Liturgie

Christus auf mehreren Ebenen begegnen

Das Apostolische Schreiben „Desiderio desideravi“ greift den alten Konflikt um Liturgiereform und Kirchenverständnis wieder auf.
Konzilsväter
Foto: dpa | Was die Konzilsväter in puncto Liturgiereform eigentlich wollten und was heute als konzilsgemäß gilt bleibt eine Quelle der Diskussion.

Mit seinem Schreiben „Desiderio desideravi“ widmet sich Papst Franziskus unter Bezugnahme auf sein Motu Proprio „Traditionis Custodes“ nochmals der römischen Liturgie. Hatte er sich vor einem Jahr nur an die Bischöfe gewandt, so wendet er sich jetzt an alle Glieder des Gottesvolkes. Das Schreiben ist der liturgischen Bildung gewidmet und knüpft damit bei einem zentralen Anliegen der liturgischen Bewegung, namentlich Romano Guardinis an. Um das neue Dokument richtig einordnen zu können, hat das Dikasterium für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung gleichzeitig eine Bekanntmachung veröffentlicht.

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Arbeitsthesen

Demnach ist der Apostolische Brief eine neu reflektierte Ausarbeitung von Arbeitsthesen, die in der Vollversammlung der Gottesdienstkongregation im Februar 2019 behandelt worden waren. Wohl gemerkt war dies noch vor der Befragung der Bischofskonferenzen über den Gebrauch der außerordentlichen Form der römischen Liturgie im März 2020 und vor der Veröffentlichung von Traditionis Custodes im Juli 2021. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass bereits damals in den Augen der Gottesdienstkongregation die außerordentliche Form umstritten war. Einer der wesentlichen Inhalte des neuen Schreibens ist nämlich die Wiederherstellung der Einheit des römischen Ritus (vgl. Nr. 61). Die Bekanntmachung des Dikasteriums stellt fest, dass die Sprache des päpstlichen Briefes nicht jene „einer Instruktion oder eines Direktoriums“ sei, sondern „vielmehr ein Text der Meditation, mit einer lebendigen biblischen, patristischen und liturgischen Prägung“.

Dabei betone der Papst „mehrfach, dass er nicht den Anspruch erhebt, die angesprochenen Themen erschöpfend zu behandeln.“ Damit scheint es aber auch legitim, im großen Respekt vor dem Heiligen Vater Anfragen an den Text zu richten. Das Apostolische Schreiben beginnt nicht ohne Grund mit der Behandlung des theologischen Sinns der Liturgie. Dies ist seit Jahrzehnten ein hauptsächliches Anliegen des Päpstlichen Liturgischen Instituts von San Anselmo. Dazu muss man wissen, dass es dort Mitte des 20. Jahrhunderts heftige Dispute um die Liturgietheologie gab. Während Cipriano Vagaggini eine theologische Deutung des Gottesdienstes (liturgia theologica) präsentierte, entwarf Salvatore Marsili das Konzept einer Liturgie, die vor allem Sprechen Gottes ist (theologia liturgica).

Gefeierte Theologie

Die Liturgie wird hier nicht durch die Theologie interpretiert, sondern ist deren ursprünglicher Ort. Bei Marsili rücken die Versammlung der Kirche zum Gedächtnis der Heilstat Christi und der Dialog mit Gott in den Focus; das Verständnis der Liturgie als Dienst der Kirche vor Gott wird stark abgewertet und damit auch alles, was zeremonieller Natur ist. Dieser Disput wird gewissermaßen fortgeführt, wenn Anhänger der Liturgiereform den in der alten Form praktizierenden Gemeinschaften vorwerfen, es gehe ihnen nur um die Zeremonie, nicht um die Theologie des Gottesdienstes. Der hier skizzierte Konflikt steht im Hintergrund des neuen Schreibens und ist deutlich erkennbar, wenn Papst Franziskus sich auf Pius XII. beruft und sagt, dass er „von der Liturgie in ihrem theologischen Sinn und sicherlich nicht … als würdige Aufmachung von Zeremonien“ (Nr. 18) spreche.

Pius XII. hatte in der Tat ein rein äußerliches Verständnis des Gottesdienstes zurückgewiesen. Dadurch wurde man mehr auf die gefeierten Inhalte der Theologie verwiesen. Man formulierte theologische Konzepte, wie jenes des Mysterium Paschale. Ein solches Konzept ist aber eine theologische Erkenntnis zum tieferen Verständnis des Ritus, die seine Feier beseelen soll und weniger ein Aufruf zu Ritenänderungen. Auf diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum „Desiderio desideravi“ den Konflikt zwischen der alten und neuen Liturgie auf der Ebene der Ekklesiologie verortet. „

Umsetzung der Liturgiekonstitution

Ich verstehe nicht, wie man sagen kann, dass man die Gültigkeit des Konzils anerkennt… und nicht die Liturgiereform akzeptieren kann, die aus Sacrosanctum Concilium hervorgegangen ist und die die Realität der Liturgie in enger Verbindung mit der Vision der Kirche zum Ausdruck bringt, die in Lumen gentium auf bewundernswerte Weise beschrieben wurde.“ (Nr. 31). Kirchlichen Gemeinschaften, die weiterhin den Usus antiquior feiern, geht es aber vor allem um einen geistlich-theologischen Reichtum, um Dinge, die mit Blick auf die zuvor stets gewachsene rituelle Form bewahrt werden sollten. Bei aller Anerkennung der neuen kirchlichen Form, kann man Studien und Zeugnisse nicht einfach übergehen, die die Frage stellen, ob die Liturgiekonstitution wirklich korrekt umgesetzt worden ist.

Anders gesagt: Joseph Gargitter hatte als Konzilsvater und Bischof von Bozen-Brixen wie viele andere in einem Hirtenbrief den Ritus von 1965 als Umsetzung der Konzilsbeschlüsse gewürdigt. Phänotypisch ist diese Form aber fast gleich mit jener von 1962. Das neue Schreiben sieht die Treue zum Konzil durch die Unterschrift der heiligen Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. gegeben (Nr. 61). Die Unterschrift eines Papstes unter ein liturgisches Buch garantiert seine Legitimität und nicht per se die korrekte Umsetzung des Konzils. Sowohl Paul VI. als auch Johannes Paul II. haben auch Indulte gewährt.

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Wesensbestimmung von Liturgie

Auf diesem Hintergrund konnte Kardinal Ratzinger einmal bemerken: „Das Konzil hat zwar nicht selbst die liturgischen Bücher erneuert, wohl aber hat es den Auftrag zu deren Revision erteilt und dafür einige Grundsätze festgelegt. Vor allem aber hat es eine Wesensbestimmung von Liturgie gegeben, die das innere Maß der einzelnen Reformen vor gibt und zugleich den beständigen Maßstab rechten liturgischen Feierns ausgedrückt.“ Diese Grundsätze seien sowohl in der neuen als auch in der alten Form zu berücksichtigen, um dem Konzil treu zu sein. Das bedeutet aber, dass beide Formen keinen unüberwindlichen Gegensatz zueinander bilden können.

Papst Franziskus erinnert nun an wertvolle Konzepte der Liturgietheologie. Die Liturgie führt die Heilsgeschichte ins Heute (Nr. 2-9). Sie ist Christusbegegnung auf mehreren Ebenen (10-13). Sie ist „Sakrament des Leibes Christi“ (14f.). Wenn man diese Ansätze beiderseits des derzeitigen Grabens verinnerlichte, bestünde die Chance, liturgischen Frieden zu finden. Anhänger der traditionellen Liturgie sollten etwa keinen Verrat am Kreuzesopfer wittern, wenn man von Paschamysterium (24-26) spricht. Auch die Communio-Ekklesiologie kann und muss in der alten Form gelebt werden. Anhänger der Reform könnten sich die Frage gefallen lassen, ob traditionelle Zeremonien nicht doch auf das Sacrum verweisen und ob rituelle Kontinuität im Wesentlichen nicht auf ihre Weise der diachronen Einheit der Kirche dient. In Zeiten, in denen man zu Unrecht das Konzil für ekklesiologische Brüche vereinnahmt, ist der weiter gefeierte usus antiquior ein Zeichen für die bleibende Identität der Kirche.

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