Vatikanstadt

Wie Johannes Paul II. Frauen förderte

Für Johannes Paul II. war die weibliche Würde ein Thema.
Pilgerinnen bei der Seligsprechung Johannes Pauls II.
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Wie maßgeschneidert wirkte das Pontifikat des polnischen Papstes gerade auf Frauen in Ländern, in denen Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist.

Aber vor allem das Wort Gottes erlaubt uns, mit aller Klarheit das grundlegende anthropologische Fundament der Würde der Frau zu erkennen, das wir in Gottes Plan für die Menschheit ausmachen können.“ Johannes Paul II. schrieb den „Brief an die Frauen“ zu einer Zeit, als der Feminismus die Frau bereits nicht mehr anerkannte. In den 1980er und 1990er Jahren focht der Papst den Kampf für die Bewahrung ihrer Würde und Integrität aus. Er setzte alle Hebel in Bewegung, die ihm kraft seines Lehramtes und der völkerrechtlichen Souveränität des Heiligen Stuhls zur Verfügung standen. Die heutige Aktualität seines Bemühens ist nicht zu überschätzen.

"Dank sei dir, Frau, dafür, dass du Frau bist!
Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit
bereicherst du das Verständnis der Welt und trägst
zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei"
Johannes Paul II.

„Be a Lady They Said“ ist der Titel eines feministischen Musikvideos, das momentan in den Medien Aufsehen erregt. Models, nackte Haut, der anklagende Blick der Schauspielerin machen daraus ein Hochglanz-Werbevideo für den heutigen Feminismus. Cynthia Nixon zählt eine Litanei an Imperativen auf, denen Frauen unterworfen sind. Jung sollen sie ausschauen, keine leichte Beute sein, lächeln und Männern Vergnügen bereiten.

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Wie anders klingt dagegen die Stimme von Johannes Paul II.: „Dank sei dir, Frau, dafür, dass du Frau bist! Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Verständnis der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei.“ Der Brief wurde im Juni 1995, knappe zwei Monate vor Beginn der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking als Grußwort an die Teilnehmerinnen der Konferenz und an alle Frauen, veröffentlicht. Es ist ein Würdigungsschreiben der Frau, wie Johannes Paul II. sie sieht: als Tochter, als Schwester, als Braut, als Mutter, im Beruf und im Ordensstand.

Uns Frauen wird heute beigebracht, der der Blick des Mannes habe bisher definiert, was Frau-Sein heißt. Nun sei es an uns, sich von diesem zu emanzipieren. Zwei Strategien schlägt der Zeitgeist vor. Man mache sich entweder diesen Blick nutzbar, bediene sich der ganzen Klaviatur der Weiblichkeit – je aufreizender, desto selbstbestimmter – oder man versage sich diesem Blick und spiele alles Weibliche im Äußeren herunter. Verhüllung oder Nackedei: ein unlösbarer Widerspruch.

Der Blick des Papstes erhebt und beleuchtet

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Zwei Pole und zur Auflösung der Spannung das säkulare Credo: „Mein Körper gehört mir!“ So wurden „sexuelle Selbstbestimmung“ und das Töten ungeborener Kinder zu den Aushängeschildern eines Feminismus, der keine Antwort auf den Ruf der Frau nach der Anerkennung ihrer Würde zu bieten hatte.

Der Blick des Papstes, der aus dem „Brief an die Frauen“ hervordringt, ist ein anderer. Er legt nicht fest, er engt nicht ein, sondern er erhebt und beleuchtet. Vor allem nimmt er die Frau als Ganzes in den Blick und erklärt die Mutterschaft für schutzbedürftig. Diese war in den 90er Jahren zunehmend in das Visier der internationalen, auf Bevölkerungsregulierung bedachten Politik geraten.

Das Programm der Weltfrauenkonferenz von 1995 setzte seinen entschiedenen Akzent bei der sogenannten sexuellen und reproduktiven Gesundheit der Frau – ein Euphemismus, hinter dem sich ein konzertiertes Hinarbeiten einiger Vertreter der internationalen Gemeinschaft verbarg, erzwungene Familienpolitik und Abtreibung als Mittel der Familienplanung durchzusetzen. Der Heilige Stuhl steuerte auf diplomatischem und medialem Weg intensiv gegen. Den „Brief an die Frauen“ übergab Johannes Paul II. in einem persönlichen Gespräch an Gertrude Mongella, die Generalsekretärin der Konferenz, und ließ ihn anschließend veröffentlichen.

Echte und radikale Solidarität mit den Frauen

In seinem Schreiben betonte er die Notwendigkeit einer echten und radikalen Solidarität mit den Frauen. Dazu brauche es nicht nur die „Anprangerung von Verbrechen und Ungerechtigkeit“, sondern einen durchdachten Förderungsplan, mit umfassenderen Ausbildungschancen, einer besseren Gesundheitsfürsorge, einer tatsächlichen Gleichheit der Rechte und dem Schutz der Mutterschaft. Nichts weniger als eine „erneuerte und universale Bewusstmachung der Würde der Frau“ stand für ihn an unbedingter und vorderster Stelle zur Erreichung dieses Ziels.

Vor dem Zusammentreffen in Peking hatten internationale Frauennetzwerke ein frauenfeindliches Bild von der Kirche gezeichnet. Dieses konnte der Heilige Stuhl durch die Zusammensetzung seiner diplomatischen Vertretung konterkarieren. Die nach Peking entsandte Delegation bestand vorwiegend aus Akademikerinnen, die in den zur Debatte stehenden Themen hochspezialisiert waren; unter ihnen die ehemalige Gesundheitsministerin Nigerias, die norwegische Politologin Janne Haaland Matlary und als Leiterin der Delegation die Juristin Mary Ann Glendon, die 1994 zum Gründungsmitglied der Päpstlichen Akademie berufen worden war. Diese Delegation entsprach der Vorstellung Johannes Pauls II. von einer stärkeren Beteiligung von Frauen in den Leitungspositionen der Kirche.

Seine konkreten Schritte und seine tiefschürfenden Gedanken zum „Genius“ der Frau in der Enzyklika „Mulieris dignitatem“ verdienen in den gegenwärtigen Debatten zur Machtfrage eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Die Gesten des Papste sprachen Bände

Unmittelbarer als seine Theologie oder seine Diplomatie sprachen die Gesten des Heiligen Papstes Bände von der Liebe, die er Frauen entgegenbrachte. Er umarmte und segnete auch Männer. Jedoch entfalten die Aufnahmen seiner Begegnungen mit Frauen gerade in der heutigen Zeit eine ikonische Kraft. Mit der MeToo-Bewegung erscheinen stets neue Nachrichten über sexuelle Übergriffe. Manche von ihnen entpuppen sich als falsche Anschuldigungen; zu viele sind jedoch erschütternderweise wahr.

Die Bilder von einem Mann in Weiß – dem auf Erden die höchste Autorität verliehen worden war, welche ein Geistlicher tragen kann –, der einer alten Bekannten, einem jungen Mädchen, einer ehemaligen Prostituierten oder einer winzigen Ordensoberin aus Indien über die Wange streicht, der sie am Haar zupft oder sie auf die Stirn küsst sind eine Erinnerung daran, dass Zärtlichkeit und Heiligkeit existieren. Das Vermächtnis Johannes Pauls II. an  die Frau ist ein Blick, dem man sich gerne aussetzt. Es ist der tiefgehende Blick eines Vaters, eines Sohnes und eines Bräutigams. Er sagt: Totus tuus.
Dieses Erbe gilt nicht den Frauen allein, sondern nimmt den Mann mit hinein: „In der ,Einheit der zwei‘ sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur ,nebeneinander‘ oder ,miteinander‘ zu existieren, sondern sie sind auch dazu berufen, gegenseitig ,füreinander‘ dazusein.“ (Mulieris dignitatem).

Die Autorin ist Sprecherin der Generation Pontifex

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