Bild der Selbsthingabe

Im Lob der Biene im Exsultet liegt eine österliche Katechese. Von Michael Karger
Leuchtende Osterkerze
Foto: KNA | Die Fleißarbeit der Biene spiegelt sich in der Osternacht – und ist eine Anregung für die Gläubigen.
Leuchtende Osterkerze
Foto: KNA | Die Fleißarbeit der Biene spiegelt sich in der Osternacht – und ist eine Anregung für die Gläubigen.

O wahrhaft glückliche und wunderbare Biene“ – das Lob der Honigbiene in der Feier der Osternacht Bereits die biblische Weisheitsliteratur lehrt, das scheinbar kleine und unbedeutende Bienenvolk nicht zu verachten: „Unscheinbar unter den geflügelten Tieren ist die Biene und doch bringt sie den besten Ertrag“ (Sirach 11, 3). Auch die frühe Kirche hat die Biene, genauer gesagt die staatenbildende Honigbiene (Apis mellifera), außerordentlich hoch geschätzt. In der Feier der Osternacht, dem Hauptgottesdienst des Kirchenjahres, wird die Biene auch heute noch an zwei Stellen erwähnt. Was es damit auf sich hat und welch umfassender kulturgeschichtlicher und theologischer Hintergrund sich darin auftut, soll hier wenigstens angedeutet werden. Höhepunkt der Lichtfeier, des ersten Teils der Osternacht, ist das vom Diakon gesungene Exsultet, der Lobgesang auf die Osterkerze. Sie wurde zuvor vor der Kirche gesegnet, am Osterfeuer entzündet und in die dunkle Kirche getragen.

Ihr Einzug in die finstere Kirche hat vier Deutungsebenen, die alle Phasen der Heilsgeschichte umfassen: Den Sinn und Ordnung schaffenden Einbruch des Lichtes der göttlichen Vernunft in die Finsternis am ersten Schöpfungstag, die Feuersäule, die den Israeliten in der Paschanacht, der Nacht des Auszugs aus Ägypten in die Freiheit, voranleuchtete, Christus den Auferstandenen, der als Licht die Finsternis des Todes erhellt hat und den endzeitlichen achten Schöpfungstag vorwegnimmt, den Tag, an dem Gott selbst unser Licht sein wird, das keinen Abend mehr kennt. Sobald die Osterkerze im Altarraum auf ihrem Leuchter steht und die Gläubigen mit ihrem Licht ihre Kerzen entzündet haben, stimmt der Diakon das Exsultet an. Anknüpfend an die Lichtdanksagung zur Entzündung des Lichtes im Vespergottesdienst (Lucernarium) und formal am Aufbau einer Praefation orientiert, wird das Lob des Auferstandenen als dem Licht in der Nacht aller Nächte gesungen und dabei auch das Lob der Osterkerze. Zugleich wird die Kerze Gott dem Vater als Opfergabe dargebracht. Im Zusammenhang mit der Osterkerze als Opfergabe werden nun die Bienen gewürdigt: „Nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe. Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet, wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche durch die Hand ihrer Diener.“ Auch die zweite Erwähnung der Biene richtet sich an die Wachsproduzentin: „Denn die Flamme wird genährt vom schmelzenden Wachs, das der Fleiß der Bienen für diese Kerze bereitet hat.“

Nach dem Konzil von Trient wurde im Missale Romanum von 1570 das Exsultet gekürzt: Das Lob der Kerze und vor allem das damit verbundene Lob der Bienen wurde bis auf die beiden obigen Stellen gestrichen. Die ausgelassene Stelle lautet – nach der Übersetzung in dem Exsultet-Buch von Guido Fuchs und Hans Martin Weitzmann: „Die Biene überragt alle übrigen Lebewesen, die dem Menschen unterworfen sind. Obwohl sie winzig ist in ihres Körpers Kleinheit, gewaltige geistige Kräfte wälzt sie, erkundet der Jahreszeiten Wechsel, sobald sein weißes Aussehen der reifbedeckte Winter abgelegt und das altgewordene Eis des Frühlings laue Lüfte aufgedeckt haben, folgt sogleich der Drang, hinauszugehen zur Arbeit. Und zerstreut über die Fluren, lassen sie sich, nachdem sie die Flügel noch ein wenig geschwungen haben, mit lockeren Beinen nieder, um mit dem Rüssel zu sammeln den Blütenstaub der Wiese. Beladen mit ihrer Nahrung kehren sie zum Lager zurück und dort errichten die einen mit unschätzbarer Kunst kleine Gehäuse mit zähhaftendem Leim, andere pressen den flüssigen Honig darin zusammen, andere wandeln den Blütenstaub in Wachs, andere formen mit dem Rüssel die Brut, wieder andere schließen den von den Blättern gesammelten Nektar ein. O wahrhaft glückliche und wunderbare Biene, deren Geschlecht Männchen nicht verletzen, Geburten nicht zerbrechen und deren Keuschheit Kinder nicht zerstören. So hat die heilige Maria als Jungfrau empfangen, als Jungfrau geboren und ist Jungfrau geblieben.“

Dies gilt auch für die frühe Kirche, die das naturkundliche Wissen der Antike und die literarische Bienenallegorese aufgenommen und sich anverwandelt hat. Besonders das sogenannte gallikanische Praeconium paschale (wörtlich: Osterankündigung; Osterlob), dem das heutige Exsultet gekürzt zugrunde liegt, hat das antike Bienenlob übernommen. Seine direkte Quelle ist das vierte Buch der „Georgica“ („Vom Landbau“, vollendet 29 v. Chr.) des Dichters Vergil, einer poetischen Zusammenfassung der damaligen Bienenkunde, worin es heißt: „Wundersam, dass solch ein Brauch den Bienen gefallen,/ Dass sie sich nimmer begatten, noch Venus ihnen die Leiber/ Lind in Ermattung löst und macht sie Kinder gebären;/ Sondern sie streifen die Keime der Brut von Blättern und süßem Kraut …“.

Zwischen Vergil und dem gallikanischen Exsultet – erste Textüberlieferung um 700, Ursprung wohl deutlich früher – liegt die Theologie des Kirchenvaters Ambrosius, die der Verfasser des Lobes der Osterkerze gekannt hat: „Auch die Unversehrtheit des jungfräulichen Leibes und der Zeugung ist allen Bienen gemeinsam, denn die begatten sich nicht, frönen nicht weichlicher Lust, erleiden nicht Geburtswehen und setzen mit einem Mal einen zahllosen Schwarm junger Bienen ins Dasein, eine Brut, die sie mildem Mund aus Blüten und Blumen saugen“ (Hexameron). Als reines Brandopfer Christi und der Kirche ist die Osterkerze ein Ganzopfer. Im sich selbst verzehrenden Wachs wird die Selbsthingabe Christi sinnfällig: „Wenn auch ihr Licht sich in die Runde verteilt hat, so verlor es doch nichts von der Kraft seines Glanzes. Denn die Flamme wird genährt vom schmelzenden Wachs …“. Daher wurde für die Osterkerze nur naturreines Wachs verwendet, welches zusätzlich aufwendig behandelt und strahlend weiß gemacht wurde in Analogie zum makellosen Paschalamm. Gestiftet wurde das Wachs von den Gläubigen. Die Gottesmutter Maria ist die jungfräuliche Biene, die das reine Wachs der Osterkerze hervorgebracht hat. Alle im antiken Lob der Biene genannten herausragenden Eigenschaften wurden in der Vätertheologie herangezogen. Zuerst die Auffassung von der Biene als jungfräulicher Mutter ohne Geschlechtstrieb und Begattung.

Erst im 17. Jahrhundert wurde entdeckt, dass der Weisel, der Bienenkönig, weiblich ist. Die Bienenkönigin tötet, kaum ausgeschlüpft, ihre Konkurrentinnen und verlässt den Bienenstock zum „Hochzeitsflug“ und wird in der Luft von sechs bis acht Drohnen begattet, was für die Drohnen den Tod bedeutet. Die Königin, das einzige fruchtbare Weibchen im Bienenstaat, legt vom Frühjahr bis zum September täglich 1 500 bis 2 000 Eier ab. Alle körpereigen hergestellten Produkte wie Honig, Pollen, Gelée Royale, Bienengift, Propolis, Wachs zur Herstellung der sechseckigen Wabenzellen für Honig und Brut, alle diese Gaben beruhen auf dem Fleiß und der Selbstlosigkeit der Honigbiene. Ein Gramm Honig erfordert 8 000 bis 10 000 Blütenbesuche. Schließlich verdankt die gesamte abendländische Kulturlandschaft ihr Gesicht der Partnerschaft von Honigbiene und Blüte bei der Bestäubung.

Was im Lob der Biene in der Osternacht anklingt, weitet Augustinus auf das ganze Leben des Christen aus: „Die Bienen lieben ihren König, die Gerechten Christus. Die Bienen bauen Waben, die Gerechten arbeiten an der Kirche.“

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