Ostern

„Gottlob! der Drache liegt entzwei“

Comeback mit Schwert und Schild: Der Erzengel Michael als Friedensengel.
Bronzeskulptur Erzengel Michael
Foto: Peter Seyfferth (imago stock&people) | In Kiew erinnert auf dem Platz der Unabhängigkeit eine Bronzeskulptur des Erzengels Michael an die Gegenwart der unsichtbaren Helfer beim Kampf gegen das Böse auf der Welt.

In Friedenszeiten wird selten von Engeln gesprochen. Oftmals lehrt erst die Not  das Beten.Dann werden die Engel manchmal in Krisen und Kriegen zu einer tiefen und erschütternden Erfahrung. Von ihr zu sprechen ist kaum möglich. Denn hier geht es um Lebenszeugnisse und innere Gewissheiten. Sie eignen sich nicht für politische Propaganda und Phyletismus. Das Schutzengelbuch Tobit berichtet von einer Engelerfahrung inmitten des Krieges. Tobit half, wo er konnte. Der fromme Jude speiste die Hungrigen, spendete Kleidung und Medizin, begrub die Erschlagenen. Ein Unglück folgte dem nächsten, und doch war in dieser Dunkelheit der Engel an seiner Seite. Raphael („Gott heilt“) lautet sein sprechender Name, „Friede sei mit euch! Fürchtet euch nicht!“ (Tobit 12, 17) seine Botschaft.

Lesen Sie auch:

Mit der himmlischen Heerschar

Über dem Himmel von Kiew wollen die eingeschlossenen Bewohner in den Wolkenformationen Engel erkannt haben. So berichtet Swajatoslaw Schwetschuk, Erzbischof der griechisch-katholischen Kirche, in einer Videobotschaft: „Wir sehen heute, dass der Erzengel Michael zusammen mit der ganzen himmlischen Heerschar für die Ukraine kämpft. So viele Menschen aus der ganzen Ukraine wenden sich an mich und sagen, dass sie leuchtende Engel über dem Land der Ukraine gesehen haben.“

Michael ist der Schutzpatron der Stadt, in der die Kiewer Rus geboren wurde. Am Dnepr steht das berühmte Michaelskloster. Seit dem frühen Mittelalter diente es als Grablege der Kiewer Fürsten. In der Zeit bitterster Verfolgung unter Stalin wurde die Kirche gesprengt. Tausende Priester starben in den Lagern. Kurz vor der letzten Jahrtausendwende konnte der Wiederaufbau abgeschlossen werden. Das Kloster des Erzengels Michael ist seitdem auch eine Gedenkstätte für den Holodomor (1932–33). Ein anderer Gedächtnisort ist die „Allee der Engel“ in Donezk. Hier wird an die im Krieg getöteten Kinder erinnert.

Platz der Unabhängigkeit

Auf dem Majdan, dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit, wurde 2002 eine Statue des Schutzpatrons aufgestellt. Sie zeigt den wehrbereiten Engel mit Schwert und Schild. Auf ihn nimmt Bischof Schwetschuk in seiner Videobotschaft Bezug: „Hier in Kiew nehmen wir wahr, dass der Schutzpatron unserer Stadt der Erzengel Michael ist, der mit dem Schrei Wer ist wie Gott? Luzifer in den Abgrund stürzte – denjenigen, der sich gegen Gottes Wahrheit erhob und der Anführer der teuflischen Armeen war.“

Michael ist der Engel der Apokalypse. Nach seinem Erscheinen in einer Höhle des Monte Gargano (492) wurden ihm in ganz Europa Heiligtümer errichtet. Wie der Mont St. Michel in der Normandie oder die winzigen Inseln Skellig Michael vor der Küste Irlands sind sie viel besuchte Reiseziele. Doch kaum ein Tourist verbindet mit der Gestalt eines kämpfenden Engels eine Erfahrung. Als Friedensboten standen Engel für atomare Abrüstung bis hin zum völligen Gewaltverzicht. Tatsächlich gehört die Befriedung der Gemüter zu den zentralen Aufgaben der Engel.

Ohne Unterlass vermitteln sie in den Konflikten des Alltags in Familien, Kindergärten, Schulen, in Bussen und Bahnen, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Ihr Mittel ist die Stimme des Gewissens, das Lächeln im Gesicht eines anderen Menschen, die helfende Hand und alles selbstlose Tun, das Innehalten in Geduld, das mutige Dennoch – in allen diesen kleinen Wundern des Alltags wirken die Engel des Friedens als unsichtbare Helfer. Ihr Dienst ist ohne Eigennutz. Wir brauchen diese Engel in Menschengestalt. Friedensstifter mit Engelszungen. Helfer mit Engelsgeduld. Doch manchmal verlieren selbst Engel die Geduld. Dann kommt Michaels Stunde.

Wehrhafte Engel

In Krieg und Krise sind Engel in besonderer Weise gefordert. Frieden auf Erden (Lukas 2, 14) verkündeten sie bei der Geburt Jesu. Diese himmlischen Heerscharen gehören zu einer wehrhaften Truppe, auf deren Beistand Jesus jederzeit hätte zugreifen können, wenn er es gewollt hätte. Er predigte den Frieden in friedloser Zeit. Jesus lebte in einer Zeit der Okkupation. Sein Heimatland war von Römern in Besitz genommen worden. Ihr Abschreckungsmittel gegen jeden Widerstand war die öffentliche Kreuzigung. Jesus hätte seinen Tod am Kreuz verhindern können. Eine Bitte hätte genügt, und Gott hätte ihm „sogleich mehr als zwölf Legionen Engel“ (Matthäus 26, 53) geschickt. Das ist eine Übermacht von 72 000 kampfbereiten Engeln.

Diese Engel des Friedens sind nicht bedingt abwehrbereit, sondern unüberwindlich starke Helden wie der Erzengel Michael. Friedrich von Spee (1591–1635) hat ihn besungen:

„Unüberwindlich starker Held,
Sankt Michael!,
komm uns zu Hilf,
zieh mit zu Feld!
Hilf uns im Streite,
zum Sieg uns leite,
Sankt Michael!“

Der Appell stand noch im alten Gotteslob (GL 606) und fiel wie andere Engellieder der Revision zum Opfer. Zum Glück hat die Kirche einen langen Atem und ein weit in die Tiefe der Gotteserfahrungen reichendes kulturelles Gedächtnis. Seit dem 24. Februar 2022 kehren auch jene himmlischen Heere wieder ins Bewusstsein, die über Jahrzehnte als unzeitgemäß galten, weil sie dem friedensbewegten Geist der Utopie nicht entsprachen. Michaels Schwert und Schild sind auch Symbole für den geistlichen Kampf, in den der Mensch gestellt ist.

Schild des Glaubens

Doch geht es nicht nur um das Schwert der Unterscheidung der Geister und den Schild des Glaubens. Johann Sebastian Bachs Kantate „Es erhub sich ein Streit“ (BWV 19) öffnet die Ohren der Hörenden für einen apokalyptischen Kampf hinter den Kulissen der sichtbaren Welt. Der Teufel weiß, dass er wenig Zeit hat (Apokalypse 12, 12). Seine Tage sind gezählt. Deshalb will er die Welt in seinen eigenen Untergang reißen. In diesem Versuch der Konvergenz von Lebenszeit und Weltzeit sah Hans Blumenberg das Wesen aller Diktatoren. Sie müssen wie der Satan von den Engeln an die Kette gelegt werden, weiß Johann Sebastian Bach:

„Gottlob! der Drache liegt entzwei.
Der unerschaffne Michael
Und seiner Engel
Heer hat ihn besiegt.
Dort liegt er in der Finsternis
Mit Ketten angebunden,
Und seine Stätte wird nicht mehr
Im Himmelreich gefunden.
Wir stehen sicher und gewiss,
Und wenn uns gleich sein Brüllen
schrecket,
So wird doch unser Leib und Seel
Mit Engeln zugedecket.“

Bei so viel Elan wird man dem „fünften Evangelisten“ die dogmatische Ungenauigkeit vergeben. Denn „unerschaffen“ ist kein Engel, nicht einmal Michael. Im Zeitalter der Friedensutopien war die Vorstellung von kampfbereiten himmlischen Heeren verpönt. Deshalb wurde auch das Michaelsgebet Leo XIII. (1878-1903) abgeschafft. „Fürst der himmlischen Heerscharen (princeps militiae caeléstis)“, wurde einst nach jeder Messe gebetet, „stoße den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle.“

Lesen Sie auch:

Papst Franziskus hat diesen kleinen Exorzismus ausdrücklich empfohlen. In den Friedensandachten vieler Gemeinden oder am Ende der Messe wird heute wieder das alte Michaelsgebet gesprochen. Wer wie Bischof Schewtschuk die Kiewer Blockade erlebt, darf noch deutlicher werden. Er beendete seine Videobotschaft mit dem Gebet: „Heute beten wir: O Erzengel Michael und alle Mächte des Himmels, kämpft für die Ukraine! Stürze den Teufel, der uns angreift und tötet, der Verwüstung und Tod bringt!“
Christus hat den Tod besiegt.

Die Zeitenwende

Diese Zeitenwende verkündeten die Engel am leeren Grab: „Fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 28,  5) und „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24, 5) Als die Frauen den Aposteln die Friedensbotschaft überbrachten, da „erschienen ihnen diese Worte, als wär? Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht“. (Lukas 24, 11)

Der Friede Gottes ist nicht von dieser Welt. Ostern 2022 führt in die Tiefe der Passion und in das Wunder der Auferstehung. Einst haben deutsche Soldaten Krieg gegen die Ukraine geführt. Jetzt finden die Kinder und Enkel der Opfer Schutz in deutschen Familien. Der Krieg ist nicht aus der Welt. Aber Engel des Friedens weisen den Weg zur Wandlung.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Uwe Wolff Bischöfe Erzbischöfe Hans Blumenberg Jesus Christus Johann Sebastian Bach Josef Stalin Kreuzigung Christi Papst Franziskus

Kirche

Auch für die Ukraine kann man das Undenkbare denken. Die Liturgie und der Papst, der Umbau der Gesellschaft und eine Philosophie des Weines finden sich in der neuen Ausgabe der Tagespost.
06.07.2022, 17 Uhr
Redaktion
Eine Franziskanerinnenkongregation aus Kamerun ist bereit, ins Berliner Kloster St. Gabriel einzuziehen. Dadurch würde die Umwidmung der Anlage für säkulare Zwecke verhindert.
06.07.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Der heilige Anselm von Canterbury (1033–1109 wollte die Vernünftigkeit des Glaubens der Kirche erweisen. 
06.07.2022, 07 Uhr
Marius Menke
Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt