München

Winfried Aymans: Kirche muss "Fels in der Brandung" sein

Fünfzig Jahre nach der Würzburger Synode werden die Rufe nach der Frauenpriesterweihe lauter. Welche Lehren aus der Würzburger Synode gezogen werden sollten und welche Überlegungen für den Synodalen Weg in Betracht kommen, erläutert der emeritierte Münchner Kirchenrechtler Winfried Aymans.
Winfried Aymans
Foto: M. Nelles | Der emeritierte Münchner Kirchenrechtler Winfried Aymans

Herr Professor Aymans, der Synodale Weg wird in Deutschland als Fortsetzung der Würzburger Synode betrachtet. Dass sich in den 70er Jahren in Deutschland Partikularregelungen etablierten (Handkommunion, Ministrantinnen), die später auch anderswo eingeführt wurden, beflügelt Erwartungen, es könne in der Amtsfrage oder in der Ökumene parallele Entwicklungen geben – mit Deutschland in der Vorreiterrolle. Wie begründet ist diese Erwartung?

Es ist schon entlarvend, wie in solcher Fragestellung ganz freihändig mit verhältnismäßig weniger bedeutenden disziplinären Fragen und Kernfragen des Kirchenverständnisses spekuliert wird. Die Diskussion um die Handkommunion war ganz eng mit der Frage nach der Ehrfurcht vor dem Sakrament verbunden und insofern aller Achtung wert. Aber die Geschichte auch schon der frühen Kirche hat viele Varianten im Umgang mit dem gewandelten Brot gezeigt. Auch die Handkommunion kann ehrfurchtsvoll empfangen werden und hat aus hygienischen Gründen Vorteile.
Die Zulassung von Mädchen als Ministrantinnen zum Altardienst war eine rein pastorale Frage. Sie hatte nichts mit einem Vorbehalt gegenüber Mädchen zu tun, die diesen Dienst würdig und mit Eifer erfüllen können. Der Vorbehalt richtete sich auf die Jungen. Die Messdiener waren mit Recht stets als eine Vorschule für Berufungen zum Priestertum gesehen worden. Diesen Gedanken der Vorschule finden manche nun auch recht sympathisch in der Perspektive einer Frauenweihe.

"Bei der Amtsfrage geht es ums Ganze,
nämlich um das sakramentale Kirchenverständnis.
In dieser Hinsicht muss die katholische Kirche
ein Fels in der Brandung sein und bleiben."

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Was ist dran an der Vision einer kirchlichen Avantgarde aus Deutschland?

In den Fragen um die Zulassung von Handkommunion und von Messdienerinnen sind die Anstöße für Veränderungen in mehreren Ländern der Weltkirche in der Tat vom deutschsprachigen Raum ausgegangen. Von daher aber eine ökumenische Erwartung in der strittigen Amtsfrage zu konstruieren, kann nur von theologischen Leichtfüßen her kommen. Bei der Amtsfrage geht es ums Ganze, nämlich um das sakramentale Kirchenverständnis. In dieser Hinsicht muss die katholische Kirche ein Fels in der Brandung sein und bleiben. In dieser Hinsicht weiß sie sich eins mit allen Kirchen orientalischer Tradition. Die Auftritte unserer Bischöfe mit Kirchenführern protestantischer Denominationen haben ihren guten Sinn als Zeichen dafür, dass uns Vieles im Glauben an Jesus Christus miteinander verbindet und wir uns deshalb auch gut miteinander verhalten. Aber leider trennt uns auch Entscheidendes.

Wie bewerten Sie die Entwicklung?

Je mehr protestantische Amtsträger versuchen, sich mit dem Umlegen einer Stola – dem katholischen Zeichen des sakramentalen Priestertums und, quer getragen, des sakramentalen Diakonates – zu schmücken, kann man solches Gebaren nur als eine Irreführung und den – vielleicht sogar gutgemeinten – Versuch verstehen, die Amtsfrage zu nivellieren. Ich für meinen Teil kann hier nur feststellen: In einem bloß kirchlich-sozialen Amtsverständnis wäre ich nie Priester geworden. Im Übrigen: Wenn sich der sogenannte Synodale Weg gleichsam in der Nachfolge der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ versteht, hätten sich die Verantwortlichen etwas eher um das Schicksal der Würzburger Synode umsehen sollen. Damals sind die Strukturmängel publizistisch heftig kritisiert worden. Namentlich ging es um die Frage, wer denn da der Gesetzgeber sei, die sogenannte Synode (wie das Statut meinte), oder die Bischöfe beziehungsweise die Bischofskonferenz (Kritiker). Auf einer Konferenz im Bonner Militärbischofsamt unter Vorsitz von Bischof Hengsbach sind diese Fragen nach langen Diskussionen schließlich behoben worden.

Mit welchem Ergebnis?

Je nach Zuständigkeit sind allein die Diözesanbischöfe oder die Bischofskonferenz für verbindliche Entscheidungen verantwortlich und zuständig; in den Fragen, für die nicht einmal die Bischöfe oder ihre Konferenz über Kompetenz verfügten, könnten Voten an den Apostolischen Stuhl gerichtet werden. Soweit es schließlich solche gab, sind sie allerdings sämtlich gescheitert. Auch in der DDR, wo zur selben Zeit eine ähnliche Kirchenversammlung (sogenannte Pastoralsynode) mit einem Statut nach dem Würzburger Vorbild in Vorbereitung stand, war man aufmerksam geworden. Dort hat man sich gerade noch rechtzeitig beraten lassen, das vorgesehene Statut kassiert und durch ein verbessertes ersetzt. Für die rechtzeitige Änderung sind die Oberhirten noch viele Jahre später dankbar gewesen, denn dort war es nicht nur darum gegangen, gutwillige Laien vor Grenzüberschreitungen, sondern auch die Kirche vor Unterwanderung durch die Stasi zu bewahren. Und jetzt also der Synodale Weg! Um nicht in den anmaßenden Verdacht zu geraten, die Selbstbezeichnung einer Synode für sich zu beanspruchen und vor allem, um allerlei kirchenrechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen, ist man auf die verharmlosende Bezeichnung Synodaler Weg verfallen. Motto: Alle auf Augenhöhe! Hirtenamt beiseite! Herr Marx mitten im Alphabet, Herr Woelki am Schluss! Es handelt sich demzufolge um eine Art gemeinsamen Spaziergangs mit religiösen Gesprächen! Und dann?

"Wenn man anerkennt,
dass die Berufung nichtin einem menschlichen Willen gründet,
sondern von Gott kommt,
kann in dieser Hinsicht keine sogenannte Blockade vorkommen."

Glaubt man Bischof Bätzing, so blockiert Treue zum Lehramt de facto Berufungen zum Priesteramt. Wie sehen Sie das?

In einer solchen Sicht wird die Berufung zum Priesteramt in einen Gegensatz zum Lehramt gebracht. Das ist schon merkwürdig. Wenn man den Weihevorbehalt für Männer als im Willen Jesu gründend versteht, und wenn man anerkennt, dass die Berufung nicht in einem menschlichen Willen gründet, sondern von Gott kommt, kann in dieser Hinsicht keine sogenannte Blockade vorkommen. Wenn sich jedoch die Blockadevorstellung auf die Tradition der Lateinischen Kirche mit der Zölibatsverpflichtung bezieht, liegt die Sache etwas anders. Hier muss abgewogen werden zwischen dem Wert der zölibatären Lebensweise in der Nachfolge des Herrn und dem zu erwartenden Gewinn für die Kirche bei Aufgabe des Zölibatswertes. Nicht zuletzt mit dem Blick auf die Verhältnisse in der nichtkatholischen Christenheit ist diese Abwägung bislang mit Recht zugunsten der Beibehaltung des zölibatären Priestertums ausgefallen. Die Gründe für eine sogenannte Blockade von Berufungen müssen dann anderswo gesucht und möglichst aus dem Weg geräumt werden. Wichtig ist in dieser Hinsicht jedenfalls auch, dass die Hirten selbst eine eindeutige Haltung zu der absoluten Notwendigkeit des Priestertums für die Kirche und darüber hinaus für die sakramentale Struktur der Kirche als solcher zu erkennen geben.

Wie ist die jüngste Gesetzesänderung bezüglich des Lektoren- und Akolythen-amts einzuordnen? Führt Drängen der Ortskirche irgendwann zum Erfolg? In welchem Rahmen kann der Papst nachträglich legitimieren, was die Ortskirche liturgisch einführt?

Der can. 230 § 1 CIC hat die dauerhafte Übertragung des Lektoren- und des Akolythenamtes Männern vorbehalten. Diesen Vorbehalt hat der Papst nun durch eine Gesetzesänderung aufgehoben. Für die Einschränkung der förmlichen Übertragung auf Männer hat der Gesetzgeber sich seinerzeit auf die altehrwürdige Tradition der Kirche berufen. Diese Dienste wurden vor dem II. Vatikanischen Konzil als sogenannte „niedere Weihen“ – wie schon diese Bezeichnung sagte – aus dem Zusammenhang mit dem sakramental grundgelegten geistlichen Dienst verstanden. Durch das Konzil und ihm folgend durch die nachkonziliare Gesetzgebung ist dieser Zusammenhang gelöst worden. Diese Ämter wurden nunmehr schlicht als liturgische Dienste erklärt. So sind sie auch im Gesetzbuch eingeordnet. Gleichwohl ist die förmliche Übernahme und Ausübung der Dienste des Lektors und des Akolythen über eine angemessene Zeit nach wie vor Voraussetzung für den Empfang der Diakonatsweihe geblieben (can. 1035 § 1). Deshalb mögen eher pastorale Gründe für den Vorbehalt maßgebend gewesen sein. Bei der Gesetzesänderung geht es jedoch nicht um die nachträgliche Legitimierung irgendwelcher örtlicher Praktiken. Insoweit ist die päpstliche Gesetzgebung souverän. Theologisch ist gegen die Gesetzesänderung nichts einzuwenden.

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In welchen Fällen sind Änderungen des Katechismus opportun?

Änderungen des Katechismus können dann angezeigt sein, wenn die Autorität, in der er erlassen worden ist, dies für angezeigt hält und entsprechendes verfügt. Es steht jedermann, der es glaubt besser zu wissen, frei, seine Änderungsvorschläge zu erklären und der genannten Autorität zu unterbreiten. Dabei kann allerdings die im Katechismus wiedergegebene definierte Glaubenslehre niemals in der Substanz berührt, sondern höchstens im sprachlichen Ausdruck verändert werden.

Viele Gläubige sind verunsichert und befürchten ein Schisma. Ist diese Sorge berechtigt?

Zu einem Schisma kann es kommen, wenn Hirten ihre Aufgabe nicht in gehöriger Weise erfüllen und der Versuch gemacht wird, Auffassungen als verbindlich durchzusetzen, die zu der eindeutigen Lehrtradition der Kirche in Widerspruch stehen. Die zurzeit oftmals heftige Thematisierung der Frauenweihe nimmt vor allem dort scharfe Züge an, wo Menschen aus der Politik sich zu Wortführern aufschwingen; solche Anführer neigen dazu, ihre politischen Vorstellungs- und Handlungsmaximen auf die Kirche zu übertragen und die Kirche wie eine politische Institution, Partei oder Korporation zu behandeln. Solcherlei Kampagnen haben in der Tat das Zeug dazu, wenigstens zu Abspaltungen von der Kirchengemeinschaft zu führen.

"Darin liegt die Hirtenaufgabe []:
die Lehrentscheidung den Gläubigen besser zu erklären,
im Dialog für ihr größeres Verständnis zu werben,
in jedem Fall aber, sie zu verteidigen."

In Deutschland wächst die Ablehnung gegenüber den theologischen Argumenten, die Johannes Paul II. dazu bewogen hatten, den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt lehramtlich definitiv zu entscheiden. Gebietet es nun die Hirtensorge, im Sinne des sensus ecclesiae über eine Änderung der kirchlichen Praxis zu diskutieren?

Die Tatsache, dass in Deutschland – und überhaupt im deutschsprachigen Raum – eine Ablehnung gegenüber Argumenten sich ausbreitet, die für eine definitive Entscheidung des Lehramtes vorgebracht werden, ist im Grunde nichts Neues. Theologische Auseinandersetzungen hat es schon in der frühen Kirche zum Beispiel bei den ganz entscheidenden christologischen Fragen gegeben. Was nun den Weihevorbehalt für Männer anbetrifft, so handelt es sich nicht bloß um eine kirchliche Praxis, wie manche meinen, sondern um ein Wesensverständnis des priesterlichen Amtes. Diskutieren kann man über Vieles, aber angesichts einer definitiven Lehrentscheidung kann es nie darum gehen, diese selbst in Frage zu stellen, wohl aber eventuell darum, die Argumente besser zu verstehen. Darin liegt die Hirtenaufgabe im Sinne des sensus ecclesiae: die Lehrentscheidung den Gläubigen besser zu erklären, im Dialog für ihr größeres Verständnis zu werben, in jedem Fall aber, sie zu verteidigen.

Warum kann man nicht mit Blick auf den sensus fidelium davon ausgehen, dass die Weihe von Frauen Gottes Wille ist?

Man kann sich auch nicht einfach auf den sogenannten sensus fidelium berufen. Selbst verbreitete Auffassungen unter Gläubigen sind noch lange nicht Ausdruck des sensus fidelium. Der sensus fidelium ist nicht ein Reservoir für beliebige Vorstellungen und Lieblingsideen von Gläubigen. Er ist vielmehr auf das Glaubensgut der Kirche bezogen und daher, wie es eine tiefgreifende theologische Untersuchung aufgewiesen hat, als sensus fidei fidelium (Ohly) zu verstehen, also als der am Glauben der Kirche orientierte Sinn von Gläubigen.

Das Versprechen bei der Bischofsweihe, Lehre und Ordnung der Kirche zu schützen, wird mitunter mit dem Hinweis auf die schöpferische Tradition der Kirche relativiert. Katholische Lehre sei nichts Erstarrtes, sondern etwas Lebendiges, heißt es oft. Wie unterscheidet das Kirchenrecht zwischen legitimen Weiterentwicklungen der Lehre und Spaltung?

Das feierliche Versprechen bei der Bischofsweihe ist eine liturgische Form mit einer eidlichen Bindungskraft, wie ja auch jeder in ein Bischofsamt Berufene vor Übernahme des Amtes einen ebenso feierlichen Amtseid abzuleisten hat, und zwar in der vom Apostolischen Stuhl gebilligten Form (can. 380 CIC). Die ernste Verpflichtung, zu der der Geweihte sich bekennt, ist aber nicht bequemerweise zugleich mit einer Auflösungsklausel verbunden. Natürlich ist die Kirchenlehre nichts Starres, sondern hat sich im Lauf der Jahrhunderte weiterentwickelt. Dies ist aber niemals und kann auch niemals so geschehen, dass ein neues Verständnis in Glaubenssachen im Widerspruch zur überkommenen verbindlichen Glaubenslehre der Kirche steht oder diese bedroht.

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