München

Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare: "Wer Sünde segnen will, spaltet sich ab"

Mit den Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare und der Einladung zu einer "Ökumene der Gewissen" hat die innerkirchliche Opposition gegen das Lehramt eine neue Stufe erreicht. Aus der Praxis, der Einheit in Worten spaltende Taten folgen zu lassen, speist sich das Lebensgefühl Schisma.
Protest gegen Segnungsfeiern
| Aktivisten protestieren in Wuppertal gegen die Segnungsfeiern der Aktion "Liebe gewinnt".

Der 10. Mai war kein bundesweiter Triumphzug katholischer Homosexueller: Im Osten und in Bayern verhielten sich die Pfarreien - Berlin und München ausgenommen - distanziert zur Aktion "Liebe gewinnt". Im Westdeutschland zählten die Veranstalter mehr als hundert angemeldete Segnungsfeiern. Ungetrübte Freude über die von Rom untersagten Segnung gleichgeschlechtlicher Paare herrschte in der Politik. Viel Lob twitterte etwa der Bundestagsabgeordnete Michael Roth (SPD). Die Teilnehmerzahlen lassen sich pandemiebedingt kaum erfassen. Der ritualisierte Protest gegen Rom fiel teilweise aus: gesegnet wurde etwa in Köln-Lindenthal die gesamte Gemeinde, nicht das einzelne Paar. Viel Resonanz segnungswilliger Paare gab es nicht.

Politik wurde groß geschrieben

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Außer Frage steht aber, dass Politik groß geschrieben wurde. Hubertus Lutterbach, Priester in der Osnabrücker Pfarrgemeinde Heilig Kreuz, sagte dem "Evangelischen Pressedienst", die Gemeinde wolle mit der Segensfeier ein kirchenpolitisches Zeichen setzen. Die überwältigende Mehrheit der deutschen Bischöfe sehe in den Segensfeiern für homosexuelle Paare kein Problem mehr, erklärte Lutterbach. Doch ist die Mehrheit der gleichgeschlechtlichen Paare überhaupt am Segen der Kirche interessiert? Der homosexuelle Publizist David Berger verneint: "Aus homosexueller Perspektive kommt derzeit zu kurz, dass die große Mehrheit der Homosexuellen in Deutschland an einer solchen Segnung - ebenso wie an der Eheschließung - nicht interessiert ist. Auch wenn sie so tun, vertreten sie nicht die Interessen ,der  Homosexuellen, schon gar nicht der katholischen beziehungsweise gläubigen Homosexuellen, die bemüht sind, sich an die Lehre des Katechismus zu halten." Es entstehe der Eindruck, dass Priester, die die Segnung vornehmen, die Liturgie der Kirche "nur missbrauchen, um ihre kirchenpolitische Ziele durchzusetzen".

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte im Vorfeld auf eine gemeinsame Stellungnahme verzichtet. Der Ball sollte flachgehalten werden, zudem hätte eine Ermahnung vorab als Generalverdacht gegenüber der großen Zahl der Priester und Hauptamtlichen, die sich nicht beteiligten, missverstanden werden können. Man beließ es bei Wortmeldungen des Vorsitzenden Bischof Georg Bätzing, der die Segnungsfeiern als "nicht hilfreich" einordnete. Kein offener Ungehorsam gegen den Papst und die Beteuerung, man wolle sich nicht als deutsche Nationalkirche von Rom lösen, aber eine verbale Blutgrätsche des Vorsitzenden an die Adresse des Pontifex und der Kurie: Die Kirche könne den Wunsch homosexueller Paare nach dem Segen nicht einfach nur mit Ja oder Nein beantworten, so Bätzing.

Graben zwischen Doktrin und Seelsorge wird tiefer

Damit wird der Graben zwischen Doktrin und Seelsorge tiefer. Das Responsum der Glaubenskongregation betone, dass "eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe" von Mann und Frau der christlichen Lehre von der Schöpfung widerspreche, äußert der Dogmatiker Manfred Hauke (Lugano).  "Nach der klaren Lehre der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition, die damit der antiken ,Lebenswirklichkeit  des Hellenismus widersprechen, ist der geschlechtliche Umgang von Personen des gleichen Geschlechtes eine schwere Sünde, die von der Teilnahme am ewigen Leben ausschließt. Das segnen zu wollen, was den göttlichen Fluch auf sich herabzieht, ist ein geistliches Verbrechen. Es beinhaltet von der Sache her einen Abfall von der göttlichen Offenbarung und von der verbindlichen Lehre der Kirche", so der Theologe, der der päpstlichen Studienkommission für das Frauendiakonat angehört. Die Seelsorge dürfe keine Verwirrung fördern bezüglich des Gebotes Gottes und der Weisung der Kirche. Wörtlich stellt Hauke fest: "Wer eine Sünde segnen will, spaltet sich ab von der Kirche."

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Diese dogmatische Linie zieht sich durch Aufrufe wie die Online-Petition des italienischen Publizisten "Stop the German Schism", den Gebetsaufruf des spanischen Bischofs Jos  Ignacio Munilla für die Einheit der Kirche in Deutschland und die Warnung der Generation Pontifex vor einem deutschen Sonderweg. Nach Auffassung des früheren Leiters der Apostolischen Signatur, Kardinal Raymond Leo Burke, besteht in Deutschland ein "praktisches Schisma", auch wenn es nicht als solches verkündet worden ist.

Es ist insbesondere die Neubewertung der Frage, was Sünde und Gehorsam ist, die derzeit einen Keil ins deutsche Kirchengebälk treibt. Der angekündigte Rückzug von ZdK-Präsident Sternberg lässt manche eine Radikalisierung des Synodalen Wegs unter der Flagge der "Gewissensentscheidung" befürchten. Der Ökumenische Kirchentag birgt hier neuen Zündstoff. Bischof Bätzing schlägt zwar im Vorfeld moderate Töne an: Es gehe nicht darum, so beteuerte der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, die Einladung zur Kommunion generell auf alle nicht-katholischen Christen auszudehnen. Die aktuelle Debatte "betrifft nicht die Interkommunion im Sinne einer allgemeinen gegenseitigen Einladung zur Teilnahme an der Eucharistie und am heiligen Abendmahl, sondern konzentriert sich darauf, wie man sich gegenüber den Gewissensentscheidungen einzelner katholischer oder evangelischer Gläubigen verhält."

Bätzings Worte im Praxistest

Doch für evangelische Christen schließt eine "Ökumene des Gewissens" je nach den Umständen auch die Zulassung Ungetaufter zum Abendmahl ein - ganz gleich, was die Kirchenordnung der Landeskirche sagt. Schon die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts eingeführte Zulassung von Kindern zum Abendmahl hat die Praxis, Ungetaufte den Getauften beim Abendmahl aus pastoralen Gründen faktisch gleichzustellen, verfestigt. Da der Ökumenische Kirchentag in diesem Jahr dezentral stattfindet, werden Bätzings Worte dem Praxistest vor Ort unterzogen. Sollte man sich in der Deutschen Bischofskonferenz nicht darüber im Klaren sein, welch vermintes Feld die "Ökumene des Gewissens" in reformierten und lutherischen Gemeinden darstellt? Kurienkardinal Kurt Koch traf mit seinen Bedenken gegenüber der Praxis in der Gastgeberkirche Hessen-Nassau den heiklen Punkt. Ein lutherischer Pfarrer äußert gegenüber dieser Zeitung, "theologisch gar nicht anders zu können" als Ungetaufte zum Abendmahl zuzulassen. Er steht damit nicht allein: "Was das ,richtige Essen des Abendmahls angeht, so empfinde ich die Taufe nicht als wichtige Voraussetzung" erfährt der Fragesteller auf der Seite evangelisch.de.

Auch der frühere Studienleiter am Predigerseminar Brandenburg, Reinhard Kähler, sieht im Herrenmahl eine Einladung an alle: Warum sollten nicht auch die gestärkt werden, die noch nicht dazu gehören? Die Überzeugung, dass Christus bedingungslos alle zum Mahl einlädt, hat in der evangelischen Praxis inzwischen zu einer Aufweichung des Gemeindebegriffs geführt. Verbreitet ist die Vorstellung, ausgeschlossen vom Mahl sei, wer gegen den Geist der Einladung Jesu verstoßen, aber nicht, wer objektive Zugehörigkeitsbedingungen nicht erfülle. Konsequenterweise gehört zur Gemeinde, wer sich subjektiv zugehörig fühlt, nicht allein der Getaufte. Die Trennung von Taufe und Eucharistie ist aus katholischer Sicht die rote Linie, hinter der es keine seriöse Ökumene gibt.

 

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