mai 2001: „In der Zurückgezogenheit des Klosters und in der Einsamkeit der Zelle weben die Kartäuser geduldig und im Schweigen am Hochzeitskleid der Kirche.“ So gesehen ist ihr marianisches Offizium das nach Myrrhe und Weihrauch und allen Wohlgerüchen des Paradiesgartens duftende Brautkleid Mariens.

Das Gebetbuch überzeugt durch seinen spirituellen Gehalt und ästhetische Attraktivität. Es ist „in der Tradition der Kartäuser für den privaten Hausgebrauch“ verfasst, wie das Vorwort präzisiert, da nach einer Direktive der Grande Chartreuse Ordensinterna nicht mehr originalgetreu öffentlich publiziert werden dürfen. Die Gestaltung entspricht dem klassischen Brevier: zweifarbig mit roten Initialen und schwarzen Lettern, und lateinisch-deutsch. Mehr als die Hälfte des Bandes versammelt ausgewählte Kartäuser-Texte über deren Spiritualität, darunter schon die zitierten Sätze des Ludolf von Sachsen. Ein Juwel der spirituellen Literatur.

Hans-Jakob Bürger (Hrsg.):
Gott allein – Andachts-, Gebets- und Betrachtungsbuch in der Tradition der Kartäuser.
fe-medien-Verlag 2017, 204 Seiten, ISBN: 978-3863571719, EUR 10,–

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