Würzburg

Helmut Hoping: „Das Motu proprio ist in sich widersprüchlich“

Der Freiburger Liturgiker Helmut Hoping sieht Widersprüche im Motu proprio „Traditionis custodes“ und geht davon aus, dass ein Teil der Bischöfe den Forderungen von Papst Franziskus nicht folgen wird.
Alte tridentinische Messe
Foto: Cristian Gennari

Herr Professor Hoping, in Frankreich hat Christophe Geffroy, der Chefredakteur der Zeitschrift „La Nef“ eine Revision des Motu proprio „Traditionis custodes“ gefordert. Teilen Sie diese Auffassung? Was wäre davon zu erhoffen?

Die Forderung nach einer Revision des Motu proprio ist verständlich. Denn in der Tat ist das Schreiben, wie Geffroy sagt, unverhältnismäßig. Ich würde sogar sagen, dass es ungerecht ist. Ich gehe aber davon aus, dass es nicht zu einer substanziellen Revision kommen wird. Nicht wenige Bischöfe werden dem Papst nicht folgen, indem sie das Schreiben pragmatisch interpretieren und Dispensen von einigen seiner Vorschriften erteilen. Die Autorität des Papstes wird das nicht stärken. Eine Revision wäre aber schon allein deshalb nötig, weil das Motu proprio in sich unklar und widersprüchlich ist.

Woran erkennen Sie das?

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So behauptet Franziskus in Art. 1, es gäbe mit den von Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten Liturgiebüchern nur einen Ausdruck der „lex orandi“ des Römischen Ritus. Das ist definitiv falsch, und der Papst müsste das eigentlich wissen, denn in seinem Pontifikat wurde das Messbuch „Divine Worship“ (2015) für die zur katholischen Kirche konvertierten anglikanischen Priester und Gläubigen promulgiert.
Als Adaption des Römischen Ritus unter Berücksichtigung einiger Elemente der anglikanischen Liturgietradition gehört das Messbuch „Divine Worship“ aber eindeutig zur Liturgiefamilie des Römischen Ritus. Und noch im Februar letzten Jahres hatte es Franziskus gebilligt, dass sieben neue Präfationen in der alten Messe verwendet werden können, wobei im entsprechenden Schreiben die alte Messe als die außerordentliche Form des Römischen Ritus bezeichnet wird. Gut ein Jahr später behauptet Franziskus nun, dass die alte Messe nicht Teil des Römischen Ritus ist. Man fragt sich, welche Liturgietheologen und Kanonisten den Papst beraten haben.

Auf „Traditionis custodes“ gab es sehr unterschiedliche bischöfliche Reaktionen. Unter welcher Voraussetzung könnte die römische Liturgie die Gläubigen stärker einigen?

Es sind überraschenderweise die französischen Bischöfe, die bestätigen, dass das Schreiben von Franziskus unverhältnismäßig ist. Vor der Publikation des Motu proprio hatte es geheißen, die französischen Bischöfe hätten in ihrer Antwort auf eine Umfrage des Vatikans von großen Problemen mit den vielen Priestern und Gläubigen berichtet, die in Frankreich, der „ältesten Tochter der Kirche“, der alten Messe verbunden sind. Eine weitverbreitete Opposition gegen das Zweite Vatikanische Konzil gibt es unter ihnen aber offensichtlich nicht, mögen sich auch vereinzelt Probleme zeigen. Nach der Stellungnahme der französischen Bischofskonferenz und einiger Bischöfe dieser Konferenz kann jedenfalls keine Rede mehr von einem breiten Widerstand des französischen Episkopats gegen die „alte Messe“ sein. Das Motu proprio „Summorum pontificum“ Benedikts XVI. zielte auf liturgische Versöhnung. Die Liturgie des Römischen Ritus könnte die Gläubigen durchaus einen, wenn wechselseitige Toleranz herrschen würde und die Messe in ihrer erneuerten Form nach den Vorschriften des Messbuchs Pauls VI. gefeiert würde.

"Papst Franziskus ist entschieden, der alten Messe langsam aber sicher ein Ende zu setzen"

Es besteht Unklarheit über die Frage, wie der Vatikan zu einer derart negativen Einschätzung der Ecclesia-Dei-Gläubigen kommen konnte. Wäre eine Veröffentlichung der Umfrage zum gegenwärtigen Zeitpunkt jetzt noch hilfreich?

Offensichtlich stützen die Umfrageergebnisse nicht die Auffassung des Papstes, dass die alte Messe vielfach gegen das Zweite Vatikanische Konzil instrumentalisiert wird. Ich weiß nicht, ob die Ergebnisse noch publiziert werden. Entscheidend ist das aber auch nicht mehr. Denn das Motu proprio des Papstes und sein Begleitbrief machen sehr deutlich, dass Franziskus entschieden ist, der alten Messe langsam aber sicher ein Ende zu setzen – Umfrageergebnisse hin oder her. So darf die alte Messe ab sofort nicht mehr in Pfarrkirchen gefeiert werden. Doch immer mehr Bischöfe, nicht nur Frankreich, sondern auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, kündigen an, dass sie dem Papst hier nicht folgen und ein Dispens erteilen werden.

Was erwarten Sie mit Blick auf Deutschland?

In Deutschland wird es wohl auch so kommen. Interessant dürfte es werden, wenn demnächst Neupriester bei ihrem Bischof um Erlaubnis bitten, neben der neuen auch die alte Messe zu feiern. Denn in diesem Fall kann der Bischof die Erlaubnis nicht ohne vorherige Konsultation des Apostolischen Stuhls erteilen. Was aber passiert, wenn der Vatikan Nein sagt? Das ist keine bloße theoretische Möglichkeit, bekundet der Papst in seinem Begleitbrief zu „Traditionis custodes“ doch seinen klaren Willen, dass man in den Pfarreien „zu einer einheitlichen Zelebrationsform zurückkehrt“. So einfach wird das allerdings nicht gehen, denn es ist schon erstaunlich, welchen Nachwuchs Priestergemeinschaften haben, in denen die alte Messe gefeiert wird, und man sich im Vergleich dazu die besorgniserregende Zahl der Priesterweihen in den deutschen Diözesen anschaut, die man ins Verhältnis setzen muss zur Gesamtzahl der Gläubigen, die am Sonntag an der Feier der Messe in ihrer erneuerten Form teilnimmt.

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