Der isolierte Islam

Sri Lankas Katholiken hatten eigentlich keine Probleme mit dem Islam. Ein Blick in die Geschichte. Von Bodo Bost
Eid al-Adha festival in Colombo
Foto: dpa | Nach den Osteranschlägen stellen Christen generationenlange Beziehungen in Frage: Ein Muslim 2016 beim Gebet in Colombo.

Die blutigen, gegen einheimische Christen und Ausländer gerichteten Terroranschläge kamen völlig unerwartet. Die Christen der Insel hatten seit Jahrzehnten keinerlei Probleme mit den Muslimen im Lande. Die einheimischen Christen können diese plötzliche brutale Gewalt an ihrem höchsten Fest von Seiten des Islams nicht verstehen. Auch die Tatsache, dass viele der muslimischen Selbstmordattentäter aus der oberen Mittelschicht kamen, lässt sie generationenlange Beziehungen in Frage stellen.

Die beiden ältesten und alteingesessenen Religionen der 21 Millionen Srilankesen sind die Buddhisten mit rund 68 Prozent und die Hindus mit 13 Prozent der Bevölkerung. Obwohl auch das Christentum und der Islam beide in Asien entstanden sind, kamen beide Religionen erst ins Land, nachdem Hinduismus und Buddhismus schon lange im Land etabliert waren. Da die Insel ein wichtiger Stützpunkt für Handels- und Schiffsrouten war, kam das Christentum über persisch-nestorianische Händler bereits im vierten Jahrhundert ins Land, der Islam über arabische Gewürzhändler im achten Jahrhundert. Da sich arabische Händler stärker mit der einheimischen Bevölkerung vermischten, gelang dem Islam schneller eine Einwurzelung in der Bevölkerung, während die nestorianische „Kirche des Ostens“, anders als in Indien, wieder aus Sri Lanka verschwand.

Dem Christentum gelang eine feste Einwurzelung erst im 16. Jahrhundert, als durch einen Sturm am 15. November 1505 eine portugiesische Flotte auf dem Weg nach China unter dem Kommando von Lourenço de Almeida an die Küste von Sri Lanka verschlagen wurde. Erst der portugiesische Kolonialismus öffnete dem römischen Katholizismus die Tür zur Inselnation. Mit Erlaubnis des Königs von Kotte, Dharma Parakramabahu IX., errichtete Almeida bei Colombo einen Handelsstützpunkt und eine kleine Kapelle. Der Flottenkaplan Vicente feierte kurz danach die erste katholische Messe auf Sri Lankas Boden. Auch die Portugiesen schlossen ein Handelsabkommen mit dem König von Ceylon, wie Sri Lanka damals genannt wurde, und intervenierten später in Nachfolgekämpfen in den lokalen Königreichen. Unter den Bekehrten war Don Juan Dharmapala, der König von Kotte, ein kleines Königreich in der Nähe des heutigen Colombo an der Südwestküste Sri Lankas. Diese Region ist bis heute das christliche Zentrum Sri Lankas geblieben. Der Katholizismus trägt stark portugiesische Züge, obwohl seit 1640 die niederländische und die holländische Ostindienkompanie die Portugiesen verdrängten. Erst durch die Bemühungen von St. Joseph Vaz, einem Priester aus dem indisch/portugiesischen Goa, der 2015 von Papst Franziskus heiliggesprochen wurde, wurde ab 1687 der Katholizismus in Sri Lanka wiederbelebt. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte breiteten portugiesische, niederländische und irische Missionare das Christentum auf der Insel, vor allem an der westlichen und nordwestlichen Küste, weiter aus. In einigen der dortigen Orte bilden Katholiken heute die Hälfte der Bevölkerung. So vor allem im Nordwesten der Insel, im tamilischsprachigen Mannar-Gebiet, wo Christen und Muslime jeweils 40 Prozent stellen.

Auch unter der britischen Kolonialherrschaft, die im 19. Jahrhundert begann und 1948 endete, wurden die Katholiken privilegiert, sie stellten die Mehrheit der einheimischen Offiziere. Der katholische Einfluss begann erst nachzulassen, als nach dem Abzug der Briten die sri-lankische Regierung 1960 die katholischen Schulen verstaatlichte und 1962, als christliche Offiziere der sri-lankischen Armee einen Militärputsch planten, der fehlschlug. Seitdem bilden Buddhisten die Mehrheit im Offizierskorps. Durch die singhalesisch/buddhistische Mehrheit fühlte sich die tamilische Minderheit im Norden der Insel, die größte Minderheit im Lande, zunehmend in ihren Rechten bedroht. Sie begann am „Schwarzen Juli“ 1983 einen Bürgerkrieg gegen die sri-lankische Regierung.

Kampf mit der kolonialen Vergangenheit

Der Krieg endete 2009, hinterließ jedoch bleibende Spuren in der sri-lankischen Gesellschaft und der katholischen Kirche. Acht katholische Diözesen aus Sri Lanka befinden sich in singhalesischen Gebieten, vier in tamilischsprachigen Regionen. Die singhalesisch-katholischen Bischöfe Sri Lankas waren öffentlich nicht einverstanden mit tamilischen Bischöfen, die 2008 einen Waffenstillstand unterstützt hatten. Der entlang ethnischen und sprachlichen Grenzen ausgefochtene Bürgerkrieg spaltete so die katholische Kirche im Lande. Derzeit liegt der Fokus in Sri Lanka auf Versöhnung, was auch der Hauptzweck des Besuchs von Papst Franziskus auf der Insel im Januar 2015 war.

Auf die Radikalisierung des Islams der letzten Jahre in weiten Teilen Asiens hatten zunächst nur die herrschenden Buddhisten reagiert, indem auch militante Formen des Buddhismus in Sri Lanka entstanden, die auch Christen ins Visier nahmen. Zum Beispiel forderte die ultranationalistische buddhistische Organisation Bodu Bala Sena, dass Papst Franziskus sich für die von den Kolonialmächten begangenen „Gräueltaten“ entschuldigt. Katholizismus und Sri Lanka sind zwar keine Widersprüche, aber der Katholizismus in Sri Lanka kämpft noch mit seiner kolonialen Vergangenheit.

Eine koloniale Vergangenheit hat der Islam in Sri Lanka nicht, wenn man einmal vom Handelskolonialismus absieht. Sri Lanka gehörte politisch nie zum islamischen Moghulreich, das vor Ankunft der Briten 350 Jahre lang weite Teile des indischen Subkontinents brutal beherrschte. Der Islam kam mit der Ankunft arabischer Händler im 7. Jahrhundert ins Land. Die arabischen Kaufleute heirateten einheimische Frauen, nachdem sie zum Islam konvertiert waren. Seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. dominierten arabische Händler bereits einen Großteil des Handels im Indischen Ozean, einschließlich Sri Lankas.

Als die Portugiesen im 16. Jahrhundert ankamen, kam es zu wirtschaftlich bedingten Konflikten mit den Nachkommen dieser arabischen Händler, die in Sri Lanka wie in Portugal Mauren (Mooren) genannt wurden. Die portugiesischen Kolonisten griffen die maurischen Siedlungen, Lagerhäuser und Handelsnetzwerke an. Viele besiegte Mauren, die an der Küste lebten, suchten Zuflucht vor der Verfolgung und flohen ins Innere Sri Lankas, wo buddhistische Königreiche bis 1818 überleben konnten.

Indische Wurzel des Radikalismus

Unter den niederländischen und britischen Machthabern im 18. und 19. Jahrhundert verbesserte sich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen, weil sowohl Niederländer als auch Briten muslimische Arbeiter aus Indonesien und Indien nach Sri Lanka umsiedelten, die dem maurischen Islam eine mehr indische, also fremde Prägung verliehen. Pakistanische und südindische Muslime haben Shafi'i und die Hanafi-Rechtsschulen in Sri Lanka eingeführt, die im Allgemeinen den eher liberalen schiitischen Sufi-Traditionen der Bruderschaften folgten.

Aber auch die radikalislamischen sunnitischen Deobandi-Bruderschaften aus Nordindien etablierten sich im Gefolge dieser unter britischer Kolonialherrschaft aufgezwungenen Migration. Diese Deobandi Bruderschaften, die im Norden Indiens in den letzten Jahrzehnten eine Kaderschmiede des Terrors aufbauten und die Keimzelle der Taliban stellten, bildeten in Sri Lanka auch das Gros der „Thawheed Jama'a“-Bewegung, aus der sich die Oster-Selbstmordattentäter rekrutierten. Das Problem des gewaltbereiten Islams war in Sri Lanka seit Jahren bekannt. In den 1980er Jahren wurden von der Regierung in vielen Ministerien spezielle muslimische Abteilungen für religiöse und kulturelle Angelegenheiten der Muslime gebildet, um die fortschreitende Isolation der muslimischen Gemeinschaft vom Rest Sri Lankas zu verhindern. Diese zunehmende Isolierung ist auch ein Grund der Radikalisierung. Leider mit wenig Erfolg, Sri Lanka blieb das schlafende Land des radikalen Islams bis Ostern 2019, als der IS mit mehr als 250 Toten besonders brutal zugeschlagen hat.

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