Liturgie

Absage an den Liturgiestreit

An „Traditionis Custodes“  scheiden sich die Geister. Warum die Glaubensverkündigung Vorrang vor der Polemik haben sollte.
An „Traditionis Custodes“  scheiden sich die Geister
Foto: Tobias Bosina

Band der Liebe und des Friedens“ – So nennt der heilige Augustinus das Mysterium der Eucharistie. Da muss es nicht nur mit Erstaunen, sondern mit wachsender Sorge erfüllen, wenn man die Heftigkeit zur Kenntnis nimmt, mit der namentlich seit den letzten liturgischen Änderungen zwischen „Modernen“ und „Traditionalisten“ gestritten wird. Keiner der beiden Seiten kann und soll die gute Absicht abgestritten werden. Doch: sind die Folgen – und auch manche Formen dieser Polemik nicht fatal?

Der „Feind“ – eine zunehmend militant-atheistische Gesellschaft – berennt die Mauern, und Zwietracht in der Stadt öffnet ihm zudem die Tore! Seit geraumer Zeit „tobt um die Mauern“, immer mehr auch in der Stadt, „der Sturm in wilder Wut“ – so ein altes Kirchenlied. Dieser Vergleich drängt sich auf, betrachtet man die Auseinandersetzung in Publikationen, Internet und Diskussionen um die Liturgie. Eben dies lässt aber auch erkennen, wie sehr es dabei nicht nur um Ästhetik, Nostalgie etcetera, sondern um die Substanz des Glaubens geht, sind doch lex credendi und lex orandi zuinnerst miteinander verbunden. Mit der Liturgie steht der Glaube selbst auf dem Spiel.

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Frontenbildung wundert nicht

So gesehen verwundert es nicht, dass es darüber seit geraumer Zeit zu einer Frontenbildung gekommen ist, die im Gefolge des Motu proprio Benedikts XVI. Summorum pontificum nicht verhindert, sondern – betrachtet man die Konsequenzen – jüngst verschärft worden ist. Die literarischen, publizistischen Auseinandersetzungen um dieses Thema lassen nicht nur Blockbildungen erkennen, sondern auch Brüche innerhalb des sogenannten traditionalistischen Milieus. Eben diese Erfahrung macht es notwendig, die Konfliktparteien daran zu erinnern, dass das eucharistische Mysterium wahrhaftig das „Allerheiligste“ der Kirche darstellt.

Welch grotesker Gedanke darum, dass eben dieses zentrale Geheimnis zum Zankapfel geworden sei, den Satan selbst unter die Gläubigen geworfen habe. Wie deprimierend auch zu sehen, wie diese innerkirchliche Zwietracht auf die „Welt“ wirken muss, die Tertullians Worte aus dem zweiten Jahrhundert – „Seht, wie sie einander lieben“ – den Christen von heute höhnisch vorhalten kann. Da tut es dringend not, dass der Pulverdampf des innerkirchlichen Streites durch einen kraftvollen Windstoß des Heiligen Geistes vertrieben werde. Zunächst aber sei beiden „gegnerischen“ Lagern zu bedenken gegeben, dass es in erster Linie darauf ankommt, dass die heilige Messe, nach welchem legitimen Ritus auch immer, mit Andacht und Würde gemäß den liturgischen Texten und Vorschriften gefeiert werde. Wenn die heilige Messe die sakramentale Gegenwärtigsetzung des Geschehens von Abendmahlsaal und Golgota ist – der Gehorsamshingabe des Sohnes für das Heil der Welt -, dann steht jeder Ungehorsam gegenüber dem jeweiligen von der Kirche vorgegebenen Ritus im Widerspruch zum Wesen der heiligen Messe.

Der Willkür enthoben

Dies sei den Einen wie den Anderen mit Nachdruck gesagt. Als heiliges Handeln der Zeit und Welt umspannenden Kirche sind Gestalt und Wort der Liturgie jeder individuellen Willkür enthoben. Entscheidend ist es hierbei nicht so sehr, in welchem Ritus, sondern mit welcher Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt, Andacht und Würde das heilige Opfer gefeiert wird. Ist dies der Fall, erscheint es auch abwegig, exklusiv auf der je eigenen Form zu bestehen. Ergo: zunächst einmal – so, wie die Lage nun einmal beschaffen ist – ist gegenseitige Toleranz und Respekt angesagt. Alsdann ist die Rede auch von der Einheit der Gestalt der liturgischen Feier. Diese ist in der Tat notwendig. Aber worin manifestiert sie sich? Sicher erst in nachgeordneter Weise in dem rituellen Geschehen. Vergessen wir doch eines nicht: Weder Petrus und Paulus noch Titus und Timotheus haben die Feier der heiligen Messe begonnen mit „Introibo ad altare Dei“. Und: sie haben die heilige Wandlung wohl nicht mit dem im Missale Romanum Pius‘ V. oder jenem Pauls VI. zu findenden Wortlaut vollzogen. Überdies sind die „Wandlungsworte“, ja selbst die Wandlungsworte, in den drei synoptischen Evangelien nicht gleichlautend überliefert. In welcher Form sie unser Herr selbst gesprochen hat, wissen wir also nicht. Wohl aber wissen wir, was er gesagt hat. Der Rede kurzer Sinn: Das Missale Romanum ist nicht vom Himmel gefallen, wie der Koran.

Es ist Ergebnis der vom Heiligen Geist geleiteten Überlieferung der Kirche.Im Verlauf der Jahrhunderte haben sich in den verschiedenen geographischen, kulturellen Räumen jeweils eigene Riten ausgebildet, die in ihrer liturgischen Gestalt verschieden, in ihrer Substanz identisch sind. Erinnern wir uns an Vinzenz von Lerins (5. Jahrhundert), der die geschichtliche Entfaltung der Kirche – und damit auch der Liturgie – mit der Entwicklung des Kindes zum Manne vergleicht: Die Gestalt wandelt sich, die Person bleibt dieselbe.
So also auch Form und Wesen des eucharistischen Opfers. Hinzuzufügen wäre nur der Hinweis darauf, dass es darum im Lauf der Entwicklung auch Momente von Schwäche oder Stillstand geben konnte und kann. Selbst von Fehlentwicklungen wird man sprechen müssen, wenn etwa die Feier der Ostervigil von ihrem ursprünglichen Ort in der Paschanacht – aus welchen Gründen auch immer – auf den Morgen des Karsamstags, des Tages der Grabesruhe des Herrn, verlegt werden würde. Da war die Reform des Triduum Sacrum durch Pius XII. eine historische Großtat.

Wandel aber nicht Veränderung

Es gibt also einen Gestaltwandel des liturgischen Rahmengeschehens um die immer gleiche Herzmitte des Mysteriums. Da die Kirche als ein lebendiger, vom Heiligen Geist beseelter Organismus, als Corpus Christi mysticum zu verstehen ist, betrifft dies natürlich auch deren Liturgie, die wandelbare Gestalt des unwandelbaren Geheimnisses der Eucharistie. Damit ist zugleich gesagt, dass die von Menschen geschaffene liturgische Gestalt niemals dem Wesen, dem göttlichen Geheimnis, vollkommen zu entsprechen vermag. Wie wahr sind doch die Worte der Fronleichnamssequenz: „Quantum potes tantum aude quia maior omni laude – nec laudare sufficis.“ Was du kannst, das sollst du wagen, Er ist über alles Lob erhaben. Sind also nicht alle legitimen Reformen Ausdruck jenes „quantum potes…“, des Bemühens um die je würdigere Form der eucharistischen Feier? Das aber bedeutet, dass – wie Lehre und Strukturen – auch die Liturgie der Kirche jenen Prozess des Wandels vom Kind zum Erwachsenen kennt, von dem Vinzenz von Lerins spricht. „Wandel“ heißt nun aber nicht „Veränderung“, sondern Wachstum, Entfaltung des mit sich stets Identischen.

Nun aber ist ein Kapitel aufzuschlagen, das zu den unerfreulichsten der Kirchengeschichte gehört. Es ist der Streit um die Art und Weise, wie das eucharistische Mysterium zu feiern sei. So etwa fragte man: Welches Brot ist zur Feier der Eucharistie zu bereiten, ist es gesäuertes oder ungesäuertes Brot? Anfänglich scheint das kein Problem gewesen zu sein: Die Gläubigen brachten ihr „tägliches Brot“ zum Altar, woraus der Bischof die zu konsekrierenden Brote auswählte. Ob gesäuert – prozymos –, oder ungesäuert – azymos –, war offenbar unerheblich. Schließlich wurde der Gebrauch der Azymen im 6. Jahrhundert in Armenien und seit dem 9. Jahrhundert in der lateinischen Kirche üblich, ohne dass es darüber Auseinandersetzungen gegeben hätte.

Gesäuert und ungesäuert ist geeignet

Während die Byzantiner, im bewussten Unterschied zum jüdischen Brauch der Ungesäuerten Brote für das Paschamahl, für die Eucharistie gesäuertes Brot konsekrierten, folgten die anderen dem Beispiel Jesu, der „am Abend vor seinem Leiden“ ungesäuertes Brot gebrochen hat. Nun aber entzündete sich mit der zunehmenden Entfremdung zwischen der Kirche des Westens und jener von Byzanz hierüber einer der betrüblichsten und beschämendsten Konflikte der Kirchengeschichte. Es kam um die Mitte des 11. Jahrhunderts zu einem sogar gewaltsam ausgetragenen Streit, in dem die Byzantiner die mit ungesäuertem Brot gefeierte Eucharistie der Lateiner für nichtig, ja gotteslästerlich erklärten. „Lateinische“ Tabernakel wurden erbrochen und die heiligen Hostien auf dem Boden zertreten. Erst auf dem Konzil von Florenz 1439 wurde gesäuertes wie ungesäuertes Brot als gleichermaßen zur Eucharistiefeier geeignet von beiden Seiten anerkannt. Ähnliche Konflikte um den Ritus spalteten später die Russische Orthodoxie, als im 17. Jahrhundert die sogenannten „Altgläubigen“ sich liturgischen Reformen Moskaus widersetzten und ein bis heute andauerndes Schisma herbeiführten. Diese und ähnliche Vorgänge in der Vergangenheit sollten zur Lehre dienen.

Wie mag diese Lehre lauten? Zuvörderst eine Überlegung: Augustinus nennt die heilige Eucharistie „Sacramentum pietatis, signum unitatis, vinculum caritatis“. Ist es da nicht bestürzend zu erleben, wie heftig, wie leidenschaftlich und verletzend gerade um dieses „Zeichen der Einheit, und Band der Liebe“ seit Jahrzehnten ein Bruderkrieg im Inneren der Kirche geführt wird? „Hoffnungslos im längst vergangenen Gestern verhaftet“ die einen, „Verräter der heiligen Überlieferung“ die anderen – so nennen sich gegenseitig „Traditionalisten“ und „Progressisten“ und erhitzen sich die Gemüter. Wie schrieb doch einst der Apostel Paulus den zerstrittenen Galatern (5,15): „Wenn ihr aber einander beißt und fresst, dann gebt Acht, dass ihr nicht einer vom andern verschlungen werdet. Ich aber sage: Wandelt im Geist…“.

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Wenn doch die Streithähne nicht vergäßen, dass sie alle Söhne und Töchter der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche sind. Wenn es – und das sei mit Nachdruck gesagt – um Fragen liturgischer Reform geht, sollte man nie die Missbräuche des einen Ritus der Idealgestalt des anderen entgegenhalten, sondern die jeweils korrekten Formen miteinander vergleichen. Dieser Hinweis erscheint um so nötiger, als es nicht nur bei den einen, sondern auch bei den anderen ärgerliche, willkürliche Veränderungen gibt, jenen egoistischen, besserwisserischen Ungehorsam, der dem Wesen der Liturgie so sehr widerspricht.

Keine Messe aller Zeiten

So etwa verbietet es sich auch, im Namen einer „Messe aller Zeiten“ – die es nie gegeben hat – jede liturgische Weiterentwicklung zu verteufeln. Zum andern aber sei ungeduldigen Reformern gesagt, dass alles Lebendige in der Stille organisch wächst, und der Wein langer Gärung bedarf. So sind auch Gestalt und Wort der Liturgie Ergebnis vitaler Prozesse im Organismus der Kirche. Gewaltsame Eingriffe in dieses Geschehen hingegen glichen einer Operation am offenen Herzen mit all ihren Gefahren. Da gilt es doch den selbstheilenden Kräften des Corpus Christi mysticum zu vertrauen, die der in ihm wirkende Geist Gottes schenkt und lenkt.

Jede Polemik – von seriösem Gespräch über dieses Thema ist nicht die Rede – ist ein grotesker Widerspruch zum Willen des Herrn, der bei der Einsetzung der Eucharistie von der Einheit der Seinen mit Ihm und untereinander so eindringlich gesprochen hat. Es ist also endlich an der Zeit, in einem historischen Augenblick, da Unglaube, Gotteshass, platter Materialismus beinahe allüberall auf die Kirche einstürmen, anstatt um die Liturgie zu streiten die ewigen Wahrheiten des Glaubens, das Evangelium, mit vereinten Kräften zu verkünden und gut zu leben.

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