Das Prinzip des Dienens

Der 50. Jahreskongress der Associatio Sancti Benedicti Patronae Europae lieferte viele Ansatzpunkte für eine Erneuerung und Neu-Evangelisierung Europas. Von Annalia Machuy
Ikone des heiligen Benedikt,  von Br. Claude Lane OSB
Foto: Mount Angel Abbey | Eine Ikone des heiligen Benedikt, gemalt von Br. Claude Lane OSB.

Magis prodesse quam praeesse“ (RB 64, 8) – „Mehr Dienen als Herrschen“ – war das Leitwort des diesjährigen Internationalen Kongresses der Associatio Sancti Benedicti Patronae Europae (ASBPE), einer 1967 gegründeten Vereinigung päpstlichen Rechts zur Förderung christlicher Kultur in Europa. Vom 5. bis 8. Oktober versammelten sich Mitglieder der Associatio aus verschiedenen Ländern Europas, vor allem Deutschland, Frankreich, Italien und Polen, im niederländischen Rolduc bei Kerkrade, um mit dem Blick auf einen Auszug der Benediktsregel die aktuellen Fragen europäischer Kultur und Gesellschaft zu diskutieren.

Das diesjährige Thema, so Margit Maria Weber, amtierende Präsidentin der ASBPE, sei in unseren Tagen von größter Wichtigkeit. Die Betrachtung dieser benediktinischen Regel in ihrer Bedeutung für unterschiedliche Bereiche gesellschaftlichen Lebens verweist auf die Hoffnung, die in einer christlichen Gestaltung Europas liegt. Das Prinzip des Dienens ist dabei wesentlich, denn es ist, wie Robert Kardinal Sarah in seinem Grußwort an die Teilnehmer des Kongresses formulierte, „Ausdruck des Grundgedankens des mönchischen wie jeden christlichen Lebens: Christus ist gekommen um zu dienen, nicht um sich dienen zu lassen (vgl. Mt 20, 28)“.

Dienen bedeutet dabei keineswegs die Ablehnung von Macht und Autorität. Worauf es ankomme, sei das Gleichgewicht, die richtige Verhältnismäßigkeit zwischen beiden. Der Schlüssel zu einem ausgewogenen Führungsstil ist die „discretio“, von Adrian Lenglet OSB, dem Abt von Sankt Benediktusberg bei Vaals, beschrieben als „die Kunst des Maßhaltens, die Einsicht, das Geschick und die praktische Weisheit, alle Dinge nach ihrem eigenen Gewicht zu beurteilen und entsprechend zu handeln“. Doch trotz ihres Mit- und Ineinanders sind Dienen und Herrschen nicht gleich zu gewichten, das „magis“ in der Formulierung der Benediktsregel setzt einen klaren Schwerpunkt: „Das Maß des Dienens und das Maß des Befehlens müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass die Waage deutlich zum Dienen hin ausschlägt. Aber gerade darin, in einem gewissen, vernünftigen Maß an Übergewicht des Dienens über das Befehlen, eingegeben von der discretio, erreicht eine wahrhaft menschliche und christliche Führung Gleichgewicht, Schönheit und Vollkommenheit“, fasst Abt Lenglet das benediktinische Idealbild christlichen Dienens und Führens zusammen.

Handlungsleitend kann dabei diese einfache Frage sein: „Wie können wir so führen, dass wir das Beste in unseren Mitmenschen zu Tage fördern? Denn das“, so der Abt, „ist der kostbarste Dienst, den wir ihnen erweisen können.“ Dies gilt in den basalen Formen menschlicher Gemeinschaft ebenso wie in übergeordneten Organisationsformen. Msgr. Athanasius Schneider, Weihbischof der Erzdiözese Astana in Kasachstan, sieht die Haltung christlichen Dienens ebenso wie eine Erneuerung von Gesellschaft und Kirche vor allem in der Familie grundgelegt: „Das Christentum wurde aus der Familie, der Heiligen Familie geboren, so möge das Christentum aus der Familie wiedergeboren, das heißt erneuert werden (…). Was die heutige Welt und die Kirche am meisten braucht, sind wahrhaft katholische Familien, in welchen das Dienen gelebt und gelernt wird, das Dienen Gottes und das Einander-Dienen. Die katholische Familie ist in der Tat der ursprüngliche Ort der Schönheit des katholischen Glaubens.“

Die Familie und Ehe zu schützen, ohne jedoch deren Eigenstruktur anzutasten, sei, das betont der polnische Politiker und Europaabgeordnete Jurek Marek, eine wesentliche Aufgabe des Staates. Macht in der Politik legitimiere sich erst durch die Ausrichtung am Gemeinwohl, durch „das authentische Herauswachsen aus der Gemeinschaft, aus ihrer Geschichte und ihrem Recht“ und nicht zuletzt durch das Bewusstsein ihrer Verantwortlichkeit gegenüber Gott. Letzteres ist auch in der Wissenschaft weitgehend abhandengekommen, meint Ralph Weimann, Priester und Bioethiker aus Rom, angesichts einer zunehmenden Loslösung der Wissenschaft von ethischen Prinzipien und der allgemeinen Relativierung von Werten für eine Rückbesinnung auf „Grundsätzliches“ und den „Primat Gottes“. Denn wer den Menschen als Produkt seiner selbst und nicht als Abbild des göttlichen Urbildes definiert, überlässt ihn einer gefährlich beliebigen „Manipulierbarkeit und Konstruierbarkeit“. Die Erneuerung Europas, brachte es ein Kongressteilnehmer auf den Punkt, muss letztlich von jedem Einzelnen ausgehen. Metanoia, innere Umkehr, ist das Schlüsselwort. Nur so kann es gelingen, „Europa eine Seele [zu] geben“, wie Msgr. Winfried Auel aus Köln es beim Gedenken am Dreiländereck bei Vaals formulierte. Als „Sauerteig in der Welt“ ist es vor allem Aufgabe der Christen, den geistigen Kern Europas zu erhalten, zu pflegen und gegebenenfalls wiederzubeleben. Ein Anliegen, dem sich die ASBPE lebendig verpflichtet fühlt. Ihr diesjähriger Kongress hat nicht nur durch sein wegweisendes Leitwort dieser Erneuerung gedient. Margit Maria Weber war es wichtig, als Rahmen des inhaltlichen Austausches ein Programm „für alle Sinne“ zusammenzustellen. Liturgie und gregorianischer Choral, eine historische Stadtführung in Aachen und ein eigens organisiertes Konzert des erfolgreichen Aachener Kammerchores, die musikalische Untermalung verschiedener Programmpunkte durch das Bläserensemble BonnBrass, das idyllische Ambiente der ehemaligen Abtei Rolduc – der Mensch ist Geist, Seele und Leib und Kultur umfasst alle diese Dimensionen. Eine Rückbesinnung auf dieses ganzheitliche Menschenbild und die Prinzipien christlichen Handelns ist für die europäische Gesellschaft dringend notwendig. Die ASBPE hat mit „magis prodesse quam praeesse“ ein benediktinisches Ideal als Thema für ihren Jahreskongress gewählt, das wesentlich zu dieser Erneuerung beitragen kann.

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