Passau

Bischof Stefan Oster: „Runter vom Balkon!“

Die Zeichen der Zeit zu erkennen ist eine zentrale Forderung des Synodalen Wegs. Ein Gespräch mit dem Passauer Bischof Stefan Oster SDB über junge Gottsucher und den emeritierten Papst Benedikt.
Bischof Stefan Oster, Bischof von Passau
Foto: dpa | Das neue Bischofsbild von Stefan Oster: "Runter vom Balkon",

Exzellenz, worin erkennen Sie in diesen Tagen die Zeichen der Zeit?

Zu dieser Frage gibt es ja eine große theologische Debatte, seit vielen Jahren. Kriterien wären etwa: Welche Fragen beschäftigen die Menschheit? Welche brauchen dringend Bearbeitung? Und welche haben auch aus der Sicht des Glaubens hohe Bedeutung? Ich würde – wenn wir solche Kriterien zugrunde legen – die Klima- und Umweltkrise, die großen Migrations- und Fluchtbewegungen, die Geschlechterfragen, die digitale Revolution und die massive Entkonfessionalisierung mit dem Relevanzverlust des christlichen Glaubens in den westlichen Ländern als zeichenhaft sehen, für die wir auch vom Evangelium her nach Antworten suchen. Und manche dieser Fragen stellen noch eine tiefere: Wer ist eigentlich der Mensch, die menschliche Person? Und innerkirchlich markieren ohne Zweifel die Erkenntnisse des sexuellen Missbrauchs eine dramatische Zäsur.

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Der Apostolische Exarch, Bischof Boghdan, sagte während der Frühjahrsvollversammlung: „Wir brauchen Priester.“ Wie wirkt sich die weltweite Krise auf das Priesterbild aus?

Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang der Exarch das gesagt hat. Aber vermutlich meinte er, wenn nun zigtausende Menschen aus der Ukraine kommen, dürfen wir die Dimension der Seelsorge für diese Menschen nicht vernachlässigen. Die Feiern der Sakramente geben Halt und Kraft und können auch in der Fremde tiefe Heimaterfahrung schenken. Und dazu braucht es Priester. Wenn Christen generell – und vielleicht Priester in besonderer Verantwortung – durch die Art ihres Dienens die Erinnerung an den Himmel wachhalten, dann können sie Menschen die Hoffnung geben, dass keine innerweltliche Krise das letzte Wort haben wird.

Unser Lebensstil – in den Industrieländern – gehört aus Sicht vieler junger Menschen auf den Prüfstand. Welche Veränderungen halten Sie in diesem Zusammenhang für erstrebenswert?

Ein einfacher, nachhaltiger Lebensstil ist sicher erstrebenswert für uns alle in unserer Wohlstandsgesellschaft. Ich glaube schon, dass wir auch sehr bald große und übernationale politische Entscheidungen brauchen zugunsten des Klima- und Umweltschutzes. Wir haben hier alle hohe Verantwortung. Mein Glaube gibt mir allerdings auch in diesem Punkt einen inneren Frieden, denn ich versuche aus der Gewissheit zu leben, dass zuletzt immer noch Gott der Herr der Schöpfung ist.

Die Offenen Briefe des Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz und der Nordischen Bischofskonferenz werden von vielen als Warnruf an die deutschen Bischöfe gelesen, der auch eine öffentliche Reaktion erfordert. Welche Konsequenzen halten Sie für sinnvoll?

Ich spüre eine starke Dynamik der großen Mehrheit in der Synodalversammlung, die bisher eingeschlagene Richtung zu Ende zu bringen – auch mit der Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. Daher: Ich bin gespannt, ob und wenn ja, wann sich Rom oder der Papst dazu äußern. Wichtig ist auch der Synodale Prozess der Weltkirche. Am Ende wird die Frage stehen: Welche Ergebnisse aus Deutschland lassen sich in diesen Prozess positiv einbringen und welche nicht?

Nach der jüngsten Debatte um den emeritierten Papst fragen sich manche, inwieweit sein Lebenswerk heute Maßstäbe setzt. Was bietet darin Orientierungshilfe für unsere Zeit?

Da sehe ich sehr viel, deshalb nur beispielhaft: Am meisten freue ich mich immer wieder über seine Deutung der Schrift: Mit einem tiefen theologischen und philosophischen Blick – der aber immer auch in der Lage ist, die konkrete, existenzielle Relevanz für die Fragen des heutigen Menschen, vor allem die Sinnfragen, zu deuten. Von Benedikts geistlichem und intellektuellem Vermächtnis wird die Kirche noch lange zehren können.

"Mir persönlich ist schon lange ein Bild im Herzen,
das heißt ,runter vom Balkon'. "

Gesetzt den Fall, Sie könnten in den Synodalen Prozess der Weltkirche Vorschläge zur Reform des Bischofsamtes einbringen. Welche wären das?

Ich denke, da macht Papst Franziskus selbst genügend Vorschläge. Mir persönlich ist schon lange ein Bild im Herzen, das heißt „runter vom Balkon“. Es lässt sich in viele Richtungen deuten: Umgang mit Macht, Besitz, Nähe zu den Menschen etc. Jüngst hat der Papst selbst von den „vier Nähen“ gesprochen, die ein Priester leben sollte: zu Gott, zum Bischof, zu den Mitbrüdern im Priesteramt und zu den Menschen. Alles das würde ich auch für Bischöfe so sehen. Eine Frage, die mich wirklich bewegt, ist die nach einem Leben in der Nähe zu Gott: Wie geht in diesen Zeiten und mit unserem Lebensstil ein geistliches Leben, das den Namen verdient und das auch wirklich die Kraft hat, mich innerlich immer neu zu verändern – vor allem mit Blick auf die Tiefe und Weite meines Herzens?

Für welche hoffnungsvollen Zeichen der Zeit möchten Sie den Menschen heute die Augen öffnen?

Zunächst: Die oben eher als Krisenphänomene formulierten „Zeichen der Zeit“ können alle auch positiv gelesen werden: Die Menschen bekommen einen neuen Sinn für Gottes Schöpfung, sie öffnen vielfach ihre Herzen für Menschen auf der Flucht, sie fragen neu nach der Identität des Menschen; sie suchen nach einer neuen Orientierung – und hier hat der Glaube viel anzubieten.


Und ob das folgende Beispiel jetzt schon ein „Zeichen der Zeit“ im obigen Sinne ist, weiß ich nicht, aber ich sehe auch eine neue Suchbewegung bei vielen Menschen, auch jungen, die sehr entschieden nach Glauben im Hier und Heute suchen. Sie fragen sehr ernsthaft danach, wer Christus ist und wie er konkret in ihr Leben hineinwirkt. Das ist eine echte Freude, das zu erleben. Außerdem: Wenn ich heute in den Gemeinden draußen bin, sehe ich immer noch sehr viele, junge und ältere Menschen, denen an der Kirche und ihrem Glauben wirklich etwas liegt. Die sich engagieren und einbringen. Die möchte ich gerne stärken. Ich sehe auch im Ausland neuere Bewegungen, in denen ganz offensichtlich wirklich etwas wächst, Neues wächst. Hier lohnt es sich, sich auf die Suche zu machen.

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