Hirten statt „Leiter“

Wider den verkehrten Pragmatismus: Kardinal Paul Josef Cordes beleuchtet fragwürdige neue Modelle kirchlichen Dienstes. Von Martin Grichting
Priesterweihen in den deutschen Diözesen seit 1995
Foto: Quelle: KNA/isotype.com | Seit 1995 sinkt die Zahl der Priesterweihen. Die Statistik umfasst den Zeitraum 1995–2016.

Aufbauen ist leichter als Rückbauen. Das spürt die Kirche gerade im deutschsprachigen Raum. Denn ein Aufbau weckt Enthusiasmus und setzt neue Kräfte frei. Ein Rückbau muss sich hingegen von Liebgewordenem verabschieden und schürt Abwehrreflexe. Es kommt hinzu, dass die teilweise als krisenhaft zu bezeichnende Entwicklung der Kirche in den deutschsprachigen Ländern vielschichtig ist. Rückläufig sind die Zahlen der Gläubigen, die am kirchlichen Leben teilnehmen, sowie der Priester. Die finanzielle Ausstattung ist jedoch, bedingt durch die Kirchensteuer, robuster denn je. Dadurch können Strukturen aufrechterhalten werden, auch wenn das sich darin befindliche Leben immer mehr ausdünnt. Und es kann Personal angestellt werden, auch wenn es – wie im Fall der Priester – auf dem Weltmarkt rekrutiert werden muss. Zudem werden bisher von Priestern wahrgenommene Aufgaben vermehrt an Laien übertragen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich eine Schrift von Paul Josef Kardinal Cordes.

Der Titel, den Cordes setzt, lässt bereits erkennen, dass er dicke Fragezeichen macht hinter gegenwärtige Entwicklungen in einigen Bistümern des deutschsprachigen Raums: „Laien als Pseudo-Priester? Fragwürdige neue Dienstmodelle“. Dem hält Kardinal Cordes die Kernthese entgegen, die man auf den Nenner bringen könnte: Auch beim Rückbau kirchlicher Strukturen muss die Kirche dem Wort Gottes und der darin wurzelnden Glaubenslehre sowie Disziplin folgen. Nicht Consultingfirmen, sondern die Glaubenslehre muss die Richtung vorgeben.

Maßgeblich bleibt, dass Jesus Christus nach biblischem Zeugnis nicht nur eine Schar von Gläubigen um sich gesammelt, sondern auch einen engeren Kreis von Aposteln gebildet hat, denen er besondere Vollmachten gab. Auch das II. Vatikanische Konzil steht – nach einer langen Geschichte des Verstehens und Vertiefens der biblischen Überlieferung – auf diesem Boden. Priesterliches Handeln ist zunächst nicht einfach eine für die „Gemeinde“ nützliche Funktion, sondern – vermittelt durch das Weihesakrament – Handeln in der Person Christi. Denn Jesus Christus ist der eigentliche Priester. Die Aufgliederung des priesterlichen Handelns in die drei Felder des Lehrers, Liturgen – Priester – und Hirten folgt diesem Grunddatum.

Wenn man dies ernst nimmt, kann man Laien nicht einfach als „Leiter“ einer „Gemeinde“ einsetzen und diese einer „Pastoralequipe“ anvertrauen. Denn dieses Vorgehen verdankt sich nicht der biblischen Botschaft, sondern soziologischen Gesetzmäßigkeiten, gemäß derer sich jede gesellschaftliche Gruppe notwendigerweise eine Leitung schafft. Auch lassen sich zwar organisatorisch aus einem Stellenprofil einzelne Leitungskompetenzen isolieren. Dies ist jedoch nicht statthaft beim Priester, weil seine zentralen Aufgaben des Verkündens, des Heiligens und des Leitens aus der einen Christusrelation hervorgehen.

Wird dem nicht Rechnung getragen, macht sich ein Pragmatismus breit, der geeignet ist, einer Institution wie der katholischen Kirche die Wurzeln ihrer Existenz zu kappen. Cordes macht die derzeit betriebene Selbstsäkularisierung der Kirche an den Begriffen fest. Den biblisch bestens bezeugten Begriff des Hirten ersetzt man durch denjenigen des „Seelsorgers“. Dadurch wird jedoch ein neues Feld betreten. Denn der Priester ist dann nicht mehr der im Auftrag des obersten Hirten, Jesus Christus, stehende Gesandte. Vielmehr wird er zum Experten, der sich, mit allerhand wissenschaftlichen und praktischen Kenntnissen ausgestattet, im Lebensfeld der Menschen nützlich macht. Dies bedeutet jedoch eine Profanierung des Priesters, denn es wird verdunkelt, dass er sich bei seiner Tätigkeit auf das Weihesakrament stützt. Wenn nicht mehr dieses Sakrament als Wurzel der Tätigkeit des Priesters anerkannt ist, kann auch der Laie „Seelsorger“ sein. Ein weiterer Schritt stellt dann die Bezeichnung „Gemeindeleiter“ dar. Auch sie ist auf Laien anwendbar und wird in verschiedenen Bistümern entsprechend verwendet. Dadurch geschieht wiederum eine fundamentale Akzentverschiebung. Es tritt nicht mehr der Hirte der Herde gegenüber, sondern diese steht im Mittelpunkt, indem sie – reichlich bürokratisch – einen „Leiter“ beigesellt bekommt.

Ausgehend von paulinischen Texten schlägt Kardinal Cordes für Laiendienste deshalb den Begriff „Pastoralhelfer“ vor, was eine Leitungsfunktion ausschließt.

Freilich ist es auch Kardinal Cordes klar, dass man der derzeitigen Situation weder mit Wortschöpfungen, noch mit dem beschriebenen Pragmatismus gerecht werden kann. Es bedürfe nun einer „fundamentalen Besinnung“. Das Grundübel erblickt Cordes in der (Selbst-)Säkularisierung, darin, dass das „In-der-Welt-sein“ der Kirche das „Nicht-von-der-Welt-sein“ immer mehr überfremde. Der kirchliche „Dienst an den Tischen“ habe ein Übergewicht erhalten. Er legitimiere die Kirche in der Gesellschaft, lasse aber ihre eigentliche Sendung verblassen. Deren Mitte sei im hohepriesterlichen Gebet des Herrn zu finden: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen“ (Johannes 17, 3).

Cordes Schrift zeigt, dass die derzeitige Lage der Kirche in den deutschsprachigen Ländern zur heilsamen Neubesinnung oder zu einer existenzgefährdenden Krise führen kann. Er erinnert in diesem Zusammenhang explizit an die Freiburger „Entweltlichungs“-Rede von Papst Benedikt XVI. aus dem Jahr 2011. Und man ist versucht, mit dem seligen Antonio Rosmini („Die fünf Wunden der Kirche“, 1848) zu fragen: „Wo finden wir eine gewaltig wohlhabende Geistlichkeit, die den Mut hätte, auf die Güter zu verzichten, und die auch nur das ungetrübte Licht des Geistes hätte, zu merken, dass die Stunde geschlagen hat, wo die Armut der Kirche ihre Rettung bedeutet?“.

Paul Josef Kardinal Cordes: Laien als Pseudo-Priester? Fragwürdige neue Dienstmodelle. fe-Verlag Kisslegg 2017, 52 Seiten,

ISBN 978-3-86357-190-0, EUR 2,–

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