IM BLICKPUNKT

Im Dschungel der Vorgaben wächst der Kirchenfrust

Ein Blick auf Corona, Regeln und der Gottesdienst. Was haben die deutschen Bistümer aus der Pandemie gelernt? Offenbar nichts.
Coronavirus
Foto: Christophe Gateau (dpa) | Schild mit der Aufschrift «Zutritt nur mit 2G». In der Kirche sind die Regeln überall anders. Gläubige sind frustriert über das Regelchaos.

Wirft man einen Blick zurück und schaut sich den Umgang der deutschen Bistümer mit der Pandemie an, macht sich angesichts voneinander abweichender Verhaltensnormen und einander widersprechender Anordnungen Ratlosigkeit breit. Zu Beginn der Pandemie sagten die deutschen Bischöfe in vorauseilendem Gehorsam breitflächig Präsenzgottesdienste ab und entbanden die Gläubigen bis auf die Bischöfe Bode und Voderholzer sogar voreilig und unnötigerweise – denn das Kirchenrecht sieht den Pandemiefall durchaus vor – von der Sonntagspflicht. Nun, da vielerorts die Inzidenzwerte durch die Decke schießen und in Bundesländern wie Bayern, wo die Lage katastrophal ist, noch nicht einmal die 3G-Regel gilt, während man sich in Berliner Gemeinden an die 2G-Regel halten muss. Anders ist die Lage in Österreich.

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Hygiene fehlt

Besonders irritierend und vielfach auch empörend finden die Gläubigen, dass an einigen Orten nach wie vor die simpelsten Hygieneregeln nicht eingehalten werden. Wenn der Mesner in der Gemeinde X keine Lust hat, die Bänke zu desinfizieren, fällt diese notwendige Maßnahme zwischen zwei Gottesdiensten eben aus. Auch das regelmäßige Lüften unterbleibt nicht selten, wie der Nasentest bei einem kurzen Lüften der Maske unschwer anzeigt.  

Ein  Pfarrer, der die Regeln seines Bistums massiv verletzt, braucht auf Anfrage des Ordinariats nur zu behaupten, es müsse sich um eine Verwechslung handeln und schon wird der besorgte Gottesdienstbesucher, der dies vermeldet hat, als lästiger Beschwerdeführer abgekanzelt, selbst wenn er Bildmaterial vorlegen kann, das seine Darstellung untermauert. Warum man im Bistum Osnabrück schon lange nicht mehr singen durfte, als in Köln noch fröhlich geschmettert wurde, leuchtet niemandem ein.

 Regelchaos

Fragt man also danach, was die deutschen Bistümer aus der Krise gelernt haben, lautet die klare und frustrierende Antwort: Nichts. Denn die Regeln sind derzeit so uneinheitlich, die Lage so unübersichtlich wie nie zuvor. In München muss man im Dom während des gesamten Gottesdienstes eine Maske tragen, in Limburg durfte man sie bis vor kurzem noch am Platz abnehmen. Andernorts gilt um 10 Uhr 3G ohne Abstand und Maske, zu anderen Gottesdiensten kann jeder kommen. Auf klare Vorgaben, wie zu Beginn der Pandemie in Bezug auf Chorproben und Treffen von Gemeindegruppen, wartet man vergeblich.

Zum Ärger der Verantwortlichen vor Ort. Denn sie müssen nun oft unliebsame Entscheidungen treffen – oder sie machen unter dem Motto „Augen zu und durch“ irgendwie weiter. Das aber kann angesichts der angedrohten Strafen bei Missachtung dann doch irgendwie geltender Bestimmungen durchaus teuer werden. Die absehbare Folge solchen Missmanagements ist, dass Gläubige sich aus ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit zurückziehen werden. Das ist bedauerlich.

Gläubige bleiben fern

Denn sie sind durchaus bereit, Verantwortung zu übernehmen, haben aber zugleich die Erwartung, dass auch die Priester und Bischöfe dies tun. Möglich wäre es. Die Informationen vonseiten der Virologen sind klar. Das Tragen einer Maske bietet einen zuverlässigen Schutz. Auf sie zu verzichten ist angesichts der derzeitigen Inzidenzwerte und der neuen Omikron-Variante schlicht fahrlässig.

Dass sich die Verantwortlichen mit Verweis auf Länderregelungen aus eben dieser Verantwortung stehlen zeigt ihren Unwillen, sich der Kritik für gewiss unliebsame Maßnahmen zu stellen. Aber Feigheit ist keine geistliche Grundhaltung. Das sehen auch die Gläubigen so, von denen viele inzwischen aus Verärgerung über nicht eingehaltene Regeln dem Gottesdienst fernbleiben.

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