Gewachsene Formen

„Brücke zum Wunderbaren“: Ausstellung über Volksfrömmigkeit im Historischen Museum der Stadt Regensburg. Von Michael Karger
Statue Maria in der Hoffnung in der Wallfahrtskirche auf dem Bogenberg
Foto: IN | Volksfrömmigkeit vermittelt seelische Nähe zum Heilsgeschehen: Die mütterlich wirkende Statue Maria in der Hoffnung in der Wallfahrtskirche auf dem Bogenberg im Bistum Regensburg.

Regensburg (DT) Mit Volksglaube und Volksfrömmigkeit hat sich die Theologie lange überhaupt nicht beschäftigt. Es war gleichbedeutend mit Aberglaube. Unter religiösem Volksglauben und Aberglauben verstand man vorchristliche Relikte innerhalb des Christentums. Bereits die Reformatoren bekämpften angebliche heidnische Relikte in der katholischen Frömmigkeit, die sie deshalb als „papistischen Götzendienst“ verurteilt haben. In der Romantik meinte man, den ursprünglichen deutschen Volkscharakter in seinen verborgenen Relikten in Brauchtum und Volksglaube aufspüren zu können. Daraus entwickelte sich die mythologische Schule der deutschen Volkskunde, die hinter allen Äußerungen des sogenannten Volksglaubens Spuren germanisch-keltischer Weltanschauung und Mythologie mutmaßte.

Bis heute sind die Thesen der mythologischen Schule der Volkskunde, die von den Nationalsozialisten im Kampf gegen das Christentum eingesetzt worden sind, lebendig. Viele Heimatpfleger und Heimatforscher blicken nach wie vor auf die christliche Kultur Mitteleuropas durch die Brille der mythologischen Volksforschung. Beliebte Deutungskategorie ist dabei das sogenannte magische Denken unserer Vorfahren. Bezeichnend ist, das das Nachschlagewerk zur Volkskunde den Titel „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ (erschienen 1927–1942) trägt. Unkritisch rezipiert, spielt es bis heute eine fatale Rolle bei der Verbreitung der Thesen der mythologischen Schule.

Eine Ausstellung im Historischen Museum in Regensburg zeigt gerade Exponate aus allen Bereichen dessen, was man bisher landläufig unter Volksfrömmigkeit verstanden hat. Sie trägt den Untertitel „Ausdrucksformen der Frömmigkeit in Ostbayern.“ Es lässt aufhorchen, dass die Begriffe „Volksglaube“ und „Volksfrömmigkeit“ nicht mehr auftauchen. Es hat ein Umdenken stattgefunden. Den heutigen Forschungsstand vermittelt im Katalog der Grundsatzartikel des emeritierten Volkskundlers Walter Hartinger. Was bisher falsch als „Volksglaube“ beziehungsweise „Aberglaube“ bezeichnet wurde, wird jetzt als Ausdruck rein christlicher Glaubenspraxis, von der alle Lebensbereiche in Mitteleuropa geprägt waren, angesehen. Ablehnend steht Hartinger auch der soziologischen Unterscheidung einer Kultur der Eliten von der Kultur des einfachen Volkes gegenüber. Hier lebe die alte Volkskunde mit ihrer Ansicht weiter, dass die Masse der ländlichen Bevölkerung „unter einer dünnen christlichen Schicht heidnisch geblieben“ sei.

Der unbegründete Ruhm der Aufklärung

Hartinger beurteilt auch die gerne von Kirchenhistorikern übernommene These von der Konfessionalisierung, die besagt, dass die endgültige Christianisierung erst mit der modernen Staatenbildung ab dem 16. Jahrhundert eingesetzt habe, kritisch. Stehe doch auch hier dahinter, dass erst im konfessionellen Zeitalter das magische Weltbild der Ungebildeten zwangsweise durch staatliche Bildungsmaßnahmen überwunden worden sei. In der Epoche der Aufklärung hätten die kirchlichen und staatlichen Verbote des sogenannten „Aberglaubens“ eigentlich der gelebten Glaubenspraxis, ihrer Handlungsorientierung und Bildsymbolik gegolten, die mit der reinen Vernunftreligion unvereinbar schien. Die Gefahr, dass Glaubensinhalte falsch verstanden oder trivialisiert werden, bestünde dabei zu jeder Zeit. Daneben habe es Praktiken gegeben, die niemals von kirchlichen Autoritäten approbiert worden seien und auch keinerlei kirchlichen Bezug gehabt haben. Hierher gehören zahlreiche magische Handlungen, die nicht auf eine vorchristliche Tiefenschicht verweisen, sondern zumeist literarisch vermittelt worden sind.

Mit Fragezeichen zu versehen sind die Aussagen des Verfassers zur Bilderverehrung in der Kirche, die „von der ungebildeten Laienschar zusammen mit Vertretern der Orden den theologischen Vordenkern der Amtskirche abgetrotzt worden ist“. Erst rückwirkend habe die Theologie „das theoretische Gerüst geliefert, um dem Bedürfnis nach greifbarer Erfahrung des Jenseitigen eine verträgliche Basis zu verschaffen“. Demgegenüber ist festzuhalten, dass bereits die spätantiken Synagogen mit biblischen Szenen ausgemalt waren und dass die christliche Katakombenmalerei bezeugt, dass die völlige Bildlosigkeit mit dem Glauben an die Menschwerdung Gottes unvereinbar ist.

Die Objektschau beschränkt sich auf Gegenstände und Phänomene aus den bayerischen Regierungsbezirken Oberpfalz und Niederbayern, ergeben aber insgesamt einen Überblick über die bayerische Glaubenspraxis bis in die Gegenwart. Thematisch werden Exponate zu den Bereichen Heiligenverehrung, Gegenwart des Glaubens im Alltag, Wallfahrt in Ostbayern, Votivgaben und Hinterglasbilder als Beispiele für die religiöse Massenproduktion gezeigt. Abschließend wird auf die Sammlung des Regensburgers Hans Herramhof eingegangen. Für die These, dass sich die Verbreitung der Mondsichelmadonna antiislamische Motive verdanke, werden keine Belege angegeben.

Regensburg als Ausgangspunkt der Verehrung der vierzehn Nothelfer wird mit dem Hinweis auf eine der frühesten Darstellungen (1330) in der Nordwand des Domes unterstrichen. Ausgehend von den Niederlanden verbreitete sich im 15. Jahrhundert die Verehrung der heiligen Kümmernis oder Wilgefortis. In einem Aufsatz fasst Ulrike Wörner den (bekannten) Wissenstand über die Frau am Kreuz zusammen. Zur These, dass es sich bei der heiligen Kümmernis um die „Fehlinterpretation“ eines romanischen Kruzifixus handle, sagt die Verfasserin, dass mit dieser versuchten Wegerklärung einer Frau am Kreuz auch „jeder Gedanke an einen weiblichen Anteil am Erlösungsgeschehen strikt zurückgewiesen wird“. Offensichtlich ist der Kulturwissenschaftlerin die lange und intensive Diskussion in der Kirche um die Miterlöserschaft der Gottesmutter unbekannt. Der Beitrag verdankt sich stark der Konjunktur von Genderthemen. Votivtafeln sind Quellen der damaligen agrarischen Alltagskultur. Dargestellt werden Arbeitsunfälle beim Holzeinschlag, Holztransport, beim Umgang mit Pferden und dem Vieh. Es geht zum Beispiel um Kinderwunsch, Krankheit und die Schrecken des Krieges wie Raub, Plünderung und Mord. Im Wesentlichen geht es aber um den religiöser Vorgang der Anheimstellung, wie die durchgängige Beschriftung „ex voto“ (lat.: aufgrund eines Verlöbnisses, Gelübdes) bezeugt.

Mit der öffentlichen Dokumentation eines Gnadenerweises an einem bestimmten Gnadenort wird zugleich die Wirkmächtigkeit des betreffenden Heiligen unterstrichen. Selten zu sehende Votivgaben sind die sogenannten „Tonkopfurnen“ aus Niederbayern, von denen einige ausgestellt werden. Zahlreich sind auch die gezeigten Wachsvotive, die etwa das Votantenpaar ganzfigurig zeigen, einzelne Körperteile wie Ohr, Hand, Fuß oder Brust. Zum Bereich der häuslichen Frömmigkeit gehören die nach der Erfindung der Lithografischen Schnellpresse (1852) massenhaft verbreiteten Heiligenbilder. Als großformatiges Schlafzimmerbild war der ab 1917 verbreitete Druck „Jesus am Ölberg“ von Josef Unterberger besonders beliebt. Neben Kruzifixen wurden in Massenproduktion religiöse Gegenstände für Jedermann wie Weihwasserbecken, Versehgarnituren, Heiligenfiguren aus Porzellan oder Gips hergestellt. In jedem katholischen Haushalt häuften sich die Gebetszettel, Heiligenbildchen, Papstbildchen, Primizbildchen und Sterbebildchen. Religiöse Zeitschriften, die gezielt die katholische Frau und Mutter ansprachen, erzielten ungeheure Auflagen. Bereits Gregor von Tours zählte Gegenstände auf, die zu seiner Zeit als Schutz- und Abwehrzeichen am Körper getragen wurden und von der Kirche abgelehnt wurden: „Muscheln, Steine, Perlen, Wurzeln, Kräuter, Metalle, Gerätschaften, Glas, Silber, Gold, Maulwurfszähne, Mäuseknochen, Fellstücke.“

Auch in der Ausstellung werden solche Exponate gezeigt, die in Bayern Verwendung fanden. Der gesamte Komplex Amulettgebrauch, Magie und ihre Abgrenzung vom Glauben ist in der volkskundlichen Wissenschaft nach wie vor ungeklärt. Es gibt ein System magischer Prinzipien, die auch in der christlichen Kultur Mitteleuropas angewandt wurden: Ähnlichkeitsprinzip, Sympathieglaube, Prinzip des Gegensatzes, imitative Magie, Berührungszauber, Talisman (kraftvoller Gegenstand), Amulettgebrauch (Schadensabwehr), magische Kräfteableitung. Strittig ist deren Deutung. Handelt es sich um eine bestimmte esoterische Weltsicht? Sind Magie und Religion Gegensätze? Gehören Magie und Glaube als Ausdrucksformen nicht-rationaler Anschauungen zusammen? Ist Magie eine Art Erkrankung der Religion? Ist Magie sozusagen die abgesunkene Religion? Ist das magische Denken, das man sogenannten primitiven Kulturen unterstellt, eine Fehldeutung einer Symbolsprache? Angesichts dieser unterschiedlichen Positionen ist es geboten, dass jeder Autor seinen jeweiligen Standpunkt offenlegt und mitreflektiert.

So gehen die Ansichten auch weithin auseinander in der Beurteilung von christlichen Objekten wie Schutzbriefen, Skapulieren, Medaillen, Berührungsreliquien, Walburgisöl, Benediktussegen und Schluckbildchen. So rückt etwa Christine Aka in ihrem Katalogbeitrag auch das Rosenkranzgebet in die magische Ecke: „Durch die Gebetshäufung und Unablässigkeit erhoffen die Gläubigen auf fast magische Weise, durch die Fürsprache Mariens Gottes Wohlwollen quasi zu erzwingen.“ Dahinter steht eine bestimmte Definition der Magie als Glaube an zwingende Kräfte, denen sich die höheren Mächte unterwerfen müssen. Während der gläubige Mensch Gott demütig bittet, ist die Magie Beschwörung und Nötigung. Dass es sich bei dieser Deutung des Rosenkranzgebetes um eine Fehldeutung handelt, muss nicht eigens gesagt werden. Sie stammt zuletzt aus protestantischer Polemik gegen dieses typische Kennzeichen der katholischen Frömmigkeit. Primitive Denkform, unaufgeklärte Bildungsferne sowie vorchristliches Heidentum der Katholiken wurde an solchen Beispielen festgemacht.

Der unscharfe Begriff des Aberglaubens

Wolfgang Neiser nimmt in seinem Beitrag über den Unterschied zwischen Amulettgebrauch und Sakramentalien Zuflucht zu theologischen Lexikonartikeln, ohne auf den ungeklärten Diskussionsstand einzugehen. Gesegnete Gegenstände haben „keine dingliche Eigenmacht“ und Sakramentalien sind Dinge oder Handlungen, durch die die Gläubigen aufgrund des Gebets der Kirche „vor allem geistliche Wirkungen“ erlangen. Zuletzt taucht auch hier der undefinierte Begriff des Aberglaubens auf: Verlassen die Gegenstände die „Glaubensverbindung“ und werden „zugunsten einer gegenstandsbezogenen Wirklichkeitsdeutung auf die Materialität transferiert, so überschreitet das religiöse Bild in der Darstellung von Glaubensinhalten und in seinem Gebrauch die Grenze einer christlichen Heiligung des Alltags in Richtung Aberglaube“. Als „religiöses Ganzheitserlebnis“ ist das Wallfahren wieder populär geworden. Näher geht die Ausstellung auf die Marienwallfahrt nach Neukirchen beim Heiligen Blut, auf die Wallfahrt zur schwangeren Muttergottes auf dem Bogenberg und den Wallfahrtsort Kößlarn ein.

Ausführlich wird die Verehrung des heiligen Leonhard gewürdigt, dessen Weg zum Viehpatron über das Attribut der Eisenkette führte, die dem Heiligen wegen seines Einsatzes für die Befreiung von Christen aus der Sklaverei der Sarazenen beigegeben wurde. Geschmiedete Eisenvotive, Ketten und kleine Eisenrinder kommen fast ausschließlich in der Leonhardsverehrung vor. Zu allen verbreiteten Ausdrucksformen der christlichen Frömmigkeit in Bayern bietet der Katalog für die meisten Exponate fachkundige Erklärungen. Die meisten Exponate werden im Katalog abgebildet. Als Handbuch zu den wichtigsten Ausdrucksformen der christlichen Glaubenspraxis in Bayern behält der hervorragend gestaltete Katalog über die instruktive Ausstellung hinaus bleibenden Wert. Vorangestellt ist ein Geleitwort des Bischofs von Regensburg, Rudolf Voderholzer.

Die Ausstellung im Historischen Museum Regensburg ist noch bis zum 6. Juli zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–16 Uhr. Katalog: „Brücke zum Wunderbaren“. Verlag Schnell & Steiner Regensburg, gebunden, 328 Seiten, EUR 24,95

Themen & Autoren

Kirche

Die Attacken von Bischof Georg Bätzing auf Kardinal Kurt Koch sind Zeichen einer Feindseligkeit, die mit dem Synodalen Weg immer mehr um sich greift. Für Rom ist das eine Herausforderung.
06.10.2022, 09 Uhr
Guido Horst
Durch die emotionalisierte Insnzenierung von einem Opfer und einem Täter, der sich entschuldigen soll, wird ein notwendiger Disput im Keim erstickt: der über das Verständnis der Offenbarung.
05.10.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg. Die Beratungen der Bischöfe in Fulda und der Ad-limina-Besuch in Rom im November bewegen die Gemüter.
05.10.2022, 17 Uhr
Regina Einig
Das Projekt des Erzbistum München und Freising hat den Anspruch „die Anliegen queerer Katholikinnen und Katholiken besser zu berücksichtigen sowie Austausch und Beratung für Menschen aus der ...
05.10.2022, 18 Uhr
Meldung