„Wir brauchen Widerstand, der stützt“

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz spricht beim Jahrgedächtnis für Kardinal Höffner. Von Matthias Bürgel

Köln (DT) Er war ein Mann weitsichtiger Urteile: Bereits im Jahre 1980 beklagte der vor 25 Jahren verstorbene Kölner Erzbischof, Joseph Kardinal Höffner, die „lautlose Abwanderung zahlreicher Katholiken“, den „Kollaps des Gewissens“ und die „Unkenntnis der sittlichen Gottesordnung – nicht nur im geschlechtlichen Bereich“. Beim Jahrgedächtnis der Joseph-Höffner-Gesellschaft und des Diözesanrates der Katholiken zog Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Leiterin des Europäischen Institutes für Philosophie und Religion an der Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien, die Linien von Kardinal Höffners Beobachtungen zum „Jahr des Glaubens“ und den Zeichen der Zeit aus. Gerl-Falkovitz legte dar, auf welche zeitbedingten Widerstände der christliche Glaube in einer säkularisierten Gesellschaft trifft und welche positiven Erscheinungen dazu ermutigen, das vom Heiligen Vater ausgerufene „Jahr des Glaubens“ tatkräftig anzugehen.

Dabei wies sie auf die spezifische Situation Europas als dem einzigen Kontinent, in dem der christliche Glaube stagniere, hin. Viele, durchaus noch präsente, Forderungen des Christentums würden in ein diffuses „Humanitäres“ ausgelagert. Dass das Adjektiv „human“ in der entsprechenden Verwendung auch dazu diene, Embryonenauslese oder Euthanasie zu rechtfertigen beweise aber, dass diese Humanität mit christlichen Wurzeln „nicht nur an den Rändern, sondern auch in der Mitte aufgefressen“ werde.

Dennoch, so Gerl-Falkovitz, sei die Bevölkerung weithin nicht unreligiös – vielmehr beträfe das Defizit gerade den Glauben. Die weit verbreitete Hinwendung zur Esoterik, zu Schamanen, zur Magie, aber auch zum Satanismus bekundeten ein unbestimmtes pantheistisches Gefühl, „dass es da irgendwas gibt“. Da müsse ein Glaube wie der des Papstes Widerspruch hervorrufen. Die Frage habe dementsprechend zu lauten, wie die vernunftbasierte christliche Religiosität kontrapunktisch dagegen halten könne.

Gerl-Falkovitz zeigte dafür drei analysierbare Erscheinungsformen dieser diffusen Präsenz des Religiösen heutzutage auf: soziologisch in der Geldwirtschaft mit ihren „Erneuerung“ verheißenden materiellen Versprechungen, psychologisch, in der Suche nach Bedürfnisbefriedigung bei der Beantwortung aller Lebensfragen und kommunikationswissenschaftlich, wie sie die von der medialen Götzenwelt kreierten Heilsbringer verkörperten. Ihnen allen sei gemein, das Religiöse zu funktionalisieren; es solle „munden“. Symptomatisch stünde etwa der Titel eines hochpreisigen Seminars „Wellness der Seele“ – in dem das Christentum mit keinem einzigen Wort erwähnt werde.

Mit einem Zitat John Henry Newmans, „Es steigen sehr viele Geister aus der Tiefe aus... frage sie nach den Malen der Nägel!“ veranschaulichte die Referentin die Notwendigkeit, den Glauben von diffusen Arten von Religiosität zu unterscheiden. Zwar sei der Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung im Schönen, in Kultur und Bildung nicht illegitim, aber er dürfe eben nicht zu einer Degradierung des Glaubens führen: Als Dienstleister für die eigenen Wünsche sage er nichts über den lebendigen Gott aus.

Dies manifestiere sich etwa deutlich in den erwähnten bioethischen Fragen. Nicht zuletzt aufgrund der gezielten Besetzung von Ethik-Kommissionen mit glaubensfernen Mehrheiten sei der Weg für Christen von der staatstragenden zur staatskritischen Gruppierung somit vorgezeichnet. Der „Glaube an den unvermarktbaren Gott“ werde so zum Gegenpol zu einer von Machtinszenierungen, spätmoderner Beliebigkeit und Entgrenzungen geprägten Religiosität.

Als unsere Zeit besonders prägendes „Zeichen“ stellte Gerl-Falkovitz das Phänomen der „Entstaltung“ heraus: „Die Zeit entstaltet, was unbestreitbar war, auch den eigenen Körper und das eigene Geschlecht.“ Sie zielte damit insbesondere auf die sich aggressiv ausbreitende Genderideologie mit ihrer gezielten Sprengung der Unterscheidung zwischen Mann und Frau zugunsten eines „gefühlten Geschlechtes“ ab. Im Rahmen einer allgemeinen Dekonstruktion von Identität verspräche Gender dem sich nicht mehr als geschaffen, sondern als sich selbst produzierend empfindenden Menschen eine Freiheit, die ein Durchbrechen aller Grenzen bedeute.

Umso froher waren die Zuhörer im Maternushaus, im Anschluss auch von „hellen“ Zeichen zu hören: Gerl-Falkovitz erwähnte zunächst die Weltjugendtage. Eindeutig sei erkennbar, dass die Veranstaltungen keinen Selbstzweck darstellten, sondern die Anbetung im Zentrum stünde. Dass diese dann von jungen Menschen in ihren Heimatpfarreien durch entsprechende Initiativen fortgeführt werde, sei Ausdruck eines alles andere als von oben verordnet stattfindenden Aufbruchs.

Zudem sei ebenso eine intellektuelle Schärfung feststellbar, in der von philosophischer Seite aus Inhalte mit christlichen Anknüpfungspunkten offenbar würden. Gerl-Falkovitz führte an dieser Stelle zunächst die feministische Psychoanalystin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva an, die das leibliche Dasein, und im Falle der Frau damit auch das Muttersein, explizit „als Vorgabe, der man sich nicht entziehen kann und darf“ beschreibe. Es folgte ein Einblick in das späte Denken des agnostischen jüdischen Philosophen Jacques Derrida, der am Ende des so gewalttätigen 20. Jahrhundert eine „Verzeihung des Unverzeihlichen“ für denkbar gehalten und auf die Notwendigkeit der „Möglichkeit einer unendlichen Huld“ für den Fortbestand der Kultur hingewiesen habe, sowie in das Jürgen Habermas', welcher ebenfalls das Erfordernis, Gerechtigkeitsvorstellung nicht auf das Diesseits zu beschränken, erkannt habe.

Gerade diese Erinnerungen aus den „Vorhöfen“, so Gerl-Falkovitz in Anspielung auf den von Benedikt XVI. beim Interreligiösen Treffen in Assisi 2011 initiierten Dialog mit Nicht-Gläubigen, zeige Christen, wovon sie zu sprechen hätten: „Das bedeutet Aufklärung heute: vernünftig daran zu arbeiten, dass dieses Diesseits uns nicht befriedigt. Wir brauchen jenen Widerstand, der stützt, der über unsere Möglichkeiten hinausgeht.“

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