Heidelberg

Winfried Schwab: "Ohne Mut kann man nichts bewegen"

Winfried Schwab hatte als Abt große Ziele für seine kleine Abtei Stift Neuburg. Doch mit seines Plänen machte er sich nicht nur Freunde. Im September 2018 wurde Schwab schließlich abgesetzt. Nun spricht der „Himmelsstürmer“ Schwab über den Absturz der Heidelberger Abtei und seine Hoffnung auf einen neuen Aufstieg. Von Kilian Martin
Winfried Schwab

Der gebürtige Fuldaer Winfried Schwab wird Ende 2015 zum neuen Abt der Heidelberger Abtei Stift Neuburg gewählt und tritt sein Amt im darauffolgenden Frühjahr an. Zuvor gehörte der Benediktiner dem österreichischen Stift Admont an. Nach einem langwierigen Rechtsstreit mit den früheren Pächtern der klostereigenen Land- und Gastwirtschaftsbetriebe stößt Schwab umfangreiche Planungen für eine Bewirtschaftung in Eigenregie an. Zudem soll auf dem Gelände des Klosters ein Studentenwohnheim entstehen. Anfang 2018 wird zur Umsetzung dieser Pläne die Stift Neuburg Ökonomie GmbH gegründet.

Im Zuge der Neuorganisation der wirtschaftlichen Belange treten massive Verwaltungsfehler aus früheren Jahren zutage, unter anderem hat die Abtei jahrelang Steuern in insgesamt sechsstelliger Höhe nicht abgeführt. Etwa zur gleichen Zeit kommt im Zuge einer Visitation der Abtei durch die Beuroner Kongregation Kritik an Schwabs Plänen und seiner Amtsführung auf. Die Visitatoren kritisieren unter anderem die Höhe der veranschlagten Summen für die diversen Maßnahmen. Im August wird gegen den Willen des Abtes die Geschäftsführung der GmbH entlassen. Im September wird Abt Winfried Schwab selbst durch Abtpräses der Kongregation von Beuron, Albert Schmidt, seines Amtes enthoben. Gegen diese Entscheidung läuft ein Widerspruchsverfahren beim Vatikan. Für die Kloster-GmbH wurde mittlerweile ein Insolvenzverfahren eröffnet.

Abt Winfried, Ende Januar hat der Vatikan Ihre Absetzung als Abt von Stift Neuburg bestätigt. Gegen diese Entscheidung haben Sie erneut Widerspruch eingelegt. Warum möchten Sie zurück ins Stift Neuburg?

Gegen die Entscheidung der Religiosenkongregation habe ich erneut Widerspruch eingelegt, und ich werde das Verfahren notfalls bis in die letzte Instanz durchfechten, einfach um die Sache endgültig zu klären. Ich bin nach Heidelberg gegangen, weil ich gewisse Vorstellungen hatte. An diesen hat sich nichts geändert. Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass wir als Benediktiner dort einzigartige Möglichkeiten haben. Unser Konzept ist tragfähig. Ich stehe immer zur Verfügung, daran weiterzuarbeiten.

Einer Ihrer Mitbrüder aus Heidelberg hat gesagt, sie hätten nach Ihrer Abtswahl im Jahr 2016 die Stimmung binnen kurzer Zeit ins Positive gewendet. Trauen Sie sich das noch einmal zu?

Ich bin der festen Überzeugung, dass das nach wie vor möglich ist. Wir machen das ja nicht für uns und um uns selber zu beweihräuchern. Die Aufgabe des Klosters ist ein Dienst an der Welt und in der Welt. Wenn wir gemeinsam anpacken, glaube ich sehr wohl, dass die Stimmung sich wieder drehen kann.

Welche Zukunft sehen Sie ansonsten für die Abtei?

Die Frage wird sein, ob man jemanden findet, der bereit ist, die Leitung des Klosters zu übernehmen und ein Konzept zu entwickeln, wie Nachwuchs gefunden werden kann. Das weiß ich nicht. Es war ja schon nach der Amtszeit meines Vorgängers schwierig, einen Nachfolger zu finden, sonst hätte man nicht auf mich als Mitglied der Österreichischen Kongregation zurückgreifen müssen.

Stimmt es, dass von Beginn an Vorbehalte gegen Ihre Wahl bestanden?

Ja, die hat es gegeben, aber nicht seitens des Konvents. Man muss sehen, dass wir das einzige Männerkloster der Beuroner Kongregation in einer Großstadt sind, noch dazu mit der Spitzenuniversität Heidelberg in fußläufiger Entfernung. Das Kloster ist schon allein von seiner Lage und den Möglichkeiten eine Ausnahme. Meine Vorstellungen, was man darauf aufbauen könnte, bedurften aber eines mutigen Veränderungswillens aller.

Wie sieht dieses Konzept aus?

Aus meiner Sicht geht es darum, die Regel des heiligen Benedikt möglichst treu zu leben, Allerdings konnte Benedikt die Herausforderungen und Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts noch nicht voraussehen. Er schreibt zum Beispiel nichts über konkrete Aufgaben wie die Akademiker- und Künstlerseelsorge oder den Bau von Studentenwohnheimen. Die Beuroner Kongregation betont sehr stark das spirituelle Leben und vor allem die Gastfreundschaft. Die habe ich wohl weiter gefasst, als es andere verstanden haben.

Stimmt es, dass Sie ursprünglich gar nicht als Abt hätten gewählt werden sollen?

Man wollte damals, dass ich nur für drei Jahre zum Administrator gewählt werde. Das hat der Konvent aber abgelehnt. Wenn man in einer so schwierigen Situation nicht den Mut hat, einen Abt zu wählen, dann werden Außenstehende sich bestimmt denken: Die trauen sich ja selber die Zukunft nicht mehr zu, warum sollten wir dort eintreten?

Ihre Pläne für die Abtei wurden dann relativ bald massiv kritisiert, sie seien völlig überzogen. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, das kann ich nicht und es war auch erst gegen Ende meiner Amtszeit der Fall. Erstens habe ich immer transparent erklärt, worum es mir geht. Und zweitens waren die Benediktiner schon immer gut darin, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Ich nenne nur meinen Namenspatron, den heiligen Winfried Bonifatius: Von einem Missionsauftrag steht in der Benediktsregel nichts und trotzdem wäre die Missionsgeschichte Germaniens ohne Benediktiner wie ihn nicht denkbar.

Für einen relativ kleinen Konvent von elf Mönchen hatten Sie aber tatsächlich sehr viel vor. Die Dimensionen Ihrer Pläne erscheinen von außen recht groß.

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass unser Konzept der Akademikerseelsorge ja nicht wirklich neu ist. Bereits der von mir hochverehrte Gründerabt Adalbert Graf Neipperg war eine feste Größe im akademischen Diskurs. Unter seinem Nachfolger Albert Ohlmeyer bestand die Möglichkeit für Studenten, im Stift Neuburg zu wohnen. Bis heute kommen Akademiker zu Besuch, die sich gerne an die damaligen Zeiten erinnern. Heute hat allein die Universität Heidelberg über 30 000 Studenten. Da scheint mir die Idee eines Colleges mit 20 Wohnheimplätzen nicht übertrieben groß zu sein.. Zudem hatten wir schon sehr konkrete Interessensbekundungen von Bedarf an mehreren Zimmern von universitätsnahen Institutionen.

Welche Pläne hatten Sie für die Zukunft des Konvents?

In den letzten 30 Jahren ist in Heidelberg nur ein Bruder eingetreten, der dann auch geblieben ist. Das hieß für mich: So, wie es bisher lief, mag es für die Mönche gut und richtig gewesen sein, aber dem Kloster hat es keine Zukunftsperspektiven gebracht. Meines Erachtens ist auch eine spirituelle Erneuerung notwendig. Deshalb habe ich als Marienverehrer unter anderem die sogenannte Dreizehner-Wallfahrt eingeführt, also an jedem 13. eines Monats ein Rosenkranzgebet mit Prozession und Heiliger Messe. Das ist sehr gut angenommen worden. Wir hatten in letzter Zeit bereits konkrete Anfragen von Interessenten, die sich das Kloster wegen eines möglichen Eintritts angeschaut hatten. Ein Kandidat war sogar bereits eingezogen, hat aber in Folge der Streitigkeiten wieder Abstand genommen. Es gab also einen Silberstreif am Horizont.

Sie wurden in Heidelberg als ein „Himmelsstürmer“ bezeichnet. War dieser Titel ein wenig hoch gegriffen, wenn Sie jetzt nur noch von einem Silberstreif sprechen?

Dieser Titel galt nicht mir. Ich habe mich mit meinen Mitbrüdern auf den Weg gemacht und uns als Gemeinschaft von Himmelsstürmern bezeichnet. Wir wollten gemeinsam etwas Gutes erreichen. Wenn man keine Visionen hat und nicht den Mut, auch etwas anzupacken, das vielleicht scheitern könnte, wird man nie etwas bewegen können.

Wie haben Ihre Mitbrüder auf Ihre Pläne reagiert?

In Neuburg wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Ich habe aber auch festgestellt, dass manche Mitbrüder ihre Schwierigkeiten hatten, sich gedanklich auf einen Wandel einzulassen. Manche, die Jahrzehnte im Kloster leben, konnten den neuen Weg vielleicht einfach nicht mitgehen.

Haben die betreffenden Mönche den Wandel verhindern wollen?

Nein, aktive Widerstände hat es nicht gegeben. Die sind erst im Zuge meiner Absetzung aufgekommen. Wir haben lange Zeit harmonisch zusammengelebt.

Gilt das auch für den damaligen Prior, der heute als Administrator der Abtei fungiert?

Ja, ich habe auch mit ihm vertrauensvoll zusammengearbeitet. Er war als Prior mein Stellvertreter und ich habe alles mit ihm besprochen.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsleiter, der jetzt auch die Geschäftsführung der Kloster-GmbH übernommen hat?

Er ist schon lange in Neuburg gewesen, als ich dort hinkam. Ich denke, er hatte Schwierigkeiten, sich auf die neue Situation einzustellen.

Im vergangenen Jahr haben Sie die Verwaltung im Zuge der Gründung der neuen Stift Neuburg Ökonomie GmbH neu gestaltet. Dabei sind Verwaltungsfehler zutage getreten, unter anderem Steuerschulden in sechsstelliger Höhe. Hat diese Erkenntnis etwas an der Zusammenarbeit mit den genannten Personen geändert?

Wir haben einen externen Steuerberater beauftragt, unsere wirtschaftlichen Tätigkeiten zu überprüfen. Es stimmt, dass dabei diverse Unregelmäßigkeiten aufgetaucht sind. Die Abtei ist nach wie vor dabei, diese in Kooperation mit dem Finanzamt aufzuklären, weshalb ich dazu nicht mehr sagen kann.

Sie wurden im September als Abt nicht etwa wegen dieser Unregelmäßigkeiten abgesetzt, sondern weil Sie im Zuge einer ordentlichen Visitation Anordnungen der Kongregation übergangen haben sollen. Wie lief das aus Ihrer Perspektive ab?

Solange eine Visitation nicht abgeschlossen ist, haben Visitatoren die Möglichkeit, Eingriffe in die Klosterleitung vorzunehmen. Gegen die inhaltlichen Vorwürfe, die zur Begründung meiner Absetzung herangezogen worden sind, habe ich beim Vatikan allerdings Widerspruch eingelegt.

Vorwürfe gegen Ihre Entscheidungen kommen auch von Mitgliedern des Konvents, zum Beispiel vom damaligen Prior.

Dazu kann ich nur sagen, dass ich mit dem Prior alle Entscheidungen vorher besprochen habe.

Haben Sie den Konvent in die wirtschaftlichen Pläne ausreichend einbezogen?

Ich habe als Abt einen Rechtsstreit mit den früheren Pächtern unserer Betriebe übernommen. Im Rahmen dieses unerquicklichen, aber für uns letztlich erfolgreichen Rechtsstreits hat sich sehr früh herauskristallisiert, dass wir die wirtschaftlichen Betriebe in Eigenregie weiterführen wollen. Und in diesem Sinne haben wir Mitarbeiter eingestellt und gehandelt, was auch jeder wusste. Deswegen kann ich den Vorwurf nicht nachvollziehen, Mitbrüder hätten nicht Bescheid gewusst.

An welchem Punkt ist diese Entwicklung aus dem Ruder gelaufen?

Darauf habe ich selber keine Antwort. Ich vermute, das Ganze ist gekippt, als die wirtschaftlichen Unregelmäßigkeiten aus der Vergangenheit bekannt geworden sind.

Mit welcher Begründung wurde dann im August die Geschäftsführung der neu gegründeten Kloster-GmbH entlassen?

Das weiß ich nicht. Das wurde mir im Krankenstand mitgeteilt. Ich habe dann den Prior aufgefordert, die Kündigungen zurückzunehmen.

Hat er auf Ihre Anweisung reagiert?

Nein, es ist bei der Entlassung geblieben.

Mittlerweile stehen die Wirtschaftsbetriebe der Abtei vor der Insolvenz. Können Sie diese Entwicklung nachvollziehen?

Nein, das wäre aus meiner Sicht nicht nötig gewesen. Wir haben ein Konzept für die GmbH vorgelegt, dass ich nach wie vor für tragfähig halte. Das sieht auch der Insolvenzverwalter so.

Es gab allerdings auch Warnungen, dass es die Altersversorgung der Mönche gefährden könnte.

Das stimmt einfach nicht. Wir haben das Ganze von einem externen Steuerberater prüfen lassen und der hat uns bestätigt, dass es damit keine Probleme gegeben hätte.

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Wenn Sie mit den Augen eines unbeteiligten Katholiken auf die Situation im Stift Neuburg blicken würden, was würden Sie sagen?

Schade, dass es derartige Streitigkeiten gibt. Das sollte, ganz im Sinne von Papst Franziskus, sauber aufgeklärt und abgeschlossen werden. Klöster sind so wichtig für die Gesellschaft, dass es schade wäre, wenn ein Kloster aufgrund wirtschaftlicher Fragen oder interner Streitereien untergeht.

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