Politik

Athleten, die Vorbilder sein wollen

Papst Franziskus empfing Österreichs Ski-Stars in einer Sonderaudienz und erinnerte an die „Tugenden und Werte, für die der Sport steht“. Von Stephan Baier
Peter Schröcksnadel überreichte ein Geschenke an Papst Franziskus
Foto: Hurnaus | Geschenke im Sinn des Heiligen Vaters überreichte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, im Bild mit der Behindertensportlerin Claudia Lösch, an Papst Franziskus: Spenden an Mary's Meals und für ein Kinderprojekt der ...

Zehntausende strömen an diesem warmen Mittwochmorgen von allen Seiten in Richtung Petersplatz, um stundenlang auf die Generalaudienz mit dem Heiligen Vater zu warten. Indes wird eine kleine Delegation aus Österreich – fast unbemerkt – durch einen Nebeneingang an der Leoninischen Mauer in den Vatikan eingelassen und diskret zur kleinen Auletta im Schatten von Sankt Peter geführt: 38 Spitzensportler des Österreichischen Skiverbands (ÖSV), begleitet von ihren Verbandsfunktionären und einigen Journalisten, genießen an diesem Morgen gleich mehrere außergewöhnliche Privilegien.

Vor allem eine denkwürdige Privataudienz bei Papst Franziskus. Der Skiverband hatte seine Athleten mit einheitlichen Anzügen in vornehm dunklem Blau ausgestattet, die vatikanische Regie tat das ihre, um der Szene Feierlichkeit zu verleihen. Doch als Franziskus freundlich lächelnd den Raum betritt, löst sich alle Anspannung. Außer bei Hannes Reichelt, dem erfolgreichen 35-jährigen Skirennläufer aus dem Pongau, dem die Aufgabe zufiel, den Papst zu begrüßen. Spürbar nervös dankt der fünffache österreichische Staatsmeister, der bei der Weltmeisterschaft 2015 Gold im Super-G holte, dem Heiligen Vater im Namen der Sportler: „Der Glaube ist sehr wichtig für uns, und auch ein Teil unserer Lebenseinstellung. In diesem Sinn wollen wir auch ein Vorbild der Jugend sein. Das ist uns sehr wichtig.“ Dann bittet er den Papst, „dass Ihre Sympathie und Ihre Gebete uns auf unserem Weg, der nicht immer ohne Gefahren ist, begleiten“.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel versichert dem Papst, „dass unser Team ethische Grundsätze vertritt“. Das Wesen des Sports sei zwar „Konkurrenz, Wettkampf, Siegen, aber auch Verlieren“. Doch Werte wie Freundschaft, Aufrichtigkeit und Fairness hätten für die Sportler hohen Stellenwert. Auch dürfe das Streben nach Erfolg nie mit unfairen Mitteln erfolgen. „Unsere Athleten wollen Vorbilder für die Jugend sein“, bestätigt der ÖSV-Chef. Vorbildhaft ist auch sein Gastgeschenk: Anstelle einer persönlichen Gabe für den Papst spendet der Österreichische Skiverband für Mary's Meals, ein Ernährungsprogramm für Schulkinder in den ärmsten Ländern der Welt, sowie für ein Projekt der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, die in Uganda Straßenkindern und ehemaligen Kindersoldaten zu einem Leben in Würde verhelfen.

„Wenn ich an Österreich mit seinen Alpen denke, kommt mir auch der Wintersport in den Sinn“, sagt der Papst auf Italienisch. Der Skisport habe in Österreich einen großen Stellenwert, darum seien die Sportler tatsächlich Vorbilder und Integrationsfiguren, „nicht nur wegen der sportlichen Leistungen, sondern aufgrund der Tugenden und Werte, für die der Sport steht: Einsatz, Ausdauer, Zielstrebigkeit, Fairness, Solidarität, Teamgeist“. Sie könnten zur Formung der Gesellschaft beitragen und „Botschafter der einheitsstiftenden Kraft des Sports“ sein. Franziskus appelliert an die Athleten: „Seien Sie Botschafter der Bewahrung der Umwelt und der Schönheit der Schöpfung Gottes!“

Lächelnd geht der Papst dann zu jedem einzelnen, schüttelt Hände, segnet. Hannes Reichelt zeigte sich im Gespräch mit dieser Zeitung von der „sympathischen Aura“ des Papstes beeindruckt. „Der Glaube ist sehr wichtig für uns als Sportler“, wiederholt er, und gesteht, dass er mit seiner Freundin regelmäßig am Abend betet: „Sie hat mich dazu gebracht.“ Angetan ist auch Claudia Lösch, die seit einem Autounfall 1994 im Rollstuhl sitzt und als Behindertensportlerin bei den Winter-Paralympics Medaillen holte: „Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, vor allem, wie er in den letzten Jahren das Amt des Papstes reformiert hat.“ Papst Benedikt habe sie als Wissenschaftler wahrgenommen, Franziskus sei „fast wie ein Dorfpfarrer“. Das finde sie erfrischend, auch wenn sie selbst sich schwer tue, an Gott zu glauben.

Der 26-jährige Gregor Schlierenzauer, einer der erfolgreichsten Skispringer der Welt, meint zur „Tagespost“: „Dem Heiligen Vater in die Augen schauen und die Hand schütteln zu dürfen, das gibt einem schon einen ganz besonderen Motivations-Kick. Als Spitzensportler lernt man früh, mit Rückschlägen umzugehen. Dafür braucht man den Glauben an sich selbst, aber auch an eine höhere Macht.“

Auf die Papstaudienz folgt ein zweites Privileg: Während der Papst sich den Gläubigen auf dem Petersplatz zuwendet, besichtigen in seinem Rücken die Sportler die Basilika. Sankt Peter völlig menschenleer – „das ist ein Riesengeschenk, und vermutlich ist einigen gar nicht bewusst, wie es da normalerweise ausschaut“, lacht die Skirennläuferin Michaela Kirchgasser. Sie will bald heiraten und ließ sich die Eheringe vom Papst segnen. Sie gehört zu den wenigen, die schon 2007 bei der Sonderaudienz dabei waren, die Papst Benedikt den Skifahrern gewährte. „Es ist eine große Ehre, dass ich das zweimal miterleben darf“, meint sie, neben der Petrus-Statue in der Basilika stehend, zur „Tagespost“. Die Offenheit von Papst Franziskus habe sie beeindruckt. „Er kennt keine Furcht!“, ist sie sicher. Und erzählt vom eigenen Gottvertrauen: „Der Glaube ist für jeden Menschen wichtig! Ohne Glauben kann man auch nicht an sich selbst glauben. Man findet den Herrgott in jedem Eckerl! Wenn man den Herrgott im Herzen mithat, dann ist man nicht verloren!“ Ihr Lebensrezept lautet: „Gebet, und Vertrauen auf das, was passieren soll. Alles hat seine Vorbestimmung, alles!“

Die Skifahrer und ihre Begleiter durchschreiten die Heilige Pforte, nachdem ihnen der Admonter Benediktinerpater Wolfgang Fischer-Felgitsch lächelnd, aber präzise die Voraussetzungen für den Ablass erklärt hat. Pater Johannes Paul, der junge Olympiaseelsorger, könne beim Rückflug im Flugzeug ja einen Beichtstuhl einrichten, sagt er schmunzelnd. Einige lachen.

Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, der lange Österreichs Sport-Bischof war, stimmt vor Michelangelos Pieta einige Gebete an. Die Sportler stimmen ein. Zur „Tagespost“ meint der Erzbischof: „Ich glaube, dass Sport grundsätzlich mit dem Glauben sehr affin ist.“ Skifahrer müssten ja immer an die Grenzen gehen. „Glaube ist eine sinnliche Erfahrung: an die eigenen Grenzen zu gehen und sie auf Gott hin zu überschreiten. Darum passt das gut zusammen.“ Die Kirche habe den Sportlern viel zu sagen: zu ihrer Motivation, zur Fairness und gegenseitigen Achtung, zum Akzeptieren der eigenen Grenzen. „Vor allem aber, dass Gott das Ziel unseres Lebenslaufes ist.“

Patrick Mayerhofer, der vor acht Jahren bei einem Arbeitsunfall die linke Hand verlor und nun mit einer bionischen Handprothese als Behindertensportler an den Start geht, lässt sich im Vatikan von Erzbischof Lackner ein Kreuz segnen: für seinen noch ungeborenen Sohn, dessen Geburt in sechs Wochen erwartet wird, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung ganz offen erzählt. „Nach meinem Unfall habe ich sehr viel gebetet. Der Glaube steckt ganz tief drinnen in meinem Alltag.“

Ähnlich sieht es der Nordische Kombinierer Bernhard Gruber: Die Begegnung mit dem Papst bedeute ihm viel, „weil ich ein sehr gläubiger Mensch bin“. Die lockere Art des Papstes habe ihn beeindruckt, „weil wir Sportler auch lockere Typen sind“. Franziskus sei „ein Supermensch, der viele Leute begeistern kann mit seiner Art“. Bei Bernhard Gruber ist das keine oberflächliche Begeisterung: „Man hat immer viel Stress bei den Wettkämpfen und geht ans äußerste Limit, darum ist es gut, wenn man an Gott glaubt und betet, dass Gott uns in schwierigen Stunden beisteht. Das hilft, über die Runden zu kommen.“

ÖSV-Präsident Schröcksnadel ist von den 24 Stunden in Rom begeistert: „Die Erwartungshaltung war von Anfang an sehr hoch – und sie wurde bei weitem übertroffen! Nicht nur der Empfang des Papstes und sein Umgang mit den Menschen, sondern auch die Sankt-Peters-Basilika ganz leer, wo wir die einzigen Besucher waren und durch die Heilige Pforte gehen durften!“ Das habe das Team nicht unberührt gelassen: „Plötzlich hat sich alles geschlossen, sind alle zusammengerückt.“ Sportdirektor Hans Pum bestätigt: „Das sind die Momente, die ein Team braucht: Das schweißt eine Mannschaft zusammen.“

Dass sich der Blitzbesuch in Rom auch pastoral gelohnt hat, bestätigt der Olympiaseelsorger. Pater Johannes Paul, selbst Zisterzienser in Heiligenkreuz, meint: „Bei den Spielen lernt man sich nur kurz und oberflächlich kennen. Das war hier persönlicher, in einer entspannteren Atmosphäre möglich.“ Spitzensportler seien sehr reife Menschen, „die viel über ihr Leben nachdenken und reflektieren, mit Erfolg und Misserfolg umgehen lernen müssen“. Das trage viel dazu bei, dass die Gläubigen unter ihnen auch zu ihrem Glauben stehen.

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