Kirche

Ein Programm für Jahrtausende

Wissenschaftliches Großwerk zum Benediktinerorden erschienen: Über das Beten, Arbeiten und Durchhalten. Von Urs Buhlmann
Die Benediktsregel bleibt als geistliche Richtschnur unverändert aktuell.
Foto: KNA | Der Zahn der Zeit kann nur seiner Statue etwas anhaben: Die Benediktsregel bleibt als geistliche Richtschnur unverändert aktuell.

Das Benediktinertum ist für die Katholiken gleichbedeutend mit Solidität und Maßhalten, hat etwas Verlässliches. Umso bedauerlicher, wenn Orden und Kirche zur Kenntnis nehmen müssen, dass ausgerechnet ein früherer Erz- abt von Monte Cassino, der von Ordensstifter Benedikt 529 gegründeten Mutterabtei, wegen fragwürdigem Finanzgebaren und der Veruntreuung von einer halben Million Euro vor Gericht kommt, wie unlängst zu lesen war. Es zeigt sich, dass selbst eine so ehrwürdige Institution wie der erste Mönchsorden der lateinischen Kirche nicht von der Erbsünde ausgenommen ist. Von den überall anzutreffenden Irrungen und Wirrungen, wie sie jede alte Gründung und jede Ordensgemeinschaft mitmachen muss, einmal abgesehen. Von den Wegen und Werten der Mönche handelt ausführlich und wissenschaftlich auf dem letzten Stand eine Gesamtgeschichte des benediktinischen Mönchtums aus der Feder des Archivars von Monte Cassino und renommierten Ordenshistorikers, Mariano Dell'Omo, die jetzt auf Deutsch herausgekommen ist – passenderweise im Verlag der bayerischen Erzabtei St. Ottilien.

Wer meint, die Pflanze des von Mönchsvater Benedikt inspirierten Mönchtums sei einem jungen Trieb gleich geradlinig und stetig nach oben gewachsen, wird erstaunt zur Kenntnis nehmen, wie viele kirchliche und weltliche Stolpersteine zu umgehen waren, wie viele Abzweigungen sich aus der einen Pflanze herausentwickelt haben, kurz, wie viel Dynamik in der nun schon 1500 Jahre währenden Historie des nach seinem Gründer benannten Ordens waltet.

Dell'Omo stellt das, was er die Blütezeit seiner Gemeinschaft nennt, die Zeit von der Gründung bis zum 12. Jahrhundert, in den Mittelpunkt der Darstellung. Ganz zu Recht hebt er die Bedeutung der Regel – und nicht die der Person von Ordensstifter Benedikt – in den Vordergrund. Von ihm wissen wir eigentlich nur wenig, und dieses wenige nur durch Sekundärquellen. Kein Wunder, dass sich ein deutscher Mittelalter-Historiker erdreistet hat zu behaupten, Benedikt sei gar keine fassbare historische Person, vielmehr eine Art Chiffre für die, die der jungen Gemeinschaft ihr Siegel aufgedrückt haben. Das geschah vornehmlich durch die Regel, die ein meisterhaftes Dokument ausgewogener Menschenführung ist. Nicht ohne Grund wird sie verstärkt auch von Management- und Organisationsberatern zu Rate gezogen. Methoden der Motivierung von Mitarbeitern sind ihr ebenso zu entnehmen wie geeignete Wege, um das aufzubauen, was man heutzutage als Unternehmenskultur oder „Corporate Identity“ bezeichnet. Es ist ja auch das, was einem unbefangenen Besucher, der Orte benediktinischer Gemeinschaften aufsucht, vor allem ins Auge sticht – dass nämlich Klöster des Ordens bei allen regionalen Eigenheiten etwas Gemeinsames, etwas Verbindendes aufweisen. Eine innere Einheit, die vor allem durch Befolgung der gleichen Lebensregel mit ihrem sinnvollen Wechsel von Phasen des Gebetes, der übrigen Arbeit und der Muße herbeigeführt und ermöglicht wird.

Pater Dell'Omo macht darauf aufmerksam, dass Benedikt rund hundert Jahre nach der Gründung Monte Cassinos als „Abbas Romensis“ – später wird daraus Romanus – bezeichnet wird. Es wird also seine Verbundenheit – und die seiner Gründung – mit der Stadt der Apostelfürsten betont. Und diese wurde erwidert; die Päpste haben sofort erkannt, welchen Wert ein geregeltes Mönchtum für die innere Verfassung der Kirche haben würde. Gregor der Große ist nur einer von fünfzig Benediktinern, die in der Folge den Papstthron bestiegen haben.

Das neue Buch macht uns auch darauf aufmerksam, wie lange – nämlich Jahrhunderte – es brauchte, bis die Regel Benedikts sich überall durchgesetzt hatte. Noch lange waren Varianten davon im Einsatz oder gänzlich andere, meist aus dem Osten kommende Regelwerke. Für den deutschsprachigen Raum sollte es providenziell werden, dass Karl der Große bei einem Besuch in Monte Cassino 787 ein Exemplar der Benediktsregel erbat und erhielt. Damit konnte Benedikt von Aniane, wichtiger monastischer Reformer der karolingischen Zeit von westgotischer Herkunft, mit der Rückendeckung des Kaisers und dessen Sohnes Ludwig darangehen, „uniformis mensura in potu, in cibo, in vigiliis, in modulationibus cunctis“ herbeizuführen, also auf der Grundlage der Regel eine einheitliche Lebensführung in den zerstreut liegenden Klöstern grundzulegen, bis hin zu Speis' und Trank. (Bis heute ist es im übrigen niemandem gelungen, die in der Regel genannte Maßeinheit einer „Hemina“ für den täglich zu verabreichenden Wein, der ja in Zeiten meist verunreinigten Wassers das Hauptgetränk war, genau zu bestimmen – was manche erfreut).

Natürlich muss Cluny in Burgund, das heute nur noch in kümmerlichen Resten erhaltene Stammkloster eines weit ausgreifenden Kloster-Verbundes mit streng einheitlicher, liturgisch orientierter Lebensweise, vorgestellt werden. Auch, weil hier zum ersten Mal etwas erprobt wurde, das die äußere Gestalt des weltweiten Benediktinerordens bis heute prägt, der Weg „von einer einfachen klösterlichen Struktur mit zahlreichen Filialen in eine ,congregatio‘ oder besser gesagt in ein ,monastisches Netzwerk‘. Aus einem Klosterverband bildete sich die ,ecclesia Cluniacensis‘“, bei der der Abt des Hauptklosters echte Durchgriffsrechte besaß und das Band der einzelnen Filialen miteinander auch eine besitzrechtliche Implikation aufwies. Eine umfangreiche Gebetsgemeinschaft für die Verstorbenen verstärkte die innere Bindung. In späteren Zeiten war dies „gebetstechnisch“ – vom reinen Zeitaufwand her – gar nicht mehr zu bewältigen und musste beschnitten werden. Das Werk gibt auch Auskunft über die feine Stichelei, mit der der Reformmönch Bernhard von Clairvaux, dessen Zweig der Zisterzienser sich dann auch juristisch aus dem Orden herausentwickelte, Anstoß nahm an der cluniazensischen Lebensführung, die ihm viel zu verfeinert, zu luxuriös vorkam: „Ich frage mich (...), wie es möglich ist, dass unter Mönchen eine solche Ausschweifung in Speise und Trank, in der Kleidung und im weichen Lager, in den Kutschen und in den Bauwerken Fuß fassen konnte. Ja, man sagt, dass dort die Ordnung besser beachtet wird, man glaubt, dass dort die religiöse Gesinnung höher ist, wo dies alles mit größerem Eifer, mit größerem Vergnügen und verschwenderischer geschieht.“ Einige Briefe dieser Art, mit entsprechenden Antworten, wechselten zwischen Cluny und Clairvaux. Und man sieht: Jede Ordensgemeinschaft bedarf der ständigen Erneuerung, muss sich immer wieder mit Übertretungen und Übertreibungen – seien sie auch gut gemeint – auseinandersetzen.

Wenn es darüber Meinungsverschiedenheiten gibt, ist der Weg nicht weit zu einer Neugründung – vor allem, wenn man sie als Rückorientierung zu den Quellen werten kann. So hat auch das benediktinische Mönchtum mehrere Äste entwickelt, Seitentrieben gleich, die sich häufig aus dem Verlangen entwickelten, entweder die Regel wieder strenger zu befolgen oder das darin vorgesehene Gemeinschafts-Leben mit einem temporären oder permanent gelebtem Einsiedlertum zu verbinden. Dell'Omos Buch ist ein zuverlässiger Wegweiser durch das gelegentlich verwirrende Geflecht von Kongregationen innerhalb des Ordens – in Deutschland sind besonders die Beuroner und die Missionsbenediktiner von St. Ottilien bekannt –, neuen Zweigen wie Kamaldulensern, Vallombrosanern, Silvestrinern, Olivetanern, Grandmotensern et cetera sowie eigenständig gewordenen Fortentwicklungen. Deren berühmteste ist der als Reform intendierte Zisterzienserorden, der zur rechtlich völlig getrennten Gemeinschaft geworden ist, die dann ihrerseits wieder reformiert wurde durch die Trappisten. Ob das alles so sein muss, ob die Söhne des Hl. Benedikt vielleicht einmal wieder zusammenfinden werden, wie dies zumindest als Absichtserklärung für die verschiedenen Zweige des Franziskanerordens gerade in der Diskussion ist, bleibt abzuwarten. Es scheint, dass der menschliche Drang zur Unterscheidung, zum sich Voneinander-Abheben, dem doch mächtig entgegensteht.

Das Buch endet mit einem Blick auf die weltweite Ausdehnung des Ordo Sancti Benedicti, der heute in der Tat auf allen fünf Erdteilen zu Hause ist. Auch dessen Beitrag zur „Liturgischen Bewegung“ wird gewürdigt, wenn auch etwas überbetont. Schließlich hat auch der österreichische Augustiner Chorherr Pius Parsch hierzu Bedeutendes beigetragen. Entwicklung und Werdegang der benediktinischen Nonnen und Schwestern sind nicht Gegenstand des Buches. Zum Glück könnte man sagen, denn die Ausdifferenzierung in verschiedenartig aufgebauten Gemeinschaften mit teils ganz unterschiedlichen Mitgliedschaftsformen ist hier noch komplizierte als bei den Männern. Die Übersetzung des Buches aus dem Italienischen durch Hermann J. Benning, die sicher nicht einfach war, ist sehr solide – bis auf den offenkundigen Fehler, von einer „Kaiserweihe“ Napoleons durch den (Benediktiner-) Papst Pius VII. am 2. August 1802 zu sprechen. Als Nachteil des dicken Bandes wird man eine gewisse Betonung des italienischen Anteils an der Ordensgeschichte bezeichnen müssen, obwohl die markanten geschichtlichen Wegmarken im deutschsprachigen Gebiet, etwa die Reformbewegungen von Kastl, Melk und Bursfeld, angemessen erwähnt werden. Unbedingt auf der Plus-Seite steht der erschöpfende wissenschaftliche Apparat mit Dutzenden Seiten von Literaturangaben, der das Buch der wissenschaftlichen Nutzung zugänglich macht. Mariano Dell'Omos Werk wird auf lange Zeit eine gewichtige Stimme bei der historischen Würdigung jener Institution der Religions- und Geisteswissenschaft sein, der man wünscht, dass sie sich zwar immerfort durch Maßnehmen an den Ursprüngen reformieren, aber nicht wandeln möge.

Mariano Dell'Omo: Geschichte des abendländischen Mönchtums vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Das Charisma des Hl. Benedikt zwischen dem 6. und dem 20. Jahrhundert. EOS Verlag, St. Ottilien, 2017, 724 Seiten, zahlr. Abb., ISBN 978-3-8306-7833-5, EUR 69,95

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