Rom

Papst und Regierungschef gemeinsam gegen die Überalterung Italiens

Erstmals traten Papst Franziskus und Ministerpräsident Mario Draghi gemeinsam auf, um die Hebung der Geburtenrate zu bewerben. Ansporn für das Kinderbekommen soll eine einmalige staatliche Geldüberweisung bei einer Geburt sein.
Säugling allein auf Säuglingsstation
Foto: Frank May (dpa) | Bei der Generalversammlung zur Hebung der Geburtenrate initiiert vom Forum italienischer Familienverbände betonte Papst Franziskus, dass in Italien jedes Jahr eine Stadt von zweihunderttausend Einwohnern verschwinde.

Papst Franziskus mag es nicht, wenn die katholische Kirche im öffentlichen Leben in Fragen der so genannten „weichen Themen“ kulturelle Schlachten schlägt – und meistens verliert. Umso mehr war es ihm eine willkommene Gelegenheit, den Schulterschluss mit einer breiten gesellschaftlichen Allianz Italiens zu suchen. Am vergangenen Wochenende kamen nicht im Vatikan, sondern in einem Auditorium an der Via della Conciliazione die Spitzen der „Generalstände zur Geburtenrate“ zusammen, einer vom Forum italienischer Familienverbände getragene Initiative, die dem drastischen Geburtenrückgang im Stiefelstaats wehren will.

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Mit Sorge dürfte Franziskus in die Vereinigten Staaten blicken, wo die aktive und energische Abtreibungspolitik des katholischen Präsidenten die Kirche zu einer Stellungnahme herausfordert – und die Frage des möglichen Kommunionverbots für Joe Biden die Bischofskonferenz zu spalten droht, so dass Kardinal Luis Ladaria als Präfekt der Glaubenskongregation die amerikanischen Bischöfe in einem Schreiben zur Vorsicht und Einheit aufgerufen hat. Und auch in Italien droht der Kirche Ungemach. Ein Gesetzesvorhaben, das schon länger im Parlament unterwegs ist und den Schutz von LGBT-Gruppen verstärken soll, steht demnächst zu Beratungen im Senat an und wird von den Bischöfen kritisch gesehen. Es sei zu schlecht gemacht, verschärfe etwas, was aufgrund der jetzt schon bestehenden Gesetzeslage gar nicht verschärft werden müsse und propagiere in überzogenem Maße die Genderisierung der Lebensbereiche.

Einmütigkeit herrschte dagegen bei der Generalversammlung zur Hebung der Geburtenrate, wobei Papst und Ministerpräsident allein schon durch ihre Anwesenheit ein starkes Signal an die Medien und die öffentliche Meinung senden konnten. Zum ersten Mal traten Mario Draghi und Franziskus bei einer nicht-kirchlichen Kundgebung gemeinsam auf und sorgten so für einen starken Aufmerksamkeitsschub in der Berichterstattung. Aber auch zwei Minister, der Präsident der Region Latium und Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi waren da, ebenfalls Vertreter von Staatsbetrieben, Banken, Versicherungen, Sport und Medien.

Geburtenraten durch Corona um
3,8 Prozent gesunken

Schon bei seiner Wahl vor sechs Jahren sagte der Präsident des „Forums der Familienverbände“, Gigi de Palo, bei seiner Begrüßung, habe es ihn „wie einen Schlag getroffen“, dass die Zahlen des italienischen Statistikamts zeigen würden, dass „unser Land langsam verschwindet“. Doch in der Zeit danach hätte sich die Lage weiter verschlimmert. Die Statistiken sprechen eine klare Sprache. Das Corona-Jahr 2020 hat die Geburten in Italien im Vergleich zum Vorjahr nochmals um 3, 8 Prozent auf 404 104 sinken lassen, die Differenz zwischen Neugeburten und Todesfällen lag 2020 bei minus 340 000. Insgesamt sind in den letzten zwölf Jahren dreißig Prozent weniger Kinder zur Welt gekommen.

Ministerpräsident Draghi meinte in seiner Ansprache, zwar wünschten sich ein Vater und eine Mutter durchaus zwei Kinder, aber statistisch gesehen seien es in Wirklichkeit nur 1, 24 Kinder pro Elternpaar. „Im Durchschnitt ist der Italiener heute 47 Jahre alt“, meinte Draghi, „es sei das höchste Durchschnittsalter in ganz Europa.“ Für seine Regierung sei das eine Aufgabe von höchster Priorität.

Keine Geburten, keine Zukunft

Papst Franziskus wies in seinem dramatischen Appell darauf hin, dass in Italien jedes Jahr eine Stadt von zweihunderttausend Einwohnern verschwinde. Vor allem forderte Franziskus deutlich mehr strukturelle Unterstützung für junge Paare und Familien. „Wir sprechen oft von wirtschaftlicher, technologischer und ökologischer Nachhaltigkeit. Aber wir müssen auch über die Nachhaltigkeit der Generationen sprechen.“ Es sei „dringend notwendig, jungen Menschen Garantien für eine ausreichend stabile Beschäftigung, Sicherheit für ihr Zuhause und Anreize zu bieten, das Land nicht zu verlassen“. Die Pandemie habe die Lage für Familien weiter verschlimmert. „Wie viele Familien mussten in diesen Monaten Überstunden machen, ihr Zuhause zwischen Arbeit und Schule aufteilen, wobei Eltern als Lehrer, Computertechniker, Arbeiter, Psychologen fungierten“, sagte der Papst. Und wie viele Opfer seien von den Großeltern abverlangt worden, „die oft wie Rettungsboote für die Familien sind!“

Allen Beteiligten von Behörden über Unternehmen bis hin zu Sport und Unterhaltung müsse klar sein, so Franziskus weiter, dass Kinder in erster Linie ein Geschenk seien und dementsprechend behandelt werden müssten. Nur mit jungen Menschen seien wirkliche, kreative Neuanfänge möglich. Für die Unternehmen wie die Gesellschaft sei es beschämend, wenn berufstätige Frauen, die schwanger würden, sich mitunter „schämen und ihren Bauch verstecken“. Dabei machten sie „das schönste Geschenk, das das Leben geben kann“. Nicht die Frau solle sich schämen, sondern die Gesellschaft, „denn eine Gesellschaft, die nicht das Leben annimmt, hört auf zu leben.“ Doch der Papst sprach dem italienischen Staat auch ein Lob aus: Endlich habe man per Gesetz eine einmalige staatliche Geldüberweisung festgelegt, die dann gezahlt werde, wenn ein Kind zur Welt komme. Franziskus dankte den „Generalständen zur Geburtenrate“ mit den Worten, „gebt nicht auf und geht voran“, denn ohne Geburten gebe es keine Zukunft.

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