Zwischen Spiritualität und Schokolade

Vom Herbergssuchen im Kinderzimmer, Wellenbadbesuchen nach der Beichte und der Sehnsucht nach dem anderen Weihnachten. Von Tecla Neuwelt

Hier Hektik, dort Besinnlichkeit; hier Konsum, dort verdeckte oder blanke Armut; hier G8-Stress, dort die erste Erkältungswelle ... die Weihnachtszeit ist wie vielleicht keine andere Jahreszeit von Ambivalenzen gekennzeichnet, die den Alltag bestimmen.

Eine dieser Ambivalenzen betrifft den Boden, auf dem wir alle stehen, rennen, laufen, und ist damit auch besonders radikal: Einerseits ist Weihnachten jetzt überall das vorherrschende Thema, andererseits kommt man ganz gut durch diese Tage, ohne auf die Ursache des Weihnachtsfestes, den Glauben an Jesus, der gekommen ist, um uns zu erlösen, zu stoßen.

Familien sind dieser Tatsache besonders ausgesetzt, denn jedes Kind und auch wir Eltern begegnen jeden Tag den unterschiedlichsten Menschen. Die Sehnsucht nach einem „anderen“, ursprünglichen Weihnachten, nach der Erfahrung der Gegenwart Gottes hier und jetzt in unserer Umgebung – geht das? Wie geht das zusammen?

Als wir Freunden vor einigen Tagen von einer schwierigen Situation, in der unsere Tochter steckte, erzählten, bekamen wir zur Antwort: „Das passt! In unserem Adventskalender ziehen wir jeden Tag einen Zettel mit dem Namen eines Menschen, für den wir an diesem Tag besonders beten möchten. Diese Personen haben wir vor dem Adventsbeginn mit unseren Kindern ausgesucht. Eure Tochter war noch nicht dran. Vielleicht ziehen wir sie ja morgen. Und wenn nicht – wir werden auf jeden Fall für sie beten!“ Ein starkes Zeugnis in einer Zeit, in der der ursprüngliche Gebets- und Erwartungscharakter des Advents in Schokoladenströmen unterzugehen droht.

Andere Freunde haben einen Adventsweg für Josef und Maria durch das Wohnzimmer gestaltet. Jeden Tag rücken sie ein wenig mehr Richtung Krippe vor, an jedem Tag wird eine Kerze mehr angezündet. Eine andere Möglichkeit ist es, den alten süddeutschen Brauch der „Herbergssuche“ in der Familie in der Form zu leben, dass Maria und Josef und natürlich auch der Esel auf ihrem Weg nach Bethlehem jeden Sonntag im Zimmer eines anderen Familienmitglieds Aufnahme finden.

Ein starkes Zeugnis geben auch unsere Nachbarn, die einen „Gäste-Adventskalender“ im Flur hängen haben, wo der Gast ein Bonbon mit einem biblischen Spruch ziehen darf. Wir haben in diesem Jahr einen Fensterbild-Kalender mit einer Weihnachtsrosette aus Antwerpen, in der die Gestalten aus dem Stammbaum Jesu auf die Geburt des Gottessohns hinweisen, mit schönen Texten dazu, die wir jeden Tag vor der Schule gemeinsam beten.

Eine Diskussion gab es um die Plätzchen im Advent. Die elterliche Vorgabe – Plätzchen erst an Weihnachten! – wurde in diesem Jahr von unseren Jugendlichen nicht mehr kampflos akzeptiert. Herrschaftsfreier Dialog auf Augenhöhe war angeraten. Eine Zwickmühle, wollten wir unserer Tradition doch gerne treu bleiben. Nach einer mühevollen Viertelstunde hatten wir uns geeinigt – Spekulatius und Lebkuchen gerne schon im Advent, für jeden ein Plätzchen zum Probieren nach der Backaktion – und den Rest gibt's dann ab Heiligabend. Gerade noch einmal gut gegangen!

Für die Sauberkeit und Ordnung zuhause gibt es in diesem Jahr einen Plan, auch für die Mithilfe an den Feiertagen. Eine kranke Mutter macht das diesmal noch nötiger. Und für das innere Strahlen? Wir gehen im Advent auch zur Beichte. Unseren Kindern bieten wir wie jedes Jahr auch an, mitzugehen. Jesus soll sich in unseren Herzen wohlfühlen. Die Reaktionen fallen je nach Alter unterschiedlich aus. Nicht immer gehen alle. Aber die Beicht-Truppe lebt ihre Freude über die vollbrachte innere Reinigung ganz zeitgemäß im Wellenbad aus, in dem aber einen Tag vor Heiligabend nicht wirklich Betrieb herrscht. So sind Natur und Übernatur ganz organisch miteinander verbunden, so ist es katholisch mit Herz.

Den lebendigen Adventskalender, der Familien aus unserem Dorf jeden Abend zusammenführt, haben wir auch schon mitgestaltet und dabei die Gemeinschaft mit anderen Familien im Glauben unterstützt. In diesem Jahr haben wir gespürt, dass es uns besser tut, so wenig Termine wie möglich anzunehmen, im Bemühen, für uns und unsere Kinder ganz persönliche Ruhepunkte zu setzen, und wir merken, dass es die richtige Entscheidung für uns war. Überhaupt ist das Weglassen manchmal weiterführender als das Weitermachen. Singen im Stimmbruch beispielsweise ist uncool, so konzentrieren wir uns in diesem Jahr eher auf kleine Geschichten und Gebete. So wandelt sich eben die Gestalt des Festkreises in jedem Jahr, und wir versuchen, auf die momentane Lage unserer Kinder und Jugendlichen einzugehen.

Und Heiligabend? Klar, bei uns wird Weihnachten in der Krippe entschieden! In der unter dem Weihnachtsbaum und auch in der in unserem Herzen. Wie schön war es, als unsere Älteste erst zwei Jahre alt war. Sie brauchte noch keine Geschenke und freute sich über das winzige selbstgebastelte Jesuskind in den Armen von Maria und Josef, die Lichter, die Lieder und den Christbaum. Das ist jetzt anders. Aber ein ferner Glanz fällt in der Erinnerung immer wieder in unsere Herzen und wir versuchen, etwas davon lebendig zu halten.

So ist die Bescherung nach unserer kleinen Krippenfeier bei uns zunächst die Bescherung des Christkinds in der Krippe. Die Heilige Familie bekommt jedes Jahr einen Stern geschenkt, den wir aus einem würzigen Brotteig gebacken und liebevoll verziert haben.

Sinnbild von Geborgenheit und Gemeinschaft, aber auch Vor-Verweis auf die Eucharistie und die Erlösung. Klar, dass wir dieses besondere Brot im Anschluss selbst verzehren – dankbar für Gottes Geschenk, das Kind in der Krippe.

Dann ist auch schon bald Silvester. Es ist uns ein Anliegen, das vergangene Jahr gemeinsam vor Gott zu bringen und ihm das neue Jahr anzuvertrauen. Eine ruhige Stunde nach Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, dass wir uns zusammensetzen, in der Mitte eine Kerze und ein Kreis mit Kärtchen mit den Monatsnamen darauf. Jeder bringt Erinnerungsstücke an das, was das Jahr gebracht hat, legt sie zum passenden Monat und erzählt, warum diese Ereignisse für ihn wichtig waren.

Da liegen dann zum Schluss einträchtig nebeneinander: Geburts- und Todesanzeigen, Abschlusszeugnisse, Kuscheltiere, E-Mails, Fahrkarten, Hochzeitseinladungen, Fotos, getrocknete Blumen, ein abgelegter Gipsverband, ein Abschlussballkleid, Kletterschuhe ... das ganze bunte Leben, das wir dann miteinander in Dank und Bitte, Lachen und Weinen vor Gott bringen. Ein kleines privates Ritual, das uns in den vergangenen Jahren sehr ans Herz gewachsen ist. Vielleicht, weil es uns auch zeigt, dass wir Gott jeden Tag mitten im Alltag begegnen können und dass der Glaube uns trägt.

Die Familie als Ort, an dem das „Jahr des Glaubens“ konkret wird, als Ort, an dem Kinder und Jugendliche den Glauben sinnenhaft erleben können – eine Berufung, die uns herausfordert und wachsen lässt.

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