„... das hier ist heiliger Boden“

Ikonenpracht und monastische Einsamkeit: Zu Besuch im Katharinenkloster auf dem Sinai. Von Oliver Maksan
Foto: Maksan | Gesamtansicht der Anlage, deren älteste Teile auf das vierte Jahrhundert zurückgehen.
Foto: Maksan | Gesamtansicht der Anlage, deren älteste Teile auf das vierte Jahrhundert zurückgehen.

Langsam nur greift die Wüstensonne Raum. Seit Stunden werden von den Mönchen im Schein dünner Kerzen Psalmen und Hymnen zur Ehre Gottes gesungen. Jeder Tag, die Sterne stehen noch hoch am Wüstenhimmel, beginnt um vier Uhr mit dem Morgenlob. Am Ende steht die Feier der Eucharistie. Schwerer Brokat liegt auf den Schultern des schmalen Mönchs, der hinter der Ikonostase hantiert, sich neigt, wendet, heilige Geräte küsst. Pilger, das Kirchenschiff füllend, greifen bis zum Boden aus, um sich zu bekreuzigen. Heiliger Boden. So hat Gott selbst im Buch Exodus dem Mose gesagt und ihm geboten, seine Schuhe auszuziehen. Noch ist es dunkel. Die Öllampen flackern schwach. Doch dann geht es immer schneller. Die Sonne, erst rötlich schimmernd, dann gleißend hell, steht jetzt über der Ikonostase und verströmt sich durch das Mittelschiff. Ikone um Ikone erstrahlt in goldenem Glanz. Ihre Umrisse – das heiß-trockene Wüstenklima hat sie hervorragend erhalten – waren im Kerzenschein vorher nur zu erahnen. Vierzehn Jahrhunderte blicken jetzt auf den Besucher herab. Kaiser Justinian selbst ließ das Gotteshaus errichten. Im sechsten Jahrhundert war das. Seither hat sich hier nicht viel geändert. Ein neuer Tag im Katharinenkloster hat begonnen.

„Wir sind das älteste ununterbrochen bewohnte Kloster der Welt. Seit dem vierten Jahrhundert wird hier Gottes Antlitz gesucht“, sagt Vater Justin, nachdem er die liturgischen Gewänder abgestreift hat und im Bibliotheksflügel empfängt. Uralte Manuskripte lagern hier, das Interesse von Forschern aus aller Welt weckend. „Wir leben mit der Tradition. In der Liturgie greifen wir auf handgeschriebene Messbücher aus dem zehnten Jahrhundert zurück. Es hat sich nichts geändert.“ Vater Justin ist Amerikaner. Er und ein Engländer sind die einzigen Nicht-Griechen der 25-köpfigen Mönchsgemeinschaft. Ihr steht ein Abt vor, der zugleich Erzbischof des Sinai ist, einer autonomen Diözese im griechisch-orthodoxen Patriarchat von Jerusalem. Doch gehören nur noch ein paar dutzend Familien zum Bistum. „Ich stamme aus einer gläubigen protestantischen Familie. Die Schrift war uns sehr wichtig, aber ich kannte die Geschichte und Tradition der Kirche nicht. Byzantinische Geschichte faszinierte mich schon an der Universität. Sie führte mich dann zu den Kirchenvätern und ihren Schriften. In der Folge konvertierte ich zur orthodoxen Kirche. 1974 trat ich in ein orthodoxes Kloster in Amerika ein.“ Den Sinai besuchte Vater Justin erstmals 1978. Seit 1996 lebt er hier als Mitglied der Gemeinschaft. „Jeder von uns Mönchen ist aus Liebe zur Überlieferung dieses Klosters hier und wird irgendwann Teil von ihr. Hier hat sich Gott dem Mose im brennenden Dornbusch geoffenbart und ihm seine Gesetze mitgeteilt. Auch der Prophet Elija war hier. Beide Propheten erscheinen auch bei der Verklärung des Herrn. Deshalb stellt das Apsismosaik unserer Kirche das Geschehen auf dem Berg Tabor dar.“

Ursprünglich war das Kloster der Theotokos, der Gottesgebärerin, geweiht. In den dogmatischen Auseinandersetzungen des vierten und fünften Jahrhunderts über die Naturen Christi und die rechte theologische Einordnung Mariens war dieser Name Programm. „Wie der Dornbusch brannte ohne sich zu verzehren, so trug auch die heilige Jungfrau Gott unter ihrem Herzen und blieb doch unversehrt“, erklärt Vater Justin. Als später die Reliquien der heiligen Katharina von Alexandrien hierher gebracht wurden, erhielt das Kloster den Namen, unter dem es noch heute bekannt ist. „Es ist aber wichtig, dass all diese heilsgeschichtlichen Geheimnisse sich hier nicht verdrängt haben, sondern einander ergänzen.“ Die Glocke schlägt neun Uhr. Bis zwölf Uhr gehören Kirche und Teile des Klosters jetzt Touristen und Pilgern. Busse aus Scharm al-Scheich oder anderen Urlaubsorten auf dem Sinai karren sie scharenweise an. Souvenirshops, Cafes und eifrige Beduinenführer buhlen an der Auffahrt zum Kloster lautstark um die begehrte Kundschaft. Vater Justin: „Mit der Abgelegenheit ist es endgültig vorbei, seit in den siebziger Jahren Straßen hierher gebaut wurden. Früher war das Kloster sehr isoliert. Das hat uns all die Jahrhunderte geschützt, leiblich und geistlich.“ Zum Vergleich: Vorher hat eine Karawane vom Suezkanal zehn Tage gebraucht, um hier anzukommen. Heute sind es aus Kairo oder vom Roten Meer nur ein paar Stunden. Das hat hier natürlich einiges verändert. Und nicht alle Mönche begrüßen es. Vater Justin sieht es gelassen. „Wir können das Kloster nicht für Besucher schließen. Wir müssen und wollen unser geistliches Erbe mit den Pilgern teilen, die an echter Einkehr interessiert sind. Das ist etwas sehr Wichtiges. Unser Abt macht das immer wieder deutlich. Andererseits brauchen wir unsere Ruhe und Abgeschiedenheit. Das müssen wir ausbalancieren. Deshalb begrenzen wir Besuchszeiten und die Bereiche, die zur Besichtigung freistehen. Das funktioniert gut.“ Und wem selbst das noch zuviel ist, kann sich für Stunden oder Tage leicht in die umgebenden Höhlen und Klausen zurückziehen, wie das die Mönche auch in den Jahrhunderten zuvor getan haben. Seit zehn Jahren lebt ein Mitglied auch ganz als Einsiedler. Vater Justin: „Man benötigt einen hohen Grad der Reife im geistlichen Leben, um der Stille und Einsamkeit gewachsen zu sein und aus ihr geistlichen Nutzen zu ziehen. Man braucht deshalb eine besondere Erlaubnis des Abtes.“

Im Sommer war das Kloster weltweit in den Schlagzeilen, als das ägyptische Innenministerium die Schließung für Besucher verfügte. Das geschah zum Schutz des Klosters. Denn nach der Absetzung Mursis ließen Islamisten ihrer Wut freien Lauf. Dutzende Kirchen in Ägypten gingen Mitte August in Flammen auf. „Wir haben unsere Tore nur für drei Wochen geschlossen. Am 7. September konnten wir schon wieder öffnen. Aber noch immer fragen Menschen hier an, ob das Kloster wieder zugänglich sei“, sagt Vater Justin. „Natürlich ist die Sicherheitslage auf dem Sinai nicht überall gut. Man muss aber fragen, wo dies so ist. Im Norden gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und den Beduinenstämmen. Hier bei uns im Süden nicht. Hier war es in den vergangenen Jahren stets ruhig und sicher. Auch jetzt im Sommer. Unsere Beduinen haben uns beschützt.“ Vater Justin erinnert das an die Zeit, als Mubarak gestürzt wurde. „Als die Proteste gegen ihn und den Polizeistaat vor drei Jahren losgingen, waren viele Polizeiposten verwaist. Die Beduinen sind daraufhin eingesprungen und haben das Kloster bewacht. Die örtlichen Beduinenführer kamen zu uns und meinten: Wir waren mit euch all die Jahrhunderte. Wir lassen euch jetzt nicht allein. Das hat mich sehr bewegt. Die Beduinen in dieser Gegend führen sich zurück auf die Soldaten des Kaiser Justinian, die das Kloster im sechsten Jahrhundert erbaut haben und dann zu seinem Schutz hierblieben. Und ihre Nachfahren taten dasselbe 1 400 Jahre später!“

Das Verhältnis von Mönchen und Beduinen ist traditionell sehr eng. Die Stämme der Gegend hängen wirtschaftlich vom Tourismus ab, den das Kloster anzieht. Für das Kloster selbst arbeiten Beduinen seit jeher. Direkt neben der Kirche steht eine Moschee aus fatimidischer Zeit. Sie wird von den Beduinen noch heute benutzt. „Wir Mönche sind Griechen, Christen, Zölibatäre. Die Beduinen sind Araber, Muslime, verheiratet. Wir unterscheiden uns also. Das könnte zu Konflikten führen. Aber durch unsere gemeinsame Verehrung für den Sinai überkommen wir dies“, meint Vater Justin. Bis zum heutigen Tag verteilen die Mönche Brot an die Beduinen. „Früher brachten die Beduinenkarawanen den Weizen, den wir dann hier gemahlen haben. Das Brot wurde dann später in einem Korb die Klostermauern heruntergelassen. Heute haben wir keinen Korb mehr, sondern backen das Brot gemeinsam. Anders als früher ist es heute nicht mehr überlebenswichtig. Aber wir behalten die Tradition bei, weil sie unsere Einheit schön zum Ausdruck bringt.“

Vater Justin betont, dass sein Kloster und die es umgebende Gegend nicht nur für Christen wichtig sind, sondern auch für Juden und Muslime. Als der Sinai nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 für ein paar Jahre Jahre unter israelischer Besatzung stand, kamen immer wieder jüdische Gläubige hierher, wo der Wüstenwanderung der Israeliten gedacht wird. Und Muslime pilgern regelmäßig auf den Gebel Musa, den Mosesberg, auf dem neben einer der heiligsten Dreifaltigkeit geweihten Kapelle eine Moschee steht. Vater Justin ist überzeugt: „Unser Kloster und die heiligen Orte des Sinai sind ein Beispiel für Frieden und harmonisches Zusammenleben. Was uns eint ist größer als das, was uns trennt.“

Themen & Autoren

Kirche

Die Attacken von Bischof Georg Bätzing auf Kardinal Kurt Koch sind Zeichen einer Feindseligkeit, die mit dem Synodalen Weg immer mehr um sich greift. Für Rom ist das eine Herausforderung.
06.10.2022, 09 Uhr
Guido Horst
Durch die emotionalisierte Insnzenierung von einem Opfer und einem Täter, der sich entschuldigen soll, wird ein notwendiger Disput im Keim erstickt: der über das Verständnis der Offenbarung.
05.10.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg. Die Beratungen der Bischöfe in Fulda und der Ad-limina-Besuch in Rom im November bewegen die Gemüter.
05.10.2022, 17 Uhr
Regina Einig
Das Projekt des Erzbistum München und Freising hat den Anspruch „die Anliegen queerer Katholikinnen und Katholiken besser zu berücksichtigen sowie Austausch und Beratung für Menschen aus der ...
05.10.2022, 18 Uhr
Meldung