Kirche

„Das Charisma von Mutter Teresa verbindet uns alle“

In Mazedonien freuen sich auch die Orthodoxen auf den ersten Papstbesuch. Von Stephan Baier
Mutter Teresa
Foto: dpa | Unvergessen: Mutter Teresa.

Das gibt es nur in Mazedonien: In der Hagia Sophia, der ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Kathedrale zur Heiligen Weisheit in Ohrid, zeigt ein Fresko in der Apsis sechs Päpste. In keiner anderen orthodoxen Kirche der Welt findet sich eine vergleichbare Hommage an die Bischöfe von Rom. Zwar sind die Apsis-Fresken meist durch den Ikonostas verdeckt, doch auch das ist zeichenhaft für Mazedoniens Orthodoxie, deren historische Größe nicht zum Vorschein kommt, weil sie von keiner anderen orthodoxen Kirche – auch nicht vom Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel – anerkannt wird.

Wenn Papst Franziskus am 7. Mai von Bulgarien kommend das nur zwei Millionen Einwohner zählende Balkanland besucht, wird er Ohrid, die geschichtliche und kulturelle Schatzkammer der Region, links liegen lassen und lediglich der Hauptstadt Skopje einen zehnstündigen Besuch abstatten. Das Oberhaupt der mazedonischen Orthodoxie, Erzbischof Stefan, unterstreicht im Gespräch mit der „Tagespost“ die traditionell guten Beziehungen zu Rom: Der „Stuhl von Ohrid“ habe in der Geschichte immer zum Frieden beigetragen, und zu den Beziehungen zwischen Rom und Konstantinopel.

Der „Erzbischof von Ohrid und Mazedonien“ holt weiter aus, erinnert an die Apostelgeschichte, der zufolge ein Mazedonier Paulus einst nach Europa herüberrief (Apostelgeschichte 16, 9). So habe der Völkerapostel das Evangelium in Europa verkündet, bevor er in Rom sein Ende fand. Ein Verbindungsglied seien auch die Slawenapostel Cyrill und Method, deren Schüler Kliment als Patron Ohrids verehrt wird. Jedes Jahr, so erzählt Erzbischof Stefan, pilgere eine mazedonische Delegation nach Rom, wo in der Basilika San Clemente die Reliquien des Slawenmissionars Cyrill ruhen. „Die mazedonisch-orthodoxe Kirche wird seit 50 Jahren in Rom freundlich empfangen, also schulden wir es dem Heiligen Vater, ihn dankbar und freundlich bei uns zu empfangen.“

Wo Kirchenführer mehr an das Irdische denken

Anders als in Bulgarien, wo eine Mehrzahl der orthodoxen Bischöfe dem Papst nur das Mindestmaß an Höflichkeit entgegenbringen will, begrüßt Mazedoniens Orthodoxie den Nachfolger Petri euphorisch: „Er ist ein Mensch des Friedens und des guten Willens, der allen mit ausgestreckter Hand entgegentritt“, sagt der Erzbischof, der das Kommen von Franziskus als Besuch bei allen Gläubigen und als „Anerkennung für das Land“ sieht.

Ebenfalls anders als in Bulgarien sind die Beziehungen zwischen der orthodoxen Mehrheitskirche und der katholischen Minderheit gut. Erzbischof Stefan korrigiert: „Unsere Beziehungen sind nicht nur gut, sondern ausgezeichnet. Wir können doch nicht gute Beziehungen zum Vatikan unterhalten, ohne noch bessere Beziehungen zur hiesigen katholischen Kirche zu unterhalten. Wie können wir zeigen, dass wir zu Christus gehören, wenn keine Liebe unter uns herrscht?“ Angesprochen auf die anti-ökumenische Gesinnung orthodoxer Mönche und Bischöfe in den Nachbarstaaten meint Erzbischof Stefan, das habe mehr politische als kirchliche Gründe. Da seien Kirchenführer am Werk, „die mehr an das Irdische als an das Himmlische denken“.

Auch die bisher ausstehende Anerkennung der mazedonisch-orthodoxen Kirche sei „keine kirchliche, sondern eine politische Frage“. Empört zeigt sich der Erzbischof über die serbisch-orthodoxe Kirche, die selbst ihren Ursprung im Erzbistum Ohrid habe, aber seit Jahrzehnten eine weltkirchliche Anerkennung der mazedonischen Orthodoxie blockiere. „Wenn die orthodoxe Kirche in Nationalkirchen aufgebaut sein soll, warum darf dann keine mazedonische Kirche existieren?“ Die einseitige Anerkennung der ukrainischen Autokephalie scheint nun aber in Skopje neue Hoffnung geweckt zu haben. Inoffiziell ist zu hören, dass die mazedonischen Bischöfe die bulgarische Orthodoxie gebeten hätten, auf einen Schiedsspruch des Ökumenischen Patriarchen zu drängen. In Skopje findet man den mazedonischen Fall viel eindeutiger als den ukrainischen, denn in der Ukraine gebe es auch Russen, in Mazedonien dagegen kaum Serben. „Ich halte es für richtig, dass der Ökumenische Patriarch nicht gegen die russische Orthodoxie ist, aber für eine ukrainische“, sagt Erzbischof Stefan zur „Tagespost“.

Im Fall Mazedoniens sei jetzt ein Hindernis aus dem Weg geräumt worden, indem die Regierung in Skopje ein bilaterales Abkommen mit Griechenland im Streit um den Staatsnamen unterzeichnete. Der Zusammenhang zwischen der politischen Blockade Athens gegen den EU- wie den NATO-Beitritt Mazedoniens und der Anerkennung der mazedonischen Orthodoxie durch den Ökumenischen Patriarchen erschließt sich nicht unmittelbar. Der Erzbischof erzählt jedoch, man habe ihm im Ökumenischen Patriarchat versichert, dass der Status seiner Kirche geklärt werden könne, wenn die Namensfrage zwischen Athen und Skopje beigelegt sei. Die Verwendung des Namens „Mazedonien“ erregt eben nicht nur die politische Klasse Griechenlands, sondern auch die griechische Orthodoxie. Der junge Kirchenhistoriker Viktor Nedeski meint deshalb im Gespräch mit dieser Zeitung in Ohrid, anstelle der Selbstbezeichnung als „mazedonisch-orthodoxe Kirche“ sollte man die historisch viel ältere und zudem kirchlichere Bezeichnung „Erzbistum von Ohrid“ wählen, um so den Konflikt beizulegen.

Sorgen macht dem Oberhaupt der mazedonischen Orthodoxie der Wandel in der islamischen Glaubensgemeinschaft: „In den vergangenen 15 Jahren ist hier der Wahhabismus zum Vorschein gekommen.“ Alte Moscheen würden niedergerissen und durch solche in arabischem Baustil ersetzt. Das Geld dafür kommt offenbar aus dem Ausland: „Es gibt keine finanziellen Mittel, die es mit dem aufnehmen könnten, was die Muslime an Unterstützung erhalten“, sagt Erzbischof Stefan. Andere mutmaßen, in Mazedonien seien seit der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit 1991 mehr Moscheen neu gebaut worden als in einem halben Jahrtausend osmanischer Herrschaft. Papst Franziskus wird die Vertreter der verfassungsmäßig anerkannten Religionen im „Mutter Teresa Gedenkhaus“ im Zentrum von Skopje treffen. Der Direktor des Hauses, Arijan Aslanaj, zeigt sich im Gespräch mit dieser Zeitung davon überzeugt, dass der Papst nicht nach Skopje kommen würde, wäre hier nicht im Jahr 1910 Mutter Teresa geboren. Wie die Heilige aus Skopje, die in Kalkutta zum Engel der Armen wurde, gehört Aslanaj der albanischen Volksgruppe an, die in Mazedonien mindestens ein Viertel der Einwohner stellt. Im Gegensatz zur katholischen Familie Mutter Teresas ist der Manager des Gedenkhauses jedoch Muslim. Er wolle den Papst zu einem spontanen interreligiösen Gebet in die Kapelle des Hauses einladen, gesteht Aslanaj. Dafür hat er bereits einen Satz auf Italienisch einstudiert. „Der Papst kommt nach Skopje, um die Geburtsstadt von Mutter Teresa zu besuchen“, sagt er, während wir die Jugendbilder der Heiligen besichtigen. In der Kapelle, in der einmal wöchentlich eine Messe gefeiert wird, erzählt der Direktor, er habe herausgefunden, dass seine Vorfahren einst katholisch waren, aber in osmanischer Zeit zum Islam konvertierten.

„Das Charisma von Mutter Teresa verbindet uns alle“, bestätigt der einzige katholische Bischof des Landes, Kiro Stojanov, der für die Katholiken des lateinischen wie des byzantinischen Ritus verantwortlich ist. Etwa 20 000 Katholiken beider Riten gebe es in Mazedonien, in Skopje leben 3 000. Von den 22 katholischen Priestern Mazedoniens gehören 17 dem byzantinischen Ritus an. „Wir sind hier in der Diaspora, und nach 2 000 Jahren kommt das Oberhaupt der Kirche hierher“, sagt Bischof Stojanov, der den Besuch damit erklärt, dass dieser Papst die Peripherie liebe und sich mit seinen Reisen bevorzugt den vergessenen, marginalisierten Ländern zuwende. Zur Heiligen Messe im Stadtzentrum erwartet der Bischof tausende Gläubige aus Albanien, dem Kosovo und Griechenland. „Auch viele Orthodoxe wollen zur Messe kommen. Niemand wird abgewiesen.“

Auf weltkirchliche Solidarität angewiesen

Die Religionsgemeinschaften des Landes haben laut Bischof Stojanov keine Probleme untereinander. In gemischt-konfessionellen Ehen würden die Kinder im Ritus des Vaters getauft. „Viele sind orthodox getauft, kommen dann aber zur Erstkommunion und zur Beichte mit ihren Eltern in die katholische Kirche“, berichtet er. Das sei „Ökumene auf der Ebene des Volkes“.

Auch wenn die Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Wesentlichen gut sind und die katholische Kirche – im Gegensatz zur serbischen Orthodoxie – in Mazedoniens Verfassung anerkannt wird, gibt es doch offene Fragen. Bischof Stojanov beklagt, dass eine christliche Seelsorge in Gefängnissen und Krankenhäusern noch nicht erlaubt ist. Auch gebe es weder religiöse Schulen noch Religionsunterricht in öffentlichen Schulen.

Ohne die vielfältige Unterstützung durch „Renovabis“ und „Kirche in Not“ könnte die katholische Kirche weder ihre pastorale noch ihre soziale Arbeit aufrechterhalten. Der Bau und Erhalt von Kirchen und Pfarrhäusern, die Arbeit mit behinderten Kindern und die Versorgung der Ärmsten mit Nahrung, Kleidung und Brennholz ruhen auf dieser weltkirchlichen Solidarität. Bischof Stojanov hofft, dass der Papstbesuch „für Mazedonien auf der internationalen Ebene ein bedeutender Schritt nach vorne“ wird. Im Gegensatz zum Nachbarland Bulgarien klopfte Mazedonien bisher vergebens an die Türe der Europäischen Union. Zwar ist die EU-Kommission seit Jahren bereit, mit Beitrittsverhandlungen zu beginnen, doch der Nachbar Griechenland blockierte jede Annäherung: In Athen missbilligte man den Staatsnamen, weil es in Griechenland eine Provinz namens Makedonia gibt. Dass sich die Regierungen beider Länder nun darauf einigten, das souveräne Land künftig als „Nord-Mazedonien“ zu bezeichnen, sieht Bischof Stojanov kritisch: „Ich bin für den EU-Beitritt, aber dass Ausländer uns unsere Identität vorschreiben, finde ich nicht gut.“ Diplomatischer gibt sich hierzu der orthodoxe Erzbischof Stefan: „Die Zukunft wird zeigen, ob das Geschriebene auch geachtet wird. Verträge können schwer auf einer Waage gewogen werden. Die Zeit ist der beste Richter.“

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