Würzburg

Der göttliche Blick

Ein früher Newman - am 21. August vor 370 Jahren starb der englische Barockdichter Richard Crashaw.
Der Barockdichter Richard Crashaw
Foto: Kroll | Andachtsbild zu dem Gedicht "To the Name ... of Jesus".

Das ödipale Schema wirkt gar zu verlockend: Der Vater ein puritanischer Prediger des frühen 16. Jahrhunderts; der Sohn zwar auch ein Geistlicher, der Nachwelt aber bekannt als Lyriker, als Verfasser von Hymnen an die heilige Teresa von Ávila, an die Wunden Christi, an Mariä Aufnahme in den Himmel. Doch man machte es sich wohl zu leicht, wenn man die religiöse Entwicklung des Dichters Richard Crashaw (1612/13–1649) als Auflehnung gegen die Engstirnigkeit des Elternhauses begreifen wollte. Entgegen seinem Ruf als Papistenfresser übersetzte William Crashaw kontinentaleuropäische Mariendichtung ins Englische und befasste sich ausführlich mit der mittelalterlichen Kirche und deren Liturgie. Es war wohl diese Suche nach einer Kontinuität über den Epochenbruch der Reformation hinaus, die Vater und Sohn verband.

Zwischen Aufbruch und Untergang empfängt er die Priesterweihe

Richard Crashaw immatrikulierte sich 1632 an der Universität Cambridge, wo zu jener Zeit der Platonismus wiederentdeckt wurde. Theologen wandten sich ab von der strengen Prädestinationslehre und gestanden den Werken (und somit den Sakramenten) einen Anteil an der Erlangung der Gnade zu. Eine zaghafte Versöhnung der anglikanischen Theologie mit ihrem katholischen Erbe deutete sich an, begünstigt durch die Reformen in Ekklesiologie und Liturgie, die der damalige Erzbischof von Canterbury, William Laud, anstieß. Am Vorabend des englischen Bürgerkriegs waren solche theologischen Positionen eminent politisch, denn die hochkirchlich-anglikanische Partei – Laud genoss die Protektion seines Königs, Karls I. – war faktisch auch stets die royalistische Partei.

In dieser kleinen Welt zwischen Aufbruch und Untergang wurde Crashaw 1638 zum Priester geweiht und Kurat an der Kirche Little St. Mary's in Cambridge, die bis heute in der anglo-katholischen Tradition steht. Die Schriftstellerin Rose Macaulay (1881–1958) hat in ihrem historischen Roman „They Were Defeated“ (1932) eine bedrückende Skizze Crashaws gegeben, wie er in der Kirche Nachtwache hält. „Er schien etwas zu lange Wache gehalten und gebetet zu haben, denn er wirkte entrückt, verschattet, beinahe ausgezehrt.“

"Schlanke Kerzen brannten sanft in messingnen
Leuchtern auf dem erhöhten Altar; über dem Altar
hing ein Kruzifix, und zarter
Weihrauchduft durchwehte die Kirche"
Rose Macaulay

Während solcher Nachtwachen entstanden wohl viele der religiösen Gedichte, die später unter dem Titel „Steps to the Temple“ erschienen und in denen er die an antiken Vorbildern geschulte Kunst der Epigrammatik mit der Andachtsdichtung eines George Herbert verbindet. „Wer Heiligkeit will, darf von der Zierde nicht schweigen“, hat Lorenz Jäger einmal bemerkt.

Crashaw sah es offenbar genauso. Seine puritanischen Zeitgenossen empörte er, indem er seine Kirche üppig schmückte. Die Schilderung Rose Macaulays nährt sich auch hier aus zeitgenössischen Quellen, nicht zuletzt jenen der siegreichen Puritaner, die solche Male des „Aberglaubens“ später nicht schleiften, ohne darüber minutiös Buch zu führen: „Schlanke Kerzen brannten sanft in messingnen Leuchtern auf dem erhöhten Altar; über dem Altar hing ein Kruzifix, und zarter Weihrauchduft durchwehte die Kirche.“ In der neueren Forschung ist umstritten, ob Crashaw die Grenzen des Anglikanismus ausloten oder verschieben wollte, oder ob er nicht schon seine Konversion vorbereitete.

Parallelen in der Biografie John Henry Newmans

Eine Parallele mag man in der Biografie John Henry Newmans finden, der gut zweihundert Jahre später versuchte, die 39 Glaubensartikel der anglikanischen Kirche nicht als Ausdruck der Gegnerschaft zur katholischen Lehre zu lesen, sondern sie in deren Licht zu deuten. Newmans Unternehmen stellte eine Zuspitzung der ganzen hochkirchlichen Tradition des Anglikanismus dar, doch die „via media“, die er damit hatte beschreiten wollen, erwies sich für Newman aus innerer Widersprüchlichkeit als Sackgasse. Crashaw war sie schon durch die Zeitläufte versperrt, die auf Entscheidungen drängten. Doch war Crashaw weniger von dogmatischen Fragen getrieben als vom Verlangen nach Hingabe an Gott. Gleichgesinnte fand er im 20 Meilen von Cambridge entfernten Little Gidding, wo gerade ein erster Versuch einer Wiederbelebung gemeinschaftlich-religiösen Lebens unter anglikanischen Vorzeichen unternommen wurde – man mag wiederum an Newmans Rückzugsort Littlemore denken.

Nach dem abgelegenen Weiler benannte später T. S. Eliot ein Gedicht aus den „Vier Quartetten“, wo mit der Wendung von der „Verfassung des Schweigens/ Vereint in einer einzigen Partei“ des konfessionellen Krieges gedacht wird, der auch diese kleine Blüte zertrat. Eliot reflektiert auch die gängige Meinung über Crashaws Lyrik, sie unterscheide sich von seinen als „Metaphysical Poets“ apostrophierten Zeitgenossen durch den Rückgriff auf kontinentale, insbesondere italienische Vorbilder. Diese wurden jedoch an den englischen Universitäten breit rezipiert; was Crashaw von den Zeitgenossen unterscheidet, ist vor allem die Beziehung von Geistigkeit und Sinnlichkeit.

Neigung zum Paradox und zum originellen Bild

Im hier abgedruckten Gedicht zeigt sich sowohl die Neigung zum Paradox, zum geistreichen Einfall und zum originellen Bild, die er mit „Metaphysikern“ wie John Donne und George Herbert teilt, als auch die Betrachtung der Leiblichkeit Christi und der Heiligen, deren Körper auf eine Weise in den Vordergrund gestellt und als Gegenstand der Andacht präsentiert wird, die in der englischen Barockdichtung außergewöhnlich ist und eher eine Verwandtschaft mit der europäischen Gegenreformation bezeugt. In Angesicht des Leibes Christi muss alle Gescheitheit verstummen. Vom Geistigen kommt Crashaw folglich immer wieder zum Leiblichen, Konkreten: hier zu den Wunden Christi oder, in einem anderen berühmten Gedicht, zum Herzen der heiligen Teresa. Viel hängt an diesem Leitbild des Blicks; das hat Gerald Finzi (1901–1956) erkannt. In seinem Hymnus „Lo, the Full and Final Sacrifice“ arrangiert der englische Komponist zwei Gedichte Crashaws so, dass sich ein Bogen spannt vom Blick auf das eucharistische Opfer hin zum Blick auf Christus am jüngsten Tage – und zur Hoffnung, Christus möge auch ihn erblicken.

Nach der Einnahme der Stadt Cambridge durch das Parlamentsheer im Jahr 1643 floh Crashaw mit dem Hofstaat der katholischen Gemahlin Karls I., Henrietta Maria, auf den Kontinent. Zu seiner wahrscheinlich in Paris erfolgten Konversion liegen keine Zeugnisse vor, doch scheint sie in Anbetracht der politischen Situation und Crashaws eigener Spiritualität folgerichtig. Als gesichert gilt, dass die Königin ihn dem römischen Kardinal Palotta empfahl, mit dem er nach Rom gelangte. Wir treffen Richard Crashaw zuletzt in Loreto an, wo er als Subkanonikus an der Kathedrale des Heiligen Hauses wirkt. Dort stirbt er am 21. August 1649, dem Jahr, in dem der König hingerichtet und England zur Republik erklärt wird.

Crashaw stirbt in dem Jahr, in dem England zur Republik wird

Die maßgebliche Edition der Dichtung Richard Crashaws ist jene von L.C. Martin, erschienen 1927 bei der Oxford University Press; daneben sind zahlreiche Nachdrucke älterer Ausgaben verfügbar. Einen guten Überblick über die zeitgenössische Lyrik bietet „Metaphysical Poetry“ (Penguin 2006). Eine eigenständige Ausgabe auf Deutsch ist nicht lieferbar; die einschlägigen Anthologien enthalten jedoch stets einige Gedichte Crashaws, so Bd. 1 der vierbändigen Sammlung „Englische und amerikanische Dichtung“ (C.H Beck 2001).

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