Psychologie

Anna Beraldi: „Wir brauchen uns nicht selbst zu erlösen“

Die Münchner Psychotherapeutin Anna Beraldi erläutert, warum die christliche Botschaft aus psychologischer Sicht eine befreiende Wirkung hat.
Anna Beraldi
Foto: Privat | Anna Beraldi unterstreicht, dass der Schöpfer sich auch der von ihm geschaffenen Naturgesetze und psychischen Prozesse bedient.

Einer landläufigen Meinung zufolge sind gläubige Christen resilienter und psychisch stabiler. Ist da was dran?

Vorwiegend aus dem amerikanischen Sprachraum gibt es seit vielen Jahren bereits Studien, die die positive  Wirkung des Glaubens auf Genesungsprozesse, Gesundheit und Suizidalität bestätigen. Natürlich darf man, wie sonst auch, nicht Pauschalisieren. Wenn wir als gläubige Christen uns bemühen, in der Schöpfungsordnung Gottes zu leben, dann kann sich das nur positiv auf die Gesundheit oder auf den Umgang mit Belastungen und Erkrankungen auswirken.

Wie wirkt sich Beten auf die Psyche aus?

Es gibt Studien, beispielsweise von der Arbeitsgruppe um Nathaniel Lambert (Florida), die die positive Wirkung des Gebets auf die Bereitschaft der Vergebung und der Selbstlosigkeit damit erklären, dass das Gebet den Fokus vom eigenen Ich entfernt und sich somit positiv auf die Beziehung zum anderen auswirkt. Ich kann mir schon vorstellen, dass dies eine Rolle spielt. Allerdings wird bei diesen Studien kaum thematisiert, dass das christliche Gebet ein persönliches Gebet mit Gott ist. Und Gott kann und darf wirken wie er will. Natürlich bedient sich Gott auch der Naturgesetze und psychischer Prozesse, schließlich hat er sie erschaffen. Doch kann er unabhängig dieser Gesetzmäßigkeiten wirken.

Inwieweit trägt die menschliche Psyche die Handschrift des Schöpfers?

Ich würde sagen, dass die Psychotherapie anhand der Verletzungen und Mangelerscheinungen der Psyche das christliche Menschenbild im Umkehrschluss erkennen lässt. Also, dass sich die Handschrift Gottes im Umkehrschluss zeigt, indem wir beobachten, was passiert wenn die Schöpfungsordnung durch menschliches Handeln verletzt wurde. So kann etwa der Mangel an Liebe zu tiefgreifenden Bindungsstörungen führen. Dass die wiederholte Verletzung der personalen Freiheit zu verheerenden Folgen (Traumafolgestörungen) führt. Dass der Mensch auf Beziehung angewiesen ist. Studien zeigen, dass Beziehungen  ein wichtiger Schutzfaktor sind und fehlende Beziehungen ein Risikofaktor. Gott hat uns ja auf ihn hin geschaffen. Auch die Tatsache, dass der stärkste Wirkfaktor in der Therapie die therapeutische Beziehung ist, finde ich, kann als Hinweis gesehen werden, dass wir aus und für die Beziehung mit unserem Schöpfer geschaffen sind.

Ein Beispiel?

Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen die ehrenamtlich tätig sind, ein besseres Wohlbefinden und eine bessere Lebensqualität haben. Mich wundert es nicht. Ist doch der Mensch auf Transzendenz hin geschaffen und Ehrenamt bedeutet, von sich weg auf andere hin tätig zu sein.

Worin liegt das seelisch Befreiende der christlichen Botschaft?

Die christliche Botschaft hat meines Erachtens mehrere befreiende Aspekte: Gott ist Liebe und liebt uns Menschen bedingungslos und so sehr, dass er aus Liebe für uns gestorben ist. Wie befreiend ist es, zu wissen, dass wir geliebt werden. Jeder von uns macht die Erfahrung, dass die Zuneigung zwischen den Menschen immer an etwas gebunden ist. Und wenn es nur die Tatsache ist, dass wir dem anderen sympathisch sind. Menschen, die in Psychotherapie kommen, haben in der Kindheit nicht immer Erfahrungen gemacht, die liebevoll waren. Bei Gott ist es anders. Er liebt uns so wie wir sind. Einfach so. Egal was wir anstellen, Gott verzeiht uns immer, da seine Barmherzigkeit uferlos ist. Wir können immer wieder von unseren großen und kleinen Verfehlungen befreit werden, wenn wir Gott um seine Vergebung bitten. Das ist wahrhaftige Befreiung von allem Ballast. Gott respektiert unsere Freiheit. Folglich wird er uns nie zu etwas zwingen. Die Selbstbestimmung eines Menschen nimmt Gott sehr ernst und das ist etwas sehr schönes. Im menschlichen Zusammenleben machen wir ja sehr häufig die Erfahrung, dass andere oder wir selbst Grenzen überschreiten. In der Psychotherapie sehen wir die verheerenden Folgen, die Missbrauch dieser Grenzen nach sich zieht. Gott hat schon gesiegt und wir mit ihm! Zwar müssen wir kämpfen solange wir auf Erden verweilen, aber den Kampf haben wir mit Gott schon gewonnen, solange wir zu ihm halten. In den Ring zu steigen und zu wissen, dass man schon gewonnen hat, das finde ich eine großartige und frei machende Vorstellung. Und schließlich ist das Befreiende die Tatsache, dass wir uns nicht selbst erlösen brauchen, sondern die Liebe, die Barmherzigkeit Gottes geschenkt bekommen, wenn wir diesem Geschenk zustimmen.

Der Kirche wird häufig vorgehalten, sie habe die Menschen mit der Rede von Sünde und Strafe belastet. Wie begründet ist dieser Vorwurf aus psychiatrischer Sicht? Leben Menschen in der libertinären Gesellschaft freier?

Ich denke, dass man im Rückblick immer schlauer ist. Bestimmte Methoden der Verkündigung muss man im kulturellen und geschichtlichen Kontext sehen und verstehen. Früher war auch der Erziehungsstil in den Familien und den Schulen viel mehr von der Überzeugung geprägt, dass „Zucht und Ordnung“ zum gewünschten Erfolg führen. Mittlerweile weiß man, dass Angst und Strafe lernpsychologisch keine guten Methoden sind. Ich glaube, dass früher Angst und Strafe eingesetzt wurden nicht nur, weil man eben glaubte, dass diese wirklich wirksam seien, sondern auch weil dahinter eine ernsthafte Sorge um das Seelenheil stand. Heute sehen wir ja das Gegenteil. Sünde und die damit einhergehenden Folgen werden kaum mehr verkündet. Ich glaube, dass in libertinären Gesellschaften Freiheit mit Willkür gleichgesetzt wird. Wer nie gelernt hat, sich zurückzunehmen für das Wohl des anderen, die Vernunft entscheiden zu lassen, obwohl das Gefühl etwas anderes sagt, der ist nicht frei. Wirklich frei ist, wer sagen kann „ich kann, weil ich will, was ich muss“.

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Wie erklären Sie sich, dass dem Vernehmen nach immer mehr Menschen in unserer Zeit einen Exorzisten verlangen?

Ich habe keinen Einblick darin, ob wirklich immer mehr Menschen einen Exorzisten verlangen.  Ich könnte mir vorstellen, dass  folgende Gründe, neben weiteren Gründen, vielleicht eine Rolle dabei spielen, dass Menschen in unserer Zeit einen Exorzisten verlangen. Durch die Abnahme des Glaubens und der Glaubenspraxis und der Zunahme von nicht christlichen spirituellen Praktiken sowie okkult-magischen Praktiken nimmt das Wirken dämonischer Kräfte zu und der Schutz davor nimmt ab. Somit nehmen Phänomene wie etwa Umsessenheit  zu. Hier braucht es keinen Exorzismus, der bei den viel selteneren Besessenheitszuständen zum Zuge kommt. Bei den oben genannten leichteren Formen der dämonischen Aktivität hilft häufig eine aufrichtige Bekehrung, die Rückkehr zu einem aktiven Glaubensleben, die Inanspruchnahme der Sakramente. Und hier sehe ich den anderen Grund, weswegen Menschen sich schneller zum Exorzisten wenden. Es ist viel einfacher für sich beten zu lassen und zu hoffen, dass der andere es schon lösen wird, als sein Leben zu verändern und eine aufrichtige Umkehr mit allen Konsequenzen einzugehen.

Haben Sie Heilungen erlebt, die aus medizinischer Sicht unerklärlich sind?

Im privaten Umfeld ja. Da habe ich das Eingreifen Gottes auf die Fürsprache der Muttergottes in meinem engen Familienkreis erleben dürfen. Als Psychotherapeutin habe ich es mehr mit psychischen „Heilungen“ zu tun. Da erlebe ich es immer wieder, wie Gebete erhört werden oder auch bei Rachels Weinberg, den Einkehrtagen für Frauen nach Abtreibung. Es ist immer wieder bestärkend zu erleben, wie Gott eingreift und die anfangs geplagten und leidenden Frauen berührt und verwandelt. Das kann man äußerlich wirklich staunend beobachten. Gott ist gut. Gott ist groß!

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