Kneipp

Das Erbe des Wasserdoktors

Sebastian Kneipp war Pionier der ganzheitlichen Medizin. Sein Leben als Priester und Heiler.
Sprechstunde für Kranke und Bedürftige bei Pfarrer Kneipp in Wörrishofen
Foto: KNA | Sprechstunde für Kranke und Bedürftige bei Pfarrer Kneipp in Wörrishofen. Zeitgenössische Malerei.

Das vorliegende Bändchen ist in der Reihe „kleine bayerische biografien“ im Friedrich-Pustet-Verlag erschienen, eine liebevoll erdachte und stets exzellent geschriebene Serie, deren Herausgeber Thomas Götz es sich zum Ziel gemacht hat, Lesen mit Lernen und zugleich mit Vergnügen zu verbinden. Bei der Biografie über Sebastian Kneipp, die in der zweiten aktualisierten Ausgabe erschienen ist, ist dies voll und ganz gelungen.

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Angst vor der Hölle

Am 17. Mai 1821 im benachbarten Stephansried geboren, wurde Kneipp einen Tag darauf in der wunderschönen Basilika Ottobeuren getauft, einige Jahre später dort auch gefirmt und nach Abschluss seines Theologiestudiums und seiner Priesterweihe am 6. August 1852 im Augsburger Dom feierte er in Ottobeuren auch seine Primiz, seine erste heilige Messe. Schon von Kindesbeinen an hatte der einzige Sohn einer armen Weberfamilie den glühenden Wunsch, Priester zu werden. Sein Biograf Christian Feldmann enthüllt uns den wesentlichen Grund – der Knabe Sebastian hatte furchtbare Angst vor der ewigen Verdammnis und war davon überzeugt, dass er diesem Richterspruch als Priester sicherlich entkommen würde.

Wie es ihm gelang, überhaupt zum Studium der Theologie und Philosophie zugelassen zu werden und letztlich die Priesterweihe zu erhalten, das erzählt Feldmann auf lebhafte und fesselnde Weise. Mit der Kräuterkunde und der Kaltwassertherapie beschäftigte sich Kneipp vor allem deshalb, weil er ungefähr ab 1846, also noch während seines Studiums, an Tuberkulose erkrankte: Dem Studenten gelang es, sich mittels Kaltwasseranwendungen, wozu auch tägliche Tauchbäder in der winterlich-kalten Donau gehörten, wieder auszukurieren.

Tauchbäder

Wer zur Biografie aus dem Pustet-Verlag greift, erfährt allerlei Vergnügliches rund um den Aufstieg des einfachen Webersohnes zum Pionier der ganzheitlichen Medizin. Etwa, dass er während seiner Seminaristenjahre im Georgianum behelfsmäßig seine Tauchbäder nachts im Springbrunnen des Institutsgartens fortsetzte und sich mit der Gießkanne des Gärtners abgoss. Doch nicht nur das, es gelang ihm, einen schwerkranken Kommilitonen zu seiner Wasserkur zu überreden, dem man die Erlaubnis für die Weihe verweigern wollte. Möglicherweise feierte der „Weber-Baschtl“ mit diesem Studiengenossen seinen ersten bahnbrechenden Heilungserfolg. Denn die Weihe konnte stattfinden und dem Burschen wurde bei der Entlassung bescheinigt, über eine „sehr kräftige Gesundheit“ zu verfügen.

Die Geschichte lässt im Coronajahr 2021 erst recht aufhorchen. Zwar wird die Lungentuberkulose durch ein Bakterium und nicht durch ein Virus ausgelöst, doch ist die immunstärkende, vorbeugende und bei bestimmten Krankheiten sogar heilende Wirkung von kaltem Wasser längst von der modernen Medizin bestätigt worden. Nicht zuletzt entwickelte Kneipp seine Anwendungen für mittellose Patienten, die kein Geld für teure Medikamente oder medizinische Behandlungen besaßen. Der persönliche Höhepunkt seiner Tätigkeit wurde sicherlich im Jahre 1894 erreicht, als ihn Papst Leo XIII. mehrfach zur Privataudienz empfing, von ihm einen gut ausgearbeiteten Plan zur Erhaltung seiner Gesundheit erhielt und im Gegenzug den Ehrentitel „Monsignore“ verliehen bekam.

Neuentdeckung 

Im Zeitalter der mächtigen und bisweilen umstrittenen Pharmalobby und erst recht in diesen Seuchenzeiten ist also das Erbe des Wasserdoktors so wertvoll wie vielleicht niemals zuvor und sein 200. Geburtsjahr eine gute Gelegenheit für eine Wiederentdeckung. Sein Biograf Feldmann geht sogar soweit, ihn im Untertitel des Bandes als den „fünfzehnten Nothelfer“, neben den volkstümlich bekannten 14 heiligen Männern und Frauen zu bezeichnen.

Hellgrau abgesetzte Kurztexte setzen Orte, Region, Zeit und Zeitgenossen sowie verschiedene andere Stichworte zu Handwerk oder bäuerlicher Lebensweise in größere Zusammenhänge oder erläutern diese. Der Leser erfährt so nebenbei Details zum Handwerk der Leinweberei, das die Familie des späteren Kräuterpfarrers ausübte, über Glaube, Kirche und Staat im Zeitalter des Ultramontanismus oder über den Ablauf einer Sprechstunde bei dem weltberühmt gewordenen Naturheilkundler und „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp.

Nicht nur die Heilkunst Kneipps verdient eine Neuentdeckung, auch der Mensch und Priester war eine hochinteressante Persönlichkeit. Wer sich mit ihm beschäftigen möchte, dem sei diese von Christian Feldmann spannend verfasste Lebensgeschichte dringend empfohlen.


Christian Feldmann: Sebastian Kneipp. Der fünfzehnte Nothelfer. Pustet-Verlag, Regensburg, 2021, ISBN 978-3-7917-2441-6, EUR 14, 95

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