Wer betet, pflegt Freundschaft mit Gott

Der Papst eröffnet eine Katechesereihe über die Kirchenlehrer – Generalaudienz am 2. Februar 2010
Foto: Archiv | Theresia von Ávila, dargestellt von Peter Paul Rubens.
Foto: Archiv | Theresia von Ávila, dargestellt von Peter Paul Rubens.

Liebe Brüder und Schwestern!

Im Laufe der Katechesen, die ich den Kirchenvätern sowie den großen Theologen und bedeutenden Frauen des Mittelalters widmen wollte, bin ich immer wieder auch auf einige Heilige eingegangen, die aufgrund ihrer herausragenden Lehre zu Kirchenlehrern proklamiert worden sind. Heute möchte ich eine kurze Reihe von Begegnungen eröffnen, bei denen die Vorstellung der Kirchenlehrer vervollständigt werden soll. Dabei fange ich mit einer Heiligen an, die einen der Höhepunkte christlicher Spiritualität aller Zeiten darstellt: der heiligen Theresia von Ávila oder Theresia von Jesus.

Sie wird 1515 in Ávila in Spanien unter dem Namen Theresia de Ahumada geboren. In ihrer Autobiografie erwähnt sie selbst einige Episoden aus ihrer Kindheit und schreibt, dass sie von „tugendhaften und gottesfürchtigen Eltern“ in einer kinderreichen Familie – mit neun Brüdern und drei Schwestern – geboren wurde. Als Mädchen im Alter von weniger als neun Jahren hat sie die Gelegenheit, die Lebensbeschreibungen einiger Märtyrer zu lesen, die in ihr den Wunsch nach dem Martyrium hervorrufen, sodass sie plant, von zuhause auszureißen, um als Märtyrer zu sterben und zum Himmel aufzusteigen (vgl. Das Buch meines Lebens, 1, 4); „ich will Gott sehen“ sagt das kleine Mädchen zu seinen Eltern. Einige Jahre später wird Theresia über die Lektüre ihrer Kindheit sprechen und zugeben, dort die Wahrheit entdeckt zu haben, die sie in zwei fundamentalen Prinzipien zusammenfasst: einerseits „die Tatsache, dass alles, was zur Welt gehört, vergänglich ist“, andererseits, dass nur Gott „für immer, immer, immer“ ist, ein Thema, das in ihrer berühmten Dichtung aufgenommen wird: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.“ Nachdem sie ihre Mutter im Alter von zwölf Jahren verliert, bittet sie die selige Jungfrau Maria, ihre Mutter zu sein (vgl. Das Buch meines Lebens, 1, 7).

Wenn das Lesen profaner Bücher sie in der Jugend zu den Ablenkungen eines weltlichen Lebens geführt hatte, so lehrten sie die Erfahrung als Schülerin der Augustinerinnen von Santa Maria de la Gracia in Ávila und der Umgang mit geistlichen Büchern – vor allem mit den Klassikern der franziskanischen Spiritualität – die innere Sammlung und das Gebet. Im Alter von zwanzig Jahren tritt sie in den Karmel der Menschwerdung in Ávila ein; im Orden nimmt sie den Namen Theresia von Jesus an. Drei Jahre später erkrankt sie so schwer, dass sie vier Tage im Koma liegt und wie tot scheint (vgl. Das Buch meines Lebens, 5, 9). Auch im Kampf gegen ihre Krankheiten sieht die Heilige den Kampf gegen ihre Schwächen und den Widerstand gegen den Ruf Gottes: „Ich wollte leben“ – so schreibt sie –, „da ich wohl verstanden hatte, dass ich nicht lebte, sondern mit einem Todesschatten rang. Ich hatte niemanden, der mir Leben gegeben hätte, und ich konnte es mir auch nicht selber geben. Und Der, der es mir geben konnte, hatte allen Grund, mir nicht zur Hilfe zu kommen, da er mich so viele Male an sich gezogen und ich ihn verlassen hatte“ (Das Buch meines Lebens, 8, 2). 1543 verliert sie die Nähe ihrer Familie: ihr Vater stirbt und alle ihre Geschwister wandern einer nach dem anderen nach Amerika aus. In der Fastenzeit des Jahres 1554 erreicht Theresia im Alter von 39 Jahren den Höhepunkt im Kampf gegen ihre Schwächen. Durch die zufällige Entdeckung der Statue eines „zutiefst verwundeten Christus“ wird ihr Leben nachdrücklich gezeichnet (vgl. Das Buch meines Lebens, 9). Die Heilige, die während dieser Zeit starke Übereinstimmung mit dem heiligen Augustinus der „Bekenntnisse“ findet, beschreibt den entscheidenden Tag ihrer mystischen Erfahrung auf folgende Weise: „Es geschah..., dass ich plötzlich die Gegenwart Gottes spürte und dass ich in keiner Weise daran zweifeln konnte, dass er in mir war oder dass ich ganz in Ihm aufgegangen war“ (Das Buch meines Lebens, 10, 1).

Parallel zu ihrer inneren Reifung beginnt die Heilige, konkret den Wunsch nach einer Reform des Karmelordens zu entwickeln: 1562 gründet sie in Ávila mit der Unterstützung des Bischofs der Stadt, Don Alvaro de Mendoza, den ersten reformierten Karmel, und kurz darauf erhält sie auch die Zustimmung des Generaloberen des Ordens, Giovanni Battista Rossi. In den folgenden Jahren gründet sie weitere Karmelklöster – insgesamt sind es siebzehn. Von grundlegender Bedeutung ist ihre Begegnung mit dem heiligen Johannes vom Kreuz, mit dem sie 1568 in Duruelo in der Nähe von Ávila das erste Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen gründet. 1580 erlangt sie aus Rom die Errichtung einer eigenen Provinz für ihren reformierten Karmel, den Ursprung des Ordens der Unbeschuhten Karmelitinnen. Theresias irdisches Leben endet eben in dem Moment, in dem sie mit dem Verfahren der Gründung beschäftigt ist. Denn 1582, nachdem sie den Karmel von Burgos gegründet hat und sich auf der Rückreise nach Ávila befindet, stirbt sie in der Nacht des 15. Oktober in Alba de Tormes, und wiederholt dabei voller Demut zwei Worte: „Am Ende sterbe ich als Tochter der Kirche“ und „Es ist nunmehr an der Zeit, mein Bräutigam, dass wir uns sehen“. Ein Dasein, das innerhalb Spaniens gelebt, aber für die ganze Kirche hingegeben wurde. Nachdem sie 1614 von Papst Paul V. selig- und 1622 von Gregor XV. heiliggesprochen wurde, hat der Diener Gottes Paul VI. sie 1970 zur „Kirchenlehrerin“ ernannt.

Theresia von Jesus hatte keine akademische Ausbildung, aber sie hat stets die Lehre von Theologen, Schriftstellern und geistlichen Lehrern beherzigt. Als Schriftstellerin hat sie sich stets an das gehalten, was sie selbst erlebt oder anhand der Erfahrung der anderen erkannt hatte (vgl. Vorwort zu „Der Weg zur Vollkommenheit“); sie hat also von der Erfahrung ausgehend geschrieben. Theresia knüpft Beziehungen geistlicher Freundschaft zu vielen Heiligen, vor allem zum heiligen Johannes vom Kreuz. Gleichzeitig nährt sie sich von der Lektüre der Kirchenväter: des heiligen Hieronymus, des heiligen Gregor des Großen, des heiligen Augustinus.

Unter ihren Hauptwerken ist vor allem ihre Autobiografie mit dem Titel „Das Buch meines Lebens“ zu erwähnen, das sie das „Buch der Barmherzigkeiten des Herrn“ nennt. Es wurde 1565 im Karmel von Ávila verfasst und stellt ihren Lebensweg und ihren geistlichen Werdegang dar. Es wurde geschrieben, wie Theresia selbst sagt, um ihre Seele dem Urteil des „Lehrmeisters der Spiritualen“, des heiligen Johannes von Ávila, zu unterziehen. Die Absicht ist, die Gegenwart und das Wirken des barmherzigen Gottes in ihrem Leben herauszustellen: daher gibt das Werk häufig ihr Zwiegespräch mit dem Herrn im Gebet wider. Es handelt sich um eine faszinierende Lektüre, da die Heilige nicht nur erzählt, sondern zeigt, dass sie die tiefe Erfahrung ihrer Beziehung zu Gott von Neuem durchlebt.

1566 schreibt Theresia den „Weg der Vollkommenheit“, den sie bezeichnet als: „Ermahnungen und Ratschläge, die Theresia von Jesus ihren Schwestern erteilt“. Empfänger sind die zwölf Novizinnen des Karmels vom heiligen Josef in Ávila. Ihnen schlägt Theresia ein intensives Programm des kontemplativen Lebens im Dienste der Kirche vor, dessen Grundlage die evangelischen Tugenden und das Gebet sind. Zu den wertvollsten Passagen gehört der Kommentar zum Vater Unser, dem Inbegriff des Gebets. Das berühmteste mystische Werk der heiligen Theresia ist „Die innere Burg“, das 1577 geschrieben wurde. Es handelt sich um eine Auslegung ihres geistlichen Lebensweges und gleichzeitig um eine systematische Erfassung der möglichen Entfaltung des christlichen Lebens zu seiner Fülle, zur Heiligkeit, gemäß dem Wirken des Heiligen Geistes. Theresia nimmt Bezug auf das Gefüge einer Burg mit sieben Räumen, als Bild des menschlichen Inneren, und führt gleichzeitig das Symbol der Seidenraupe ein, die als Schmetterling wiedergeboren wird, um den Übergang von der Natur zum Übernatürlichen zum Ausdruck zu bringen. Die Heilige inspiriert sich an der Heiligen Schrift, vor allem am „Hohenlied“ für das letzte Symbol der „beiden Brautleute“, das ihr erlaubt, im siebten Raum den Höhepunkt des christlichen Lebens unter seinen vier Aspekten zu beschreiben: dem trinitarischen, dem christologischen, dem anthropologischen und dem kirchlichen.

Ihrer Tätigkeit als Gründerin reformierter Karmelklöster widmet Theresia ihr „Buch der Gründungen“, das zwischen 1573 und 1582 verfasst wurde und in dem sie über das Leben der entstehenden Ordensgemeinschaft spricht. Wie die Autobiografie ist der Bericht darauf ausgerichtet, im Werk der Gründung neuer Klöster vor allem das Wirken Gottes zu sehen.

Es ist nicht einfach, in wenigen Worten die tiefe und klare theresianische Spiritualität zusammenzufassen. An erster Stelle stellt die heilige Theresia die evangelischen Tugenden als Grundlage des gesamten christlichen und menschlichen Lebens dar: vor allem die Trennung von Besitztümern oder die evangelische Armut, und das betrifft uns alle; die Liebe zueinander als wesentliches Element des gemeinschaftlichen und sozialen Lebens; die Demut als Liebe zur Wahrheit; die Entschlossenheit als Frucht der christlichen Kühnheit; die theologische Hoffnung, die sie als Durst nach lebendigem Wasser beschreibt. Ohne die menschlichen Tugenden zu vergessen: Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, Höflichkeit, Gelassenheit, Kultur. An zweiter Stelle schlägt die heilige Theresia ein tiefes Einvernehmen mit den biblischen Persönlichkeiten vor sowie das lebendige Hören auf das Wort Gottes. Sie fühlt sich vor allem mit der Braut des „Hohenliedes“ und mit dem Apostel Paulus in Übereinstimmung, sowie mit dem Christus der Passion und dem eucharistischen Jesus.

Die Heilige hebt dann hervor, wie wesentlich das Gebet ist; Beten, so sagt sie, „bedeutet freundschaftlichen Umgang haben, denn wir sprechen unter vier Augen mit Demjenigen, von dem wir wissen, dass er uns liebt“ (Das Buch meines Lebens, 8, 5). Die Vorstellung der heiligen Theresia stimmt mit der Definition des heiligen Thomas von Aquin über die theologische Liebe als „amicitia quaedam hominis ad Deum“ überein, eine Art der Freundschaft des Menschen mit Gott, der dem Menschen als Erster seine Freundschaft angeboten hat; die Initiative geht von Gott aus (vgl. Summa Theologiae II–I, 23, 1). Das Gebet ist Leben und entwickelt sich allmählich im Rhythmus mit dem christlichen Leben: das Beten beginnt mit dem gesprochenen Gebet, geht über die Verinnerlichung durch die Meditation und die Sammlung, bis es schließlich zur liebenden Vereinigung mit Christus und der Allerheiligsten Dreifaltigkeit gelangt. Natürlich handelt es sich nicht um eine Entwicklung, in der das Ersteigen der höchsten Stufen bedeutet, die vorhergehende Art des Gebets hinter sich zu lassen, es ist vielmehr ein allmähliches Vertiefen der Beziehung zu Gott, die das ganze Leben umfasst. Eher als um eine Pädagogik des Gebets handelt es sich bei Theresia um eine wirkliche „Mystagogik“: sie lehrt den Leser ihrer Werke das Beten, indem sie selbst mit ihm betet; so unterbricht sie häufig den Bericht oder die Darstellung, um ein Gebet zu sprechen.

Ein weiteres Thema, das der Heiligen am Herzen liegt, ist die Zentralität der Menschheit Christi. Für Theresia ist das christliche Leben die persönliche Beziehung zu Jesus, die in die Vereinigung mit Ihm durch die Gnade, durch die Liebe und durch die Nachfolge führt. Daraus ergibt sich die Bedeutung, die sie der Passion beimisst sowie der Eucharistie, als Gegenwart Christi in der Kirche, für das Leben jedes Gläubigen und als Herz der Liturgie. Die heilige Theresia lebt eine bedingungslose Liebe zur Kirche: Sie bezeugt einen lebhaften „sensus Ecclesiae“ angesichts der Spaltungen und Konflikte innerhalb der Kirche ihrer Zeit. Sie reformiert den Orden der Karmelitinnen mit der Absicht, der „Heiligen Römischen Katholischen Kirche“ besser zu dienen sowie sie besser zu verteidigen und sie ist bereit, das Leben für sie hinzugeben (vgl. Das Buch meines Lebens, 33, 5).

Ein letzter wesentlicher Aspekt der theresianischen Lehre, den ich hervorheben möchte, ist die Vollkommenheit, nach der das ganze christliche Leben strebt und die sein letztes Ziel ist. Die Heilige hat eine ganz klare Vorstellung von der „Fülle“ Christi, die im Christen neu gelebt wird. Am Ende des Gangs durch die „Innere Burg“ beschreibt Theresia im letzten „Raum“ diese Fülle, die durch das Innewohnen der Dreifaltigkeit verwirklicht wird, in der Vereinigung mit Christus durch das Geheimnis seiner Menschheit.

Liebe Brüder und Schwestern, die heilige Theresia von Jesus ist eine wahre Lehrerin des christlichen Lebens für die Gläubigen aller Zeiten. In unserer Gesellschaft, der es häufig an geistlichen Werten mangelt, lehrt uns die heilige Theresia, unermüdliche Zeugen Gottes, seiner Gegenwart und seines Wirkens, zu sein; sie lehrt uns, wirklich diesen Durst nach Gott zu empfinden, der in der Tiefe unseres Herzens existiert, diesen Wunsch, Gott zu sehen, Gott zu suchen, mit Ihm zu sprechen und seine Freunde zu sein. Das ist die Freundschaft, derer wir alle bedürfen und die wir Tag für Tag von Neuem suchen müssen. Das Beispiel dieser zutiefst kontemplativen und wirkungsvoll tätigen Heiligen dränge auch uns dazu, jeden Tag dem Gebet die rechte Zeit zu widmen, sie dränge uns zu dieser Öffnung Gott gegenüber, zu diesem Weg, Gott zu suchen, ihn zu sehen, seine Freundschaft und so das wahre Leben zu finden; denn wirklich viele von uns müssten sagen: „Ich lebe nicht, ich lebe nicht wirklich, da ich das Wesen meines Lebens nicht lebe“. Daher ist die Zeit des Gebets keine verlorene Zeit, sie ist eine Zeit, in der sich der Weg des Lebens öffnet, in der sich der Weg öffnet, um von Gott eine glühende Liebe zu Ihm, zu seiner Kirche und eine konkrete Nächstenliebe zu unseren Brüdern und Schwestern zu lernen. Danke.

Die Besucher deutscher Sprache

begrüßte der Papst mit den Worten:

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger, heute besonders die Druschki der katholischen sorbischen Jugend sowie mit großer Freude das Kölner Dreigestirn in Begleitung von Kardinal Meisner. Herzlich willkommen! Ich finde es schön, dass der Kölner Karneval bis nach Rom reicht. Das tiefe Gottvertrauen der heiligen Theresia, dass „Gott allein genügt“, wollen auch wir uns immer mehr zu eigen machen. Dazu schenke der Herr uns allen seine Gnade.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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