Wider heutige Denkverbote

Der Kongress Freude am Glauben Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit in den Blick. Von Clemens Schlip
Marianischer Glanz in Ingolstadt: Das Gnadenbild der Dreimal Wunderbaren im Liebfrauenmünster
Foto: IN | Marianischer Glanz in Ingolstadt: Das Gnadenbild der Dreimal Wunderbaren im Liebfrauenmünster zog die Kongressbesucher an.

Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit – diese Themen spielten eine große Rolle beim diesjährigen Kongress „Freude am Glauben“ des „Forums Deutscher Katholiken“ im Stadttheater Ingolstadt.

Der frühere sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Werner Münch beklagte in einem Vortrag unter Rückgriff auf Orwells Dystopie „1984“ die seiner Ansicht nach unter dem Banner der „Political Correctness“ zunehmend vorangetriebenen Sprech- und Denkverbote und die damit einhergehende Erosion der im Grundgesetz niedergelegten Freiheits- und Grundrechte. Der immer wieder aufbrausende Applaus machte deutlich, dass Münchs Ablehnung des „Gender-Mainstreaming“, der „Fridays for Future“, der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin und der Organspende-Agenda des derzeitigen Bundesgesundheitsministers im Saal weithin geteilt wurde. Unzufriedenheit mit der derzeitigen Christdemokratie artikulierte sich auch in dem Beifall, den der Moderator des Hauptprogramms, Roger Zörb, anschließend für seine Bekanntmachung erhielt, nach 35 Jahren Mitgliedschaft die CDU verlassen zu haben. Münchs Thesen prägten auch eine von ihm verfasste Resolution, die das Plenum der Kongressteilnehmer mit großer Mehrheit verabschiedete.

Josef Kraus, langjähriger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, vertiefte in seinem von zahlreichen Beifallsbekundungen unterbrochenen Vortrag die schon bei Münch angeklungene Kritik an einer seiner Ansicht nach unausgewogenen Berichterstattung vieler deutscher Medien und übte in diesem Zusammenhang unter anderem Kritik an der Rolle der Bertelsmann Stiftung.

Aus einem anderen Blickwinkel widmete sich den Medien Stefan Meetschen, Feuilletonredakteur dieser Zeitung. Er beleuchtete in einem engagierten und humorvollen Vortrag Chancen und Risiken der Neuen Medien gerade im kirchlichen Kontext. Als Gefahren benannte er vor allem den Rückzug in digitale Filterblasen von Gleichgesinnten, übertriebene Lagerbildung und ein stereotypes Freund-Feind-Denken, Phänomene, vor denen auch konservative Christen nicht gefeit seien.

Abseits der Tagespolitik beschäftigte sich eine von „Tagespost“-Redakteurin Regina Einig moderierte Podiumsdiskussion aus christlicher Perspektive mit den derzeitigen Umwälzungen in der Arbeitswelt. Podiumsteilnehmer Ulrich Bösl, Vorsitzender einer Christlichen Gewerkschaft, forderte, die katholische Soziallehre auch innerkirchlich wieder bekannter machen. Im Gespräch zwischen ihm und dem Kölner Unternehmer Rüdiger Freiherr von Stengel sowie dem christlichen Sozialethiker André Habisch (Eichstätt) wurde an den maßgeblichen katholischen Beitrag zur Ausgestaltung der deutschen Arbeits- und Sozialpolitik erinnert. Als schützenswerte deutsche Besonderheiten hoben die Diskutanten unter anderem die Bedeutung nachhaltigkeitsorientierter Mittelständler und die duale Ausbildung hervor. Einigkeit bestand auf dem Podium darin, dass christliche Unternehmer, die ihren Mitarbeitern mit Respekt und Wertschätzung begegnen, gerade dadurch unter den heutigen Bedingungen gegenüber ihrer Konkurrenz im Vorteil seien.

„Tagespost“-Autor Jürgen Liminski stellte in einem mit großer Zustimmung aufgenommenen und mit vielen wissenschaftlichen und statistischen Daten unterfütterten Vortrag den besonderen Wert von Ehe und Familie heraus.

Den Eröffnungsgottesdienst hielt der später von Forums-Sprecher Hubert Gindert als „Stimme aus Regensburg“ gewürdigte Bischof Rudolf Voderholzer im Liebfrauenmünster. Er erinnerte an Ingolstadts Vergangenheit als universitäres Zentrum der katholischen Reform. Aus dem Evangelium von der Verkündigung an Maria heraus entwickelte Voderholzer die Grundlinien einer „Theologie der Frau“ und verteidigte die „Zuordnung des Weihesakramentes zum männlichen Geschlecht“. In diesem Zusammenhang kritisierte der Bischof auch die „Gender-Ideologie“ und lobte das neue Schreiben „Als Mann und Frau schuf er sie“ der vatikanischen Bildungskongregation. Wer den Gesprächen der Besucher nach dem Gottesdienst lauschte, merkte, dass Voderholzer bei ihnen mit seiner Predigt offensichtlich einen Nerv getroffen hatte. Ortsbischof Gregor Maria Hanke (Eichstätt) sprach zu den Teilnehmern im Abschlussgottesdienst ebenfalls im Liebfrauenmünster. Im Mittelpunkt seiner Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag standen der Gedanke, dass der dreieinige Gott Beziehung sei, die verwandelnde Kraft der Christusbegegnung und das Bild der Kirche als „communio“. Daneben war der deutsche Episkopat auf dem Kongress auch durch den ehemaligen Augsburger Bischof Walter Mixa vertreten.

Das liturgische Rahmenprogramm brachte nicht nur in den beiden musikalisch anspruchsvoll begleiteten Pontifikalämtern die im Kongressnamen beschworene „Freude am Glauben“ sinnfällig zum Ausdruck. Die Petrusbruderschaft zelebrierte in der trotz früher Morgenstunde überfüllten Moritzkirche ein levitiertes Amt in der außerordentlichen Form des römischen Ritus. Ein weiterer geistlicher Höhepunkt war die abendliche Prozession durch die Ingolstädter Innenstadt mit vier herausragenden Kirchenbauten als Stationen, darunter auch in der Asamkirche „Maria vom Sieg“.

Der Kongress fand in einer von zwischenmenschlicher Sympathie geprägten, geradezu familiären Atmosphäre statt. Ingolstadt erlebten die traditionell in Fulda versammelten Kongressteilnehmer als gastfreundlich und angenehm. Die Besucher unterhielten sich angeregt oder frequentierten die thematisch breit gefächerten zahlreichen Infostände katholischer Medien, Verlage und geistlicher Gemeinschaften. In den Pausen zwischen den Veranstaltungen prägten die Teilnehmer das Stadtbild, nicht zuletzt die zahlreichen erkennbar gekleideten Priester und Ordensschwestern. Man merkte dem Kongress an, dass viele Teilnehmer sich offensichtlich schon von früheren Gelegenheiten her kannten. Dass die Teilnehmer überwiegend der älteren Generation angehörten kam in Josef Kraus' humorvoller Bemerkung zum Ausdruck, die meisten Anwesenden gehörten sicher nicht zu den „Digital Natives“.

Weitere Artikel
Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan
Rezension
Müssen Christen Pazifisten sein? Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung
Friedensidealismus liegt im Trend. Diesen sollte die Kirche herausfordern, findet der Autor Christoph Rohde. Er entwirft in seinem neuen Buch eine christliche Gegenposition zum Pazifismus.
26.07.2021, 15  Uhr
Elmar Nass
Themen & Autoren
Bertelsmann AG Bertelsmann Stiftung Bischöfe Bundesgesundheitsminister Bundeskanzler der BRD CDU Gewerkschaften Josef Kraus Katholikinnen und Katholiken Katholische Soziallehre Katholizismus Lehrerverbände Ministerpräsidenten Redakteurinnen und Redakteure Walter Mixa Werner Münch

Kirche