Kirchenlehrer

„Gottes Gegenwart schafft Freiraum“

Thomas von Aquin, Dominikaner und Schüler des heiligen Albert des Großen, schuf eine einzigartige theologische Synthese, die das Zusammenwirken von Glaube und Vernunft, Seele und Körper, sowie das Zusammenwirken der menschlichen Freiheit mit Gott von Gott her beleuchtet. Ein Gespräch über christliche Perspektiven.
Heiliger Thomas von Aquin
Foto: KNA-Bild (KNA) | Der heilige Thomas von Aquin, Kirchenlehrer. Gemälde aus dem 14. Jahrhundert, am 10. März 2015 in Pisa.

Magister Thomas, fühlten Sie sich geehrt, als Papst Urban IV. Ihnen den Auftrag gab, die Texte für das neu eingeführte Fronleichnamsfest zu verfassen?

Ich muss gestehen: Die Versuchung war stark. Aber bei dem Auftrag ging es ja um Gottes Ehre, nicht um meine! Um in diesem Sinne wirken zu können, war ich auf Seine Hilfe und Gnade angewiesen. So gab ich mir Mühe, alle Aufmerksamkeit auf Ihn zu richten, um ganz Ihm zu dienen: „Diejenigen, die sich den Sakramenten Christi unterordnen, erlangen aus ihrer Kraft die Gnade“ (Exp. Rom. VI, lectio 3). Diese Erfahrung ließ ich auch in den Hymnus „Gottheit tief verborgen“ einfließen: „Dir ordnet sich mein Herz ganz und gar unter, denn wenn es Dich anschaut, verliert es sich selber.“

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Sie betonen das Stichwort „Unterordnung“. Was meinen Sie damit genau?

Gott muss im Vordergrund stehen. Das gilt in Liturgie und Theologie gleichermaßen. In einem liturgischen Raum bewegt man sich eigentlich so, dass jeder sehen kann: Gott ist wirklich anwesend, und er steht über uns. Auch unser theologisches Schaffen sollte ganz und gar auf Gott hinweisen. Das fällt schwer, denn wir haben ein angeborenes Geltungsbedürfnis, das in vielfältigen Formen von Konkurrenzkampf ausgelebt wird. Beim allgemeinen Gerangel um Aufmerksamkeit macht Gott nicht mit. Er wird an den Rand gedrängt. In diese Versuchung geraten wir gerade auch dort, wo sich eigentlich alles um Gott drehen sollte.

Wen haben Sie jetzt gerade im Blick, die eher liberalen Katholiken, oder die Konservativen?

Alle! Versuchungen sind für alle gleich. Wer im Gottesdienst oder in der Theologie zur Geltung kommen will, wird Formen wählen, die bei der Mehrheit des gerade vorhandenen Publikums gut ankommen. Die Minderheit geht in Opposition und benutzt die Selbstinszenierung zentraler Persönlichkeiten der „Gegenseite“ als Argument, um die eigene Position zu festigen. „Man hält sich deswegen für gut, weil die anderen schlecht sind“ (Exp. 2 Cor. I, lectio 4). Ganz anders läuft es, wenn alle Gott den Vorrang geben. Wo Er im Zentrum steht, breiten sich Wahrheit und Friede unter den Menschen aus. Man kommt einander nach und nach näher, auch wenn man nicht bis in jede Einzelheit hinein dieselbe Meinung hat.

„Der Friede der Heiligen ist darauf ausgerichtet,
die ewigen Güter zu erlangen“

Damit haben Sie eines der großen Probleme unserer Zeit angesprochen: Den Frieden in der Kirche. Wohl zu keiner Zeit hat man sich so sehr um Begegnung, Gemeinschaft und Dialog bemüht wie heute. Warum kommt trotz alle dem kein tieferer Friede zustande?

Die Gründe dürften so vielseitig sein wie die Menschen, die miteinander interagieren. Geltungsdrang spielt sicherlich eine wichtige Rolle, Machtkämpfe, Verweltlichung, und auch die Trennung zwischen Gottesbeziehung und zwischenmenschlicher Ebene. Auf den letzten Punkt möchte ich hier näher eingehen. Viele Christen haben auch heute noch eine tiefe, individuelle Gottesbeziehung, finden aber trotzdem nicht zueinander. Stattdessen spielt sich auf der zwischenmenschlichen Ebene oft dasselbe ab wie überall in unserer individualistisch geprägten Gesellschaft: Man sucht Kontakte, aber nicht unbedingt feste Bindungen, man leidet unter Einsamkeit und Fehlformen der Suche nach Beziehung stören das Miteinander.

Wirklicher Friede in der Kirche besteht meiner Ansicht nach aus dem Einklang von drei Einheiten: Die Einheit eines jeden einzelnen mit Gott, und auf der zwischenmenschlichen Ebene die gemeinsame Einheit aller Gläubigen mit Gott, und die Einheit der Gläubigen untereinander. Die gemeinsame Verbundenheit mit Gott ist das Bindeglied zwischen individueller Spiritualität und innerkirchlichen Ich-Du-Beziehungen. Sie hat als Perspektive die Ewigkeit, und daher verbindet sie die Menschen wesentlich tiefer miteinander als eine Verbundenheit, die nur auf menschlichen Strukturen und Interaktionen beruht. „Der Friede der Heiligen ist darauf ausgerichtet, die ewigen Güter zu erlangen“ (Exp. Ioan. XIV, lectio 7).

"Wenn ich Gott gefunden habe,
muss ich nicht mehr alles selber machen..."

Sie zeichnen ein sehr interessantes Bild von der gemeinsamen Einheit mit Gott. Aber wie sieht es darin mit der Freiheit des Einzelnen aus? Wird seine individuelle Gottesbeziehung nicht irgendwie vereinnahmt, wenn sie in eine gemeinsame Gottesbeziehung einfließt?

Die Gottesbeziehung hilft ja gerade, dass man anderen die Freiheit lassen kann! Und wenn ich das kann, bin ich selber zutiefst frei. Meine Freiheit ist aber im Innersten bedroht, wenn ich anderen Menschen keine Freiheit zugestehen kann. In der gemeinsamen Einheit mit Gott ist Gott anwesend. Seine Gegenwart schafft Freiraum. Wir sind weniger aufeinander fixiert, und dafür tiefer miteinander verbunden.
Anders gesagt: Wenn ich Gott gefunden habe, muss ich nicht mehr alles selber machen, alles im Griff haben, oder gar über die Freiheit meiner Nächsten verfügen. Der Mitmensch gehört nicht mir, sondern Gott. Auch die Zukunft der Kirche gehört Gott. Ich selber gehöre ebenfalls Gott. 

Meine Zukunft liegt in seinen Händen. Mir hilft es, auf Jesus zu schauen, wie er seine Augen zum Himmel erhebt: „Wenn wir betend dem Vorbild Christi folgen wollen, müssen wir die Augen unseres Geistes zu ihm erheben, indem wir sie von gegenwärtigen Dingen, Eindrücken, Überlegungen und Absichten lösen. Und wir erheben die Augen auch zu Gott, wenn wir nicht auf unsere Verdienste vertrauen, sondern ganz allein auf seine Barmherzigkeit“ (Exp. Ioan. XI, lectio 6). Wenn ich so auf Jesus schaue, lasse ich mich selber los: Meinen Eigenwillen, meine Forderungen und Erwartungen an die anderen. Und so kann ich mit innerer Freiheit auf andere Menschen zugehen.

Der Blick auf Gott ist also so eine Art Allheilmittel, gegen die Gräben in der Kirche, und auch gegen Einsamkeit?

Ja, tatsächlich! Wer in Gott verankert ist, kann frei auf andersdenkende Mitmenschen zugehen. Und jede zwischenmenschliche Beziehung gewinnt an Tiefgang, wenn man sich gemeinsam für Gott interessiert. Je demütiger und ehrlicher man gemeinsam nach der Wahrheit sucht, umso tiefer ist man einander verbunden.

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