Berlin

St. Hedwig: Umbau mit Hindernissen

Seit 2018 ist die Berliner Kathedrale geschlossen. Nach vielen Schwierigkeiten wird der Innenraum jetzt neu gestaltet - doch die Pläne bleiben umstritten. 
Umbau der St. Hedwigs Kathedrale Berlin
Foto: Oliver Gierens | Zu Allerheiligen 2023, pünktlich zum 250. Weihetag der Kirche, soll die Altarweihe stattfinden. Der komplette Umbau wird aber erst 2024 abgeschlossen sein.

Seit gut einem Jahr ist die Sankt-Hedwigs-Kathedrale, die Bischofskirche des Erzbistums Berlin, von außen eingerüstet. Das kupferfarbene Kuppeldach musste erneuert werden, jahrzehntelange Feuchtigkeit hat der Dachkonstruktion zugesetzt. Auch die alten Kupferbleche, die seit dem Wiederaufbau der Kathedrale nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg den äußeren Eindruck prägten, sind nicht mehr zu retten. Sie haben Falzkanten, die beim Entfernen der Bleche abbrechen. "Deshalb bekommt die Kathedrale ein neues Dach", erklärte Dompropst, Prälat Tobias Przytarski, kürzlich bei einer Führung durch das Innere der Kathedrale. Die Berliner Citypastoral hatte zu einer Besichtigung des Innenraums der Kirche eingeladen. Während das Kuppeldach nach der Sanierung nahezu genauso aussehen wird wie vorher, um dem Denkmalschutz gerecht zu werden - dafür werden die Kupferbleche vorab so bearbeitet, dass die charakteristische grüne Farbe des oxidierten Kupfers wieder erscheint - wird sich der Innenraum grundlegend verändern.

Das Gebäude ist nahezu komplett leer

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Wer derzeit das Innere des Gotteshauses betritt - das dürfen neben den Bauarbeitern und Vertretern des Erzbistums nur wenige Personen im Rahmen spezieller Führungen  sein - der findet einen eher trostlosen, wenig einladenden Raum vor. Das Gebäude ist nahezu komplett leer, der Marmorfußboden wurde bereits an einigen Stellen aufgerissen. Auch der Wandputz hat bereits einige Lücken. Die charakteristische Öffnung zur Unterkirche, die seit dem Wiederaufbau Anfang der 1960er Jahre durch den Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert (1899-1973) das Bild der Kathedrale entscheidend geprägt hat, ist derzeit provisorisch verschlossen, wird bei den bald beginnenden Abbrucharbeiten aber wieder geöffnet.

Streit wegen Schließung der charakteristischen Bodenöffnung

Gerade dieser Punkt war bei den Diskussionen über den Umbau heftig umstritten. Nach wie vor ist eine Urheberrechtsklage der Schwippert-Erben anhängig. Die Klage wurde im vergangenen Jahr zwar in erster Instanz abgewiesen, doch die Kläger haben die nächste Instanz angerufen. Auch gründete sich vor einigen Jahren ein Verein "Freunde der Hedwigskathedrale e.V.", der lieber von "Zerstörung" als von Umbau spricht und stattdessen eine Bestandssanierung fordert. Zu den Kritikern gehört unter anderem der Berliner Kunsthistoriker Adrian von Buttlar, langjähriger Vorsitzender des Landesdenkmalrats Berlin und des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Doch dazu wird es wohl nicht mehr kommen. Im Juli letzten Jahres hat das Erzbistum die Baugenehmigung erhalten, seitdem werden nach und nach Fakten geschaffen.

Wie die Kathedrale einmal aussehen soll, ist auf einer großen Infotafel am Bauzaun öffentlich zu sehen. Die Pläne des Architekturbüros Sichau & Walter Architekten GmbH sowie von Leo Zogmayer, die 2014 von einem Preisgericht zum Siegerentwurf gekürt wurden, sehen einen runden Altar direkt unter der gläsernen Kuppelöffnung, dem "Opaion" vor. In der Unterkirche wird exakt darunter ein Taufbecken in Kreuzesform stehen, sodass die Kuppelmitte, Altar und Taufbecken eine Achse bilden, erläuterte Dompropst Przytarski beim Rundgang am Samstag. Eigentlich, so gestand er ein, haben die Architekten damit die ursprünglichen Ausschreibungsbedingungen verletzt, denn die hatten gerade keinen mittigen Altar vorgesehen. Doch der Entwurf überzeugte trotzdem die Mehrheit der Kommission. Damit soll Przytarski zufolge dem Gedanken der "Communio"   (Gemeinschaft) zwischen allen Gläubigen, wie sie in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils niedergelegt sei, baulich Rechnung getragen werden. In sechs Bankreihen werden sich die Gottesdienstbesucher rund um den Altar versammeln. Auch die Schwippert-Kirche hatte bereits einen "Volksaltar"   obwohl das Anfang der 1960er Jahre vor dem Zweiten Vatikanum noch absolut nicht üblich war , doch die Zelebranten blickten von dort in die Bodenöffnung, die wiederum eine Distanz zu den Gläubigen schaffte. Dieser Zustand soll mit der Umgestaltung nun endgültig überwunden werden. Auch werde damit der ursprüngliche Gedanke aufgegriffen, eine Kirche zu schaffen, die in ihrer kreisrunden Form dem römischen Pantheon nachempfunden ist.

Reduktion statt markante Gestaltungselemente

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Markante Gestaltungselemente sind im Innenraum der großen Rotunde nur wenige geplant, man wolle "durch Klasse, nicht durch Masse wirken", so Przytarski. Wände und Böden sollen in hellen Tönen gestaltet werden, insgesamt ist eine "Reduzierung auf das Minimum" vorgesehen, berichtet der Dompropst. Die Fenster werden ebenfalls einfarbig sein, die Gliederung wird nicht mehr so kleinteilig wie bisher. In ihnen soll die Sternenkonstellation zur Zeit der Geburt Jesu dargestellt werden, aber auch hier wird auf bunte Farben verzichtet. Das blieb unter den Besuchern nicht ohne Kritik. Karg, steril, so lauteten die Einwände insbesondere einer Besucherin. Doch Dompropst Przytarski entgegnete, es handle sich um einen Gottesdienstraum, und der wirke insbesondere durch Proportion und Gestaltung, aber beispielsweise auch durch die bunten Messgewänder. Zudem kämen dadurch einzelne Gestaltungselemente viel stärker zur Geltung, beispielsweise ein historisches Vortragekreuz, das in der Kirche seinen Platz finden soll.

Wird es Bänke zum Knien geben?

Unklar ist auch, ob es Bänke oder Stühle für die Gläubigen geben soll. Rund um die Orgel, die an der gleichen Stelle wie bisher gegenüber der kleinen Rotunde   wieder aufgebaut werden soll, sei aufgrund der engen Raumsituation nur eine Bestuhlung denkbar, so der Dompropst. Ob es darüber hinaus Bänke geben wird, sei aber noch offen. Damit verbunden, das wurde auch aufgrund kritischer Nachfragen aus dem Besucherkreis deutlich, ist die Frage, ob die Gläubigen während der Eucharistiefeier niederknien können. "Wir wissen, dass auch in Sankt Hedwig die meisten Besucher knien", versuchte der Dompropst zu beruhigen.

Zudem wird die kleine Rotunde an der Ostseite der Kathedrale zu einer Sakramentskapelle umgebaut, die vor allem den Gläubigen vorbehalten sein soll. Hier wird es laut Dompropst Przytarski einen Tabernakel geben, die Öffnungen zwischen den Pfeilern werden künftig geschlossen sein, so dass der zentrale Raum die Anbetungskapelle um die Tabernakelstele wird. Ein "mystischer, dunkler Raum" zum Gebet soll hier entstehen, der sich damit auch optisch absetzen soll. Der Umgang hingegen, durch Galeriegeschosse erweitert, bleibt Sakristei. Auch das Untergeschoss der kleinen Rotunde bleibt, wie bisher, weiterer Sakristeiraum,   allerdings macht sich auch hier die Enge der Kathedrale bemerkbar. Wenn ein großes Pontifikalamt mit mehreren Bischöfen gefeiert wird, werden sich diese wohl im benachbarten Bernhard-Lichtenberg-Haus umziehen müssen, machte der Hausherr deutlich. Das Gebäude, das unter anderem die Dompropstei, das Sekretariat des Erzbischofs sowie ein Inklusions-Café , ein Besucherzentrum und eine Wissenschaftseinrichtung, dazu einen großen Saal und Tagungsräume beheimaten soll, wird momentan teilweise abgerissen, andere Gebäudeteile werden renoviert.

2024 sollen die Umbauarbeiten fertig sein

Bis die Kathedrale in ihrem neuen Gewand wieder für die Gläubigen offenstehen kann, wird ohnehin noch einige Zeit ins Land gehen. Nach dem jetzigen Zeitplan ist die Altarweihe für Allerheiligen 2023, dem 250. Weihetag der Kirche, vorgesehen. Erst zur Jahresmitte 2024 soll dann alles fertig sein. 60 Millionen Euro an Baukosten für Kirche und Lichtenberg-Haus - teurer dürfen die Bauarbeiten nicht werden. An der künstlerischen Ausstattung soll allerdings nicht gespart werden. Sie entspreche vollständig dem ursprünglichen Entwurf, betont Dompropst Przytarski.

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