Zurück zu den Zielen der Konzilsväter

„Summorum pontificum“ und das liturgische Erbe Benedikts XVI. – Gedanken zur Reform der Reform der Liturgiereform. Von Robert Spaemann
Foto: dpa | Mut zur klaren Perspektive im Haus Gottes: Die Architektur der Kathedrale in Rio de Janeiro lenkt den Blick der Besuchers auf das Kreuz. Eine Weichenstellung, auch für die Feier der Liturgie.
Foto: dpa | Mut zur klaren Perspektive im Haus Gottes: Die Architektur der Kathedrale in Rio de Janeiro lenkt den Blick der Besuchers auf das Kreuz. Eine Weichenstellung, auch für die Feier der Liturgie.

Papst Benedikt XVI. hat in seinem Motu proprio „Summorum pontificum“ erklärt, die alte römische Liturgie und der Novus Ordo missae seien zwei legitime Varianten ein und desselben römischen Ritus. Diese Erklärung ist nicht einfach eine Tatsachenfeststellung, sondern sie enthält ein dezisionistisches Moment. Johannes Paul II., der der „Alten Messe“ persönlich weit weniger verbunden war als Papst Benedikt XVI., hatte es, wie mir scheint, anders gesehen, wenn er in einer Ansprache vor den Mönchen der Abtei in Le Barroux erklärte, der Konzilstext über die Rechte aller katholischen Riten und über die Ehrfurcht, die die Kirche ihnen schuldet, beziehe sich auch auf den alten lateinischen Ritus. Und tatsächlich ist es ja so: Phänotypisch ist der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen Sonntagsmesse in der alten und einer in der neuen Form weit größer als der Unterschied zwischen der alten römischen Liturgie und beispielsweise dem alten Ritus der Dominikaner oder dem Ambrosianischen Ritus in Mailand, die doch immer als eigene Riten anerkannt waren.

Warum soll es sich in diesem Fall anders verhalten? Deshalb, weil eigenständige Riten Lebensformen eigenständiger hierarchisch verfasster Ritengemeinschaften sind. Da Benedikt XVI. entschieden hat, die Feier der alten Messe ohne bischöfliche Genehmigung jedem römisch-katholischen Priester zu erlauben, und jeder römisch-katholischen Gruppe einen Anspruch auf eine regelmäßige Messfeier in der „außerordentlichen Form“ zuzuerkennen, bedeutet das, dass diese Gläubigen keine eigene Ritengemeinschaft bilden, was nicht ausschließt, dass sie (analog zu anderen geistlichen Gemeinschaften) aus einer spezifischen Spiritualität leben.

Im Übrigen aber hat die Erklärung Benedikts XVI. eine normative Seite. Alte und neue Messe sollen ein Ritus bleiben. Das aber heißt, dass die phänotypische Erscheinung der „neuen Messe“ sich von der der alten nicht so weit entfernen darf, dass die Identität des Ritus unsichtbar wird und nur noch gegen den Augenschein verbal versichert werden kann. Da dieser Zustand aber bereits seit langem eingetreten ist, bedarf es einer Reform der Reform, wie sie Kardinal Ratzinger wiederholt gefordert hatte. Diese Reform wäre zugleich eine Rückkehr zu den Intentionen des Konzils. Keine Neuerung dürfe stattfinden, so dekretierte das Konzil, die nicht durch einen mit Sicherheit zu erwartenden spirituellen Nutzen gerechtfertigt sei.

Es gibt einige solcher Neuerungen wie zum Beispiel die Kommunion unter beiderlei Gestalten. Es gibt aber viele andere, bei denen ein solcher geistlicher Nutzen beim bestem Willen nicht zu sehen ist. Ich möchte im Folgenden die Idee einer Reform der Reform durch einige Beispiele beziehungsweise Vorschläge konkretisieren.

„Dem

wiederkommenden Herrn

entgegen“

Von der Umkehrung der Zelebrationsrichtung des Priesters ist in den Konzilstexten nirgendwo die Rede. Im Gegenteil, es heißt in der Liturgiekonstitution, dass der Priester „an der Spitze der Gemeinde des wandernden Gottesvolkes“ „in persona Christi“ dem Vater gegenübertritt. In-zwischen tritt in der neuen Messe fast überall der Priester der Gemeinde gegenüber. Früher, so sagt man abfällig, wandte der Priester der Gemeinde den Rücken zu. Diese Redeweise offenbart ein tiefes Missverständnis. Sie entspringt einer bis dahin unbekannten Priesterzentriertheit. In einer großen Kirche wenden die Gläubigen all denen, die hinter ihnen stehen, den Rücken zu. Und bei einer Prozession kann es gar nicht anders sein. Aber „den Rücken zuwenden“ ist ja nur eine verquere und absurde Weise auszudrücken, dass wir alle, der Priester inbegriffen, in die gleiche Richtung schauen: „Obviam Christo“, dem wiederkommenden Herrn entgegen. Es ist überhaupt die Frage, wieso wir unbedingt dem Priester ins Gesicht sehen müssen. Und die Gebete, die der Priester spricht, werden gewiss nicht dadurch inständiger, dass der Priester währenddessen den Gläubigen ins Gesicht schaut. Wo man aber die Änderung der Gebetsrichtung des Priesters nicht unmittelbar rückgängig machen will oder kann, da sollte wenigstens überall einer Forderung Benedikts XVI. Genüge getan werden und auf dem Altar ein nicht zu kleines Kreuz stehen als gemeinsames Zentrum der Blickrichtung von Priester und Gläubigen. Und der Corpus sollte dabei dem Priester zugewandt sein. Es muss alles vermieden werden, was den Eindruck erweckt, die Gebete, die der Priester formuliert, seien eine pädagogische Veranstaltung. Es müsse darauf ankommen, die Gläubigen zum Beten zu bringen. Die sicherste Weise, die Gläubigen zum Beten zu bringen, ist, dass der Priester wirklich betet, während er die kirchlichen Gebete spricht.

Der Bußritus: Dass der Bußritus sich nicht mehr nur zwischen Priester und Ministrant abspielt, ist zweifellos eine Errungenschaft des neuen Ritus, die nicht wieder preisgegeben werden sollte. Eine Änderung allerdings drängt sich auf: Im Unterschied zur alten wird in der neuen Liturgie das Confiteor nicht mehr erst vom Priester, dann von der Gemeinde, sondern nur einmal von beiden gemeinsam gesprochen. Dabei ergibt sich eine tiefe Sinnwidrigkeit. Am Ende des Confiteor sprechen nämlich alle Gläubigen zusammen mit dem Priester: „Ich bitte alle Engel und Heiligen und Euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.“ In dem Augenblick, wo ich dies spreche, suche ich allerdings vergeblich nach einem Adressaten meiner Bitte. Es ist nämlich niemand da, der dieser Bitte zuhört und ihr entsprechen kann, weil nämlich die Brüder und Schwestern ihrerseits gerade damit beschäftigt sind, mich zu bitten, für sie zu beten bei Gott unserm Herrn. Ich kann aber ihre Bitte auch nicht anhören, weil ich gleichzeitig dieselbe Bitte an sie richte. Das heißt, die ganze Bitte geht ins Leere. Irgendjemand muss schweigen, um diese Bitte anhören und erfüllen zu können. Um dieses ganze Gebet überhaupt mitvollziehbar zu machen, muss zurückgegangen werden auf ein zweimaliges Confiteor: Zunächst bittet der Priester die Gemeinde, für ihn zu beten, und dann die Gemeinde den Priester. Nur so wird das Confiteor wieder ernsthaft und psychologisch mitvollziehbar. Und wenn als erster der Priester der Gemeinde in der Muttersprache seine Sünden bekennt, wäre es etwas jedes Mal tief Ergreifendes.

Kyrie: Wünschenswert wäre eine Rückkehr vom sechsmaligen zum neunmaligen Kyrie. Erstens kehrt damit der Novus ordo missae zurück in den gemeinsamen Usus aller katholischen Riten, zweitens aber wird damit dem gregorianischen Gesang Rechnung getragen. In vielen der gregorianischen Messen unterscheidet sich das neunte Kyrie von den anderen. Vor allem aber in den vielen mehrstimmigen Messen der großen Komponisten muss das Kyrie neunmal gesungen werden.

Glaubensbekenntnis: Das Nizänische Glaubensbekenntnis ist das deutlichste Bindeglied zwischen der katholischen Kirche, den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften der Welt, von den orthodoxen Kirchen des Ostens zur anglikanischen Kirche und zu den meisten evangelischen Christen unseres Landes. Der novus ordo missae kennt nach wie vor das „Große Credo“. Aber es ist nicht mehr obligatorisch. Es darf an seiner Stelle auch das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen werden.

Tatsache ist nun leider, dass das Nizänische Credo in Deutschland aus den katholischen Sonntagsmessen zugunsten des kürzeren Apostolicum, das bisher immer nur das Taufbekenntnis war, fast vollständig verschwunden ist. Warum? Der Grund kann kein „pastoraler“ sein. Jeder Katholik, der früher sonntags die Messe besuchte, konnte dieses Glaubensbekenntnis noch zuverlässiger auswendig als das apostolische. Und was die Zeitersparnis betrifft: Die wenigen Minuten sollten wirklich keine Rolle spielen. Die Neueinführung der Fürbitten stattdessen zeigt, dass dies der Grund nicht sein kann.

Tatsächlich aber ist das große Credo seit über tausend Jahren niemals wichtiger gewesen als heute, niemals aktueller. Die Leugnung der Gottheit Christi ist bereits tief in die theologischen Fakultäten unseres Landes eingedrungen. Im großen Credo aber heißt es von Jesus: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch ihn ist alles geschaffen.“ Deutlicher kann die Ablehnung des Arianismus nicht ausfallen, der sich heute sogar unter Christen schleichend breitmacht. Andererseits steht das große Credo nach wie vor in den liturgischen Büchern. Die deutschsprachigen Bischöfe müssen dafür Sorge tragen, dass Schluss ist mit der Fernhaltung dieses wundervollen Bekenntnisses. Nur dann bleibt auch die These von der wesentlichen Einheit der beiden Ritusformen mehr als ein leeres Postulat.

„Eine solide

Grundlage für

ökumenische

Fortschritte“

Ich selbst habe Papst Benedikt darum gebeten, dafür zu sorgen, dass das Nizänum nicht gänzlich verdrängt wird. Seine Antwort war: „Das ist zu wenig. Das nizänische Glaubensbekenntnis muss wieder das einzige reguläre Credo der Sonntagsmesse sein, auch in Deutschland.“ Eventuelle diesbezügliche Fragen von Gläubigen wären eine willkommene Gelegenheit, die Glaubensverkündigung bezüglich der Gottheit Christi zu vertiefen und den neuen Arianismus beim Namen zu nennen. Außerdem wäre das Festhalten am großen Credo eine solide Grundlage für ökumenische Fortschritte.

Und es soll doch niemand sagen, das große Credo könnten im Unterschied zum Apostolischen die Menschen nicht auswendig. In meiner Jugend konnte es jeder sonntägliche Messbesucher auswendig, jedenfalls auf Deutsch, aber meistens auch auf Lateinisch. Es ist ihm „von oben“ abgewöhnt worden und kann durch regelmäßige sonntägliche Übung ebenso schnell wieder angewöhnt werden.

„Et incarnatus est“: Welcher große geistliche Nutzen sich daraus ergeben soll, dass bei dem „Et incarnatus est“ nicht mehr niedergekniet wird, außer an Weihnachten und am Fest Mariä Verkündigung, das hat mir noch niemand erklären können. Was das Mysterium der Menschwerdung Gottes bedeutet, wird durch nichts so augenfällig gemacht wie durch das Niederfallen der ganzen Gemeinde bei diesen Worten. Im apostolischen Glaubensbekenntnis ist allerdings dafür kaum Zeit. „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ ist so kurz, dass für das Niederknien kaum Zeit bleibt. Darum unterbleibt es meistens einfach.

Hochgebet: Neben dem tausendjährigen römischen Hochgebet enthält der Novus Ordo drei weitere zur Auswahl. Die Folge war, dass ausgerechnet das erste – das sogenannte römische Hochgebet – fast ganz außer Gebrauch kam. Dabei ist des gerade dieses Hochgebet, das die Einheit der beiden Ritusformen zum Ausdruck bringt. Darüber hinaus ist dieser Kanon in vieler Hinsicht kostbar. Er stellt das Opfer auf Golgatha in seinen Zusammenhang mit den großen Opfern der Menschheit, mit Abel, Abraham und Melchisedek, er memoriert die Schar der Apostel und Märtyrer, indem er 29 namentlich nennt. Er leitet die Wandlungsworte damit ein, dass er spricht von den „heiligen und ehrwürdigen Händen“, in die Jesus das Brot und den Kelch nahm. Man muss diese Details im Zusammenhang sehen um zu begreifen, dass dieses Hochgebet wieder zur Regel werden sollte und die anderen bestimmten Gelegenheiten oder bestimmten Tagen vorbehalten bleiben.

In gesungenen Ämtern sollte es obligatorisch sein, von der Möglichkeit im Novus Ordo Gebrauch zu machen, das Hochgebet zu singen, so wie es auch in der Ostkirche geschieht. Die Ostkirche hat überdies die Ikonostase, die das heilige Geschehen sich unsichtbar vollziehen lässt. Der alte lateinische Messritus hat stattdessen die Stille, in der sich alles vollzieht. Aber auch der Gesang dieses Gebetes entzieht es auf erfahrbare Weise der Profanität. Er entzieht es auch der Willkür des jeweiligen Priesters, der die Wandlungsworte entweder durch Verzicht auf jede Hervorhebung nivellieren oder aber durch betont feierliches Sprechen herausheben kann. Aber auch das Letztere hat einen zu subjektiven Charakter. Der Gesang ist die natürlichste Weise der Abhebung.

Der Friedensgruß: Die neue Liturgie hat den Friedensgruß nach dem Wort des Priesters „Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch“ wieder eingeführt. Er war jahrhundertelang reduziert auf den Austausch einer angedeuteten Umarmung zwischen Priestern und Leviten im feierlichen Hochamt. In Klöstern war auch die Mönchsgemeinde einbezogen. Dass der Gruß nun wieder auf die ganze Gemeinde ausgedehnt wurde, könnte als wirklicher geistlicher Gewinn betrachtet werden, was für das Konzil Kriterium jeder legitimen Neuerung im Novus ordo sein sollte. Leider ist das bisher nicht der Fall, könnte es aber leicht werden, wenn die liturgischen Normen eingehalten und insbesondere die unter Papst Johannes Paul II. in Erinnerung gerufenen Gebote und Verbote endlich berücksichtigt würden.

In der Instructio Redemptionis Sacramentum heißt es: „Es ist angebracht, dass jeder in schlichter Weise nur seinen Nachbarn den Friedensgruß gibt. Der Priester kann den Friedensgruß den Dienern geben, bleibt aber immer innerhalb des Presbyteriums, um die Feier nicht zu stören.“

Man muss sich zunächst klarmachen, was die liturgische Geste bedeutet. Die Bedeutung wird nämlich schon verschleiert durch die Übersetzung der Aufforderung des Priesters: „Date vobis pacem“, das übersetzt wird mit „Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung“ statt schlicht „Gebt euch den Frieden“. Der Friede, den Christus gibt – nicht wie die Welt ihn gibt –, ist nicht bloß ein Zeichen. Er ist eine reale Gabe. Er – Christus – ist unser Friede, sagt der heilige Paulus. So lässt Jesus die zweiundsiebzig ausgesandten Jünger jedem Haus den Frieden ansagen: „Friede sei mit diesem Haus“, und dann fährt Jesus fort: „Wenn darin ein Kind des Friedens ist, wird euer Friede“ – nicht der ,Friede, den ihr ihm wünscht‘ – „auf ihm ruhen bleiben. Wenn nicht, dann kehrt er zu euch zurück.“

Die Gabe des Friedens während der heiligen Messe geht vom Altar aus. Nachdem das „Gib uns den Frieden“ gesungen ist, küsst der Priester den Altar – das Symbol Christi – und gibt nun den Frieden, der vom Altar kommt, weiter. Und wer ihn von dort empfangen hat, gibt ihn wieder den Nachbarn weiter und so fort. Es ist ähnlich wie mit dem Osterlicht, das an der Osterkerze entzündet und dann von den Gläubigen weitergegeben wird. Nur was man empfangen hat, kann man weitergeben. Das päpstliche Dokument tadelt es als Unsitte, sowohl dass der Priester selbst den Altar verlässt, statt dass zwei Gläubige zu ihm kommen, als auch dass an die Stelle dieser Weitergabe der Geste des Friedens ein ausgreifendes gegenseitiges Händeschütteln getreten ist, wobei sich einige Virtuosen hervortun, andere sich eher zurückhalten, weil sie dieses Herausfallen aus dem liturgisch-rituellen Rahmen in die Bürgerlichkeit eher peinlich finden. Der Papst verlangt, dass jeder Gläubige einmal den Gruß entgegennimmt und einmal weitergibt.

Von Versöhnung ist übrigens im lateinischen Originaltext der Messe gar nicht die Rede. Versöhnung muss schon zu Beginn der Messe stattfinden. Vielleicht ist auch gar niemand in derselben Messe, mit dem ich mich versöhnen müsste, und wenn doch, dann ist es extrem unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet neben mir in der Kirchenbank steht. „Gebt euch den Frie-den“ ist die einzige zugleich wörtliche und sinngemäße Übersetzung.

Der geäußerte Wunsch, den Friedensgruß an den Anfang der Messe zu stellen, ist dann berechtigt, wenn er wie zurzeit ein solches profanes bürgerliches Ritual ist. Statt aus dem liturgischen Geschehen herauszufallen, würde er vor dem Eintritt stattfinden. Wenn er aber den römischen Vorgaben folgend in angemessener Form geschieht, dann könnte die Neuerung leicht in die Feier auch des außerordentlichen Ritus übernommen werden, aus der sie ja stammt, und wo sie in Klosterge-meinschaften nie verschwunden war.

Lateinische Sprache: Die Sprache der römischen Liturgie ist die lateinische, wie das Zweite Vatikanum ausdrücklich erklärt. Das Konzil erlaubt auch die Einführung der Volkssprache in Teile der Messe, gedacht war damals an den Wortgottesdienst. Es würde der von Papst Benedikt erklärten Identität des römischen Ritus in zwei Formen dienen, wenn auch in der neuen Messe eine Rückkehr zu der Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils stattfände.

Dass das Lateinische einer „Actuosa participatio“ der Gläubigen im Wege stünde, ist eine Behauptung, die durch häufige Wiederholung nicht wahrer wird. Das Konzil selbst hat erklärt, wie diese Actuosa participatio zu verstehen ist, nämlich vor allem so, dass die Gläubigen „die ihnen zukommenden Teile“ der Messe mitsprechen und in der gregorianischen Weise mitsingen können.

Der gregorianische Gesang ist der Gesang der römischen Kirche und sollte es auch in der neuen Liturgie sein. Wer, wie ich, als Kind und als Jugendlicher die Heilige Messe mitgefeiert hat, sei es in der Stadt Köln oder irgendwo auf dem Dorf im Münsterland, der kann nur den Kopf schütteln über eine solche Behauptung. Die ganze Kirche sang, die Kinder sangen, vor allem die achte Messe, aber keineswegs immer nur diese. Die Actuosa participatio ist inzwischen auf ein viel bescheideneres Niveau abgesunken, als sie es damals war. Niemand kann sagen, die Leute hätten damals nicht gewusst, was sie singen. Es geht heute einfach darum, die Anordnung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu erfüllen. Bis heute sind sie nur in den Gottesdiensten des außerordentlichen Ritus erfüllt.

Kommunion: Das Konzil verlangt, dass der Priester die Kommunion erst austeilt, nachdem er selbst sie vom Altar – ex hax altaris participatione – empfangen hat. Es ist die Unsitte eingerissen, dass der Priester erst austeilt – zumindest den Altardienern –, ehe er selbst kommuniziert hat. Hinter dieser Praxis steht die verbreitete Vorstellung des Priesters als Gastgeber, der höflicherweise erst den Gästen zu essen gibt, ehe er selbst Leib und Blut des Herrn empfängt. Auch der Priester ist erst Empfänger, ehe er Geber ist. Die Bescheidenheit, erst zu geben und erst dann zu nehmen, ist in Wirklichkeit Anmaßung.

Schließlich: Die Kommunion der Gläubigen. Die neuere Theologie betont besonders den Gemeinschaftscharakter der Messe, der bei der Kommunion am klarsten zum Ausdruck kommen sollte. Leider wird er in den Kirchen des Westens ausgerechnet beim Kommunionempfang verundeutlicht. Man ist als Kommunionempfänger genötigt, sich gerade in diesem Augenblick spirituell zu „outen“ als Sympathisant der Mundkommunion oder der Handkommunion, womit sich vielerlei Assoziationen verbinden. Das darf kein Dauerzustand sein. Die Glaubenskongregation hat auf Anfrage vor einiger Zeit erklärt, dass die Handkommunion auf einem „Indult“ beruht, während die Mundkommunion nach wie vor die „Normalform“ des Kommunionempfangs ist. Paul VI. noch hatte, dem Votum des Weltepiskopats entsprechend, der Handkommunion eine Absage erteilt. Es wird deshalb nicht möglich sein, die Einheitlichkeit der Form durch Verbot der Mundkommunion zu verwirklichen. Was folgt daraus? Ich sehe keine andere Möglichkeit, als die Mundkommunion wieder zur Normalform des Kommunionempfangs zu machen.

Natürlich bedarf es einer behutsamen Aufklärung der Gläubigen durch die Bischöfe. Übrigens wäre die zwangloseste Form der Vereinheitlichung die Kelchkommunion durch Eintauchen der Hostie. Allerdings hat die Kirche es untersagt, dass der Gläubige die Hostie selbst eintaucht. Er muss sie aus der Hand des Kommunionausteilers, also in der Regel des Priesters, empfangen. Es ist notwendig, dass die Texte der heiligen Messe, insbesondere die Texte des Ordinariums, vollständig gesprochen werden. Es geht deshalb nicht an, dass deutsche Credo-Lieder die liturgischen Texte einfach verdrängen.

In der „alten Messe“ ist das dadurch sichergestellt, dass ungeachtet des Gesanges der Gläubigen der Priester Gloria und Credo still vollständig spricht. Das ist keine gute Lösung. Viele Priester des alten Ritus halten offenbar ihre Rezitation von Gloria und Credo für das „Eigentliche“; wenn sie ihr Credo gesprochen haben, setzen sie sich auf die Sedilien und hören dem Gesang der Gläubigen zu. Es gibt sogar Messen im alten Ritus, bei denen sich die Gläubigen gleichzeitig mit dem Priester hinsetzen und im Sitzen weitersingen. Das ist absurd. Aber man muss die Ursache dieses Missbrauchs sehen. Wenn die Gläubigen nicht Gloria und Credo singen, sondern nur Paraphrasen, dann ist es sinnvoll, wenn wenigstens der Priester die vollständigen Texte spricht. Die Abhilfe muss hier ansetzen.

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