Zum Tod Benedikts XVI.

Diener der Wahrheit in Liebe

Poet, Priester, Prophet und Papst. Ein Nachruf auf den Denker Joseph Ratzinger.
Benedikt XVI.: Poet, Priester, Prophet und Papst
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Zeigen, dass die Vernunft größer ist: Papst Benedikt XVI. am 01.05.2011 bei der Messe zur Seligsprechung von Johannes Paul II. auf dem Petersplatz im Vatikan in Rom.

Die zarte Stimme ist verstummt. Das leise und starke Wort aber bleibt. Mit Joseph Ratzinger ist ein Großer und ein vom Glauben gänzlich Durchseelter ins himmlische Haus des Vaters gegangen. Die gläubige Seele derer, denen dieser Theologe, Seelsorger und Papst durch luzide Texte, Überlegungen und Ansagen viel Licht aus der göttlichen Wahrheitswirklichkeit aufzuzeigen und sehnsuchtserfüllt anzudeuten vermochte, vermag sich vorstellen, wie er, der aus Bayern stammende Brückenbauer, nun auf dem endgültigen Weg zur erfahrenden Anschauung dessen ist, auf den er sein ganzes irdisches Leben ausrichtete. Diese Orientierung machte ihn reich in der Weitergabe der Wahrheit, die er als unruhig Beseelter unermüdlich suchte und die er mit Klugheit, Weisheit und liebenswürdiger Zärtlichkeit weitergeben, teilen und erlebbar machen wollte für möglichst viele Wanderer auf dem Weg durch eine Welt, die sich allzu häufig den Blick auf die einzig wirkliche Freiheit nicht mehr zuzutrauen schien.

Auch als Pontifex Maximus blieb er als Joseph Ratzinger jene bisweilen zerbrechlich erscheinende Persönlichkeit, die dem Streit lieber aus dem Weg ging und den Widrigkeiten einer von Unehrlichkeit und Gebrochenheit durchzogenen Falschheit des gelebten Seins fast schon scheue Fragezeichen entgegensetzte. Sein bischöflicher Wahlspruch war und blieb das Credo seines eigenen Auftrags: Wir sind Mitarbeiter der Wahrheit, „Cooperatores Veritatis“. Dies hatte sich ihm selbst bis ins die letzte Zelle seiner Lebens-DNA eingewurzelt. Nichts und niemand konnte ihn davon abbringen, dass diese Befähigung jedem Menschen geschenkt sei. Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. war ein vierfaches „P“: Poet, Priester, Prophet und Papst.

Seine Liebe zur Wahrheit, die befreit und nachhaltige, belastbare Freiheit zu erschließen versteht, spiegelte sich in der für viele faszinierenden Liebe zur Sprache und zur geradezu ehrfurchtsvollen Genauigkeit des Wortes. Er veranschaulichte durch seinen Umgang mit dem Wort, dass Sprache mehr ist als ein Instrument der schnellen Kommunikation, sondern das Sein selbst zum Ausdruck bringen will und als Medium Wahres, Richtiges und Wichtiges zur Mitteilung bringen möchte. Durch seine Texte und erst recht in den persönlichen Begegnungen konnte man dicht und erhellend erfahren, dass es um Begegnung, Erkenntnis und Leben ging und geht. Das der Nachwelt geschenkte umfangreiche Schriftwerk macht die Erfahrung mit diesem Schatz auch weiterhin möglich.

Er öffnete Horizonte der Weite für Geist und Seele

Der Beginn des Johannesevangeliums scheint dem späteren Papst eine stete Mahnung gewesen zu sein, den Anspruch Gottes gegenüber dem Wort nicht zu vergessen und ihm in menschlicher Gebrechlichkeit so edel wie möglich gerecht zu werden. Immerhin heißt es dort, dass im Anfang das Wort, der Logos, war, und dass der Logos Gott war – und dass aus dem Wort alles geworden ist. Bei Ratzinger konnte man immer wieder vor allem in seinen Texten erleben, wie in einer wahrhaftigen Sprache höchste Erkenntnisse und Verheißungen mit poetischer Liebenswürdigkeit und Klarheit dazu einladen, selbst und ohne überbordende Anstrengung geradezu leicht in höchste Geisteswelten aufzusteigen. Allein die Enzyklika „Deus Caritas Est“ (Gott ist die Liebe) ist nicht nur ein Bekenntnis, sondern eine von zärtlicher Liebe wortreiche Hinführung zu Gott selbst. „Bekehrung – das erste Wort des Christentums – kann nur verkündigen, wer selbst von ihrer Notwendigkeit berührt worden ist und darum die Größe von Gnade begriffen hat“, schrieb er zum Beispiel 1998 in „Diener eurer Freude“.

Vieles, ja beinahe alles, was man in seinen Büchern lesen kann, öffnet Horizonte der Weite für Geist und Seele. In einer Predigt – als pars pro toto – verdichtet sich 1985 Sprache in reiner Form und bietet lichtreich Trost vermittelnd an: „Das Letzte und Entscheidende für den Menschen, gerade auch für sein Wohl und Glück, ist nicht das Wohlfühlen, sondern das Gutsein. Der Mensch wird nicht vergrößert, wenn ihm Autonomie zugesprochen wird, sondern verkleinert, denn er kommt erst wahrhaft zu sich selbst, wenn er über sich hinaus kommt. Er ist mehr bei sich selbst, wenn er bei Gott ist, als wenn er nur er selber sein will.“

Gemäß der Wahrheit werden

Es sagt viel über den großen und klaren Geist aus, der übrigens sein Gegenüber niemals von oben herab anschaute und dem jegliche Form der Arroganz und Überheblichkeit fremd war, wenn er formulierte: „Wir müssen, ja wir dürfen nicht das Sein für uns zurechtbiegen, damit es uns dienlich wird, denn dann zerstören wir die Welt und uns selbst.“ Daher gelte: „Hinhören auf die Sprache Gottes, das heißt, Gott gemäß zu werden.“ Wenn wir, denen Gott entgegenkomme, doch nur begreifen würden, dass das Gebot ein letztlich einfaches ist: „Dass wir gemäß der Wahrheit werden.“ Joseph Ratzinger war ein zutiefst Hinhörender, was ihn befähigte, ein feiner und zum Hören einladender Lehrer und Künder des Wortes zu sein.

Das Ignorieren der Wahrheit, wie es in der angeblich so modernen und humanen Welt der Diktatur des Relativismus mehr und mehr Gewohnheit wurde, störte ihn, den Sensiblen und letztlich Vorsichtigen, sehr. Er warnte im Deutschen Bundestag vor der „sich exklusiv gebenden positivistischen Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen“ könne, und „den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht“ selber zu geben können einbilden. Doch dabei „können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbst gemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“

Wer wieder in die Weite, in das Ganze zurückfinden wolle, und wer dabei nicht möchte, dass die Vernunft wieder ihre Größe findet, ohne ins Irrationale abzugleiten, müsse nicht zuletzt die Ökologie, die Natur des Menschen wieder zulassen und neu entdecken. „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“ Und das bedeute im Blick auf den Menschen, dass er selbst seine Natur achtet und respektiert, sie keinesfalls beliebig manipulieren dürfe. „Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Es ist eine Reduktion der Vernunft erfolgt

In einem längeren Gespräch sagte mir Kardinal Ratzinger 1996: „Leider ist es so, denn der Begriff Natur ist inzwischen von der Naturwissenschaft so beschlagnahmt, dass sein ursprünglicher philosophischer Gehalt dem heutigen Menschen sprachlich nicht mehr sichtbar, nicht mehr zugänglich ist. Dass hier sozusagen die Grundmuster der Wirklichkeit gemeint sind und nicht einzelne Verlaufsgesetzlichkeiten, das ist tatsächlich aus dem Blick geraten. Insgesamt würde ich das von Ihnen beschriebene Programm ,Selbstkritik der Aufklärung‘ nennen, auf dass sie ganz sie selber werde“ (Vgl. Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften 13, Freiburg 1245-1249).

Die Aufklärung sei „jedenfalls nicht auf den Weg gekommen, der ihr positives Wesen voll zur Erscheinung bringen könnte. Anders ausgedrückt: Es ist eine Reduktion der Vernunft erfolgt, weil sie zunächst einmal vom Glauben abgedrängt wurde und nur rein in sich selbst ohne jeden Einfluss des Glaubens und der Offenbarung bestehen sollte. Das heißt, sie ist bewusst schwerhörig geworden gegenüber anderen Realitäten, eben gegenüber dem, was aus der Offenbarung, aus dem Glauben heraus kommt. Sie darf es gar nicht hören, weil sie gar nicht mehr rein wäre, weil die Philosophie gar nicht mehr Philosophie wäre. So denkt man, und das führt dann dazu, dass schließlich nur noch gilt, was experimentell verifizierbar ist, dass also die Vernunft sich auf einen engen Sektor beschränkt, eben den naturwissenschaftlich ausweisbaren, und damit die großen Realitäten des Menschen ins Beliebige und Irrationale abschiebt. Dadurch entsteht eine Art Schizophrenie. Als vernünftig bleibt das Experimentierbare übrig. Alles andere, das heißt die großen eigentlichen Menschheitsfragen und Fragen jedes Einzelnen, werden ins Irrationale abgeschoben, und damit muss die Menschheit in ihrem Wesentlichen irrational werden“.

Man müsse „wieder zeigen, dass Vernunft weiter und größer ist. Was nicht experimentierbar ist, muss deswegen nicht unvernünftig sein. Vielmehr gibt es da eine andere Weise der schauenden, der vernehmenden Vernunft, in der sie dann erst zu ihrer eigentlichen Größe kommt, indem sie versteht, wer ich bin. Das versteht sie nur, wenn sie eben auch die Anrede von Gott her hört. Das heißt, wir müssen wieder zu einer größeren Vernünftigkeit kommen, in der der Glaube nicht irrational ist. Er bleibt Mysterium, aber er ist vernünftig und dem Verstehen zugeordnet. Mit dieser zu ihren großen Möglichkeiten geöffneten Vernünftigkeit erhält dann die Wissenschaftswelt wieder ihre menschlichen Maßstäbe und ihren menschlichen Zusammenhang“.

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Lichtvolle Verkündigung aus der Wahrheit des Glaubens

Es sei sehr wichtig, dass „die Wissenschaft wieder den Mut findet, nach Wahrheit zu fragen und die Wahrheitsfrage wieder als dem Vernunftbereich zugehörig ansieht“. Auf diese Weise könne sie „die Furcht vor der Wahrheit überwinden, die tatsächlich da ist“. Auch in der Kirche fürchte man, dass wenn man sage, dies sei wahr, „man sei dann intolerant gegenüber den anderen und man gebe überhaupt der Intoleranz Vorschub. Es ist in unserem Bewusstsein sozusagen eine Verbindung zwischen  Wahrheit und Intoleranz hergestellt worden“.

Benedikt XVI. lebte aus den Glaubenswahrheiten heraus die lichtvolle Verkündigung. In seinem Buch „Dogma und Verkündigung“ (1977) lesen wir im Blick auf die Wüstenzeit als Zeit der äußersten Gefährdung und Versuchung, in der „Israel murrt gegen seinen Gott“ und „zurück ins Heidentum“ möchte: „Ist darin nicht auch unsere Situation beschrieben? Kirche ist heute in einer ganz neuen Weise (...) in die Zeit der Wüste hineingeschickt. Sie hat so viele Behausungen und Sicherungen verloren. Nichts von dem, was sie zu tragen schien, hält mehr.“ Auch an die Kirche unserer Zeit „drängen sich die Halluzinationen der Wüste, ihre Versuchungen heran. Auch ihr legt sich nahe, da der ferne Gott so ungreifbar geworden ist, es mit dem Näheren zu versuchen, die Weltlichkeit selbst als Christlichkeit zu erklären, das Aufgehen in der Welt als den wahren Dienst Jesu Christi auszulegen“.

Vor dieser versuchsstarken Anpassung, die eine billige und falsche wäre, aber warnt der Prophet immer wieder. Die buchstäblich Not wendende Entweltlichung der Kirche Gottes war für ihn, den Schriftsteller, Theologen und Kirchenvater auf der Cathedra Petri, ohne Alternative. Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. war verständlich, unbequem, klar und einladend. Vor allem aber war er ein Mensch, bei dem man geradezu musikalisch schön erfahren und lernen konnte, wie aufbauend und lebensfroh, ja, wie befreiend und stärkend die Liebe zur Wahrheit sein kann. Vater Benedikt war wahrhaftig ein Diener der Wahrheit in Liebe. Deo Gratias.

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