Zwischen Nation und Weltkirche

Sie sind die größte Konfession der USA und sehen sich noch immer vielen Vorurteilen ausgesetzt: Amerikas Katholiken

Als die puritanischen „pilgrim fathers“ 1620 mit der „Mayflower“ nach der Neuen Welt übersetzten, brachten sie vieles mit, was die Vereinigten Staaten von Amerika geprägt hat: neben ihrem christlich-protestantischen Glauben auch die Abneigung, ja den Hass auf das Katholische. Der richtete sich zunächst gegen die Kolonisten des katholischen Marylands, fand dann in den irischen Einwanderern, die seit den 1830er Jahren infolge der großen Hungersnot ihrer grünen Insel in einer Völkerwanderung entflohen, ein geeignetes Opfer. 1834 brannte ein fanatisierter Mob den Konvent der Ursulinerinnen in der Nähe von Boston in Massachusetts nieder. Die Ehelosigkeit der Nonnen weckte die Fantasien von Schriftstellern, so dass Romane entstanden, die man als „Pornografie für Puritaner bezeichnet“ hat. Mit dem zahlenmäßigen Erstarken der Katholiken und ihrem wachsenden politischen Einfluss beruhigte sich die Situation dann zunehmend. Während des Ersten Weltkrieges konnten die Katholiken, an deren Patriotismus man infolge ihrer Loyalität dem römischen Papst gegenüber – der bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein großes Stück Mittelitaliens beherrscht hatte – zweifelte, ihre amerikanische Gesinnung durch Tapferkeit und Opfer unter Beweis stellen. Und heute, einen katholischen Präsidenten und Millionen katholischer Einwanderer später?

Die relativistische Entschärfung des katholischen Problems

Wenn man der in New York ansässigen konservativen Bürgerrechtsvereinigung „Catholic League“ Glauben schenken darf (siehe DT vom 20.9.2008), ist der Anti-Katholizismus noch immer das letzte akzeptierte Vorurteil in der US-amerikanischen Gesellschaft. Ein Urteil, dem sich John Andreas Fuchs von der Katholischen Universität Eichstätt so nicht uneingeschränkt anschließen will. Auf der Tagung „Die Kultur des Katholizismus in den Vereinigten Staaten“ trug der Amerikanist und Historiker Ende vergangener Woche seine Untersuchungen zur Wahrnehmung von Katholiken im amerikanischen Fernsehen vor. „Meiner Meinung nach schlägt die Catholic League zu oft und zu leichtfertig Alarm: Ja, es gibt Anti-Katholizismus im Fernsehen. Aber die Catholic League kritisiert auch TV-Shows, die ein eher positives Bild vom Katholizismus zeichnen.“ Als Beispiel führte er die Serie „Bones“ an. So liebe und hasse Hollywood den Katholizismus gleichermaßen, so Fuchs. Einerseits schätze es das liturgische Gepräge mit seinem hohen Wiedererkennungswert. Andererseits lehne es katholische Positionen zur Moral ab. Eine Art Mittelweg stellt die relativistische Entschärfung des katholischen Problems etwa durch die populäre Serie „The West Wing“ dar. Der bekannte Schauspieler und Katholik Martin Sheen spielt darin den katholischen US-Präsidenten Josiah Bartlet. Obschon gläubig, muss er als Politiker immer wieder Kompromisse eingehen. Fuchs dazu: „Es scheint, dass das, was Kennedy beweisen musste, dass es möglich sei, gleichzeitig ein loyaler Amerikaner und ein guter Katholik zu sein, noch immer des Beweises bedarf.“ Als Beispiel führte er einen Dialog zwischen dem Präsidenten und seinem Mitarbeiter Toby Ziegler an. Toby: „Ich war durch Ihren Katholizismus eingeschüchtert.“ Der Präsident: „Wirklich?“ Toby: „Ja.“ Der Präsident: „Es ist mein Katholizismus, Toby. Er taugt für mich.“ Die Strategie der Serie ist klar: Durch Individualisierung sollen dem Katholizismus seine Spitzen genommen und er in den amerikanischen Mainstream eingebettet werden.

Noch immer also müssen Amerikas Katholiken ihre patriotische Gesinnung unter Beweis stellen. Eine Art intellektuellen Loyalitätsnachweis von rechts stellen dabei die Theorien des katholischen Theologen und im Januar verstorbenen Priesters Richard John Neuhaus dar. Das „Time Magazine“ kürte Neuhaus, der amerikanischen Evangelikalen nahestand und Präsident George W. Bush beriet, 2005 zu einem der 25 einflussreichsten amerikanischen Evangelikalen. Sein theologisches Wirken zielte darauf ab, Amerikas Sonderstellung in der Welt als Vermittlerin von Freiheit und Demokratie theologisch zu begründen. Der amerikanische Historiker Raymond Haberski vom Marian College in Indianapolis sah ihn in seinem Vortrag in der Nachfolge anderer prominenter politischer Theologen der USA. So habe er in Reinhold Niebuhr ein intellektuelles wie theologisches Vorbild gefunden, der sich nicht scheute, mit christlicher Ethik die westliche Zivilisation gegen das „Böse“ zu verteidigen. Von dem katholischen Theologen John Courtney Murray habe er gelernt, im Naturrecht die Grundlage einer amerikanischen politischen Philosophie zu sehen. Martin Luther King schließlich habe ihn gelehrt, wie man ein patriotischer Revolutionär sein könne.

„Über das amerikanische Experiment theologisch nachzudenken, impliziert in keiner Weise die Annahme, dass Amerikaner insofern besonders seien, als sie einen höheren Platz in Gottes Plänen einnehmen würden“, so Neuhaus. Er sieht in Amerika aber einen weltgeschichtlich überaus relevanten Faktor. „Das Königreich Dänemark ist, insofern wir das messen können, nicht so folgenreich für die menschliche Geschichte als, zum Guten wie zum Schlechten, die Vereinigten Staaten.“

Quer zum amerikanischen Mainstream

Hiervon ausgehend sah er im Christentum die entscheidende Quelle der amerikanischen Zivilreligion, aus der sich Amerikas Sendungsbewusstsein unmittelbar speise. Während der großen inneramerikanischen Debatten um den Vietnamkrieg sagte Neuhaus 1976: „Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts brauchen wir keine christlichen Marxisten, wir brauchen einen christlichen Marx.“ Nicht zuletzt aufgrund solcher Sätze sei Neuhaus zum Liebling der Neokonservativen aufgestiegen, so Haberski. „Das ist die Art von forschem, ideologischem Material, aus dem Bewegungen sind.“

Insgesamt hat die Eichstätter Tagung gezeigt: Amerikas Katholiken nehmen noch immer eine Sonderstellung in den Vereinigten Staaten ein. Zwar sind sie längst nicht mehr der Art von Diskriminierungen ausgesetzt, die sie bis weit ins 20. Jahrhundert zu ertragen hatten. Aber noch immer stehen sie vor allem durch ihre moralischen Positionen quer zum amerikanischen Mainstream.

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