Ein Spiritus Rector für die Republik

Oswald von Nell-Breuning als Herold moderner Sozialpolitik. Von Urs Buhlmann
Oswald von Nell-Breuning
Foto: Unbekannt | Der Jesuit Oswald von Nell-Breuning (1890–1991) zählt zu denbedeutenden Persönlichkeiten der jungen Bundesrepublik.

Ohne Zweifel gehört der Jesuit Oswald von Nell-Breuning (1890–1991) zu den Gründergestalten der Bundesrepublik Deutschland. Als Ratgeber und öffentlicher Intellektueller hat er Entscheidendes zur Sozial- und Wirtschaftsordnung beigetragen. Dabei konnte er seine lange Erfahrung einbringen. Denn die Wirksamkeit des Trierers begann schon in der Zwischenkriegszeit. Bei den immer noch wenig bekannten Formierungsprozessen des modernen Wohlfahrtsstaates spielte er eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Jonas Hagedorn, Mitarbeiter am Oswald von Nell-Breuning-Institut der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt, wirft in seiner Dissertation Licht auf das Wirken des Paters und anderer katholischer „Solidaristen“ in der Weimarer Republik. Sehr ausführlich beschreibt Hagedorn die diversen Theorien korporativen Mitwirkens, die in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg für den als notwendig angesehenen Ausgleich der Interessensgruppen warben und ihn organisieren wollten. In einer kurzlebigen „Zentralarbeitsgemeinschaft“ versuchte man ab 1918 erstmals den institutionalisierten Ausgleich der Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Hagedorn hebt hervor, dass bei diesen Prozessen zur Herausbildung eines sozialen Rechtsstaates, der die Weimarer Republik in den Augen der Forscher zur „First Post-Liberal Nation“ machte, die katholische Seite einen großen Anteil hatte: „Beträchtliche Teile des Protestantismus konnten ihren ,Statuseinbruch‘ nicht verwinden und verweigerten sich der Mitarbeit an der zu konsolidierenden Weimarer Republik. Die Protestanten in der SPD traten nicht als Protestanten in Erscheinung. Die so genannten religiösen Sozialisten blieben (...) eine marginale Minorität.“ Ein reiches Betätigungsfeld für Nell-Breuning, der sich, geprägt von Altmeister Heinrich Pesch und mit seinem Mitbruder Gustav Gundlach, bienenfleißig einbrachte und zu einer bald nicht mehr zu überhörenden Stimme in der öffentlichen Diskussion wurde.

Mit seinem Bekenntnis zum Naturrecht und hohem nationalökonomischen Sachverstand – obwohl er „nur“ Moraltheologe war – hatte Nell-Breuning entscheidenden Anteil an der Formulierung und Etablierung des Subsidiaritätsprinzips.

Ebenso half er mit an der Überwindung der Gewerkschaftsfeindlichkeit der Kirche und wurde so zu einem „der Sache der Arbeiterschaft und der Kirche stets verpflichteten Wissenschaftler“, der den sozialen Katholizismus mit den Komplexitätsanforderungen der modernen Industriegesellschaft vertraut machte. Nell-Breuning baute auf dem zum Solidarismus geronnenen Solidaritätsbegriff auf, der ursprünglich nur die wechselseitige Verwiesenheit und Abhängigkeit der Gesellschaftsmitglieder meinte und dann von Heinrich Pesch christlich „ausgelegt“ wurde. Er verstand darunter die „Entfaltung der durch Gemeinsinn starken, aber auch rechtlich geordneten, kooperativen, repräsentativen und korporativen Assoziation nach Stand und Beruf“.

Es ist faszinierend, anhand von Hagedorns gründlicher Arbeit zu verfolgen, wie dieser Begriff und dessen praktische Nutzanwendung die Zwischenkriegszeit sozialpolitisch prägte. Es gab sozialistische wie faschistische Ausprägungen der Denkfigur, vor allem aber politische Feldversuche dazu im Portugal Salazars, im Spanien Francos oder im Ständestaats-Konzept Österreichs. Das alles darf keinesfalls in einen Topf geworfen werden und war in sich durchaus unterschiedlich, auch wenn die Nähe zu „rechter“ Politik diesem Denken heute insgesamt einen Hautgout verleiht. Nell-Breuning konnte jedenfalls Ende der 20er Jahre bilanzieren, dass „alle katholischen Sozialökonomen in Deutschland“ Vertreter eines christlich verstandenen Solidarismus seien. Der Autor hält fest: „Der Solidarismus bildete das einzige Lehrgebäude im katholischen Richtungsstreit der Zwischenkriegszeit, das päpstlich approbiert (durch die maßgeblich von Nell-Breuning verfasste Enzyklika Quadragesima anno von 1931, Anm. d. Verf.) und an das nach dem Zweiten Weltkrieg angeknüpft wurde. Spätestens in der frühen Bundesrepublik wurde der Solidarismus zum Synonym der katholischen Soziallehre.“

Ein für uns heute so nicht mehr vorstellbares Kapitel im Verhältnis von Kirche und Arbeiterschaft war die Frage der Gewerkschaftsmitgliedschaft für Katholiken, in der Nell-Breuning mutig voranging. Der anfänglich als gottlos verstandene, sich auch selber so stilisierende Sozialismus machte es katholischen Arbeitern unmöglich, den Gewerkschaften beizutreten. Was jedoch im Gegenzug nicht bedeutete, dass konfessionelle Gewerkschaften kirchlicherseits akzeptiert worden wären.

Auch hier war es ein mühsamer Prozess, von Hagedorn nachgezeichnet, der vom „tolerari posse“ Pius' X. 1912 zum „approbare“ durch Pius XI. 1931 führte, freilich nur gegenüber der eigenen christlichen Gewerkschaftsbewegung. Nell-Breuning war da schon einen Schritt weiter und trat nach dem Zweiten Weltkrieg klar für die Einheitsgewerkschaft und gegen das Aufleben von Richtungsgewerkschaften ein; was ihn allerdings nicht hinderte, bei verschiedenen Gelegenheiten die Positionen des DGB, dem er sich verbunden fühlte, zu kritisieren.

Eine ähnliche Vorreiterrolle nahm der Jesuit in der Kapitalismuskritik ein. Bereits 1929 hielt er fest: „Ein selbstherrlich gewordenes Gewinnstreben um jeden Preis lässt allerdings die Wirtschaft und mit ihr die menschliche Gesellschaft aus den Fugen gehen.“ Ebenso früh kritisierte er die spekulativ befeuerte „Flüssigkeit des Geldmarktes“ und leichtfertig vergebene Kredite zur Börsen-Veranlagung. In der Frage der Mitbestimmung kam Nell-Breuning von der Vorstellung, sie sei nur als Vermögensbeteiligung der Arbeiter am Unternehmen sinnvoll, zur Erkenntnis, „nicht als kleiner Anteilseigner will er mitbestimmen, sondern ausgesprochenermaßen und betont aufgrund seiner Arbeitsbeteiligung“. Arbeit also als Produktionsfaktor, der zur Mitverantwortung im Unternehmen berechtige.

Hagedorn kommt zu dem Ergebnis: „Nell-Breuning war ein situativer Denker. Er nahm sich der drängenden sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen seiner Zeit an. Seine Interventionen waren zielgenau und kompakt. (...) Stets begleiteten ihn die Verwiesenheit von Sozialpolitik und Sozialreform.“ Zudem gab er sich in der NS-Zeit keine Blöße, was nicht von allen Mitstreitern des sozialen Katholizismus gesagt werden kann. Die Bundesrepublik hatte in Oswald von Nell-Breuning einen Spiritus Rector und zentralen Ratgeber. Hagedorns Arbeit beleuchtet einige weniger bekannte Stationen im wissenschaftlichen Werdegang des Jesuiten. Sie tut das kompetent und erschöpfend, wenngleich nicht recht einzusehen ist, warum in einer deutschen Doktorarbeit Anglizismen wie „Support“, „Headline“ oder „Upgrade“ notwendig sein sollten. In der Geringschätzung der Neuscholastik, der sich Nell-Breuning stets verbunden fühlte, reiht sich der Autor in die Reihe der Heutigen ein. Sein Buch ist besonders da anregend, wo es die Frage aufwirft, ob nicht auch heute – unter „nachmetaphysischen“ Vorzeichen, wie Hagedorn das nennt – ein solidaristisches Gesellschaftsmodell denkbar ist.

Jonas Hagedorn: Oswald von Nell-Breuning SJ. Aufbrüche der katholischen Soziallehre in der Weimarer Republik. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, 532 Seiten, ISBN 978-3-506-78795-8, EUR 69,-

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