Jerusalem

Wegen Corona: Arbeit für Christen im Heiligen Land gefährdet

Größere Not, weniger Mittel, arbeitslose Mitarbeiter: Der Einsatz für die Christen im Heiligen Land ist aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus massiv bedroht meint Georg Röwekamp, Büroleiter des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Jerusalem.
Coronavirus - Jerusalem - Christen im heiligen Land
Foto: Mahmoud Illean (AP) | In Jerusalem sind die Straßen aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus leer, die Stadt wirkt verlassen wie nie. Diese Woche wurde sogar die Grabeskirche geschlossen.

Herr Dr. Röwekamp, wie in jedem Jahr, haben die deutschen Bischöfe auch dieses Jahr dazu aufgerufen durch eine Spende Solidarität mit den Christen im Heiligen Land zu zeigen. Diese traditionell am Palmsonntag stattfindende Kollekte, die für die Arbeit des Deutschen Verein vom Heiligen Lande und des Kommissariats des Heiligen Landes der Deutschen Franziskanerprovinz bestimmt ist, ist in diesem Jahr durch die wegen der Ausbreitung des Coronavirus ausfallenden Messen nicht möglich. Was bedeutet dies für Ihre Arbeit und Ihre Projekte im Heiligen Land?

Die Palmsonntagskollekte ist die wichtigste Einnahmequelle des Deutschen Verein vom Heiligen Lande. Auch wenn viele in Deutschland den Verein vor allem als Träger und Eigentümer von bedeutenden Institutionen wie der Dormitio Abtei auf dem Berg Zion oder dem Pilgerhaus in Tabgha am See Gennesaret kennen, so ist er doch in erster Linie das Hilfswerk der deutschen Katholiken für die Christen im Heiligen Land. Alle unseren sozialen Einrichtungen sind auf die Spendengelder angewiesen, sei es die Schmidtschule in Jerusalem für 550 palästinensische Mädchen, sei es unser Altenheim in Emmaus-Qubeibeh mit der angeschlossenen Krankenpflegeschule – ganz zu schweigen von den zahlreichen Einzelprojekten – von der Unterstützung kleiner Kliniken in ländlichen Gebieten bis zu Dialogprojekten, die die Hoffnung auf Verständigung wach halten.

"In Israel entsteht gerade eine neue Kirche aus christlichen
Arbeitsmigranten und Flüchtlingen, die [...] keinen Zugang
zu Sozialleistungen haben und durch die wirtschaftliche Krise, die mit
der Ausbreitung des Coronavirus einhergeht, besonders betroffen sind"

Und was selten gesehen wird: In Israel entsteht gerade eine neue Kirche aus christlichen Arbeitsmigranten und Flüchtlingen, die – zusammen mit ihren Kindern – keinen Zugang zu Sozialleistungen haben und durch die wirtschaftliche Krise, die mit der Ausbreitung des Coronavirus einhergeht, besonders betroffen sind. Auch sie unterstützten wir bisher. Das wäre ohne Spenden auf Dauer aber ebenso nicht mehr möglich. Deshalb hoffen wir sehr, dass auch wenn die Klingelbeutel dieses Jahr in den Kirchen am Palmsonntag leer bleiben werden, die Gläubigen die elektronischen Möglichkeiten nutzen werden, um unsere Hilfsprojekte zu fördern. Unter www.palmsonntagskollekte.de findet man dazu alle Informationen. Um Ihre Frage nochmals kurz und klar zu beantworten: Ohne die Palmsonntagskollekte in den Kirchen ist unsere gesamte Arbeit für die Christen im Heiligen Land gefährdet.

Wie wirkt sich die Ausbreitung des Coronavirus in Israel und den Palästinensischen Gebieten momentan auf die Arbeit des Deutschen Verein vom Heiligen Lande aus?

Nicht nur hier in Jerusalem sind die Straßen leer und die Stadt wirkt verlassen wie nie – diese Woche wurde ja sogar die Grabeskirche geschlossen –, auch unsere Gästehäuser stehen nun völlig leer. Das heißt, dass unsere Mitarbeiter*innen, die sich normalerweise um die Pilger kümmern, arbeitslos sind. Hinzu kommen die durch die Einschränkungen im Alltag gegebenen Probleme in vielen unserer sozialen Einrichtungen. Größere Not – weniger Mittel: Das ist fatal.

"Hier ist man auf einen solchen
Notfall nicht wirklich vorbereitet"

Im Moment versuchen wir unsere verbleibenden Förderungsmittel den veränderten Bedingungen anzupassen: Wir helfen zum Beispiel dem St. Joseph-Hospital in Jerusalem bei der von der israelischen Regierung kurzfristig angeordneten Anschaffung von Beatmungsmaschinen. Denn hier ist man auf einen solchen Notfall nicht wirklich vorbereitet – von der katastrophalen Situation im Gazastreifen, wo ja auch eine kleine christliche Gemeinde aushält, ganz zu schweigen. Es ist wie zu Zeiten des Paulus, der für die Armen in Jerusalem sammelte: Vergesst nicht die Menschen dort, wo euer Glaube seinen Ursprung genommen hat!

Christliche Familien im Heiligen Land sind zu großen, finanziell Teile direkt vom Tourismus abhängig. Wie sehen Sie die momentane Lage der Christen, nun da keine Pilgergruppen mehr ins Land einreisen können?

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Die Lage ist dramatisch – und wird es desto mehr, je länger die Krise andauert. Gerade in den palästinensischen Gebieten gibt es praktisch keine soziale Absicherung für die vielen nun arbeitslosen Hotelangestellten, Busfahrer und Reiseleiter. Die selbständigen Betreiber von Restaurants und Souvenirläden haben in der Regel keine Rücklagen. Und selbst wenn sich die Situation bezüglich der Ausgangsbeschränkung vor Ort demnächst wieder ändert – bis der Pilger-Tourismus wieder anläuft, wird es noch einmal Monate dauern.

Noch etwas anderes kommt hinzu: Für die kleinen christlichen Gemeinden in ihrer Situation als Minderheit ist das regelmäßige Zusammenkommen am Sonntag zu den Gottesdiensten nicht nur geistlich wichtig, sondern hat auch eine wichtige soziale Funktion. Das fehlt nun. Das lateinische Patriarchat weist ausdrücklich darauf hin, dass die Mitfeier von im Netz übertragenen Gottesdiensten kein wirklicher Ersatz dafür ist und ermutigt dazu, das gemeinsame Beten und Segnen in der Familie neu zu erlernen. Die Christen hier im Land versuchen nun den gelebten Glauben in der Familie zu stärken und in diesem Sinne Hauskirche zu sein. So besinnen sie sich mit Blick auf das österliche Triduum, hier in dem Land, wo alles begann, auf ihre christliche Tradition und hoffen und beten.

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