Weihnachtsforum 2021

Ein göttliches Kind ist geboren

Die größte denkbare Kerbe der Geschichte hat real stattgefunden: die Geburt eines Gottes auf dieser Erde.
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Foto: adobe stock | Auch die Magier, die von einem Stern gelockt aus dem Osten ins Ungewisse anreisten, erwarteten ein königliches Kind, ausgewiesen durch die Abzeichen hoher Herkunft, und vornehme Eltern.

Alle Welt kennt die Narnia-Romane von C. S. Lewis, wenige aber sein meisterhaftes kleines Stück über „Xmas und Christmas“, das er im Stil eines verschollenen Werkes des Historikers Herodot schreibt. Als genauer Beobachter fremder Kulturen notiert dieser im Monat Dezember ein erschöpfendes, unverständliches Treiben, das sich auf einen Tag namens Xmas richtet. Menschen aller möglichen Herkunft und sogar hohe Institutionen tauschen Geschenke aus und schreiben zwanghaft zahlreiche und belanglose Glückwünsche, ohne dass der Anlass deutlich wird. „Und da alle Menschen diese Karten verschicken müssen (…), herrschen große Anstrengung und Müdigkeit.“

Bei längerem Forschen aber entdeckt Herodot am selben Tag, nun Christmas genannt, ein geheimnisvolles Fest bei einer Minderheit, die die Geburt eines Gottes in einer Höhle feiert und dabei sichtlich Freude empfindet. Haben die beiden Vorgänge überhaupt miteinander zu tun? Das bleibt ihm letztlich unklar, und er vermutet zwei völlig getrennte Ursachen.

"Gott schuf den Menschen
nach seinem Bild und Gleichnis"

Szenenwechsel zu dieser Höhle und dem kleinen neugeborenen Gott. Was ist das Verblüffende daran? Die alte Welt erlebte ihre Götter als Wesen der Macht. Die rohe Kraft der Götzen zeigt sich in Naturgewalten, im unzähmbaren Trieb, im rätselhaften, oft furchterregenden Verhängnis. Die Götter kamen überfallartig über den Menschen, prägten, verwirrten, begeisterten ihn und ließen ihn dann wieder in Ruhe.

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Aber das kleine Israel, unscheinbar zwischen den Großreichen und ihren Religionen, behauptete etwas anderes über Gott. Seine Priester schrieben gleich am Anfang ihres Heiligen Buches einen Satz, der weltberühmt wurde: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis.“

„Bild“ (zelem) meinte wörtlich die Götterstatuen, die von ferne in den Tempeln schimmern. Der Satz heißt also eigentlich: „Gott schuf den Menschen als sein Götterbild.“ Das bewirkte eine geistige Explosion: Das echte Abbild Gottes ist der Mensch – nicht die Statuen aus Lehm und Gold, und ebenso wenig Feuer, Sturm und Erdbeben.

Ein Kind erschüttert die Alten jäh bis auf den Grund

Die Propheten hatten außerdem vorausgesagt, es werde noch mehr Undenkbares geschehen, nämlich die Geburt eines wunderbaren Kindes durch eine Jungfrau. So genau waren die Prophezeiungen, dass sogar von dem Dorf Bethlehem dabei die Rede war. Nur die Zeit dieser Geburt war unklar.

Aber zwei alte Menschen mit Namen Simeon und Hanna kamen eines Tages in den Jerusalemer Tempel und sahen dort ein armes Paar, das ein Kind, einen Knaben, dem Herrn weihen wollte. Und Simeon sah das Undenkbare. Er wusste auf einmal, dass die Jahrtausende auf niemand anderen gewartet hatten; wusste, dass alles an diesem Leben normal war und doch bewegend anders, tiefer, erregender.

Schon in dem Kind erkannte er eine fremdartige Macht: Auslöser zu sein für Hass oder Hingabe, Verschließung oder Neugeburt, Gericht oder große Liebe und überhaupt für den mühsamen Umbau des eigenen Herzens. Für Juden und sogar für Heiden. Ihm zur Seite stand die alte Frau mit ihrem unendlich geduldigen Warten. Für einen wenig fassbaren Augenblick hatte sie gefastet, gebetet, alles ertragen: für den Blick auf den erwarteten Unbekannten, Herrlichen.

Nun ist es ein Säugling. Ein Kind erschüttert die Alten jäh bis auf den Grund. Auch Simeons Herz wird ergriffen von einem Sturm, vom Übergroßen und zugleich Furchtbaren: Er sieht Herrlichkeit und Fall Israels, ein Schwert für die erblassende Mutter. Alles, worauf sein Volk seit Jahrhunderten zueilte, liegt in seinem Arm. Nur mühsam öffnet sich das Begreifen. Ein langes Leben, ein dunkles Warten wird nun eingetauscht gegen herzsprengende Freude. O fröhlicher Tausch!

Ein Kind bekleidet, das doch unmittelbar aus Gott kam

Den Säugling bemerkte außer den Beiden sonst niemand im Tempel. Aber Simeon kam der eigene Tod gering vor im Vergleich zu dem Licht, das ihn traf: dass der Herbeigesehnte in seinen Armen lag. Dass der Lehm Adams, aus dem alle gemacht sind, ein Kind bekleidet, das doch unmittelbar aus Gott kam. Das Kind sprengte ihm das Herz.

Was den beiden Alten geschah, geschah damals auch anderen. Sie alle hatten mit Verblüffung zu kämpfen, davon berichten Matthäus und Lukas in den Evangelien. Ein neugeborener Gott in Windeln, eine für Tiere eingerichtete Unterkunft… Auch die Magier, die von einem Stern gelockt aus dem Osten ins Ungewisse anreisten, erwarteten ein königliches Kind, ausgewiesen durch die Abzeichen hoher Herkunft und vornehme Eltern. Was sie sahen, war Armut, sogar Dürftigkeit.

Sie selbst waren Vertreter großen antiken Wissens, Astronomen und Mathematiker, die die Bewegungen der Sterne sakral deuten konnten. Aber dass die göttliche Herrlichkeit sich auf eine stallähnliche Höhle senkte, war unerwartet. Und doch so stark, dass sie niederfielen und anbeteten.

Ist das alles wahr? Gibt es nicht Exegeten, die solchen Erzählungen märchenhafte Züge zuweisen? Natürlich: Schon in alten Überlieferungen von Indien bis Griechenland leuchtet die Gestalt eines heiligen Kindes auf, das unmittelbar dem Ursprung entspringt. So erschien Indra, eine der indischen Ur-Gottheiten, einmal als Knabe, um die alten, abgeklärten Lehrer mit nie gehörten Einsichten zu beschämen. Der Grieche Heraklit sprach vom Brettspiel der Zeit: Ein königliches Kind schiebt die Spielsteine hin und her oder wirft sie durcheinander – je nach Laune.

Noch andere Merkmale des mythischen heiligen Kindes ließen sich aufzeigen: seine Weisheit, die nicht aus Schulwissen stammt; seine Aufrichtigkeit, die allem Verkehrten widersteht; seine Reinheit, die wie der Lotos über dem Schmutz der Abwässer schwebt; seine unzerstörbare Gegründetheit im Göttlichen, die allen Bedrohungen trotzt.

Gott im Fleisch, der das Fleisch befreit

An diesen alten Erzählungen, die von einem Gottkind handeln, lässt sich aber sehen: Erregend und belehrend, wie sie sind, erzählen sie trotzdem eine symbolisch-mythische Geschichte. Die Evangelien aber berichten Wirklichkeit: Empfängnis, Geburt, Kindheit, Reifejahre und Tod Jesu in genau überprüfbarer, historischer Zeit. Die alten Bilder werden eingelöst und bewahrt, aber sie werden vor allem überholt durch das eine, einmalige, wirkliche Geschehen.

Der Sinn der Mythen läuft auf Wahrheit hinaus, buchstäblich und tiefer, als sie es selbst ahnen konnten. Noch einmal zu C. S. Lewis: Als jugendlicher Atheist war er bemüht, die Evangelien als geschichtslose, märchenhafte Erzählungen zu erweisen - bis er, der Philologe von Oxford, wider Willen feststellen musste, dass sie schon von der Sprache, und mehr noch: von der ganzen Konzeption her Wirklichkeit wiedergaben. Ab da musste er umkehren.

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Die Evangelien wandern nicht in die Mythologie ab und verblassen dort zu allgemeinen Existenzdeutungen. Ernst und Freudigkeit ihrer Berichte sind nicht zu verdünnen und aus ihrem geschichtlichen Angelpunkt Jesus, dem Messiaskind, auszuhebeln. Die größte denkbare Kerbe der Geschichte hat real stattgefunden – die Geburt eines Gottes auf dieser Erde. Die größte denkbare Katastrophe der Geschichte hat ebenso real stattgefunden – die Ermordung dieses Gottes. Die größte kaum denkbare Wiederherstellung ebenfalls – seine Auferstehung.

Die Bedeutung dieser Ereignisse lässt sich durchaus missachten und in Zweifel ziehen. Aber sie wird endgültig unübersehbar im letzten Großereignis: im Ziel der Geschichte, in der Wiederkunft des Ermordeten und Auferstandenen. Die Evangelien arbeiten auf dieses Endgültige hin und ziehen die Linien der Gegenwart und der Vergangenheit auf die Zukunft, den zweiten Advent Jesu, zu. Dabei kann das Christentum die Weisheit der Mythen, der Märchen, des Volkes, des Heidentums, der Griechen, der Kelten und anderer Kulturen mitnehmen und sie zugleich unbedingt überholen.

Das Herz kniet

Tertullian fasste diese Einsicht in die großartige und großzügige Formel von der anima naturaliter christiana: Die Seele sei schon von Natur aus christlich. John Henry Newman formulierte wunderbar: „Es stört mich nicht, dass die Engel aus Babylon stammen, solange sie auch auf den Fluren Bethlehems gesungen haben.“

Fünfhundert Jahre vor Weihnachten suchte ein indischer Prinz mit Namen Buddha die Erlösung aus dem unseligen Kreislauf alles Sterblichen. Hätte er von diesem Kind gehört, wäre er, der Weise, vielleicht als erster gekommen, um vor ihm niederzuknien. Mehr, viel mehr als ein Verwehen ins Nichts ist die Heiligung des Irdischen, ja, auch des Fleisches. Gott im Fleisch, der das Fleisch befreit von seiner Hinfälligkeit: Das ist die Lösung. Sogar der Tod hat keinen ewigen Bestand mehr. Wie war das in der Stunde bei Simeon und Hanna? Die Knie sind alt und können sich nicht mehr beugen. Aber das Herz kniet.

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