Berlin

Wie der Vatikan die Juden verteidigte

Der Vatikan hat die Juden schon lange vor Pius XI. verteidigt. Das belegen Quellenfunde, die auch neues Licht auf den späteren Pius XII. werfen.
Titelseite einer jüdischen US-Zeitung wird die Stellungnahme des Vatikan unter Benedikt XV. dokumentiert
Foto: Archiv | Gegen Anti-Semitismus: Auf der Titelseite einer jüdischen US-Zeitung wird die Stellungnahme des Vatikan unter Benedikt XV. dokumentiert.

Dass die Päpste Antisemitismus unüberhörbar verurteilen, ist bekannt. Es war deshalb keine Überraschung, als Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin Ende November eine dem Thema Judenhass gewidmete Veranstaltung der US-Botschaft beim Heiligen Stuhl nutzte, um Juden als „Brüder und Schwestern“ der Christen zu bezeichnen, „auf die wir stolz sind“. Und man wolle weiter in gegenseitiger Geschwisterlichkeit wachsen. Die Rede des Kardinalstaatssekretärs enthielt in ihrem ersten Teil aber nicht nur ein klares und zu erwartendes Bekenntnis zur Geschwisterlichkeit von Christen und Juden. Parolin erinnerte explizit an den seinerzeit lediglich in der deutschen Presse kritisierten Besuch von Papst Benedikt XVI. im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am 28. Mai 2006 und rief schließlich Äußerungen von Papst Franziskus aus den letzten Jahren in Erinnerung, in denen Franziskus Antisemitismus öffentlich vehement verurteilte.

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Im zweiten Teil seiner Rede überraschte Parolin dann aber die Teilnehmer der internationalen Onlinekonferenz mit einem Quellenfund aus den Archiven des Vatikans, genauer aus dem Archiv für die „Affari Ecclesiastici Straordinari“, also für die auswärtigen Angelegenheiten. Dieses Archiv ist der Wissenschaft seit den 1980er Jahren zugänglich. Es ist allerdings nie in die Bestände des früher sogenannten Vatikanischen Geheimarchivs eingegliedert worden. Und so bleibt es auch zukünftig eine Organisationseinheit innerhalb der Zweiten Sektion des Staatssekretariates für die „Rapporti con gli Stati“.

Schon während I. Weltkrieg entschlossener Einsatz gegen Antisemitismus

Parolin erklärte nun in der Onlinekonferenz anhand des Quellenfunds, dass sich der Heilige Stuhl schon während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) entschieden gegen Antisemitismus ausgesprochen habe. Auch wenn Parolin es nicht ausdrücklich formulierte, so legte er doch nahe, dass die Verurteilung des weltweiten Antisemitismus schon unter Papst Benedikt XV. (1914-1922) zum Markenkern der päpstlichen Politik gehört. Bisher war ein solch klares Bekenntnis von Papst Pius XI. (1922–1939) bekannt, dessen Reden und Ansprachen durchweg von seinem Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli redigiert wurden, dem späteren Papst Pius XII. (1939–1958).

Papst Benedikt XV. wurde unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkriegs zum Papst gewählt. Von Anfang an kennzeichnete es seine Politik, neutral und überparteilich gegenüber allen kriegführenden Ländern aufzutreten, um somit auch allen Nationen als Friedensvermittler zur Verfügung zu stehen. Allerdings hatte sich der Heilige Stuhl sehr stark in humanitären Angelegenheiten engagiert. Das betraf vor allem die Behandlung von Kriegsgefangenen, aber auch, wenn Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Das war möglicherweise der Auslöser dafür, dass das „American Jewish Committee of New York“ am 30. Dezember 1915 Papst Benedikt XV. darum bat, in einer offiziellen Stellungnahme die Grausamkeiten zu verurteilen, die den Juden in den kriegführenden Ländern und insbesondere in Polen seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914–1918) widerfahren waren. Da es sich bei dem Bittsteller nicht um ein Staatsoberhaupt handelte, sondern um einen Interessensverband, war nicht damit zu rechnen, dass der Papst antworten würde. Immerhin versicherte aber am 9. Februar 1916 Benedikts Staatssekretär Pietro Kardinal Gasparri (1852–1934) dem „American Jewish Committee“ unter anderem: „Der Papst [...], Oberhaupt der katholischen Kirche, die – getreu ihrer göttlichen Lehre und ihrer glorreichsten Traditionen – alle Menschen als Brüder betrachtet und lehrt, einander zu lieben, wird nicht aufhören, die Einhaltung der Naturrechtsprinzipien unter den einzelnen Menschen wie unter den Nationen einzuschärfen und jede Verletzung dieser Prinzipien zu rügen. Dieses Recht sollte in Bezug auf die Kinder Israels wie für alle Menschen beachtet und respektiert werden; davon abzuweichen nur aufgrund des unterschiedlichen religiösen Glaubens, entspräche nicht der Gerechtigkeit und dem Selbstverständnis der Religion“ (eigene Übersetzung aus dem Französischen).

"Zwangsläufig eine weitreichende, wohltuende Wirkung"

Das besagte Komitee hatte am 21. April 1916 dieses Schreiben auf der Titelseite der jüdischen Wochenzeitung „The American Hebrew and Jewish Messenger“ als Faksimile abgedruckt. Neben dem Faksimile fand sich ein Foto des Papstes. Damit wurde zusätzlich unterstrichen, dass dieses Schreiben selbstverständlich die Auffassung des Papstes wiedergab. Auch der Kommentar ließ an dieser Auffassung keinen Zweifel. Das Komitee war der Auffassung, es handele sich „praktisch um eine Enzyklika“, und so heißt es weiter: „Unter allen päpstlichen Bullen, die jemals in der Geschichte des Vatikans in Bezug auf Juden herausgegeben wurden, gibt es keine Erklärung, die diesem direkten, unmissverständlichen Plädoyer für die Gleichheit der Juden und gegen Vorurteile aus religiösen Gründen gleichkommt. [...] Es ist erfreulich, dass eine so mächtige Stimme [wie die des Papstes], eine so einflussreiche Kraft, insbesondere in den Regionen, in denen sich die jüdische Tragödie jetzt abspielt, erhoben wurde, die für Gleichheit und für das Gesetz der Liebe eintritt. Sie wird zwangsläufig eine weitreichende, wohltuende Wirkung haben.“

Parolin stellt sich schützend vor Pius XII.

Es überrascht, dass dieser Briefwechsel aus dem Jahre 1916, obwohl er schon zeitgenössisch publiziert worden war, bis heute unbeachtet geblieben ist. Doch dieser Text verbirgt eine weitere Sensation. Dieses Schreiben, in dem Kardinalstaatssekretär Gasparri namens des Papstes 1916 den Antisemitismus öffentlich verurteilt, entstand zuständigkeitshalber in der Sektion für die Auswärtigen Angelegenheiten im Staatssekretariat. Leiter der Sektion war seit 1914 Eugenio Pacelli. In seiner Eigenschaft als Behördenleiter hatte Pacelli diesen Brief von Kardinal Gasparri zu verantworten. In seinem vor wenigen Monaten erschienenen Buch „Le Bureau. Les juifs de Pie XII“ (S. 399) betont der belgische Historiker und Leiter des Archivs im päpstlichen Staatssekretariat Johan Ickx ausdrücklich die Autorschaft beziehungsweise die Mitautorschaft Pacellis.

Kardinalstaatssekretär Parolin tat gut daran, dass er während der Videokonferenz auf den Mitverfasser, Eugenio Pacelli, nicht ausdrücklich verwiesen hat. Seine Botschaft war, dass der Heilige Stuhl auch schon im Ersten Weltkrieg sich schützende vor die verfolgten Juden gestellt hat. Die nachgewiesene Autorschaft oder Mitautorschaft des späteren Papst Pius XII. ist aber die eigentliche Sensation.

Kardinalstaatssekretär Parolin hat wohl nicht ohne Grund seinen Onlinevortrag mit dem Bibelzitat beendet: „Trug ist im Herzen derer, die Böses planen, aber bei denen, die zum Frieden raten, ist Freude" (Spr 12,20). Schalom!“ Dieses Zitat könnte sich an jene wenden, die seit Jahrzehnten mit geradezu krimineller Energie bemüht sind, Papst Pius XII. zu verunglimpfen.

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