Glauben ohne Menschenfurcht

Die koptische Gemeinschaft in Stuttgart ist voller Zuversicht – trotz der unablässigen Verfolgung und einer Vielzahl an Märtyrern. Von Barbara Wenz
Koptische Gottesdienst beginnt mit einer Kindstaufe
Foto: Wenz | Der koptische Gottesdienst beginnt mit einer Kindstaufe: Zum Zeichen, dass der Kleine mit Jesus verbunden ist, wird ein rotes Bändchen über seine Schulter gehängt.

An diesem Sonntag gibt es in der Gemeinde St. Georg in der Wurmlinger Straße besonderen Grund zur Freude: Vater Johannes soll vor Beginn des eigentlichen Gottesdienstes ein Kind taufen. Zum Zeichen, dass der Kleine von nun an fest mit Jesus verbunden ist, bekommt er ein rotes Bändchen über seine Schulter gehängt. Rot, das ist die Farbe des Blutes – in diesem Fall das Blut der Märtyrer, das in der koptischen Kirche, die ihre Ursprünge auf den Apostel Markus zurückführt, überreichlich fließt. Die Kopten, das sind die Ureinwohner Ägyptens, die direkten Nachfahren des Volkes der Pharaonen. Es sei der Apostel und Evangelist Markus selbst gewesen, der ihnen als erster Bischof von Alexandria das Evangelium gebracht hat; damit handelt es sich um eine der ältesten Kirchen der Christenheit, die auch einen eigenen Papst hat, Tawadros II, der 118. Nachfolger des Apostels Markus.

Unter der Herrschaft Kaiser Diokletians erlebten sie die erste, verheerende Verfolgungswelle, die so heftig war, dass seither der koptische Kalender seine Zeitrechnung mit dem Jahr 284 n. Chr., der Thronbesteigung Diokletians beginnt. Danach kamen die islamischen Invasoren, und mit ihnen erneut Unterdrückung und Gewalt. Die koptische Sprache wurde verboten. Auch heute noch erleidet der koptische Anteil in der Bevölkerung Ägyptens – man schätzt sie auf etwa zehn Millionen – von Seiten der muslimischen Mehrheit schlimmste Diskriminierung, Ächtung und brutale Gewalt. An Weihnachten 2009 etwa wurden in Nag Hammadi sechs Kopten vor ihrer Kirche erschossen. In der Neujahrsnacht 2011 starben bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria mindestens 23 Menschen, es gab fast 100 Verletzte. In der Folge drohte die Terrororganisation Al-Kaida mit weiteren Anschlägen, und zwar auch auf die Gemeinden in Deutschland, sodass Vater Johannes und seine Schäfchen das koptische Weihnachtsfest am 6. Januar 2011 unter Polizeischutz feiern mussten. Dann kamen der sogenannte „Arabische Frühling“ und der Syrien-Krieg mitsamt dem Erstarken des sogenannten „Islamischen Staates“, einer neuen Armee von islamistischen Schlächtern, auf deren Konto unter anderem das furchtbare Massaker vom Februar 2015 an 21 Kopten in Libyen geht. „Seither ist es schlimmer geworden“, sagt Basant Ghali, die Frau des Pfarrers. Zwar freuten sich alle schon auf die Ferien, die meisten flögen in die Heimat, nach Ägypten, doch den Süden des Landes meidet sie lieber. Man trifft sich in Kairo.

Gut fünfzig Gottesdienstbesucher der Gemeinde, die aus etwa 120 Familien besteht, sind versammelt. Während der Liturgie legt Vater Johannes das Kreuz so gut wie nie aus der Hand. Man feiert zweisprachig, deutsch und ägyptisch, die entsprechenden Gebete werden für alle an eine Leinwand projiziert. Modernste Technik für eine der ältesten Liturgien der Welt, die auf den heiligen Basilius zurückgeht. Die Männer haben ihre Schuhe ausgezogen und sind auf Strümpfen, die Frauen haben mit Spitzentüchern ihre Haare bedeckt. Und Vater Johannes legt immer wieder und wieder Weihrauch auf, bis der ganze Raum in dichte Schwaden gehüllt ist. Nach drei langen Lesungen – Paulusbriefe, Petrusbrief – folgt das Evangelium und danach die Predigt, die Vater Johannes, ein schön bemaltes Handkreuz umklammernd, auf Arabisch hält. Für den Besucher hat er extra einen seiner Diakone abgestellt, der simultan auf Deutsch übersetzt. Überhaupt freut man sich hier sehr über Christen anderer Konfessionen, die Interesse an der Gemeinde zeigen, und empfängt sie gastfreundlich und sehr geschwisterlich.

Die Gebete, die auf Deutsch zum besseren Verständnis auf der Projektionstafel mitgelesen werden können, klingen vertraut. Statt Hostien werden Fladenbrote mit einem eingedrückten Stempel benutzt – dem Kreuz und fünf Punkten, die für die fünf Wunden Jesu stehen. Diese Brote werden in einem Korb vor den Priester gebracht, woraufhin er sorgfältig zwei oder drei makellose auswählt. Sie werden auf den Altar gelegt, und nun folgt der Teil der Liturgie, der sich auch wörtlich „Grablegung Christi“ nennt: Die Brote werden mit dem Velum bedeckt, das den Grabstein symbolisiert und darüber legt der Priester noch ein dreieckiges Tuch, welches für das Siegel am Herrengrab steht. Zur Heiligen Wandlung hin, wenn der Priester die Worte „Nehmet hin und esset“ sagt, werden die arabisch gesungenen Gebete, begleitet von Zimbel- und Triangelklängen, immer eindringlicher.

Die Kommunion in beiderlei Gestalt empfangen die Gläubigen in den Mund, die Kinder zuerst, die Frauen von den Männern getrennt, wobei sie sich sofort danach mit einer Stoffserviette den Mund bedecken. Zum Ende des Gottesdienstes wirft Vater Johannes noch Hände voll gesegneten Wassers über die ganze Versammlung und verteilt das Brot, das im Korb verblieben und nicht gewandelt worden ist, als „gesegnetes Brot“. Für den Besuch eilt er extra durch die Bänke, um dieses Gastgeschenk persönlich zu überreichen.

Nach dem eindrucksvollen, fröhlichen Gottesdienst kommen wir noch ins Gespräch. Vater Johannes freut sich sichtlich und erklärt, dass man mit der römisch-katholischen Kirche durch drei Märtyrer besonders verbunden sei: Den heiligen Mauritius und dessen Reliquien in Rottenburg, den heiligen Florentius und Cassius in Bonn – alle drei seien Kopten gewesen.

Während er gestikuliert, rutscht der Ärmel seiner Soutane etwas hinauf und gibt den Blick auf sein Handgelenk frei. Dort, genau an der Stelle, wo der Puls schlägt, trägt Vater Johannes ein eintätowiertes koptisches Kreuz, wie die meisten seiner Brüder. Das Gespräch kommt auch auf Vater Hamel, den katholischen Priester, der in einer französischen Kirche von IS-Terroristen abgeschlachtet wurde. Auch bei ihnen in Ägypten sei das wieder passiert, vor zwei oder drei Wochen. Was ihre Antwort auf den Terror sei, mit dem diese Gemeinschaft schon seit Jahrhunderten lebt? „In die Kirche gehen. Wir gehen noch mehr in die Kirche als sonst. Wir haben keine Angst! Wenn wir in der Kirche sterben, dann sterben wir direkt bei Gott – und das ist eine große Ehre!“, bekräftigt die zierliche, dunkelhaarige Frau des Priesters, und sie sagt es so selbstverständlich, als sprächen wir über ein Backrezept. Ob man in der koptischen Kirche auch das alte Zitat kenne, dass Märtyrerblut Christensaat sei? Beide nicken bestätigend. „Aber, die Leute sollen und müssen den Unterschied lernen: Christliche Märtyrer üben ihre Religion aus, werden dafür ermordet, aber sie wollen nicht, dass andere sterben. Wenn ein islamistischer Attentäter Selbstmord begeht, andere in den Tod reißt, wird er jedoch auch als Märtyrer bezeichnet – das ist nicht dasselbe. Der Unterschied ist wesentlich!“ „Einmal hat jemand über uns geschrieben, wir hätten uns zu Hause versteckt wegen der Anschläge und dass wir Angst hätten“, erzählt Vater Johannes kopfschüttelnd. „Wir haben keine Angst!“, betont er nochmals.

Nicht vor Löwen, nicht vor Menschen. Diese wunderbare, gar nicht so kleine Gemeinde – Vater Johannes ist auch häufig in Karlsruhe und Freiburg, um dort Studierende aus Ägypten zu betreuen – ist ohne Furcht und voller Zuversicht, trotz einer Unmenge an Märtyrern und mehreren Hunderten von Jahren unablässiger Verfolgung. „Wir bleiben tolerant, gastfreundlich, und üben weiter Hilfsbereitschaft“, bekräftigt die Frau des Priesters. Und bietet dem Besucher noch einen Kaffee oder Tee zum Abschied an.

Themen & Autoren

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Warum der Zweite Weltkrieg für die orthodoxe Kirche Entspannung brachte, die Verfolgung der Katholiken in der Sowjetunion aber stärker wurde.
05.07.2022, 19 Uhr
Rudolf Grulich