„Wer durch die Hölle ging, kann zum Propheten werden“

Der Besuch der Haftanstalt Cereso Nr. 3 in Ciudad Juárez im Norden Mexikos am 17. Februar 2016
APTOPIX Mexico Pope
Foto: dpa | „Ihr habt die Kraft des Schmerzes und der Sünde kennen gelernt...“. Ein Gefangener überreicht dem Papst ein in der Haftanstalt gefertigtes Kreuz.
APTOPIX Mexico Pope
Foto: dpa | „Ihr habt die Kraft des Schmerzes und der Sünde kennen gelernt...“. Ein Gefangener überreicht dem Papst ein in der Haftanstalt gefertigtes Kreuz.

Improvisierte Worte des Heiligen Vaters in der Gefängniskapelle:

Guten Tag!

Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit, und ich danke Ihnen für all das Gute, das Sie hier tun. Tausend Arten, Gutes zu tun, das man nicht sieht...

Sie begegnen hier viel Schwachheit und Gebrechlichkeit. Darum wollte ich dieses Bild des Schwächsten und Zerbrechlichsten mitbringen. Der Kristall ist am empfindlichsten; er zerbricht sofort. Und Christus am Kreuz ist die äußerste Zerbrechlichkeit der Menschheit; mit dieser Zerbrechlichkeit aber rettet er uns, hilft er uns, lässt uns vorangehen, öffnet die Türen der Hoffnung.

Ich wünsche mir, dass jeder und jede Einzelne von Ihnen dank dem Segen der Jungfrau [Maria] und der Betrachtung der Zerbrechlichkeit in Christus, der zur Sünde wurde (vgl. 2 Kor 5,21) und in den Tod ging, um uns zu retten, fähig sei, Samenkörner der Hoffnung und der Auferstehung auszusäen.

(Gegrüßet seist du Maria und Apostolischer Segen)

Unsere Liebe Frau von Guadalupe – (Bitte für uns)

Heiliger Maximilian Kolbe – (Bitte für uns)

Und vergessen Sie nicht, für mich zu beten!

Ansprache des Heiligen Vaters an die Häftlinge:

Liebe Brüder und Schwestern,

mein Besuch in Mexiko geht zu Ende, und ich wollte nicht abreisen, ohne zu euch zu kommen, ohne mit euch das Jubiläum der Barmherzigkeit zu feiern.

Ich danke von Herzen für die Worte, die ihr zur Begrüßung an mich gerichtet habt und in denen ihr viele Hoffnungen und Bestrebungen wie auch viele Leiden, Ängste und Fragen zum Ausdruck bringt.

Bei der Reise in Afrika konnte ich in der Stadt Bangui die erste Pforte der Barmherzigkeit für die ganze Welt öffnen – die erste dieses Jubiläums, denn die allererste Pforte der Barmherzigkeit öffnete Gott, unser Vater, mit seinem Sohn Jesus. Heute möchte ich bei euch und mit euch einmal mehr das Vertrauen bekräftigen, zu dem Jesus uns veranlasst: die Barmherzigkeit, die alle in jedem Winkel der Erde umfasst. Es gibt keinen Ort, zu dem seine Barmherzigkeit nicht gelangen könnte, keinen Ort und keinen Menschen, den sie nicht berühren könnte.

Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern bedeutet, an den Weg zu erinnern, den wir dringend einschlagen müssen, um die Teufelskreise der Gewalt und der Kriminalität zu durchbrechen. Wir haben schon mehrere Jahrzehnte verloren, weil wir dachten und glaubten, dass sich alles durch Isolierung, Abschiebung, Inhaftierung löst. Und so haben wir die Probleme abgeschüttelt in der Meinung, diese Mittel seien eine wirkliche Abhilfe. Wir haben vergessen, uns auf das zu konzentrieren, was eigentlich unsere wahre Sorge sein muss: Das Leben der Menschen; ihr Leben, das ihrer Familien und das von denen, die ebenfalls aufgrund dieses Kreislaufs der Gewalt gelitten haben.

Die göttliche Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass die Gefängnisse ein Anzeichen für den Zustand unserer Gesellschaft sind, dass sie in vielen Fällen ein Anzeichen für ein Schweigen und für Unterlassungen sind, die eine Wegwerfkultur hervorgebracht haben. Dass sie ein Anzeichen sind für eine Kultur, die aufgehört hat, auf das Leben zu setzen; für eine Gesellschaft, die ihre Söhne und Töchter Schritt für Schritt verlassen hat.

Die Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass die Wiedereingliederung nicht hier zwischen diesen Wänden beginnt, sondern dass sie vorher beginnt, „draußen“, auf den Straßen der Stadt. Die Wiedereingliederung oder Rehabilitierung beginnt, indem man ein System schafft, das man als ein System sozialer Gesundheit bezeichnen könnte, das heißt eine Gesellschaft, die versucht, die Beziehungen in den Stadtvierteln, in den Schulen, auf den Plätzen, auf den Straßen, in den Familien, im gesamten gesellschaftlichen Spektrum nicht durch Ansteckung krank zu machen. Ein System sozialer Gesundheit, das sich bemüht, eine Kultur hervorzubringen, die handelt und versucht, jenen Situationen, jenen Wegen vorzubeugen, die am Ende das soziale Gefüge verletzen und verderben.

Manchmal könnte es scheinen, als seien die Gefängnisse mehr darauf bedacht, die Menschen außerstande zu setzen, weiter Straftaten zu begehen, als darauf, die Prozesse der Wiedereingliederung zu fördern, die gestatten, die sozialen, psychologischen und familiären Probleme zu berücksichtigen, die einen Menschen zu einem bestimmten Verhalten geführt haben. Das Problem der Sicherheit erledigt sich nicht allein durch Inhaftierung, sondern es ist ein Aufruf zum Eingreifen, indem man die strukturellen und kulturellen Ursachen der Unsicherheit bekämpft, die das gesamte soziale Gefüge schädigen.

Die Sorge Jesu, sich um die Hungrigen, die Dürstenden, die Obdachlosen und die Gefangenen zu kümmern (vgl. Mt 25,34–50) sollte das tiefe Gefühl der Barmherzigkeit des Vaters ausdrücken. Und diese Barmherzigkeit wird zu einem moralischen Imperativ für die gesamte Gesellschaft, die die Voraussetzungen erfüllen möchte, die für ein besseres Zusammenleben notwendig sind. In der Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre Armen, ihre Kranken und ihre Gefangenen einzubeziehen, liegt die Möglichkeit, dass diese ihre Wunden heilen und ein gutes Zusammenleben aufbauen können. Die gesellschaftliche Wiedereingliederung beginnt damit, dass alle unsere Kinder in die Schulen aufgenommen und ihre Familien in würdige Arbeiten eingeführt werden; dass öffentliche Zonen für Freizeit und Erholung sowie Einrichtungen der Bürgerbeteiligung geschaffen werden, dass Gesundheitsdienste und Zugang zu den wichtigsten Serviceleistungen gewährt werden, um nur einige Mittel zu nennen. Hier beginnt jeder Prozess der Wiedereingliederung.

Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern, bedeutet zu lernen, nicht der Vergangenheit, dem Gestern verhaftet zu bleiben. Es bedeutet zu lernen, der Zukunft, dem Morgen die Tür zu öffnen; zu glauben, dass die Dinge sich ändern können. Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern bedeutet, euch aufzufordern, das Haupt zu erheben und dafür zu arbeiten, diesen ersehnten Raum der Freiheit zu gewinnen. Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern bedeutet, diesen so gut formulierten und mit so viel Kraft ausgesprochenen Satz zu wiederholen, den wir gerade gehört haben: „Als man mir das Urteil verkündete, hat jemand zu mir gesagt: Frage dich nicht, warum du hier bist, sondern wozu.“ Und dieses „Wozu“ möge uns voranbringen, dieses „Wozu“ lasse uns die Hindernisse dieser gesellschaftlichen Illusion überspringen, die glaubt, Sicherheit und Ordnung sei allein durch Inhaftierung zu erreichen.

Wir wissen, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann, wir wissen, dass das Geschehene geschehen bleibt. Doch ich wollte mit euch das Jubiläum der Barmherzigkeit feiern, damit deutlich wird, dass dies nicht heißen will, dass es keine Möglichkeit gibt, eine neue Geschichte zu schreiben, eine neue Geschichte von jetzt an: „wozu“! Ihr leidet schmerzlich darunter, gefallen zu sein – würden wir doch alle schmerzlich unter unserem verborgenen und zugedeckten Gefallensein leiden! –, ihr bereut eure Taten, und ich weiß, dass ihr in vielen Fällen – im Rahmen starker Bedingtheiten – versucht, aus der Einsamkeit heraus einen neuen Anfang zu machen. Ihr habt die Kraft des Schmerzes und der Sünde kennen gelernt; vergesst nicht, dass euch auch die Kraft der Auferstehung zur Verfügung steht, die Kraft der göttlichen Barmherzigkeit, die alles neu macht. Jetzt kommt vielleicht der härteste, der schwierigste Teil auf euch zu, doch damit es der sei, der am meisten Frucht bringt, ringt von hier drinnen aus, um die Situationen umzukehren, die weitere Ausschließung erzeugen. Sprecht mit euren Lieben, erzählt ihnen eure Erfahrung, helft, den Teufelskreis der Gewalt und der Ausschließung zu stoppen! Wer den Schmerz bis zum Äußersten erlitten und – wir könnten sagen – „die Hölle durchgemacht“ hat, kann ein Prophet in der Gesellschaft werden. Arbeitet dafür, dass diese Gesellschaft, die Menschen gebraucht und wegwirft, nicht weiter Opfer fordert!

Und indem ich euch das sage, erinnere ich mich an jene Worte Jesu: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein“ (Joh 8,7), und ich müsste fortgehen. Wenn ich euch diese Dinge sage, dann tue ich das nicht gleichsam von Katheder aus und mit erhobenem Zeigefinger, sondern ich tue es aus der Erfahrung meiner eigenen Verwundungen, von Fehlern und Sünden, die der Herr hat vergeben und umerziehen wollen. Ich tue es aus dem Bewusstsein, dass ich ohne seine Gnade und meine Wachsamkeit sie erneut begehen könnte. Brüder, immer wenn ich in ein Gefängnis komme, frage ich mich: „Warum sie und nicht ich?“ Und das ist ein Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit. Doch diese göttliche Barmherzigkeit feiern wir heute alle und blicken voll Hoffnung in die Zukunft.

Ich möchte auch das Personal ermutigen, das hier und in anderen ähnlichen Zentren arbeitet: die Leiter, die Beamten der Gefängnispolizei und alle, die irgendeine Art von Service in diesem Zentrum leisten. Und ich danke für den Einsatz der Seelsorger, der geweihten Personen und der Laien, die sich der Aufgabe widmen, die Hoffnung des Evangeliums der Barmherzigkeit in der Haftanstalt aufrechtzuerhalten – für den Einsatz der Hirten und aller, die kommen, um das Wort Gottes zu verkünden. Vergessen Sie nicht, dass Sie alle Zeichen des erbarmungsvollen Herzens des himmlischen Vaters sein können. Wir brauchen uns gegenseitig, um vorwärtszukommen.

Bevor ich euch den Segen gebe, hätte ich gerne, dass wir schweigend beten, alle zusammen. Jeder weiß, was er dem Herrn sagen will, jeder weiß, wofür er um Vergebung bitten muss. Doch ich bitte euch auch, in diesem Gebet des Schweigens das Herz weit zu machen, um der Gesellschaft zu vergeben, dass sie nicht imstande war, uns zu helfen, und dass sie uns oft in unsere Verfehlungen hineingedrängt hat. Möge jeder Gott aus tiefstem Herzen bitten, uns zu helfen, an seine Barmherzigkeit zu glauben. Beten wir in der Stille.

Und öffnen wir unser Herz, um den Segen des Herrn zu empfangen.

Der Herr segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht über euch leuchten und sei euch gnädig. Er wende euch sein Angesicht zu und schenke euch Frieden. Amen.

Und ich bitte euch, nicht zu vergessen, für mich zu beten.

© Copyright - Libreria Editrice Vaticana

Themen & Autoren

Kirche